UNSER RÜCKBLICK 2012 (7)
2012 wurde in Deutschland so heftig wie nie über die „Sicherheit in deutschen Fußballstadien“ debattiert. Als Konsequenz daraus hat die Deutsche Fußball-Liga beschlossen, ein neues Sicherheitskonzept einzuführen. Das Problem ist, dass es gar kein Problem gab…
4. Fans (1)
Holger: Im letzten Jahr waren 10.000 Borussen in Paris und in London, in diesem Jahr u.a. 8.000 in Madrid – der BVB verfügt über eine treue und einzigartige Fangemeinde, die in Europa wieder einmal allerbeste Werbung für den Verein betrieben hat, oder?
Felix Meininghaus: Dem kann man ohne wenn und aber zustimmen. Was die Dortmunder Fans zum Beispiel zuletzt in Madrid, aber auch vorher in Manchester oder letzte Saison in London abgeliefert haben, ist einfach nur beeindruckend. Bernabeu oder Highbury, wie diese Namen klingen. Doch de facto glich die Stimmung der in Opernhäusern, nicht einmal im Ansatz zu vergleichen zu der in Dortmund oder auch auf Schalke. Die Dortmunder Fans haben ihre Auswärtsspiele haushoch gewonnen, das wurde im Übrigen auch von der ausländischen Presse so gesehen. Vor allem die Engländer waren hin und weg. Tenor: Hach, ist das schön, so wie früher bei uns. Nach der Niederlage in London war am nächsten Tag zu lesen: „Without them, the Champions League will be poorer.“
Ingo: Also in London und auch beim Finale in Berlin war ich mit dabei. Das war schon edel. Manchester soll ja auch ein Traum gewesen sein, wenn selbst englische Polizisten voll des Lobes sind. Glaube, wir Fans spielen schon lange in der Champions League. Schön, dass wir sportlich auch hier endlich angekommen sind.
Marcus: Auch Marseille oder Madrid waren einmalig. Es fühlt sich einfach klasse an, ein Teil des Ganzen zu sein. Da gab es einige Gänsehautmomente. Auch, wenn ich das “die besten Fans der Welt” gerne ein bisschen weniger hören würde.
Bruno “Günna” Knust: Madrid war schon ein Erlebnis für sich. Sowas positiv Verrücktes haben die da bestimmt noch nicht erlebt und das hat mich als Dortmunder sogar ein bisschen stolz gemacht…
Rutger: Borussia hat eben auf europäischem Parkett auf allen Ebenen beeindruckt. Nicht nur “auf’m Platz”. Die Jungs auf der Insel, die die Spiele nur noch von den “new terraces”, den Pubs, aus verfolgten, hatten Tränen in den Augen, als wir da waren und sie daran erinnert haben, wie Fußball sein kann, wenn man die Fans nicht aussperrt. Und das mit Recht.
Jens: Klar, wobei die besten Botschafter für den BVB sind immer noch ihre Spieler. Auch in der vergangenen Champions League-Saison, denn schlecht haben sie da nicht gespielt. Nur nicht so ergebnisorientiert…
Uli: Hammer, sensationelle Botschafter ihre Vereins! Wenn man nicht selber dabei sein kann, ist man trotzdem stolz, bei Übertragungen diese Jungs alles übertönen zu hören.
Andreas: Es ist sogar geil, wenn du vor dem Fernseher in einer Londoner Kneipe nur die Dortmunder Fans in Madrid hörst und von den Spaniern nix. Blöd halt, dass es mittlerweile so ist, dass man für viele Auswärtsspiele gar keine Karten mehr bekommt, weil es eben so viele sind, die da hin wollen.
Andy: Ein Aushängeschild.
Denise: Was wir sind nunmal die Besten, daran ändert sich nichts.
Marcus Bark: Sicherlich. Aber für einzigartig halten sich auch die Schalker Fans, und sie können das auch mit Recht für sich reklamieren. Beide Gruppen, so sehr sie sich auch nicht mögen, erkennen gegenseitig an, dass sie Maßstäbe setzen. Da bin ich mir ziemlich sicher. Vielleicht ist es ein Phänomen des Ruhrpott-Fußballs.
Heinz Büse: Im Großen und Ganzen stimme ich zu. Vor allem die Atmosphäre vor dem Spiel in Madrid war klasse. Aber die Vorkommnisse beim Derby gegen Schalke waren inakzeptabel – hüben wie drüben.
