Rückblick BVB-Saison 2011/12 (Teil 8)

15. Juni 2013

UNSER RÜCKBLICK 2012 (8)

Die deutschen Stadien gehören schon längst zu den sichersten Orten der Republik. Nur 0,005 Prozent(!) aller Stadionbesucher werden dort verletzt. Wo man noch vor 30 Jahren zwischen betrunkenen Hooligans Slalom laufen musste, gibt es heute LÄNGST Familienblöcke und Business-Seats…

Fans – Fortsetzung (2)

Holger: In diesem Jahr wurde so viel über “Gewalt im Fußball” diskutiert, wie in keinem anderen. Das ging bis in die hohe Politik bei Ministertreffen zu diesem Thema, wo man sich anschickte, über die „Abschaffung der Stehplätze“ zu schwadronieren. Ist das Profilierung und Wahlkampf oder tatsächliche Sorge? Und wie groß ist das Sicherheitsproblem im deutschen Fußball wirklich?

Jens: Geringer, als auf jedem Weihnachtsmarkt. Oder war’s das Oktoberfest?

Felix Meininghaus: Über dieses Thema ist zuletzt ja ausführlich diskutiert worden. Ich schließe mich der Mehrheit der Experten und Fans an, die sich im Stadion sicher fühlen. Meine Söhne gehen auf die Süd, seit sie 15 sind, ich hatte noch nie Angst um sie. Genauso wenig, wie ich damals Angst hatte, als ich dort noch selbst gestanden habe. Dennoch wird uns das Problem Gewalt im und außerhalb des Stadions weiter begleiten. Dort, wo es Auswüchse gibt, muss man ihnen kompromisslos begegnen.

Rutger: Die Frage lässt sich leicht beantworten, wenn man sich im Gegensatz zu diesen peinlichen Politiker-Exemplaren in der Innenministerkonferenz an die reinen Fakten hält. Denn die Annahme, der Fußball habe ein nennenswert wachsendes Gewaltproblem, ist schlichtweg unhaltbar. Die offiziellen Zahlen der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) geben bei genauerer Betrachtung sogar tendenziell eher Anlass zur Entwarnung als zur Warnung: Nur 0,005 Prozent aller Stadionbesucher werden verletzt. Art und Ursache der Verletzung werden dabei noch nicht einmal erhoben. Es gibt in Deutschland demnach keine Großveranstaltungen, die auch nur annähernd so sicher sind, wie ein Besuch im Stadion. Die Innenminister hat das nicht gekümmert. Mit irgendetwas mussten sie schließlich von ihrem völligen Versagen in der NSU-Affäre ablenken. Friedrich, Caffier, Schünemann, Jäger & Co. hatten im Fußball den Schleifstein für ihr politisches Profil gefunden und legten dann etwas an den Tag, was man sich sonst häufig vergeblich von Politikern wünscht: Linientreue. Nur leider befanden sie sich linientreu mit Scheuklappen auf dem Holzweg. Das Problem war, dass es kein Problem gab. Aber wer die Macht hat, der übt sie aus. Selbst, wenn er es denkbar schlecht macht.

Bruno “Günna” Knust: Ja, und wenn sich die Politik der Sache annimmt, brennt der Baum. Ob auf Ministertreffen oder in den Abteilungen darunter, wird doch nur Kokolores verzapft. Wenn die sich überhaupt mal Sorgen machen, dann doch nur um die eigene Karriere. Und da ist der Fußball dann eine ideale Plattform für politische Trittbrettfahrer, um mit ihrem Halbwissen und Drohgebärden überhaupt mal in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Ein noch überschaubares Sicherheitsproblem im deutschen Fußball, sehe ich in der Tat seit einiger Zeit aufkeimen. Und das sollten DFB, DFL, Fans und die Vereine am besten selber lösen, bevor die Politik da reinstümpert.

Ingo: Also ich habe ja nun auch schon ein paar Jahre meine Dauerkarte. Und ich fühle mich in diesem Jahr weder sicherer noch unsicherer als sonst. Dieses nette Argument, Stadien müssten familiensicher sein. Ich weiß nicht, ob jemand von den Politikern schon mal auf der Süd war. Da, wo ich stehe, ist es so, dass Väter und ihre kleinen Söhne die besten Plätze bekommen, damit der Sohnemann das Erlebnis mal richtig wahrnehmen kann. Andererseits gibt es sicherlich auch Zahlen der Polizei, die etwas anderes sagen. Wie so oft, liegt die Wahrheit wohl in der Mitte.

