Wer einmal an einem Bundesligaspieltag auf der Südtribüne des Signal Iduna Parks gestanden hat, weiß: Es gibt keine bessere Erklärung für dieses Gefühl als die schlichte Tatsache, dass hier rund 25.000 Menschen auf einem einzigen Stehplatztribünenblock gemeinsam atmen, singen und jubeln. Aber die Südtribüne ist nicht nur laut. Sie ist, an großen Spieltagen, ein Gesamtkunstwerk. Choreografien und Tifos, die tagelange Arbeit von Fangruppen erfordern, verwandeln diesen gewaltigen Betonrahmen in eine Bühne, auf der Farbe, Text und Leidenschaft zu einer einzigen Geste verschmelzen.
Das Westfalenstadion – so heißt es unter eingefleischten BVB-Fans bis heute, auch wenn der offizielle Name seit 2005 Signal Iduna Park lautet – hat eine Gesamtkapazität von rund 81.365 Zuschauern. Es ist damit das größte Fußballstadion Deutschlands. Doch die bloße Zahl erklärt die Atmosphäre nicht. Was den Signal Iduna Park einzigartig macht, ist das Zusammenspiel aus Architektur, Fankultur und einer kollektiven Identität, die sich über Jahrzehnte aufgebaut hat. Die Choreos und Tifos sind der sichtbare Ausdruck dieser Identität – der Moment, in dem die Kurve nicht nur singt, sondern spricht.
Was ist eigentlich eine Choreo – und was ein Tifo?
Die Begriffe werden oft durcheinandergeworfen, meinen aber Unterschiedliches. Eine Choreografie ist eine geplante, koordinierte Aktion der gesamten Kurve oder großer Teile davon: Fans halten Karten hoch, schwingen Schals, bilden Muster mit Papprollen oder bewegen sich in abgestimmten Wellen. Das Ergebnis ist ein lebendes Bild, das nur von oben oder gegenüberliegend vollständig zu sehen ist. Ein Tifo – das Wort stammt aus dem Italienischen, wo tifoso schlicht „Fan“ bedeutet – ist dagegen meist ein großes vorgefertigtes Banner oder Bildwerk, das aus der Tribüne heraus entfaltet wird. Oft sind es riesige Transparente aus bemalten Bahnen, die ein Motiv zeigen: ein Porträt, ein Datum, ein Versprechen.
Im Signal Iduna Park sind beide Formen heimisch. Die organisierten Fangruppen der Südtribüne – darunter die aktiven Kurven-Gruppen, die seit Jahren als kreative Kraft hinter den aufwändigsten Inszenierungen gelten – verbringen manchmal Wochen mit Vorbereitung. Stoff wird zugeschnitten, bemalt, zusammengenäht. Karten werden gedruckt und in Plastiktüten abgepackt, Sitzreihe für Sitzreihe. Vor dem Anpfiff werden die Pakete verteilt, und wenn dann die Mannschaft das Feld betritt, entfaltet sich das Bild in Sekunden – oder auch nicht, wenn eine Windböe dazwischenkommt. Fankultur ist immer auch Improvisation.
Große Momente, die Maßstäbe gesetzt haben
Die Geschichte der BVB-Choreos lässt sich nicht von der Geschichte des Vereins trennen. Wenn man verstehen will, warum Dortmunder Fans mit solcher Inbrunst inszenieren, muss man wissen, was dieser Verein durchgemacht hat – und was er erreicht hat.
Der 28. Mai 1997 steht als goldenes Datum im kollektiven Gedächtnis. Im Münchner Olympiastadion besiegte Borussia Dortmund Juventus Turin mit 3:1 und holte den Europapokal der Landesmeister – damals schon Champions League. Karl-Heinz Riedle traf doppelt, bevor der blutjunge Lars Ricken, kaum auf dem Feld, mit einem atemberaubenden Lupfer aus zwanzig Metern alles entschied. Ricken hatte bis dahin keine Minute mitgespielt in diesem Wettbewerb. Es war einer jener Momente, die man nicht erfindet, die einem die Fankultur in die Geste brennt: Unmögliches wird möglich. Choreos nach diesem Triumph trugen oft das Europastern-Motiv oder schlicht die Jahreszahl 1997 – ein Fingerzeig, dass Dortmund weiß, wo es hingehört.
