UNSER RÜCKBLICK 2012 (1)
Auch 2012 lassen wir Euch wie gewohnt zwischen Weihnachten und Neujahr an ihre letzten Redaktionsgespräch des Jahres teilhaben, das diesmal den Rückblick auf das Double und atemberaubende Spiele in Europa’s Königsklasse zum Inhalt hatte. Wie nicht anders gewohnt, haben wir uns auch in diesem Jahr gezielt verstärkt und wieder Kollegen aus dem journalistischen Umfeld des BVB zu uns eingeladen. Neben „Kirsche-Urgestein“ Bruno „Günna“ Knust, diskutieren in diesem Jahr die Journalisten Felix Meininghaus (u.a. Die Zeit, Tagesspiegel), Marcus Bark (u.a. ARD-Sportschau) und Heinz Büse (dpa) kräftig mit. Auch in diesem Jahr haben wir unsern Rückblick wieder in fünf Themenblöcke unterteilt: Sportliche Situation, Personelle Bestandsaufnahme, Umfeld, wirtschaftliche Situation, Fans und einem Ausblick auf 2013. Viel Spaß!
1. Sportliche Situation (1)
Holger: Zu einem Jahresrückblick wie ihre gehört naturgemäß auch das erste Halbjahr. Was wir schauen gerne zurück. Es gibt sicherlich Ursachen dafür, dass die Borussia ihre achte Schale in die Höhe stemmen konnte. Vereinsstrategie? Geschlossenheit? Fitness? Teamgeist? Individuelle Klasse? Spiel gegen den Ball? Spiel mit dem Ball? Schwächelnde Konkurrenz? Woran hat es Eurer Meinung nach gelegen, dass der BVB im ersten Halbjahr dem Rest der Liga erneut enteilt ist?
Felix Meininghaus: Die Antwort auf diese Frage ist relativ einfach: In dieser Reihenfolge: Vereinsstrategie, Geschlossenheit, Fitness, Teamgeist, Individuelle Klasse, Spiel gegen den Ball, Spiel mit dem Ball und die schwächelnde Konkurrenz. Es ist eine Mischung aus all diesen Faktoren. Dies ist eine Mannschaft mit riesigem Talent und noch mehr Ehrgeiz, die mit großem Bedacht zusammengestellt wurde und ihre Ziele mit größtmöglicher Leidenschaft verfolgt. Das klingt, als habe es ein Öffentlichkeitsarbeiter des BVB verfasst, ist aber so.
Bruno “Günna” Knust: Ja, exakt: Vereinsstrategie! Geschlossenheit! Fitness! Teamgeist! Individuelle Klasse! Genau in der Reihenfolge. Plus arrogante Bayern und die vielzitierte Galligkeit. Es war ein einzigartiges Gesamtkunstwerk aus meiner Sicht.
Marc: Auch wenn es der eine oder andere nicht gern hören wird: neben der mannschaftlichen Geschlossenheit und der individuellen Stärke der Dortmunder Akteure war die sensationelle Saison 2011/2012 auch der Schwäche der Konkurrenz zu verdanken. Nur wenige haben erwartet, dass die Bayern so sehr einbrechen – allerdings soll dies nicht den Erfolg des Dortmunder Durchmarsches zum zweiten Meistertitel in Folge schmälern. Wie stark die Bayern in dieser Saison sind, zeigt der derzeitige Vorsprung in der Tabelle.
Peter: Die Antwort hatte Uli Hoeneß eigentlich schon gegeben, der öffentlich sagte: „Herr Watzke macht einen prima Job und Michael Zorc ist nach anfänglichen Schwierigkeiten sehr gut in die Spur gekommen. Die entscheidende Figur aber ist Jürgen Klopp, der alles zusammenhält und auf sich fokussiert.“.
Ingo: Also ich glaube, es war eine Mischung aus mehreren Punkten. Zum einen lag es daran, dass die Dortmunder als Mannschaft perfekt funktioniert haben. War es am Anfang der Saison Barrios, der verletzt war, startete eben ein Lewandowski voll durch. War es Anfangs ein Sahin, der vermisst wurde, so hat Gündogan spätestens ab Ende der Rückrunde perfekt ins Team gepasst. Dazu kommt, dass die Mannschaft weiterhin 110 % motiviert war, 110 % das abgerufen hat, was der Trainer wollte und – sicherlich auch ein Stück weit – dass unser größter Konkurrent aus dem Süden etwas sehr Champions-League-fixiert war.