Rutger: Nein, Ingo. Diese Zahlen gibt es nicht. Es gibt Zahlen, die belegen, dass die Polizei mehr Personal eingesetzt hat und auch, dass mehr Strafverfahren eingeleitet wurden. Beides stellt im Verhältnis zu den gestiegenen Besucherzahlen keinen nennenswerten prozentualen Zuwachs dar. Wie viele Verfahren eingestellt wurden, protokolliert die ZIS überigens nicht. Ebenso wenig, wie die Art und Weise von Verletzungen. Wenn Du zum Sani gehst, weil Du Dir an Deiner Bratwurst die Schnauze verbrannt hast, bist Du mittendrin statt nur dabei.

Uli: Bei diesem Thema ist mir echt zuviel Effekthascherei unterwegs. Es geht mir tierisch auf den Senkel, wie Funktionäre und Politiker ein Zerrbild der Fußball-Szene schaffen und sich populistisch des Themas bemächtigt haben. Andererseits muss man leider auch sagen, dass wir die Diskussionen gar nicht hätten, wenn nicht einige Typen ständig stereotyp aus dem Ruder laufen würden. Insgesamt täte allen Beteiligten ein Schuss Sachlichkeit gut. Und einigen Fans ein bisschen Zurückhaltung und vielleicht ein kleiner Kodex, auf bestimmten Scheiß einfach zu verzichten. Aber man sollte mal deutlich klarstellen, und das ist auch eine Aufgabe der Medien: Gewalt ist ein (leider zunehmendes) gesellschaftliches Problem und keins des Fußballs!

Marcus: Eine sehr fragwürde dpa-Umfrage sagt ja, dass einige sportbegeisterte Bürger sich nicht sicher fühlen. Wie sollen sie auch – sie kriegen ja in den Medien ständig die Gefahr eines jeden Stadions in ihr Gehirn gepresst. Mir macht die Zukunft um die Fankultur einige Sorgen…

Rutger: Gut, dass Du die ansprichst. Die rund 1.000 Befragten haben leider keine Angaben machen müssen, ob sie auch nur einmal in ihrem Leben ein Fußballstadion besucht haben. Die Umfrage ist also bestenfalls unbrauchbar und schlechtestenfalls tendentiös. Verantwortungsvoller Journalismus ist es jedenfalls nicht. Von wissenschaftlicher Redlichkeit ganz zu schweigen. Da spricht die Aktion der Kollegen von schwatzgelb.de (“Ich fühl mich sicher”, d. Red.) außerdem eine ganz andere Sprache.

Patrick: So wie sich einige Fußballfans bspw. auf Hin- und Rückfahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln enthemmt aufführen (und damit leider das Gesamtbild prägen), kann ich unbeteiligte Bürger, die von solchen Eindrücken und der schieren Menschenmasse wenig begeistert und eingeschüchtert sind, durchaus verstehen. Das hat nicht nur mit den Medien zu tun, sondern mit realen Gegebenheiten bzw. Wahrnehmungen, die nicht so extrem, aber vorhanden sind.

Rutger: Es gibt sicherlich überall – auch in Dortmund – Fußballfans, die dazu neigen, sich so zu benehmen, dass sie nicht nur im Stadion, sondern schlichtweg überall rausfliegen sollten (und würden bzw. werden). Aber es sind zum Glück nicht sehr viele. Und jetzt hier Rumhopsen in der Bahn oder lautes Singen am Bahnhof etc. mit Gewalt in einen Topf zu schmeissen, ist zwar “I’m-with-stupid-mäßig” nachvollziehbar, aber trotzdem unhaltbar. Dass so eine Stimmungs-Gemengelage einzelne Ordnungswidrigkeiten oder Straftaten begünstigen kann, kann man ja gerne noch behaupten. Danach hört es aber auf und wird unsachlich.