Zwei Jahre zuvor, in der Saison 1995/96, hatte Ottmar Hitzfeld die Mannschaft zur Deutschen Meisterschaft geführt. Hitzfeld war seit 1991 Trainer beim BVB und hatte den Klub in dieser Periode aus einer Mittelmäßigkeit herausgeführt, die manchmal beängstigend nah an der Bedeutungslosigkeit kratzte. Die Meisterfeier auf dem Borsigplatz zeigte, was Dortmund kann, wenn Titel und Straße zusammenkommen.
Und dann war da Jürgen Klopp. Das Double 2011/12 – Meisterschaft und DFB-Pokal in einem Jahr – ist die jüngste große Erzählung, auf die Choreo-Macher immer wieder zurückgreifen. Klopps BVB spielte einen Fußball, der Taktik und Emotion so eng verwob, dass man als Fan gar nicht anders konnte, als selbst Teil dieses Rausches zu werden. Die Choreografien aus jener Zeit hatten etwas Jubilierendes, fast Ungläubiges – als könnten die Fans selbst nicht fassen, was da passierte.
Die Südtribüne als Kulisse und als Akteur
Was die Südtribüne von anderen Fanblöcken unterscheidet, ist nicht nur die schiere Größe. Es ist die Kontinuität der Kultur. Fangruppen, die heute die Choreos organisieren, stehen in einer Tradition, die Generationen zurückreicht – auch wenn die konkreten Gruppen sich wandeln, Mitglieder kommen und gehen, Stile sich verändern.
Besonders emotional geladen sind die Inszenierungen beim Revierderby gegen Schalke 04 aus Gelsenkirchen. Es gibt kein Spiel, das mehr Vorbereitungszeit in der Kurve kostet – und kein Spiel, bei dem die Botschaft auf dem Tifo klarer gemeint ist. Derby-Choreos sind selten subtil. Sie sind Ansage, Fest und Ritual zugleich.
Aber die Südtribüne kann auch leise sprechen. Wenn ein verdienter Spieler in Rente geht, wenn ein Todesfall in der Fan-Community bekannt wird, wenn der Verein selbst ein Jubiläum begeht – dann zeigt die Kurve, dass Inszenierung nicht immer laut sein muss. Schwarze Fahnen, ein einzelnes Porträt auf weißem Grund, 25.000 Menschen in einer Schweigeminute: Das ist eine andere Art von Choreo, die mindestens genauso viel Kraft hat.
Fankultur als Gedächtnis des Vereins
Eine Choreografie hat keine Halbwertszeit. Wer heute ein Foto aus dem Jahr 1997 oder aus der Doppel-Meistersaison aufruft, sieht nicht nur einen Spielstand oder ein Trikot – er sieht die Kurve, die Fahnen, die Farben. Die Tifos halten fest, was die Vereinschronik in Zahlen und Namen hält: das Gefühl.
Das gilt auch für weiter zurückliegende Momente. Dass Borussia Dortmund 1966 den Europapokal der Pokalsieger gewann – 2:1 nach Verlängerung gegen den FC Liverpool im Hampden Park in Glasgow – wissen heute längst nicht mehr alle BVB-Fans auswendig. Aber Tifos, die dieses Datum tragen, sorgen dafür, dass es nicht vergessen wird. Lothar Emmerich, Torjäger dieser Zeit, BVB-Legende von 1960 bis 1969, von allen nur „Emma“ genannt – solche Namen leben in der Fankultur weiter, lange nachdem die Zeitungen verstummt sind.
Auch Norbert Dickel ist ein Beispiel für dieses Gedächtnis. Beim DFB-Pokalfinale 1989 schoss er zwei Tore beim 4:1-Sieg gegen Werder Bremen – Tore, die umso strahlender sind, weil Dickel zuvor schwer verletzt war und das Finale eigentlich gar nicht hätte spielen sollen. Heute ist er Stadionsprecher im Signal Iduna Park, seine Stimme verkündet die Tore, und wenn sein Name auf einem Tifo auftaucht, muss niemand erklären, warum. Die Kurve weiß es.
Genau das ist die Funktion von Choreos und Tifos jenseits des sportlichen Spektakels: Sie sind das lebendige Archiv eines Vereins, der seine Geschichte nicht in Vitrinen aufbewahrt, sondern auf Stoff malt, in die Luft hält und dreißig Meter über dem Rasen flattern lässt – für neunzig Minuten, manchmal mehr. Und dann wird der Stoff zusammengerollt, in einem Keller oder Vereinsheim gelagert, und wartet auf den nächsten großen Spieltag. So geht das, seit es die Südtribüne gibt. So wird es weitergehen, solange Borussia Dortmund spielt.
