Aller schlechten Dinge wären drei!

1. Dezember 2015

Aller schlechten Dinge wären drei!

Es ist Derbyzeit. Die Zeit, in der die Runden durch den ohnehin aberwitzige Kapriolen schlagenden Fußballzirkus noch etwas schneller gelaufen werden. Abseits von beliebten Boulevardthemen wie der Gelsenkirchener Kraftmeierei vor der Saison, dem inkompetenten Geblubber von Heldt oder Tönnies, „Prince“ Boatengs erstem Derby gegen seinen erklärten Lieblingsverein oder Jürgen Klopps Tribünen-Siegesserie hat die Borussia nach zwei verlorenen „Müttern aller Derbys“ in Folge einiges wiedergutzumachen. Denn „wichtich is auf‘m Platz“. Sollte man meinen. Ist auch so. Aber an den anderen Themen kommt man eben nicht leicht vorbei.

Zu köstlich war zu Beginn der Spielzeit die Kombination aus den angriffslustigen Fehleinschätzungen eines Held („Mit Dortmund auf Augenhöhe“) oder eines Jones („Die Meisterschaft als Ziel“) und dem wochenlangen Komplettversagen von Königsblau. Während dieser Spaß leider vorerst vorbei ist – Gelsenkirchen hat sich mittlerweilerweile mehr schlecht als recht auf einen respektablen fünften Tabellenplatz hochgekämpft – bleiben die vor Dilettantismus und Selbstüberschätzung nur so strotzenden Stilblüten aus der Schalker Chefetage normalerweise ein verlässlicher Hinhörer.

Ruhe vor dem Sturm?

Vor Bundesliga-Revier-Derby Nr. 96 bleibt es jedoch (zumindest bis zur Verfassung dieses Vorberichts) verdächtig ruhig um Tönnies oder Heldt. Man scheint sich nach den Boomerang-Aussagen der letzten Zeit zurückzunehmen auf Schalke. Ständen die beiden im Verdacht, zu wissen, was das Wesentliche ist, könnte man glatt meinen, sie würden die Konzentration darauf forcieren. Auf der anderen Seite blickt auch der von Tönnies als „Hassprediger“ eingestufte Kevin Großkreutz bemerkenswert gelassen auf die anstehende Partie.

So bleiben denjenigen, denen die Konzentration aufs Wesentliche ohnehin fernliegt, wohl nur Boateng und Klopp. Ersterer, weil er sich wenige Tage vor seinem Engagement auf Schalke als BVB-Fan outete, letzterer, weil dessen Mannschaft in der Königsklasse ohne sein Coaching tolle Ergebnisse eingefahren hat.

Boateng bemüht sich zur Zeit vornehmlich um wortreiche und pathetische Beteuerungen, mit dem Wechsel Richtung Multifunktionsarena auch den Wechsel auf die dunkle Seite des Ruhrgebiets glaubhaft vollzogen zu haben: „Ich bin jetzt Schalker. Schalke ist meine neue Liebe. Der Kontakt zu den Fans ist intensiver. So einen Austausch liebe ich. Sie leben den Verein. Der Klub lädt mich mit Energie auf“, „Schalke ist der geilste Verein überhaupt. Für diese Fans gebe ich alles, bis ich nicht mehr stehen kann.“ Diesbezügliche Frotzeleien kann man sich fast sparen. Dieses bedeutungsschwangere und inhaltsleere Geschwaller spricht für sich. Sparen kann man sich eigentlich auch jeden bemüht humorigen Kommentar zur Dortmunder Champions League-Siegesserie ohne Chef-Trainer, findet doch zum einen die Spielvorbereitung nicht während der 90 Minuten auf der Bank statt und war dort zum anderen Klopps „Gehirn“ Buvac weiterhin zugegen.