Patrick: Was heißt nicht sehr viele? In manchen U- und S-Bahnen tummeln sich vor Spielen doch einige, die keine Rücksicht auf andere, unbeteiligte Fahrgäste nehmen oder herumpöbeln. Damit meine ich nicht nur einfache Fangesänge. Natürlich ist das meist keine körperliche Gewalt, aber andere fühlen sich dadurch eingeschüchtert und bedrängt. Ein entscheidenderes Problem ist meiner Meinung nach die einseitige Ausrichtung von Faninitiativen wie bspw. die von Dir angesprochene Initiative “Ich fühl mich sicher”. Sie suggeriert: Alles ist gut! Das ist für mich eine Verknappung des Problems auf einen Aspekt und total passiv. Konstruktiver wäre es, Faninitiativen zu starten, die sagen: Ich fühl mich durchaus sicher, aber dennoch gibt es gesellschaftliche Probleme, die im Fußball z.T. leichter zu Tage treten, als in einer anderen Umgebung und diese wollen wir angehen bzw. wollen wachsam sein und nicht die drei sprichwörtlichen Affen vor uns hertragen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen wollen.

Peter: Langfristig werden reine Sitzplatzarenen kommen! Das wünscht sich zwar kein Fußball-Fan, aber es ist nur ein logischer Schritt in dem allgemeinen Politik-Verständnis. Denn ein flächendeckendes Rauchverbot ist ja auch nur ein Hinweis darauf, dass ein Selbstbestimmungsrecht nicht mehr ein gewichtiger Grundpfeiler – es ist de facto ein unveräußerliches Menschenrecht – der Demokratie ist. In der westlichen Welt wird immer weniger Demokratie gewagt und weitere Verordnungen beschneiden immer weiter die Rechte der Bürger. Eine ungute Entwicklung…

Rutger: Obwohl Du mit der grundsetzlichen Entwicklung ihre Gesellschaft leider Recht hast, brauchst Du das doch hier nicht einfach so auszuposaunen! Sowas verdrängt man gefälligst! Vielen Dank für die Winter(pausen-)depression.

Patrick: Du willst jetzt aber nicht ernsthaft ein Rauchverbot mit einem Stehplatzverbot gleichsetzen, oder Peter? Dein Selbstbestimmungsrecht endet da, wo Du anderen schadest. Wenn ich rauche, schade ich meiner unmittelbaren Umgebung, wenn ich einen Stehplatz nutze nicht.

Rutger: Ach ja. Du bist ja auch so’n Politiker! *schlotter*

Patrick: Schlottern statt Rauchen – das wäre doch mal nen prägnanter Name für ne Initiative.

Rutger: Das Rauchen wollt ihr mir auch verbieten… Hätte ich fast vergessen. Schnöde Welt.

Patrick: Ich will doch nur, dass Du mehr Geld für’s Stadionbier übrig hast, Rutger.

Denise: Ich als Frau kann dazu nur sagen, dass ich bisher noch kein einziges Mal Angst im Stadion haben musste. Mich ärgert es ungemein, dass Leute, die wahrscheinlich noch nie selbst auf der Tribüne standen, ungefragt ihre Meinung kundgeben dürfen und alles springt drauf an. Für mich ist das purer Wahlkampf.

Jan: Ein Bundesliga-Spieltag im Ganzen “verursacht” viel weniger verletzte Personen als beispielsweise ein einzelnes Volksfest. Dass da jemand ernsthaft meint, das “Stadionerlebnis” wäre zu gefährlich, glaube ich nicht…

Heinz Büse: Sieht man einmal von wenigen Vereinen ab, hat sich das Problem nach meiner Meinung nicht wesentlich verschärft. Natürlich nutzt der ein oder andere Politiker die gewachsene Popularität des Fußballs aus, um sich zu profilieren. Die Abschaffung der Stehplätze würde dem Sport ganz sicher schaden. Dennoch: Ereignisse, wie vor und nach dem Pokalspiel gegen Dresden oder – wie bereits angedeutet – beim Revierderby, müssen natürlich kritisch aufgearbeitet werden.

Holger: Aber auch neben dem Platz gab es viel Gesprächsstoff. Thema Sicherheit in den Stadien. Was wir kommen nicht umhin, noch einmal dediziert über das vorliegende Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ zu sprechen. Die Diskussionspalette reicht von politisch motiviertem Heilsbringer bis zu Knebel für die Fans. Wie seht Ihr das?

