Borussia in Wembley, aber Real schnupperte am Wunder
Aus dem Santiago Bernabeu berichten
Holger W. Sitter und Christopher Neundorf
Borussia Dortmund, das wird schnell klar, nimmt in diesem Wettbewerb eine echte Sonderrolle ein. Diese wird deutlich, wenn man die internationale Erfahrung dieser Mannschaft im Verhältnis zu den drei anderen Halbfinalisten betrachtet: Während es Barcelona und Real auf 653 bzw. 524 Europapokalspiele bringen, weist München immer noch 450 auf. Der BVB kommt indes nur auf den Wert von 162 Partien. Das allein zeigt, was diese Mannschaft bis hier her – in dieses Stadion der großen Triumphe – geschafft hat. Es sind Dinge wie diese, die einem Redakteur eine Stunde vor dem Spiel auf seinem Platz einfallen, wenn man den Blick schweifen lässt in dieser tolle Arena. Man kann sich gar nicht oft genug kneifen um zu kapieren, dass ihre schwarzgelbe „Rasselbande“ – plus Kehli und „Herbergsvater“ Weide – ganz Europa bislang in einzigartiger Manier das Fürchten lehrt – und das mit weniger als einem Viertel des Etats von beispielsweise ihre heutigen Gegner.
Viel war spekuliert worden, was José Mourinho ausheckt und wie er es denn angehen will, um dieses von so vielen Madrilenen herbeigesehnte Wunder doch noch möglich zu machen. Erstes, erkennbares Zeichen beim Blick auf die Aufstellungen: Sami Khedira darf nach seiner durchwachsenen Leistung über die gesamte Distanz im „Derbi Madrileño“ auf der Bank Platz nehmen. Mourinho entscheidet sich für die offensivere Variante mit Luka Modric. Aufatmen bei allen BVB-Fans, denn Lukasz Piszczek stand auf seiner angestemmten Position im Team. „Hier wird von der ersten Minute an die Post abgeben, aber ich hab den großen Teil meines Jobs gemacht“, sagte der Borussen-Coach mit verschmitztem Lächeln noch kurz vor dem Spiel. Hatte er also erneut die perfekte Taktik parat, um Real hier den Schneid abzukaufen?
Der Stadionsprecher, das muss man zugeben, hatte seinen Job ebenfalls gut gemacht. Viermal blendete er das Team-Video ein, dreimal spielte er das Vereinslied Hala Madrid mit höchstem Pegelausschlag und so einiges mehr zum mitsingen. Auf den Videoleinwänden flimmerten derweil die Schwarzweiß-Bilder aus der ruhmreichen Historie und dieser beeindruckenden Animation konnte sich letztlich keiner entziehen.
Und sie starteten dann auch wie die Feuerwehr: In der 4. Minute hatte Higuain die erste vielversprechende Möglichkeit, dem Gastgebern diese frühe Führung zu bescheren, doch Weidenfeller hatte gut aufgepasst und klärte bravourös, aber Borussia war hinten nervös. Real, das war zu spüren, nutzte jede Gelegenheit, um abzuschließen. Etwaig aufkommende Ruppigkeiten begegnete Schiri Howard Webb mit stoischer Ruhe. Dann die Hiobsbotschaft. Mario Götze musste bereits nach 13 Minuten mit Verdacht auf Muskelfaserriss das Feld verlassen und Großkreutz kam. Borussia bemühte derweil weiterhin das Glück. Özil vergab völlig freistehend vor Weidenfeller ans Außennetz (14.). Immerhin, die erste Viertelstunde war schadlos überstanden, wenngleich Borussia noch längst nicht im Spiel war.
In der 24. Minute machte Sergio Ramos in einem Luftkampf klar, dass er seinen Trainer in Punkto „Aggressivität“ durchaus verstanden hatte und krachte mit Lewandowski zusammen. Zwei Zeigerumdrehungen später krümmte sich der Ausnahmestürmer ein weiteres Mal schmerzverzerrt am Boden. Jürgen Klopp sagte anschließend: Ich habe gedacht, dass Ramos mit Lewandowski machen konnte, was er wollte. Es hätte sieben gelbe Karten geben müssen, das haben sie mir grad gezeigt im TV“.
Der BVB arbeitete sich nun besser in dieses Spiel und auch nach 30 Minuten gab es keinen Namen eines Torschützen auf der Anzeigetafel zu lesen. Zweifellos hatte Real sein scharfes Anfangspulver schon etwas verbraten und die Klopp-Schützlinge sahen jetzt etwas besser, weil sicherer aus im Passspiel. Was aber als ein absolutes Ärgernis aufstieß, war das diese zeitverschleppende Verhalten von Roman Weidenfeller, dass ihm auch – als das Stadion schon außer sich war vor Wut – den gelben Karton einbrachte. Warum muss er das bloß immer so auf die Spitze treiben?
In der Nachspielzeit hatte dann „El Pistolero“ noch eine von Bender etwa 35 Meter vor dem Kasten verschuldete Gelegenheit mit einem ruhenden Ball, aber er verzog bemitleidenswert. Dann waren die ersten 45 Minuten zu Ende und ein erster Schritt getan.