Uli: Sehe ich genau wie Ingo – die Mischung macht’s! Die Konkurrenz hat nicht geschwächelt, wir waren einfach bockstark. Die Mannschaft wollte an sich glauben und hat an sich geglaubt. Das hat sich ausgezahlt.
Andreas: Ich fand’ es klasse, wie genau exakt das den Unterschied ausgemacht hat. Uli, du hast nämlich Recht: Die haben in erster Linie daran geglaubt, während die anderen immer gehofft haben, dass der BVB doch einfach mal patzen muss.
Heinz Büse: In Sachen Spielsystem, Teamgeist und Fitness war die Borussia in diesem Jahr in der Bundesliga das Maß aller Dinge.
Marcus Bark: Es kommt von allem etwas dazu, aber ausschlaggebend war – wie schon in der Saison davor – das Defensivspiel. Pressing, Gegenpressing auf höchstem (nationalen) Niveau und das Umschaltspiel war deutlich besser als bei anderen Mannschaften. Individuelle Klasse muss selbstverständlich dazu kommen. Nur wegen einer besseren Taktik ist noch kein Verein deutscher Meister geworden. Herausragend war für mich im ersten Halbjahr 2012 – das wird vielleicht einige überraschen – Lukasz Piszczek. Wobei in dem Zusammenhang natürlich dann Jakub Blaszczykowski genannt werden muss.
Jens: Da war meines Erachtens eine Partie Glück dabei und ganz viel Können. Man kann auch gerne den berühmt-berüchtigten Fußballgott als Grund heranziehen. Aber ernsthaft: Die Abgänge, die der BVB zu verzeichnen hatte, sorgten nicht für eine – von den Gegnern erhoffte – Schwächung des BVB. Und dass es bei einem Mannschaftssport wie Fußball auch sinnvoll ist, als Mannschaft zu funktionieren, hat der BVB sehr gut gezeigt – im Gegensatz zu den Vereinen, bei denen man eher eine Ansammlung von Diven hat.
Marcus: Genau das ist der Punkt. Wer selber schon mal im Verein gegen den Ball getreten hat, weiß, dass es das A und O ist, wenn alle zusammenhalten. “11 Freunde sollt ihr sein” – und die 5 Euro zahl ich. Dazu hast du eben den emotionalen Klopp, der als Vorbild vorangeht.
Andy: Also wer mit 81 noch nie da gewesenen Punkten und gehörigem Abstand zur Konkurrenz Deutscher Meister geworden ist, der hat einfach alles richtig gemacht. Die Mannschaft hat eine Wahnsinns Leistung erbracht und das Glück, wenn es mal nötig war, erzwungen. Die Gründe, warum das erste Halbjahr so erfolgreich abgeschlossen wurde, liegen alle innerhalb der Mannschaft und sind nicht außerhalb zu suchen.
Marc: Rückblickend betrachtet war die vergangene Saison wirklich einfach nur märchenhaft in der Bundesliga. Ich bin seit 1990 ein Schwarzgelber und habe so eine Spielzeit bislang noch nicht erlebt.
Jasmin: Da bin ich ganz bei Marcus. „11 Freunde sollt ihr sein“. Genau das ist der Punkt. Man hat gemerkt, dass die Jungs nicht nur eine Mannschaft waren, sondern dass sie Freunde sind. Jeder war auf dem Platz für jeden da. Und das hat diese Stärke ausgemacht. Sobald nur einer aus der Reihe tanzt, ist schon eine Störung da. Eine solche Störung gab es im ersten Halbjahr nicht. Diese grandios erarbeiteten 81 Punkte kamen meiner Meinung nach durch den unerschütterlichen Zusammenhalt.
Jan: Anders als viele andere Teams hat Dortmund nicht nur individuell starke Spieler, sondern auch die Geschlossenheit. Das sind nicht einfach elf Stars, die eben auf dem Platz stehen, sondern ein Team, in dem jeder für den anderen rennt und das , was er kann, gibt, wenn es nötig ist. Keiner benimmt sich wie eine Diva, niemand beansprucht etwa einen Freistoß für sich oder zieht einfach aus “Torgeilheit” ab. Die Jungs spielen einfach gut zusammen und das macht ihnen und uns Spaß.