Bruno “Günna” Knust: Das ist die Kröte, die wir alle schlucken müssen, damit die Politik nicht eines Tages das Heft in die Hand nimmt und nur noch blöderes Zeug beschließt. Außerdem darf man nicht vergessen, dass das Konzept “sicheres Stadionerlebnis“ als Reaktion auf viele unschöne Fan-Aktionen in den Stadien und drumherum entstanden ist. Hätte es diese Eigentor-Auswüchse nicht gegeben, müssten wir heute nicht diskutieren oder auf den Rängen streiken. Am Flughafen und auf Popkonzerten geht das heute auch nicht mehr so zu wie vor 20 Jahren und da wird verschärfte Security ohne weiteres als ‘notwendiges Übel’ akzeptiert. Ich hab auch noch nie gesehen, dass auf’m Flughafen ein Rollfeld gestürmt wird oder auf’m Konzert meiner Lieblingsband 12 Minuten und 12 Sekunden Friedhofsruhe herrscht. Mir fehlt als konstruktive Antwort auf das DFL-Konzept von der Fanseite her aber auch sowas wie ein klares Leitbild, ein definierter und formulierter Ehrenkodex der Fankultur, möglichst noch mit klarer Abgrenzung zu rechtsradikalen Unterwanderungsversuchen.

Marcus Bark: Ich denke, die Fanbeautragten des BVB haben sich in ihrer Stellungnahme dazu gut positioniert. Es ist für mich auch schwierig, das fundiert zu beurteilen. Zwar bin ich wesentlich häufiger in Stadien als Politiker, die teilweise gar nicht wissen, worum es geht. Aber ich auf der Pressetribüne, Höhe Mittellinie. Das ist räumlich zwar nicht weit weg von den Zonen, um die es geht. Aber weit genug, um sich da aus dem Fenster zu lehnen und so zu tun, als kenne man sich in der „Fanszene“, die es genauso wenig gibt wie „die Medien“, aus.

Felix Meininghaus: So, wie dieses Konzept beschlossen wurde, halte ich es für wenig ausgereift. Der Eindruck hat sich verfestigt, dass dieses Papier auf politischen Druck der Innenminister durchgeprügelt wurde. Viele Punkte sind im Sinne der Sache zu akzeptieren, andere mehr als bedenklich: Wenn das übliche Kontingent von zehn Prozent für Auswärtsfans drastisch beschnitten werden kann, weil Vereine Spiele als risikobehaftet einstufen, ist der Willkür Tür und Tor geöffnet. Ich frage mal provokativ: Wann findet das erste Dortmunder Spiel in Hoffenheim ohne schwarzgelbe Fans statt?

Andy: Ich finde es schwierig, ein Konzept über ein “sicheres Stadionerlebnis” zu erstellen, ohne diejenigen ausreichend zu beteiligen, die für dieses Erlebnis auch verantwortlich sind: Die Fans.
Sie sind dazu noch alleiniger Adressat der vom Konzept vorgesehenen Strafen. Also zurück an einen Tisch und nochmal bei Null anfangen.

Patrick: Da wird es kein Zurück geben. Es gilt nach vorne zu schauen und den durchaus gewachsenen Einfluss der Fans nicht zu verspielen, sondern positiv zu nutzen, indem man konstruktiv an Lösungen arbeitet, statt schmollend mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Rutger: Alle Fußballfans können dem aktiven Kern der Fanszene dankbar sein, der durch Protest und gute Öffentlichkeitsarbeit eine Abmilderung dieses vormals vollkommen lächerlichen Strafkatalogs erwirkt hat. Grundsätzlich ist das Dingen nicht so schlimm, wie es viele Fans machen wollen. Es ist nur dilettantisch und viel zu schnell erstellt worden. Als Beruhigungspille für die wild gewordene Innenministerkonferenz funktioniert es hoffentlich. Ansonsten geht es an den wirklichen Problemen zum Teil vorbei. Ausschreitungen auf Anreisewegen – und fast nur dort finden sie statt – verhindert man nicht durch ein Stadion-Sicherheitskonzept und mit einer Verringerung von Auswärtskartenkontingenten sperrt man eher die Gelegenheitsbesucher aus. Zudem liegt der Konfliktherd – zumindest der auf der Handlungsebene an Spieltagen – im Verhältnis zwischen Fans und Polizei. Vertreter beider Seiten haben in der Vergangenheit Fehler begangen. Dass eine bessere und spezifischere Ausbildung von Polizisten oder ein runder Tisch mit den Fans noch nicht mal mehr zur Debatte standen, ist bezeichnend. Absolut gut ist allerdings, dass man endlich auf die naheliegende und dankenswerte Idee kam (bzw. von Fanvertretern gebracht wurde), den Dialog zwischen Vereinen und Fanvertretern statuarisch zu verankern und damit fest vorzuschreiben. Das kann die Lage eigentlich nur verbessern.