Holger: Wie erklärt Ihr Euch dann diesen ewig gestrigen Versuch, das „Erlebnis Europa“ so zu begrenzen, wie es beispielsweise jetzt der Bürgermeister von Amsterdam wieder getan hat? Das konterkariert in meinen Augen den europäischen Gedanken, der sich ja ein Zusammenwachsen der Völker auf die Fahne geschrieben hat…
Felix Meininghaus: Die Sicherheitsdebatte ist eine schwierige und das Verhältnis von deutschen und holländischen Fans traditionell brisant. Ich war in Amsterdam und verlebte am Nachmittag vor dem Spiel einige geruhsame Stunden in der City. Nun mag man urteilen, alles übertrieben mit diesem Sicherheitswahn, oder aber: Alles richtig gemacht, der Bürgermeister, dank seiner Maßnahmen war es friedlich…
Peter: Der brutale Überfall auf Fans des englischen Fußballklubs Tottenham Hotspur in Rom vor dem Europa League-Spiel gegen Lazio hat hier maßgebliches Entsetzen hinterlassen. Die Bürgermeister der großen Metropolen haben einfach Angst vor diesen brutalen Konfrontationen.
Heinz Büse: Die Maßnahme des Amsterdamer Bürgermeisters war fragwürdig. Nach zwei CL-Spielen in Madrid und Manchester ohne Störgeräusche war das sicher überzogen.
Andy: Aber das geht ja auch nur so lange gut, wie sich die Fans entsprechend verhalten. In Amsterdam hat man ja schon so einiges erlebt. Ich gebe Dir aber dennoch Recht. Warum bin ich als Tourist mehr als erwünscht, werde aber, sobald ich das Trikot meines Vereins trage, zum Staatsfeind erklärt? Da sind wir dann wieder bei der übervorsichtigen und falsch informierten Politik.
Bruno “Günna” Knust: Seit Rotterdam schenk ich mir Holland als Auswärtsspiel sowieso und die Erzählungen über das merkwürdige Erlebnis Amsterdam bestätigen mich darin. Kiffen ist auf Dauer auf ganzer Linie einfach schädlich, wie man sieht.
Rutger: Das Grundproblem hier ist der unsachliche Populismus in der Debatte um Gewalt im Fußball. Den gibt es ja auch hier zu genüge. Wie das Zustandekommen des neuen DFL-Sicherheitskonzeptes gezeigt hat, ist er zudem eben leider wirkungsvoll. Wenigstens haben sich die Fans hier in Deutschland noch eine gewichtige Stimme in dieser Scharade erabeitet. Dabei muss es in Zukunft bleiben. Sonst werden die Wünsche von Sepp Blatter Wirklichkeit, der kürzlich seine Entrückung von den Wurzeln des Sports eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat, als er den Besuch eines Fußballspiels mit dem eines Theaterstücks oder der Oper verglichen hat.
Patrick: Es macht in der Gesamtheit leider schon einen Unterschied, ob Du als Tourist in einer Stadt bist oder als Fußballfan in einer großen Gruppe zu einem Spiel pilgerst. Allein schon organisatorisch von der Masse her. Da das richtige Maß zu finden im Umgang mit den vielen friedlichen Fans und einzelnen problematischen Fans oder gar Gruppen – das ist die Aufgabe, der sich immer wieder auf’s Neue gestellt werden muss.
Jens: Da braucht man ja nicht ins westliche Nachbarland gehen, da reicht ja schon das südliche Ausland nahe Österreich, dessen Vereine auch in der Bundesliga spielen. Beim Franken-Derby soll es so gewesen sein, dass die Trikotagen des einen Clubs in der anderen Stadt hochoffiziell verboten waren. Spinnen denn die Bayern bzw. Franken?
Rutger: Selbstverständlich spinnen die. Aber das is ja nix neues…
Holger: Überhaupt der Fan als solches. Dauergast in reißerischen Artikeln sämtlicher Gazetten 2012 und fast schon kollektiv kriminalisiert. Sind Ausziehmaßnahmen in Zelten geeignete Ansätze, um die Sicherheit zu erhöhen oder vertieft so etwas nur den Graben zwischen Fans und Funktionären?