Kim: Die erste Jahreshälfte war ein Feuerwerk an Spiellust ohne Spielfrust. Die Champions League war aus den Köpfen und der Spaß stand im Vordergrund. An “11 Freunde” glaube ich seit Sammy Drechsel nicht mehr, Profis bleiben Profis. Kämpfern gehört der Fussballplatz, egal wie die anderen zaubern wollen. Nichtsdestotrotz hat die Mannschaft gezeigt, dass sie konstant gute bis sehr gute Leistungen abrufen können. Das Geilste war der Pass durch die Beine von “Schweini” im DFB-Poklafinale – wirklich echte Sahne.
Holger: Wenn wir uns die zahlreich eingestellten Bestmarken anschauen, 81 Punkte, 80 geschossene Tore etc. – kann man sagen, dass das Jahr 2012 das qualitativ beste in der Vereinsgeschichte war?
Felix Meininghaus: Es ist schwer, die Erfolge der Vergangenheit mit den heutigen zu vergleichen. Der historische Europapokal-Sieg von ‘66, der Champions-League-Triumph ‘97, die erste Meisterschaft ‘56, die einmalige Tat der Wiederholung im Jahr darauf in gleicher Besetzung, der Pokalsieg ‘89 nach so langer Zeit des darbens. Welcher Erfolg wiegt am schwersten? Ich halte das für eine müßige Diskussion. Fest steht für mich als Freund des Fußballs und als Journalist: Nie agierte eine Dortmunder Mannschaft mitreißender als die in den letzten beiden Jahren.
Heinz Büse: Ich sage auch ja. Und zwar nicht nur wegen der vielen Punkte und Tore. Ich glaube nicht, dass es schon einmal eine BVB-Mannschaft gegeben hat, die ähnlich begeisternden Fußball gespielt hat.
Bruno “Günna” Knust: Wenn man die Ausbeute mit Strichliste führt, sicher. Von der Begeisterung und Spielweise her auf jeden Fall bestimmt die beste, die ich selber miterleben durfte. Viele ehemalige Spieler meinen das übrigens auch, so dass man die Qualität früherer, ebenfalls sehr erfolgreicher BVB-Mannschaften dadurch nicht schmälert.
Ingo: Zumindest ist es das beste Jahr, das ich persönlich als Fan miterleben durfte. Ich hatte das große Glück, eine Dauerkarte zu haben, ich war beim Revierderby auswärts dabei und beim Finale in Berlin. Und es war einfach ‘ne saugeile Zeit!
Jens: Definitiv. Jedenfalls bis zur Saison, wo das Triple möglich wird. Vielleicht sogar in diesem Jahr? Nein, natürlich glaube ich da nicht wirklich dran. Aber träumen darf man doch wohl…
Andy: Tut mir leid Jens, die Seifenblase ist bereits geplatzt. Aber ich denke auch, dass das Jahr 2012 von der sportlichen Leistung her das beste Jahr war, das wir als BVB-Fans miterleben durften.
Uli: Liegt doch auf der Hand. Allein schon durch die Art und Weise, durch den Fußball, den wir auf den Platz gezaubert haben und den andere jetzt kopieren.
Patrick: Vielleicht ist das über die Punkte und Titel hinaus der größte Indikator dafür, dass die letzten zwei Jahre nachhaltig, einmalig und so wertvoll sind, Uli: dass andere Vereine ihre Stil kopieren, ihre Arbeit als Vorbild nehmen und auf uns schauen. Vor ein paar Jahren war es noch genau andersherum. Wahnsinn! Dazu ist es kein Ergebnisfußball, sondern der von Klopp versprochene attraktive Fußball, bei dem jeder für den anderen läuft. Ich kann mir nix besseres vorstellen. Gerade in diesen Zeiten finde ich es überragend, dass in Dortmund seit dem Beginn der Ära Klopp eine Mannschaft gewachsen ist (und immer noch wächst), mit der man sich als Borusse 1909prozentig identifizieren kann.