Wichtich is auf’m Platz

Kommen wir also zurück zu „Wichtich is auf‘m Platz“: Während sich beim BVB die zuletzt äußerst löchrige Personaldecke nahezu von selbst flickt – bis auf die Langzeitverletzten Gündogan und Piszczek sind alle fit oder zumindest auf dem Weg dorthin – herrscht im Gelsenkirchener Lazarett weiter reger Betrieb. Mit Klaas-Jan Huntelaar und Marco Höger fallen gleich zwei der letzten vier Schalker Derby-Torschützen aus. Darüber hinaus ist Flügelflitzer Jefferson Farfan verletzt und Kevin „Come to the dark side – we have Veltins“ Boateng weiterhin angeschlagen (hat Knie).

Auf dem Papier ist das ein Vorteil für Schwarzgelb. Genau wie der Sieg in London bei gleichzeitiger Königsklassen-Heimpleite für die Knappen. Aber die Erfolge und Misserfolge der Teams unter der Woche spielen in einem Derby überhaupt keine Rolle.

„Leidenschaftliche Besessenheit“

Schon im Vorjahr musste der BVB schmerzlich feststellen, dass ein Derby eben nicht auf Papier gespielt wird. Dass es in einem Derby nicht zwangsläufig darauf ankommt, wer die besseren Einzelspieler ins Rennen schickt. Dass es beim Derby um bedingungslosen Willen, nimmermüden Einsatz und entschlossene Körpersprache geht – in den Worten von Jürgen Klopp: um „leidenschaftliche Besessenheit“. Und genau auf diesem Gebiet kaufte Königsblau dem damals amtierenden Deutschen Meister zuletzt zweimal auf ganzer Linie den Schneid ab.

Die Jubel-Zeitlupe von Benedikt Höwedes, mit der man nach dem letzten Derby extrem penetriert wurde, war nicht nur nervig, schmerzlich und irgendwie unförmig – sie war auch ein Bild, das einen Spieler zeigt, der das Thema „Derby“ verstanden hat. Die hängenden Schultern auf Dortmunder Seite konnten damit nicht im Geringsten konkurrieren.

Was wir wollen den Derbysieg!

Und weil das so weh tat, brauchen alle Borussen jetzt ein Erfolgserlebnis in der Turnhalle. Klopp weiß das. Und er sagt es auch: „Was wir haben in der Saison 32 Spiele und zwei Derbys. Die Doppel-Pleite der Vorsaison war für ihn ein „Schatten auf der Saison. (…) Es muss einfach ein hochintensives Spiel sein, in dem kein Ergebnis akzeptiert wird, bevor nicht abgepfiffen wird“

Hier spricht der Trainer die Sprache der Fans. Aber obwohl er der beste Trainer ist, den Borussia je hatte – für einen Dreier auf Schalke würden wir ihn auch noch ein Spiel auf die Tribüne setzen. Was wir wollen den Derbysieg! Denn aller schlechten Dinge wären drei!

FANINFOS
Die zuletzt arglose Schalker verprügelnde und beinahe Schalke boykottierende Polizei, die nach den Derby-Ausschreitungen vor genau einem Jahr wortreich das endgültige Ende des Abendlandes angekündigt hatte, ist laut Sprecher Johannes Schäfers vor dem Derby „entspannt“ und „gut vorbereitet“. Hoffentlich ist das tatsächlich so. Es wäre quasi eine Prämiere. Ein friedliches Derby wäre hingegen absolut keine Prämiere und muss auch diesmal das erklärte Ziel aller marginal Vernunftbegabten sein. Weil einige BVB-Fans mit falschen Prioritäten im Vorjahr stolz zeigen mussten, dass sie in der Lage sind, Pyrotechnik in die Turnhalle zu schmuggeln, ist allen Dortmundern das Mitführen jeglicher nennenswerter Fanutensilien untersagt. Die kompletten Faninfos findet ihr auf der offiziellen Seite von Borussia.

Rutger Koch, 24.10.2013, Karikatur: Arnd Hawlina, Fotos: Gib mich DIE KIRSCHE-Archiv