Peter: Hans-Joachim Watzke hat für Problemspiele sogenannte Schnellverfahren in Stadien gefordert, die von Staatsvertretern abgelehnt werden. Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, sagt hierzu: „Das ist überzogen. Da sollte man mit spitzen Fingern rangehen. Was wir sind hier in einem Rechtsstaat. Was wir brauchen auch vor Gericht eine ordentliche Beweisaufnahme, und ordentliche Anwälte, die die Beschuldigten ordentlich verteidigen.“. Solange hier kein einheitliches Konzept vorliegt, wird es auch keine Lösungen geben, mit denen alle Betroffenen einverstanden sein können.

Patrick: Dieser Vorschlag widerspricht jedem Rechtsgrundsatz. Genau das meinte ich: Sowas ist nicht zielführend und geht an der Sache vorbei. Soll dann jeder Fan auch gleich seinen Anwalt prophylaktisch mit ins Stadion bringen?

Rutger: Das hat der Wendt gesagt? Kifft der jetzt? Letztes Jahr hieß es von ihm noch “Wenn ich heutzutage ins Stadion gehe, muss ich um mein Leben fürchten!”. Zur rechtstaatlichen Gewaltentrennung hat er übrigens eine recht(s -) polizeistaatliche Meinung. Zitat: “Politiker müssen uns unterstützen, statt ihre Arbeit zu behindern.”. Ich mach’s kurz: Es ist unwahrscheinlich, dass auf diesem Planeten Menschen leben, die man weniger ernst nehmen kann, als Rainer Wendt. Zu Watzke’s Vorschlag, von dem zwar auf der Aktionärsversammlung, nicht aber im Gespräch mit den Fans die Rede war, sage ich mal folgendes: Damit das Kontingent des Westfalenstadions nicht auf 40.000 Plätze absinkt, schlage ich vor, dass der Anwalt, den dann jeder Stadionbesucher sicherheitshalber dabei haben sollte, am besten wie ein Kleinkind behandelt werden sollte. Also nicht zwischenmenschlich, sondern bei Ticketing und Einlass, meine ich. Er sollte umsonst mit rein dürfen und dann auch auf den Schoß.

Patrick: Gute Idee. Dann kann man sich ja vielleicht auch nicht nur auf dem Rasen das Ja-Wort geben, sondern auch gleich im Stadion die Scheidung vollziehen.

Marcus:
Ich glaube, es wurde einiges schon dazu gesagt. Es ist eine absolut politisch getriebene Thematik. Es war und ist weiterhin nicht gefährlicher als sonst, in ein Fußballstadion zu gehen.

Patrick: Ich denke auch, dass es nicht gefährlicher geworden ist. Aber: es gibt diese Probleme. Daher: konstruktiv und selbstreflektierend die Sache angehen – auf allen Seiten. Nur so kann es eine positive Entwicklung geben.

Marcus Bark: Ich habe in diesem Jahr etwa 80 Spiele im Stadion gesehen und kann mich nur an eine einzige kritische Situation erinnern. Das war vor dem Derby in Dortmund. Allerdings war es auch nur kritisch für die, die sich gegenseitig angemacht haben. Mein Weg vom Parkplatz ins Stadion war so sicher wie immer.

Holger: Politik, Polizeigewerkschaften, Verbände, Vereine, Fanvertreter – warum wird in diesem Verhältnis konstant aneinander vorbeigeredet? Wo liegen die Fehler? Wer macht sie? Und worin läge in euren Augen eine echte Perspektive zur Verbesserung der Kommunikation?