Marcus: Eben genau deswegen sehe ich diese Saison auch als erfolgreichste. Die Basis wurde vor wenigen Jahren gelegt. Aber für mich ist sie die erfolgreichste. Nicht nur wegen der Punkte oder Tore – das ist eher für mich das Ergebnis -, sondern die Art und Weise war für mich einmalig.
Andreas: Wann ist Dortmund denn schon mal so überzeugend Meister geworden? Das erste Double – mit einem 5:2-Sieg im Pokalfinale gegen die deutsche “Übermannschaft”(!) Und der geile Fußball, den Uli gerade erwähnt hat. Ehrlich – da ist die Frage so was von überflüssig….
Peter: Im Sport ist es der BVB, der in Dortmund alles überstrahlt. Dass die Stadt ansonsten nicht gut aufgestellt ist, ist gewiss keine Binsenweisheit. Fast jeder Vierte gilt hier inzwischen als arm. In der Ruhrgebietsmetropole stieg die Armutsquote zwischen 2005 und 2011 auf insgesamt 23,5 Prozent. Das wollte ich nur mal erwähnt haben…
Jasmin: Zunächst einmal vielen Dank an Peter für die Statistik. Ob 2012 das qualitativ beste Jahr der Vereinsgeschichte war, mag ich gar nicht beurteilen. Ich bin nun seit 15 Jahren Borussin, erlebe die Borussia aber erst seit neun Jahren live. Ich glaube, es ist immer was anderes, wenn man alles live miterlebt. Anfang 2012 war für mich eine Achterbahn der Gefühle. „Schaffen wir es gerade tatsächlich, nochmals Meister zu werden???“. Parallel dazu die plötzlich aufgetauchten neuen „Fans“ im Block, die man am liebsten… Dann wurden wir Meister und ich hatte sogar noch dank meines Schwagers das große Glück, in Berlin dabei sein zu können, wo ich nach dem Spiel dann vollends heulend auf meinem Platz zusammengesackt bin. Das war eine großartige Erfahrung, die ich so schnell nicht vergessen werde.
Marcus Bark: Ist natürlich immer schwierig so etwas zu beurteilen. War Pele besser als Maradona? Kann ich nicht sagen, denn ich habe nur Maradona bewusst spielen sehen. Seitdem ich mich erinnern kann, war es das beste Jahr. Dahinter kommt in meiner Liste 1995.
Jan: Bisher mag es das beste Jahr in der Vereinsgeschichte sein – ich hoffe trotzdem, noch einmal ein besseres erleben zu dürfen. Bin da absolut positiv eingestellt!
Rutger: Nüchtern betrachtet war es wohl das erfolgreichste Jahr. Weder den sagenhaften Rekord in Sachen Bundesliga-Punkteausbeute, noch das Erringen von zwei Titeln in einer Saison (von Blödsinn wie dem Ligapokal abgesehen) konnte eine andere BVB-Elf bisher erreichen. Ich fand die Saison aber vor allem aus dem gleichen Grund geil, wie die vorangegangen Spielzeiten: Weil es zum einen tollen Fußball zu sehen gab und man zum anderen ein Team auf dem Feld hatte, das zu keinem Zeitpunkt die richtige Einstellung oder Leistungsbereitschaft vermissen ließ. Wer schon länger dabei ist, weiß ziemlich genau, dass das leider keine Selbstverständlichkeit ist. Versteht mich nicht falsch: Ich freue mich über jeden Titel, den ich mit Borussia feiern darf. Aber allein schon das gute Gefühl, das Stadion – im Zweifelsfall auch ohne drei gewonnene Punkte – mit dem Eindruck zu verlassen, dass die Mannschaft alles gegeben hat, macht mich glücklich. Besonders, wenn das nahezu jede Woche der Fall ist. Oder sogar zwei Mal pro Woche.
Holger: Ich glaube nicht unbedingt, dass Titel notwendig sind, um Liebe für den BVB zu empfinden. Rutger hat Recht. Stolz auf Borussia zu sein nach guten Spielen, das ist die Basis. Erfolgsunabhängig. Alles andere die Sahne oben drauf…
>> Teil 2 folgt am 2. Weihnachtstag.
Redaktion, Fotos: Archiv – 24.12.20121