Felix Meininghaus: Die Gräben werden ganz eindeutig tiefer. Die Art und Weise, wie die DFL den Dialog mit den Fans führt – oder besser gesagt nicht führt – ist borniert und deshalb kontraproduktiv. Ich war bei der Fandemo am 8. Dezember vor dem Heimspiel gegen Wolfsburg. Einen Tag vor der richtungweisenden Konferenz der DFL-Klubs in Frankfurt brachten die Fans ihre Argumente vor. Sehr friedlich, sehr engagiert und sehr überzeugend, so mein Eindruck. Der Vorwurf der Organisatoren lautete, der Verein Borussia Dortmund habe die Kundgebung so gut wie komplett ignoriert, die Enttäuschung darüber war mit Händen zu greifen. Auch in diesem Punkt gilt: Wer den Fans mit Nichtachtung oder Arroganz begegnet, handelt nicht nur menschlich schwach, sondern macht sich auch noch strategisch angreifbar. Nach meiner Überzeugung ist die Gelbe Wand das beste Marketinginstrument, das der BVB zu bieten hat. Das sollte jeder im Hinterkopf behalten, der mit diesem Verein Geld verdienen will.
Peter: Man kann das Thema noch weiter und länger diskutieren, es wird keine Lösung bringen. Interessant aber, was der Kriminologie-Professor Thomas Feltes von der Ruhr-Universität Bochum zu der ganzen Problematik sagte: „Wenn ich mit dem Auto zum Stadion fahre, ist die Wahrscheinlichkeit, bei einem Verkehrsunfall verletzt zu werden, wesentlich größer als die Gefahr, beim Fußballspiel selbst Opfer zu werden.“.
Ingo: Ich weiß auch nicht, ob Zelte der richtige Weg sind – aber schärfere Kontrollen sind meiner Meinung nach unabdingbar. Wenn ich bedenke, wie ich im Westfalenstadion kontrolliert werde (nämlich gar nicht), muss ich mich nicht wundern, dass das ausgenutzt wird. Natürlich will ich nicht als Krimineller behandelt werden, aber auf jeder anderen Großveranstaltung dieser Welt (Konzerte z.B.) werde ich um Längen schärfer und gründlicher kontrolliert, als im Stadion. Und da beschwere ich mich ja auch nicht.
Jens: Naja. Kommt wohl immer ganz drauf an. Grundsätzlich muss man es immer wieder betonen: Jede Gewalttat ist eine zu viel. Aber wie ich ja schon gerade kurz erwähnte, ist die Panikmache mehr als peinlich. Wer mit geschönten Zahlen versucht zu argumentieren, der versucht doch nur von anderen Dingen abzulenken. Dennoch sollte man aber mal über die Einlasskontrollen reden. Wenn ich beispielsweise bei einem DFB-Pokalfinale bei einer über den BVB organisierten Reise, deren Gesamtkosten mehr als einen Minijob-Verdienst darstellt, so scharf kontrolliert werde, dass man zwischen Ferse und schwarzgelber Ringelsocke nach Sprengstoff sucht und mein Tetra-Pak als Gefahrgut gewertet wird, weil es 0,33 l statt der erlaubten 0,25 l fasst – dann ist das schon etwas übertrieben. Im Vergleich dazu kann ich mich sehr gut an ein sogenanntes “Risikospiel” ihre Borussia beim Reviernachbarn VfL Bochum erinnern – ja, das ist länger her! – da wurde ich gar nicht kontrolliert.
Heinz Büse: Diese Diskussion gehört eindeutig versachlicht – auf beiden Seiten. Aber: Wann immer die Gesundheit der Zuschauer gefährdet ist, ist Kontrolle geboten. Ich habe als Journalist miterlebt, wie Zuschauer bei einem Bundesligaspiel in Bochum durch Pyrotechnik schwer verletzt wurden. Seither habe ich zu diesem Thema eine eindeutige Meinung.
Andy: Die ganze Diskussion ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Überhaupt redet die Politik ja nur über die Fans, anstelle lieber mit ihnen in den Dialog zu treten. Die Äußerungen diverser Innenminister zeigen ja deutlich, wie weit man mit seinen Vorstellungen von der Realität entfernt ist. Schärferen Kontrollen sollte eigentlich jeder, der nichts zu verbergen hat, gelassen entgegensehen. Diese Verschärfung hat allerdings auch eine Grenze. Bei Nacktkontrollen in Zelten hört auch bei mir der Spaß auf.
