BVB in der Champions League: Taktische Entwicklung über die Jahre

17. Juli 2026

Es gibt Nächte, die brennen sich ins kollektive Gedächtnis einer Fangemeinschaft, und dann gibt es den 28. Mai 1997. Das Olympiastadion München. Borussia Dortmund gegen Juventus Turin, das Beste, was Europa damals zu bieten hatte. Was an jenem Abend passierte, war kein Zufall, kein glücklicher Ausrutscher eines Provinzklubs auf der großen Bühne — es war das Ergebnis einer taktischen Revolution, die in Dortmund still und entschlossen vollzogen worden war. 3:1. Karl-Heinz Riedle traf zweimal, Lars Ricken vollendete das Märchen in seiner ersten Ballberührung nach seiner Einwechslung mit einem Lupfer aus 25 Metern, der die gesamte Fußballwelt verblüffte. Dieser Triumph war der Gipfel einer Entwicklung, die Ottmar Hitzfeld über Jahre geformt hatte — und er ist der Maßstab, an dem sich der BVB seither in Europa messen lassen muss.

Die Hitzfeld-Jahre: Kollektiv als Waffe

Als Ottmar Hitzfeld 1991 nach Dortmund kam, übernahm er einen Klub mit Substanz, aber ohne europäischen Glanz. Was er über die folgenden sechs Jahre aufbaute, war kein System im mechanischen Sinne — es war eine Idee von Fußball, die kollektive Energie über individuelle Brillanz stellte. Das 4-4-2 seiner Dortmunder war kein bloßes Formationsgerüst: Es war ein Organismus. Zwei kompakte Vierreihen, die das Zentrum sperrten, die Flügel als Angriffswaffe nutzten und auf engstem Raum blitzschnell umschalteten.

Der erste Bundesliga-Titel 1994/95 zeigte, dass Hitzfelds Dortmund konkurrenzfähig war. Doch für Europa musste nachgejustiert werden. Die Champions League der mittleren 1990er war ein anderes Turnier als der nationale Wettbewerb: Die Räume waren enger, die Gegner defensiv disziplinierter, das Pressing des Gegners kompromissloser. Hitzfeld reagierte mit einer Verfeinerung: Mehr Geduld im Ballbesitz, ein klareres Pressing-Muster ohne Ball, und die Entwicklung von Matthias Sammer zum spielmachenden Libero — eine taktische Hybridlösung, die in ihrer Zeit beinahe einzigartig war. Sammer ließ den Ball aus der Tiefe laufen und rückte selbst heraus, wenn die Situation es erlaubte. Kein rein defensiver Abwehrchef, sondern ein erster Spielgestalter.

Gegen Juventus 1997 funktionierte der Plan nahezu perfekt. Die Bianconeri, damals mit Del Piero, Zidane und Vieira gespickt, fanden gegen das kompakte Dortmunder Mittelfeld kaum Zugriff. Riedles Doppelpack kurz nach der Halbzeit, dann Rickens ikonischer Lob — das war kein defensiver Abwehrkampf, das war mutiger, zielgerichteter Konterfußball auf höchstem Niveau.

Die Klopp-Ära: Gegenpressing als Bekenntnis

Wenn Hitzfeld den BVB taktisch europareif machte, dann hat Jürgen Klopp ihn neu erfunden. Ab 2008 baute Klopp eine Mannschaft, die nicht einfach gut Fußball spielte — sie spielte ihn mit einer Intensität, die Gegner physisch und mental zerbrach. Das Stichwort lautete Gegenpressing: In dem Moment, in dem der Ball verloren geht, attackiert das gesamte Team sofort und aggressiv, um ihn in der gefährlichsten Zone zurückzuerobern — möglichst nahe am Tor des Gegners.

Das Double 2011/12 — Meisterschaft und DFB-Pokal in einer Saison — war der nationale Beleg dafür, dass dieses System nicht nur funktionierte, sondern dominierte. In der Champions League war es komplizierter. Gegen die klügsten europäischen Trainer, gegen Mannschaften, die das Pressing antizipieren konnten, musste Klopp weitere taktische Schichten einbauen. Die Entwicklung von Robert Lewandowski als hochpräziser Zielspieler, die Rolle von Mario Götze als beweglicher Zwischenlinienläufer, Schmelzers offensive Präsenz auf links — all das zusammen schuf ein System, das in Europa für echtes Aufsehen sorgte.

