Lewandowskis Treffer lässt das Emirates erbeben – und den BVB siegen!

24. April 2012

Lewandowskis Treffer lässt das Emirates erbeben – und den BVB siegen!

Aus dem Emirates Stadium in London berichten
Holger Sitter, Julian Bräker und
Christopher Neundorf

Der zweite Teil der „Revanchetour“ des BVB für die verkorkste Champions League-Saison 2011/12 führte die Borussia nach dem Heimsieg gegen Olympique Marseille zum FC Arsenal ins Herz von London, bei dem man vor zwei Jahren noch eine bittere 1:2 Niederlage hatte einstecken müssen.

Aber, seit dem Auftritt des BVB im Emirates Stadium vor zwei Jahren hat sich viel getan: Schwarz-Gelb holte nach der Meisterschaft 2011 noch das Double 2012 und erreichte das Champions League Finale 2013 – Arsenal konnte in dieser Zeit auch im neunten Jahr hintereinander keine bedeutenden Erfolge verbuchen.

Trotzdem wurde den Gunners vor der Partie von allen Seiten – vor allem medial – die Favoritenrolle zugeschrieben. Der aktuelle Tabellenführer der Premier League agierte in den vergangenen Wochen zuweilen überragend und fertigte am vergangenen Wochenende Norwich City mit 4:1 ab. Arsene Wenger brachte in der Startelf mit Per Mertesacker und Mesut Özil zwei deutsche Nationalspieler, zudem gab es für den BVB ein Wiedersehen mit Tomas Rosicky, der ein starkes Spiel machen sollte.

Jürgen Klopp, wegen seiner Sperre von zwei Spielen noch einmal auf der Tribüne sitzend, brachte im Vergleich zum Spiel gegen Hannover 96 den wiedergenesenen Schmelzer für Durm, zudem Hummels und zunächst Kuba für Sokratis und Aubameyang in der Startelf.

Das Spiel begann von beiden Mannschaften eher verhalten – man war sich beiderseits der gegenseitigen Stärke bewusst. Die ersten Abschlüsse des BVB von Großkreutz und Hummels aus größerer Distanz verfehlten das Gehäuse von Wojciech Szczesny deutlich. Man konnte die ersten Versuche aber als eine Art erstes herantasten sehen, denn beim dritten Versuch hätte es fast geklingelt: Einen Ballverlust der „Gunners“ im Mittelfeld nahm Sahin in der 12. Minute dankbar auf, setzte den mitgelaufenen Reus in Szene, der seinen satten Schuss nur knapp am langen Eck vorbeisetzte.

Im Fußball gelten eigene Regeln, insofern waren beim BVB in London aller guten Dinge nicht drei sondern vier Torschüsse: Mit einer katastrophalen Zweikampfführung verlor Aaron Ramsey am eigenen Strafraum an Reus, der ihn zu Lewandowski grätschte. Dessen gedankenschneller Kurzpass auf Mkhitaryan wusste dieser problemlos aufzunehmen und freistehend aus 16 Metern am chancenlosen Szczesny trocken und humorlos zur nicht unverdienten Gästeführung ins Netz zu schießen.

Der Jubel im gut gefüllten Gästeblock war groß – zu selten waren in den vergangenen Jahren in der Champions League Erfolgserlebnisse bei Auswärtsspielen zu feiern. Den Jubel gab es übrigens auch bei den dem BVB zugetanen Journalisten – dies obwohl vor dem Spiel ein Ordner explizit darauf hinwies, dass Jubel im Pressebereich verboten sei, was bei Netradio-Sprecher Nobby Dickel erwartungsgemäß für großes Unverständnis sorgte. Konsequenzen blieben trotz ausgiebigen Jubels glücklicherweise aus, so dass das Netradio in gewohnter Frische weitersenden konnte.

Der wenig agile Gastgeber brauchte geschlagene 22 Minuten, um einen Ansatz von Gefahr vor das BVB-Tor zu bringen: Nach Foul von Hummels an der Strafraumlinie nahe der Grundlinie flankte Özil den Ball in die Mitte, doch Koscielny köpfte ihn dankenswerterweise über das Tor.

Arsenal wirkte in dieser Phase völlig von der Rolle. Einfache Pässe gingen zum Gegner und auch in der Offensive wollten sich kaum Ideen einstellen, so dass Zeljko Buvacseiner Mannschaft von der Außenlinie kaum Anweisungen geben musste, weil sie auch so den Gegner sicher bestimmte. Wie häufig in solchen Phasen hätte fast ein Geniestreich den bisherigen Spielverlauf in der 30. Minute Lügen gestraft: Nach Rosickys gefühlvollen Pass in den Strafraum scheiterte Wilshere aber am stark herausgeilten Weidenfeller, knickte jedoch dabei um und musste später passen.

Arsenal war nun bemüht, das Spiel ausgeglichener zu gestalten und hatte in der 38. Minute die große Gelegenheit, dies im Ergebnis widerzuspiegeln: einen Querschläger von Schmelzer nahm Rosicky volley ab und konnte damit Roman Weidenfeller überwinden – ein Glück, dass aber noch Mats Hummels auf der Torlinie stand und in höchster Not den Ball für seinen bereits geschlagenen Keeper klären konnte.

