Interview: BVB-Legende über die goldene Ära des Klubs

21. Juli 2026

Es gibt Momente, über die Fußball-Romantiker noch Jahrzehnte später sprechen, als wären sie gestern gewesen. Für Borussia Dortmund existiert eine ganze Reihe solcher Momente — sie haben sich in die kollektive Erinnerung einer Stadt eingebrannt, in die Haut von Menschen, die in Kneipen weinten und auf Tribünen tanzten, die ihre Kinder mit Geschichten von damals in den Schlaf redeten. Wer die Geschichte des BVB kennt, weiß: Das hier ist kein gewöhnlicher Klub. Das hier ist Westfalen.

Wenn man mit Weggefährten und Zeitzeugen dieser Ära spricht, fällt immer wieder ein Wort: Identität. Der BVB war nie ein Verein der großen Scheine und glänzenden Fassaden. Er war ein Verein der Stahlarbeiter, der Bergmänner, der Menschen, die Samstag für Samstag ins Stadion fuhren, weil dort die Woche ihren Sinn bekam. Diese Verwurzelung — sie ist der Kern von allem.

Die Legende aus der Nordstadt: Lothar Emmerich

Wer über die frühen großen Jahre des BVB sprechen will, kommt an Lothar Emmerich nicht vorbei. „Emma“, wie ihn die Fans liebevoll nannten, trug das schwarz-gelbe Trikot von 1960 bis 1969 — neun Jahre, in denen er sich in die Geschichte des Vereins hämmerte wie ein Nagel in Ruhrkohle. Emmerich war kein ästhetischer Dribbler, kein Kunststück-Künstler. Er war ein Torjäger. Wuchtig, direkt, unerbittlich.

Der Höhepunkt seiner Zeit kam am 5. Mai 1966 in Glasgow. Im Hampden Park, vor schottischen Kulissen, die für den britischen Fußball gebaut schienen, standen die Dortmunder dem englischen Meister FC Liverpool im Finale des Europapokals der Pokalsieger gegenüber. Kein Fernsehpublikum in Millionengröße kannte diesen BVB. Aber die Männer auf dem Platz wussten, wofür sie spielten. Nach 90 Minuten stand es 1:1. In der Verlängerung fiel das entscheidende Tor zum 2:1. Borussia Dortmund war Europapokalsieger. Das erste und bis heute einzige Mal in der Vereinsgeschichte hatte ein Bundesligaklub diesen Titel geholt. Emmerich war mittendrin — als Torjäger, als Siegertyp, als BVB-Seele.

Was Emmerich für die 1960er war, das wurde Norbert Dickel für eine andere Generation. Am 3. Juni 1989 stand der BVB im DFB-Pokalfinale gegen Werder Bremen. Dickel, damals schon von Verletzungen gezeichnet, traf zweimal — 4:1 der Endstand. Ein Moment, der so tief in das Fan-Gedächtnis einging, dass Dickel heute als Stadionsprecher im Signal Iduna Park arbeitet und bei jedem Tor seiner Stimme noch ein bisschen mehr Leben gibt, als ohnehin schon drin ist.

Hitzfeld, Disziplin und die Meisterschaften der 1990er

Dann kamen die Neunziger. Und mit ihnen Ottmar Hitzfeld. Der Trainer, der von 1991 bis 1997 an der Seitenlinie des BVB stand, brachte eine Qualität mit, die man in Dortmund bis dahin so nicht kannte: Er baute ein System. Er schuf eine Mannschaft, die mehr war als die Summe ihrer Teile. In der Saison 1995/96 holte Hitzfelds BVB die Deutsche Meisterschaft — ein Titel, der lange auf sich hatte warten lassen und der eine Stadt explodieren ließ.

Diese Mannschaft hatte Klasse in jedem Winkel. Vorne Stürmer, die Verteidiger träumen ließen, hinten eine Defensive, die wie eine Mauer stand. Hitzfeld forderte Disziplin, aber er gab den Spielern auch das Gefühl, dass Größe möglich ist. Und sie glaubten ihm.

Die Meisterschaft von 1995/96 war mehr als ein Titel. Sie war ein Signal. An die Bundesliga, an die europäischen Konkurrenten, an die eigene Fangemeinde: Der BVB ist zurück. Und er meint es ernst. Was Hitzfeld aufgebaut hatte, war kein glückliches Ensemble, das einmal gut drauf gewesen war — es war eine echte Spitzenmannschaft, reif für das Größte, was Europa zu bieten hatte.