Marcus: Und genau bei diesen Nacktkontrollen werde ich umdrehen und mir das Spiel in einer Kneipe anschauen. Das ist zu viel und macht mich extrem wütend. Redet MIT den Betroffenen und nicht ÜBER sie!
Bruno “Günna” Knust: Spätestens, wenn sich durch diese Ausziehmaßnahmen die Zahl der Flitzer erhöhen wird, muss man das neu überdenken. Trotzdem ist 2012 auf der Fanseite – quer durch viele Stadien – aber auch vieles vorgefallen, was eine Reaktion nötig machte. Allerdings würde ich mir zur Lösung eher mehr Dialog, als hektisch übergestülpte Sicherheitskonzepte wünschen.
Marcus Bark: Ganzkörperkontrollen sind für mich ein absolutes Tabu. Aber auch dieses Thema ist viel zu komplex, um jetzt mal eben hier so zu zwischen Tür und Angel abzuhandeln…
Patrick: Ein sehr umfangreiches Thema, das man hier nicht allumfassend abhandeln kann. Ergänzend nur so viel: Ich halte diesen Vergleich mit den Verkehrsunfällen für sehr schief und er geht ebenso wie viele bisher genutzte Ansätze in eine zu eindimensionale Richtung. Leider hat die anfangs sehr marktschreierische und unsachliche Diskussionsführung von Seiten der Funktionäre, Medien und Politik dazu geführt, dass die Fans automatisch zu einer Abwehrhaltung gezwungen wurden. Diese verdeckt leider den Blick auf die Kernpunkte: im Stadion spiegelt sich zum einen ihre Gesellschaft wider, zum anderen ist das Stadion der einzige Ort, an dem man fast ungezügelt seinen Emotionen öffentlich freien Lauf lassen kann und einige gesellschaftliche Konventionen gebrochen werden können. Doch leider haben einige Vorfälle (Derby, rechte und diskriminierende Banner und Vorfälle) und die (Nicht-)Reaktion der 99 anderen Prozent sowie des Vereins gezeigt, dass hier noch viel Arbeit von Nöten ist. Angefangen bei unbeholfenen Reaktionen der Vereine bis hin zu den Scheuklappen vieler Fans, die dann einfach nicht hinsehen oder gar einschreiten wollen. Dies wäre ein Prozess, den ich mir viel lieber wünsche: Selbstreflexion statt mit eindimensionalen Anti-Haltungen die vorhandenen Probleme negieren und verfestigen. Bezüglich der Kommunikation zwischen Politik, DFL, DFB und Fans sehe ich übrigens immerhin eine Verbesserung in den letzten Wochen und Monaten: So haben bspw. die Fanproteste mit 12minütigem und 12sekündigem Schweigen in den Stadien die Medien schon beeindruckt. Es wird inzwischen wesentlich differenzierter berichtet. Einige Änderungen an dem DFL-Papier haben die Fans erreicht. Die Fans werden inzwischen mehr gehört, als noch vor einigen Monaten.
Rutger: Da ich mich in den letzten Wochen und Monaten sehr gründlich damit beschäftigt habe, kann ich Patrick erstmal nur zustimmen. Der Rahmen dieses Jahresrückblicks reicht bei weitem nicht aus, um sich dem Themenkomplex mit angemessener Sorgfalt zu nähern. Ich sehe es grob verkürzt gesagt so, dass zum einen die Art und Weise des Zustandekommens des neuen DFL-Sicherheitskonzeptes insgesamt eine Katastrophe war, bei der der Ligaverband sowohl auf der Handlungsebene, als auch in der Außendarstellung, dilettantisch aufgetreten ist. Zum anderen aber geht – wenn überhaupt – aus dem ganzen – bei Betrachtung der Realität in den Stadien unnötigen und die Fronten verhärtenden Prozess – nur eine Partei zumindest zum Teil als Gewinner heraus: die Fans. Auch wenn viele aktive Fans das anders sehen. Wenn ich nur das Sicherheitskonzept und den letztendlichen Einfluss der Fanszenen darauf betrachte, ist es ein Sieg. Wer die erste und auch die letzte Version des insgesamt drei mal abgemilderten Konzeptes vergleicht, kann zu keinem anderen Schluss kommen, als dass es sich um einen zumindest akzeptablen Kompromiss handelt. Um das hervorragende Bild, dass man sich in deutschlandweiten Medien, die sich größtenteils auf Seite der Fans schlugen, erarbeitet hat, beizubehalten und in Zukunft mehr Gehör zu finden, müssen die aktiven Szenen jetzt den Dialog mit Vereinen und Verbänden am besten unvermindert fortführen. Ihre Wut richtet sich ohnehin nicht nur auf das Konzept, sondern darauf, dass es nicht wirklich nötig war/ist und es an den Kern vieler Probleme nicht rührt.