Nur zwei Minuten später wurde die offensive Phase Arsenals dann leider belohnt: Sagna wurde von Schmelle nur halbherzig angegriffen, flankte aus dem Halbfeld und sowohl Subotic als auch Weidenfeller gingen zum Ball. Dass Subotic aber diesen nur minimal traf, irritierte Weidenfeller offenbar so, dass er den Ball aus den aufnahmebereiten Armen abprallen ließ und so Giroud vor keine großen Probleme stellte den Ball im leeren Netz unterzubringen.

Shit happens möchte man sagen! Es sah lange nicht danach aus, als würde Arsenal überhaupt ins Spiel finden, insbesondere weil Özil im ersten Durchgang wiedermal sehr unscheinbar agierte. So war es eine unglückliche Co-Produktion von Subotic und Weidenfeller die die „Gunners“ zurück ins Spiel brachte.

Die erste Halbzeit endete genau so, wie sie begonnen hatte: Großkreutz setzte einen Schuss aus dem Halbfeld vorbei, bevor Jonas Eriksson aus Schweden vor 60.011 Zuschauern im ausverkauften Emirates Stadium zur Pause pfiff.

Ohne personelle Wechsel ging es in den zweiten Durchgang und trotzdem versuchte der BVB mit frischem Wind aus der Pause zu kommen und sofort wieder an die starke Vorstellung der ersten 30 Minuten anzuknüpfen.

Die Spielverlagerung in den ersten zwanzig Minuten des zweiten Durchganges führte zwar wieder zu einem optischen Übergewicht des BVB, aber eben nicht zu nennenswerten Torchancen. Zeljko Buvac sah daher Handlungsbedarf und wechselte für die letzten 25 Minuten gleich doppelt: Hofman und Aubameyang kamen für die stark abbauenden Mkhitaryan und Kuba.

Kurz zuvor hatte Ramsey den vermeintlichen Führungstreffer nach einer Ecke erzielt, doch bei Mertesackers Kopfballvorlage für Ramsey hatte Koscielny Hummels regelwidrig geblockt, so dass Jonas Eriksson zurecht abpfiff.

Der BVB drohte wieder dafür bestraft zu werden, aus der Überlegenheit zu Beginn der zweiten Hälfte nichts zählbares erzielt zu haben und hatte Glück, dass der Schuss des für Wilshere eingewechselten und wuseligen Carzorla nur an die außerste Ecke des Lattenkreuzes ging.

Zwischen Hoffen und Bangen ging der BVB in die Schlussviertelstunde, vermutlich wohl wissend dass Neapel zu diesem Zeitpunkt mit 2:0 in Marseille führte und so die Punkte vier, fünf und sechs einfahren sollte, was somit den Druck auf den BVB erhöhte. Aber es schien nur so!

Santi Carzorla erwies sich aus Arsene Wengers Sicht als Glücksgriff, stellte er die BVB-Abwehr doch nach seiner Einwechslung häufiger vor Probleme, sei es mit einem gerade noch geblockten Schussversuch oder einer Vorlage von Giroud, die Weidenfeller in höchster Not vor dem Spanier aufnehmen musste.

Effektivität war nicht immer ein Attribut, das man dem BVB zuschreiben konnte, doch in dieser Schlussphase sollte es diesmal Gold wert sein: In einer großen Druckphase des FC Arsenal war es das überragende Umschaltspiel des BVB, das schlussendlich zum Erfolg führte: Lewandowski(!) schnappte sich in einem Zweikampf gegen zwei gegenspieler den Ball, Sahin sah Aubameyang und der setzte zügig Kevin Großkreutz in Szene, der mit einer langen und klug getimten Flanke den angespurteten Lewandowski punktgenau erreichte. Der Goalgetter netzte unnachahmlich mit einem Volleyschuss ein, und feierte sofort mit seinen Teamkollegen in der Gästekurve – es war die 82. Spielminute und der erste Torschuss des BVB im zweiten Durchgang überhaupt! Ein Schuss, ein Tor – Borussia!

Mit der Einwechslung von Sokratis für Reus rührte Zeljko Buvac jetzt natürlich stabilen Beton an – wer könnte es ihm auch verdenken.Die Fans des FC Arsenal glaubten – in mittlerweile strömendem Regen – nicht mehr an einen Treffer ihrer Mannschaft und verließen in Scharen das Stadion – ähnliches hatten BVB-Fans beim Spiel gegen Malaga schon einmal bereut.

Dieses Mal wollte das Schicksal den BVB aber nicht mit einem Ausgleich in der letzten Minute analog der Partie bei Manchester City auf der Insel strafen – es blieb beim laut umjubelten 2:1 Sieg für Schwarz-Gelb bei der Wenger-Elf. Was musste man in den vergangenen Jahren in ähnlichen Partien wie in Marseille oder Manchester für bittere Niederlagen oder Unentschieden erleben – dieses Mal siegte der BVB mit ein wenig Glück und gnadenloser Effektivität!

Die Gruppe des BVB ist somit unfassbar ausgeglichen: Dortmund, Arsenal und Neapel haben jeweils sechs Zähler. Der BVB hat dabei aber den großen Vorteil, noch zu Hause gegen die beiden Konkurrenten zu spielen und mit dem Sieg bei Arsenal im direkten Vergleich zu führen. Marseille dürfte schon jetzt abgeschlagen sein.

Nun geht es am Samstag zum Derby – Schalkes 0:3-Heimniederlage gegen Chelsea zählt dort genauso wenig wie der Sieg des BVB bei Arsenal – es wird wie immer ein Kampf bis zur letzten Minute werden!

Holger Sitter, Julian Bräker u. Christopher Neundorf (Fotos), 22.10.2013