Der 28. Mai 1997: Der größte Abend der Vereinsgeschichte

Das Olympiastadion in München. Nicht gerade das Heimspiel-Wohnzimmer des BVB — aber an diesem 28. Mai 1997 war es das Zentrum der Fußballwelt. Im Champions-League-Finale wartete Juventus Turin, der Favorit, der Titelverteidiger, die Mannschaft von Del Piero und Zidane. Niemand gab Dortmund eine echte Chance.

Dann traf Karl-Heinz Riedle — einmal. Dann noch einmal. Zwei Mal Riedle, 2:0 zur Pause. Die Welt rieb sich die Augen. Juventus kam zurück, Ferrara traf zum 2:1. Aber der BVB wankte nicht. Und dann, in der 71. Minute, kam Lars Ricken von der Bank. Er war gerade einmal 20 Jahre alt. Ricken berührte den Ball das erste Mal nach seiner Einwechslung — und chippte ihn aus 16 Metern über den Torwart ins Netz. 3:1. Endstand. Borussia Dortmund, Champions-League-Sieger.

Was dieser Abend bedeutete, lässt sich in Worten kaum fassen. Es war nicht nur ein Pokal. Es war der Beweis, dass ein Verein aus dem Ruhrgebiet, mit Wurzeln in der Arbeiterklasse, mit einer Südtribüne, die rund 25.000 Stehplätze fasst und die lauteste Kulisse Europas erzeugt, ganz oben mithalten kann. Vielleicht sogar besser sein kann als alle anderen. Die Bilder von Fanfaren und weinenden Schals, von Riedel und Ricken, von Hitzfeld, der die Augen schloss — sie gehören zur DNA des Klubs wie die gelb-schwarzen Trikots selbst.

Klopp, das Double und was die Südtribüne bedeutet

Jahre vergingen. Der BVB kämpfte, strauchelte, stand am Rand des Ruins. Und dann kam Jürgen Klopp. Mit seiner Art, seiner Energie, seiner Überzeugung, dass Pressing schöner ist als Ballbesitz und Leidenschaft wichtiger als Systeme. In der Saison 2011/12 vollendete er ein Kunstwerk: den Double-Gewinn. Deutsche Meisterschaft und DFB-Pokal in einem Jahr. Der BVB war zurück — lauter und überzeugter als je zuvor.

In all diesen Jahrzehnten blieb eine Konstante: das Stadion. Heute Signal Iduna Park geheißen — bis 2005 das Westfalenstadion —, fasst es rund 81.365 Zuschauer. Die Südtribüne mit ihren 25.000 Stehplätzen ist die größte ihrer Art in Europa, und sie ist mehr als eine Kurve. Sie ist ein Manifest. Sie sagt: Hier sind Menschen, die nicht zuschauen. Sie sind Teil des Spiels. Wenn 25.000 Menschen gleichzeitig aufspringen, erzittert der Betonboden, und Gegner haben in diesem Moment schon verloren, bevor der Ball rollt.

Und das Revierderby gegen Schalke 04 aus Gelsenkirchen? Das ist noch einmal eine eigene Welt. Wenn BVB und Schalke aufeinandertreffen, hört der normale Fußball auf und etwas anderes beginnt — etwas Tieferes, Älteres, das mit Kohle und Klassen und Nachbarschaft zu tun hat und mit all dem, was eine Region zusammenhält oder auseinandertreibt. Kein Schiedsrichter der Welt kann dieses Spiel wirklich leiten. Es leitet sich selbst — aus 100 Jahren Geschichte, aus Zechenschichten und Sonntagsspielen, aus Familienstreits und Freundschaften, die an der Bordsteinkante enden, wo gelb-schwarz auf blau-weiß trifft.

Wer diese Geschichte kennt, versteht, warum dieses Magazin seit Jahren über diesen Verein schreibt. Nicht weil es glamourös ist. Sondern weil es wahr ist. Schwarz und Gelb — das ist mehr als eine Farbe. Das ist eine Haltung. Und solange die Südtribüne steht, wird diese Geschichte weitergeschrieben.