Jan: Ich glaube ja spontan, dass diese ganzen Neuerungen auch nichts bringen. Wenn jemand wirklich beispielsweise Pyrotechnik ins Stadion bringen will, dann klappt das auch. So ist das in jedem Bereich und überall.
Holger: Es gibt kaum einen Spieltag, an dem nicht in irgendeinem Stadion in der Bundesliga Pyrotechnik lodert. Sind dies – schlicht verkürzt – lediglich unverbesserliche Idioten oder muss das tatsächlich als sichtbarer Protest gegen die mangelnde Kommunikationsbereitschaft von DFL und DFB gewertet werden?
Ingo: Ich glaube, das ist ne Mischung aus beidem. Gerade Gruppen, die Fußball nicht als Event sehen wollen, sind es doch, die Pyro mit ins Stadion bringen und so ihr eigenes Event abfackeln.
Peter: So lange hier die Fronten zwischen Fans und Funktionären so verhärtet sind wie bislang, wird es keinen fairen Kompromiss geben.
Jens: Es ist seitens des DFB einfach ungeschickt gewesen, erst mal über Pyrotechnik zu diskutieren, um dann die harte Linie zu fahren. Aber egal, wie schön das ganze aussieht, das ist gefährlich und man kann da meiner Meinung nach in den Fanblöcken nur eine harte Linie gegen fahren. Wenn man Pyrotechnik einsetzen will, dann an kontrollierten Stellen von fachkundigen Personen – wie es ja beim Eishockey oder auch beim American Football anscheinend keinerlei Probleme darstellt.
Rutger: Die Pyrotechnik ist und bleibt die Achillesferse der Fanszenen. Bengalos werden in der heutigen Berichterstattung immer mit Randale und Krawallen verbunden werden. Das ist zwar sicherlich falsch und irgendwie auch bigott, vielleicht sogar verlogen, aber man wird es nicht ändern können. Wenn man bei einer Diskussion über Gewalt im Stadion auch wirklich nur über Gewalt reden würde, gäbe es wenig zu reden. Es sind die Bilder brennender Fackeln in den Kurven, die einen so falschen Eindruck vom Geschehen auf den Rängen, wie er in Teilen der Öffentlichkeit vorherrscht, überhaupt erst möglich machen. Wenn ich durch den offiziellen BVB-Fotoband zum Double blättere und dabei ein doppelseitiges Bild einer Pyro-Show sehe, muss ich zwar wieder einmal ob der schizophrenen Einstellung der Gesellschaft zu Emotionen im Fußball schmunzeln – trotzdem: ohne Pyrotechnik hätte es meiner Meinung nach keine Medienhetze, keinen Politiker-Populismus und eben auch kein neues Sicherheitskonzept gegeben. Die Pyro-Befürworter müssen sich vielleicht fragen, welchen Preis die gesamten Kurven in Zukunft noch im Kampf um die Fackelei bezahlen sollen. Eins steht fest: Die Mannschaft unterstützt man damit nicht. Es sieht zweifelsfrei toll aus, aber Fußball geht auch ohne. Eine Legalisierung in einem sicheren Rahmen fänd ich persönlich zwar gut, aber da braucht man sich nichts vormachen: die wird es nicht mehr geben. Das Thema ist durch.