Felix Meininghaus: Jetzt, da das Sicherheitspaket über die Köpfe der Fans hinweg ratifiziert wurde, ist die Lage angespannter denn je. Die Fans sind ein wichtiger Bestandteil des Spiels und haben ein Recht, in einem Wirtschaftszweig, mit dem Milliarden umgesetzt werden, eine Lobby zu haben, die gehört wird. Wer die Fans als zahlendes Klientel behandelt, das Kohle abdrücken und Stimmung machen darf, damit die Logenbesucher bespaßt werden, darf sich nicht wundern, wenn die Stimmung umschlägt. An diesem Punkt sind wir gerade, nun sind die DFL und ihre Vereine am Zug, das Versäumte nachzuholen. Der designierte DFL-Geschäftsführer Rettig hat angekündigt, genau das tun zu wollen. Meint er es ernst, ist er in dieser verfahrenen Kiste ein Hoffnungsträger. Grundsätzlich gilt: Derjenige, der es schafft, die Parteien endlich zum konstruktiven Dialog an einen Tisch zu holen, dürfte ein ganz heißer Anwärter für den Nobelpreis in Diplomatie sein. Im Übrigen gilt das Thema meines Erachtens Kommunikationsbedarf auch für die Ultras und übrigen Fans. Auch da tun sich Gräben auf, die nur geschlossen werden können, wenn man sich an einen Tisch setzt und redet!

Peter: Nach Angaben der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) verursachte der gesamte Profifußball in der Saison 2010/11 Kosten von rund 1,5 Millionen Euro. Das entspricht etwa 1.200 Vollzeitstellen. Zudem belasten die Kosten für rund 6.000 Strafverfahren pro Saison die Staatskasse. Die durchschnittlichen Polizeikosten eines Bundesligaspiels beziffert die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) auf 100.000,00 Euro. Dabei legt sie einen Wert von 50,00 Euro pro Stunde und Polizist zugrunde. Müsste die Bundesliga diese Kosten selbst übernehmen, kämen auf die 18 Vereine insgesamt mehr als 30 Millionen Euro pro Saison zu. Wer soll das bezahlen? Auch hier ist das Problem so vielfältig behaftet, dass einfach keine einfache Lösung in Sicht ist.

Patrick: Diese Betrachtungsweise missachtet zwei Dinge, Peter: zum einen ist die Polizei bzw. die Exekutive keine privat zu finanzierende Sicherheitsdienstleistung, sondern eine zentrale Staatsaufgabe, die wir alle durch Steuern finanzieren. Zum anderen sollte man die Rechnung fairerweise zu Ende führen und die Steuereinnahmen, die der Fußball generiert, dem entgegen stellen. Diese wiegen die Kosten nämlich um ein mehrfaches auf.

Rutger: Danke Patrick! Die Steuereinnahmen decken das zig-fach ab und wenn Vereine und Verbände bzw. Dachverbände von Unternehmungen die Ausübung der legitimierten Staatsmacht auf öffentlicher Straße bezahlen, können wir hier bald einpacken. Dass es überhaupt so weit kommen kann, darüber zu diskutieren, ist rechtlich betrachtet grotesk.

Bruno “Günna” Knust: Wenn man sich das mal so vor Augen hält, prallen da ja Welten aufeinander. Ohne Dolmetscher können die sich untereinander überhaupt nicht verständigen und finden auch keine gemeinsame Gesprächsgrundlage. Die Vereine haben die unterschiedlichsten Fangruppen jahrelang sich selbst überlassen, Befindlichkeiten nicht wahrgenommen oder nicht erkannt und bei Wildwuchs im Verhalten auf den Rängen nicht den sofortigen, direkten Dialog gesucht. Beide Seiten wissen über sich zu wenig, weil die offizielle Fanarbeit nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Hier muss von Vereins- und Verbandseite deutlich zugelegt werden. Fans und Fanvertreter dürften ruhig etwas mehr Vertrauensvorschuss riskieren wenn es um den Dialog geht, vielleicht auch untereinander etwas abgestimmter und organisierter sein. Vor allem aber müssen sie die Situationen auch mal „von hinten“ denken. Was nützt das 12 Minuten-Süppchen mit Maulsperre, wenn ich dadurch meinem Verein direkt schade, weil die Spieler dadurch völlig verzerrte Arbeitsbedingungen vortreffen, irritiert sind und nicht auf Betriebstemperatur kommen? So wie gegen Düsseldorf. Spieler haben mir gesagt, dass das situationsmäßig wie im falschen Kino war. Ohne Input kein Output und du findest nicht ins Spiel. Ja herzlichen Dank. Spielen wir denn „wer hat den längeren Pillemann“ oder geht es hier um die Deutsche Meisterschaft?