Das Halbfinale der Champions League 2012/13, in dem der BVB Real Madrid im Signal Iduna Park mit 4:1 demontierte, bleibt eines der eindrucksvollsten Spiele, die je in dieser Arena stattgefunden haben. Der Signal Iduna Park — bis 2005 noch unter dem Namen Westfalenstadion bekannt — mit seinen rund 81.365 Plätzen und der berühmten Südtribüne mit circa 25.000 Stehplätzen ist kein bloßes Stadion. Er ist eine taktische Waffe. Das Rauschen, wenn das Gegenpressing greift und der Ball nahe am gegnerischen Strafraum zurückerobert wird, ist unmöglich zu beschreiben, wenn man es nicht erlebt hat.

Eine Tradition, die tiefer reicht: Die europäischen Wurzeln

Es wäre ein Fehler, die Geschichte des BVB in Europa erst mit der Hitzfeld-Ära beginnen zu lassen. Der Verein hat eine europäische DNA, die viel weiter zurückreicht. Am 5. Mai 1966 gewann Borussia Dortmund den Europapokal der Pokalsieger im Hampden Park in Glasgow2:1 nach Verlängerung gegen den FC Liverpool. Das war kein Zufall, und es war kein kleiner Gegner. Liverpool war eine der besten Mannschaften Europas jener Zeit.

Einer der Protagonisten jenes Abends war Lothar Emmerich, von allen nur „Emma“ genannt. Emmerich spielte von 1960 bis 1969 für den BVB, war einer der gefährlichsten Torjäger seiner Generation und verkörperte alles, was Dortmunder Fußball in jener Epoche ausmachte: Direktheit, Entschlossenheit, eine gewisse raue Eleganz. Sein Name steht für eine Zeit, in der der BVB bewies, dass er sich auf europäischem Parkett behaupten kann — lange bevor das zu einer Selbstverständlichkeit wurde.

Dass dieser Klub heute regelmäßig in der Champions League antritt und nicht selten in die K.o.-Runden einzieht, ist das Ergebnis einer Geschichte, die im Hampden Park beginnt und durch München 1997 führt. Die taktische Sprache hat sich verändert — vom geordneten Kollektivfußball der 1960er über Hitzfelds disziplinierte Kompaktheit bis zu Klopps intensivem Gegenpressing —, aber der Wille, auf der größten europäischen Bühne Fußball zu spielen, der die Zuschauer atmen lässt, ist konstant geblieben.

Was Europa vom BVB verlangt — und was der BVB zurückgibt

Champions-League-Fußball ist ein Spiegel, der keine Gnade kennt. Er zeigt, was ein Verein wirklich kann, wenn die Gegner präpariert sind, wenn die Phasen der Schwäche brutal bestraft werden, wenn ein einzelner Fehler ein ganzes Spiel kostet. Der BVB hat in diesem Spiegel über die Jahrzehnte immer wieder interessante Dinge gesehen: manchmal das strahlende Bild eines Klubs, der seinen Stil durchhält gegen jeden Widerstand; manchmal das unbequeme Bild eines Teams, das den letzten Schritt nicht gehen kann.

Was bleibt, ist die Überzeugung, die im Signal Iduna Park bei jedem Heimspiel spürbar ist: dass Dortmunder Fußball eine bestimmte Qualität haben muss, eine Kompromisslosigkeit, eine Direktheit, die nicht verhandelbar ist. Ob das Gegenpressing ist oder ein modernes Pressing-Hybrid, ob ein Libero die Spielgestaltung übernimmt oder ein tiefer Sechser — das Bekenntnis zum aktiven, mutigen, aggressiven Fußball ist die Konstante.

Und wenn der BVB wieder ins Wembley einzieht, wenn er wieder eine große europäische Nacht produziert, dann wird man in den Gästeblöcken und auf der Südtribüne wissen: Das ist keine Überraschung. Das ist die Fortsetzung einer Geschichte, die in Glasgow begann, in München ihren bisher größten Moment hatte — und noch längst nicht zu Ende geschrieben ist.