Bruno “Günna” Knust: Und wenn es tatsächlich Protest sein sollte, dann kommt er aber sehr idiotisch rüber. Damit spielt man sich selber nur in die Karten. Pyro hat grundsätzlich bei einer Massenveranstaltung nix zu suchen und das sollte als Fakt allen klar sein. Was da heute im Internet aus China und dunklen Kanälen im Ostblock an Pyro angeboten oder im Fankeller selbst gebastelt wird, halte ich schon gesundheitlich für äußerst bedenklich und das möchte ich im Leben nicht einatmen müssen, nur weil ein Idiot Bock auf zündeln hat. Von Verbrennungen, tränenden Augen oder flammenden Fahnen, wie man es kürzlich erleben konnte, mal ganz abgesehen. Kommt da keine Einsicht, dreht sich die Sicherheitsschraube schon durch den Druck der nicht mehr locker lassenden Öffentlichkeit unermüdlich weiter. Dann werden wegen ein paar Hirnis Dinge beschlossen, die wir alle nicht haben wollen
Uli: In Gelsenkirchen – gegen Frankfurt – und Düsseldorf – gegen Hamburg – hat sich ja letztlich die Behauptung erledigt, Bengalos seien ungefährlich. Sie sind verboten, so einfach ist das! Und sie sind für viele Leute eine Belästigung. Man traut sich ja kaum, das zu sagen, aber mir ging der Mist schon früher auf den Sack. Und wir sind viele Jahre ganz prima ohne klar gekommen und hatten trotzdem verdammt gute Stimmung.
Andy: Es ist verboten und damit für mich im Stadion fehl am Platz. Wenn in einem vernünftigen Dialog eine Lösung für die legale Nutzung von Pyro-Technik gefunden wird, bin ich der Letzte, der sich dagegen wehren wird. Wer aber meint, inmitten von Unbeteiligten Bengalos zünden zu müssen, nimmt fahrlässig bis vorsätzlich die gesundheitliche Schädigung anderer in Kauf und gehört für mich zu der Kategorie “Idiot”.
Marcus: Meine Worte, Andy.
Felix Meininghaus: Das Thema Pyrotechnik ödet mich an. Wer immer noch nicht kapiert hat, dass dies verboten ist und auch verboten bleibt, hat nicht verstanden, dass ganz andere Werte auf dem Prüfstand stehen, die für eine Fankultur, wie ich sie kennen- und schätzen gelernt habe, wesentlich wichtiger sind. Wer das nicht einsehen mag, ist tatsächlich ein unverbesserlicher Idiot und erweist einer Bewegung, der sich zig Tausend Menschen in Deutschland mit Herz und Seele verschrieben haben, einen Bärendienst!
Rutger: Ein Befürworter von Pyrotechnik ist doch kein Idiot. Und es ist auch nicht jeder zwangsläufig ein Idiot, der im Stadion einen Bengalo zündet. Allerdings schadet er damit bei der heutigen Sachlage seinem Verein und allen Fußballfans. Mit Pauschalisierungen und Vorurteilen kommt man hier nicht weiter. Früher fanden’s alle geil. Heute finden’s alle scheiße. Ist halt so. Ich schätze das schon so ein, dass mittlerweile rund 90 % aller Fans eher dagegen sind.
Marcus Bark: Idioten sind das sicherlich nicht, aber ich habe trotzdem kein Verständnis für sie. Was sie machen, ist für ihr Anliegen kontraproduktiv. Ich persönlich vermisse bei einem Fußballspiel überhaupt nichts, wenn es nicht irgendwo brennt.
Patrick: Das unkontrollierte Abbrennen von Pyrotechnik ist schlicht und ergreifend vom Gesetzgeber verboten. Da sind DFL und DFB sowieso schon mal der falsche Ansprechpartner. Pyrotechnik hat für mich weder was mit Fankultur noch mit Protest zu tun – das ist vielmehr eine Form von Selbstdarstellung ohne Rücksicht auf die unmittelbare Umgebung und den eigenen Verein (der für die Straftaten blechen darf). Doch in den letzten Wochen hat sich ja gezeigt, dass sich in den Stadien immer mehr Leute gegen das Abbrennen von Bengalos auflehnen und das entsprechend lautstark quittieren. Gut so!
Jan: Pyrotechnik mag toll aussehen – aber es ist, wie Patrick sagt, schlicht verboten. Und nur, weil ein paar Leute meinen, dass das eben toll aussieht, ist das keine Rechtfertigung für´s Abbrennen. Die Anzahl der Leute, die da eine etwas falsche Sicht der Dinge haben, ist gering – aber es genügt leider.
>> Im zweiten Teil geht es um die „Gewalt im Fußball“
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Redaktion, 08.01. 2013