Ingo: Kommunikation ist ja auch nur dann möglich, wenn alle Seiten dazu bereit sind. Ich glaube, das war über lange Zeit nicht der Fall. Und genau das ist auch das Problem. Sowas geht nicht von jetzt auf gleich, weil einfach zu viele Seiten zu viele Klischees mit in die Runden bringen.

Jens: Schwierige Frage. Aber wenn dann beispielsweise die Kollegen von schwatzgelb.de einen vielbeachteten Text zum Revier-Derby veröffentlichen und die Polizei Dortmund erklärt, dass sie auf anonyme Äußerungen im Internet nicht reagiert, dann zeigt das doch, dass da der Dialogwille nicht mal eingeschränkt, sondern schlichtweg anscheinend nicht vorhanden ist.

Rutger: In den letzten Jahren sah der Zyklus beim Fan-Dialog leider meist so aus: sachtes Anbandeln im Dialog zw. Fans und Verbänden – Rückschlag – Jojo-Effekt. Sich dann aber seitens der Fans jedes mal vom Tisch zurückzuziehen, ist nicht zielführend. Man hat jetzt deutschlandweit die Medien erreicht und das Bild von Fußballfans in der Öffentlichkeit stark verbessern können. Wenn man das in Zukunft beibehalten kann, werden die Fans mehr gehört werden als früher. Wer sich jetzt resigniert zurückzieht oder – noch schlimmer – auf Krawall gebürstet ist, gefährdet die Fankultur mehr, als es das neue Sicherheitskonzept könnte. Der Dialog mit Vereinen und Verbänden muss jetzt absolute Normalität werden. Und zwar an jedem Bundesliga-Standort. Akut wäre aber wahrscheinlich der Dialog zwischen Fans und Polizei am wichtigsten. Das Problem dabei ist, dass einige Fans, meist Ultras, diesen Dialog nur “bei reinem Tisch” und “auf Augenhöhe” akzeptieren wollen. Leider kann man meiner bescheidenen persönlichen Einschätzung nach mit den Vertretern der Staatsmacht nur schwer auf Augenhöhe reden. Vielleicht sollte man das auch nicht erwarten, den Dialog aber trotzdem aktiv suchen. Dann muss man halt mal dem Umstand Rechnung tragen, dass die gesamte Fankultur wichtiger ist, als der eigene Stolz.

Andy: Wer in den Dialog tritt, muss die andere Seite ja auch anhören und ggf. die Argumente akzeptieren oder zumindest fundiert widerlegen. Das kann ich mir aber sparen, indem ich die Gegenseite gar nicht erst anhöre und mich der üblichen Klischees bediene, um die Gegenseite klein zu halten. Eine Kommunikation auf Augenhöhe findet erst gar nicht statt. Mir fehlt es vor allem an Respekt auf Seiten von Polizei, Politik und Verbänden gegenüber den Fans und Vereinsmitgliedern.

Heinz Büse: Jeder Verein sollte jetzt Strukturen schaffen, um Fans und Polizei noch besser in Entscheidungsprozesse einzubinden. Zumindest in solche, die mit dem Thema Sicherheit zu tun haben. Und es wäre hilfreich, wenn auf allen Seiten mehr Dialog- und Kompromissbereitschaft vorhanden wäre.

>> Im letzten Teil geht es um die „Zukunft“

>> 1. Teil UNSER RÜCKBLICK
>> 2. Teil UNSER RÜCKBLICK
>> 3. Teil UNSER RÜCKBLICK
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>> 6. Teil UNSER RÜCKBLICK

Redaktion, 10.01.2013