Und Borussia kam gut aus der Kabine. Nach 50 Minuten hatte es der Gast in der Hand, das Stadion auf Normalmaß zu stutzen in Sachen Lautstärke: Reus schickte Lewandwski, der den Ball aus zwölf Metern wuchtig an die Unterkante der Latte knallte, von der die Kugel zurück ins Spielfeld fliegt. Was für ein Knaller des Polen, aber es bleibt beim 0:0. Im Estadio Bernabéu sind zu dieser Zeit nur die BVB-Fans zu hören. Reals Spieler und Fans wirken geschockt vom starken Dortmunder Auftritt.
„Mou“ hatte nun keine Geduld mehr mit der Ungefährlichkeit seiner Mannen und brachte mit Kaka und Benzema zwei frische Angreifer (57.) In der 61. Minute scheiterte allerdings Gündogan nach feinem Zuspiel von Reus an Lopez aus sechs Metern! Sowas kann man auch mal rein machen. In der 63. Minute köpfte Lewandowski einen Meter am Kasten vorbei. Was ein Chancenwucher! Dann durfte Xabi Alonso, bei dem nicht wenige erstaunt waren, dass der überhaupt auf dem Feld war hinunter und Sami Khedira kam (67.).
Nach 70 Minuten stand immer noch das 0:0 und so langsam kroch der Verdacht in die Köpfe, dass es konkret werden könnte mit der Finalteilnahme. Doch die Schwarzgelben nutzten die Chancen zu einem Matchball nicht.
Symptomatisch als Beleg dafür die riesige Torgelegenheit in der 76. Minute, doch Lewandowski verschoss auch die leichtfertig! Reus und Großkreutz spielten sich mit einem schönen Doppelpass durch Reals Defensive. Reus könnte es selber machen, legte dann aber quer auf Lewandowski, der zu lange zögerte und letztlich Essien anschoss. Borussia ging einfach zu fahrlässig mit ihren Chancen um, statt den Sack zu zumachen. Wenn ihnen überhaupt was vorzuwerfen war, dann das. Und wer sie vorne nicht macht, wird meist hinten bestraft.
Inzwischen waren 80 Minuten gespielt und Real rannte immer noch halbherzig wie durchsichtig nach vorn – meistens über Angel Di Maria, was aber in der Regel gut ausgebremst wurde. Doch dann passierte es doch noch, das nicht mehr für möglich gehaltene – und zwar aus dem Nichts. Eine scharfe Hereingabe findet den Franzosen Benzema und Schwupps, ist der Ball im Tor – noch sieben ellenlange Minuten. Wird Borussia jetzt nervös? Ja, sie wurden.
Zwei Minuten vor dem regulären Ende gelang Real tatsächlich doch noch das 2:0 durch Ramos, der das Leder unter die Latte drosch (88.). Jetzt war „Bernabeu“ ein Hexenkessel und die bange Frage lautete in dieser hitzigen Schlussphase: werden die Schwarzgelben die letzten Minuten unbeschadet überstehen, oder doch noch ausscheiden?
Fünf(!) Minuten Nachspielzeit wurden zu allem Überfluss angezeigt. Was ein Wahnsinn. Die Königlichen warfen jetzt alles nach vorn, selbst Keeper Diego Lopez begibt sich in die Mittelstürmer-Position, aber trotz größtmöglicher Brechstange, schaffen es die Hausherren nicht, den siegbringenden Treffer zu erzielen und ihren Traum mit Leben zu füllen. Als der souveräne Howard Webb in der 97. Minute abpfeift, fallen sich überglückliche Borussen in die Arme! Borussia verliert also erstmals ein Champions League-Spiel in dieser Saison, aber das kann sicher verschmerzt werden.
Interessantes gab es dann noch in der Pressekonferenz: Während ein enttäuschter José Mourinho einerseits alle Fragen nach seiner Zukunft abblockte, suchte er sich andererseits ein Ventil, das er schnell gefunden hatte. „Hummels hätte Rot sehen müssen, aber der Schiedsrichter dachte wohl, dann ist der Junge ja in Wembley gesperrt“, haderte der Portugiese mit dem Referee, dem er unterstellte, dass er heute „Mensch“ gewesen war, aber hätte „Schiedrichter sein müssen“ – und zwar in erster Linie. Jürgen Klopp hingegen gestand in der turbulenten Schlussphase ein, dass er dachte: „Wenn Gott will, kommen wir ins Finale“ und versuchte die Beeinflussungen des Unparteiischen von außen zu ignorieren. Er hat ihn wohl erhört, ihre Trainer.
Fakt ist: Borussia Dortmund steht im Endspiel! Und zwar völlig zu recht, denn der BVB war in der zweiten Hälfte die klar bessere Mannschaft. Real machte es durch zwei späte Treffer noch einmal richtig spannend, benötigte nur noch ein Tor, die Borussia hielt dem Druck am Ende stand und freut sich am 25. Mai auf das Endspiel in Wembley. Die Bayern können gegen Barca nachziehen und den „Showdown“ einleiten, der mutmaßlich viele elektrisieren wird..
Holger W. Sitter, Christopher Neundorf, Pal Delia (Fotos) – 01.05.2013
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