Welchen Weg geht der BVB auf dem Rasen?
Die neue „Pressing-Maschine“
Die Basis des Erfolges soll wie immer in der Ära Klopp das Spiel gegen den Ball sein. Diesem ging in der vergangenen Spielzeit oft die allerletzte Griffigkeit ab, wenn es gegen kleinere Kaliber als Real Madrid oder Manchester City ging. Nun möchte Klopp nach eigenen Worten eine „neue Pressing-Maschine bauen“, um das Maximum aus der neuen Saison „rauspressen“ zu können.
Die Voraussetzungen dafür sind gut: Mario Götze war zwar nicht schwach gegen den Ball, aber neben Robert Lewandowski einer der am wenigsten starken Akteure im Dortmunder Pressing. Die überragende Defensivqualität eines Shinji Kagawa konnte der abgewanderte Zehner nicht ersetzen. Henrikh Mkhitaryan ist hingegen auch in der Arbeit nach hinten ein außergewöhnlicher Spieler. Zudem machte Marco Reus vergangene Saison in dieser Hinsicht große Fortschritte und Pierre-Emerick Aubameyang legt in seinem Tempo oftmals enorm weite Wege zurück, wodurch er überraschende Balleroberungen erzielen kann. Außerdem wird vermutlich Ilkay Gündogan nun öfter seine großen Pressingqualitäten auf der Zehnerposition einbringen können.
Neben der verbesserten Personalsituation wirkt es bisher so, dass das Dortmunder Trainerteam an einem dynamischeren Pressingsystem arbeitet. Das zuweilen vorhersehbare Leiten der gegnerischen Angriffe zum Flügel wurde in einigen Phasen der Testspiele aufgelockert und flexibler interpretiert. Einige Male positionierten sich Dortmunds Flügelspieler etwas breiter, sodass der Gegner sein Spiel eher in die Halbräume eröffnete, wo er dann von mehreren Seiten umstellt und attackiert wurde. Auch untereinander formierten sich die vier Offensivspieler variabler: Das 4-2-3-1 ging nicht nur in die übliche 4-4-2-Ordnung über, sondern auch in 4-2-1-3- oder 4-2-4-0-artige Verschiebungen.
Stabilere Flügelverteidigung?
Während das Pressing in vorderster Linie insgesamt etwas risikoreicher und aggressiver wirkte, erscheint die Strafraumverteidigung bisher zurückhaltender als gewohnt, aber ebenfalls etwas variabler.
So rücken die ballfernen Flügelspieler nicht mehr konstant weit in die Mittelfeldreihe ein, sondern orientieren sich je nach Situation etwas stärker an ihren gegnerischen Außenverteidigern. Falls diese sehr weit aufrückten, entstanden sogar einige Male Fünferketten in der Abwehr durch das Zurückfallen des Flügelspielers. Diese leichte Mannorientierung auf Außen brachte vergangene Saison bereits im 4-3-3 Stabilität (beispielsweise in beiden Spielen gegen Manchester City), da die oftmals gefährlichen Verlagerungen auf den aufrückenden Außenverteidiger besser verteidigt werden können. Nun soll dieses Rezept wohl flexibel auf das 4-2-3-1 übertragen werden.
Durch diese Veränderung wird der BVB allerdings potentiell unkompakt in den ballfernen Halbräumen – hier ist der Zehner gefragt, der diese Löcher in der Rückwärtsbewegung stopfen muss. Besonders Mkhitaryan ist mit seiner hervorragenden Antizipation stark in dieser Disziplin und könnte sich deshalb zu einem entscheidenden Zahnrad der neuen „Pressing-Maschine“ entwickeln.
Zusammen mit dem dynamischeren Pressing in vorderster Linie könnte es der Borussia dadurch gelingen, bei gegnerischem Aufbauspiel wieder mehr Überraschungsmomente und somit vielversprechendere Balleroberungen zu kreieren. Solche müssen in jedem Fall die Basis für das wichtige Konterspiel sein.
Fokus auf das Umschaltspiel
Durch die Erhöhung von Tempo und Direktheit, die Aubameyang und Mkhitaryan ins Dortmunder Spiel bringen, bieten sich auch neue Potentiale für das berüchtigte Umschaltspiel der Borussia. Mkhitaryan besticht vor allem durch annähernde Perfektion in Puncto Timing, Handlungsschnelligkeit und Positionierung, Aubameyang kann die Gegner mit seiner schieren Schnelligkeit überraschen.
Zudem können die Konterangriffe aus der flexibleren Positionierung gegen den Ball auch nach dem Ballgewinn mit mehr Überraschungseffekt ausgespielt werden. Bisher wirken die Dortmunder Konter noch überfallartiger als gewohnt. Davon könnten auch Hummels und Sahin profitieren, die ihre direkten langen Bälle öfter anbringen können, was ihnen in der vergangenen Saison nicht so oft möglich war.
Vertikaleres Passspiel, Gegenpressing und zweite Bälle
Diese Tendenz gilt auch wegen des eigenen Spielaufbau, der wieder stärker auf den Umschaltmoment ausgelegt ist. Götze war neben Gündogan der wichtigste Grundpfeiler für die sichere Ballzirkulation durch enge Räume, was die Basis für ein eher geduldiges Aufbauspiel mit hohem Kurzpass-Fokus bildete. Dieser Fokus scheint nun aufgelockert zu werden, die Pässe werden wieder im Stile der ersten Meistersaison riskanter ins offensive Mittelfeld und hinter die Abwehr gespielt.
Die vermehrten Ballverluste durch das vertikalere Spiel müssen vom Gegenpressing aufgefangen werden. In dieser Dortmunder Königsdisziplin will Klopp wieder konstant ans Maximum herankommen, wofür Mkhitaryan abermals eine entscheidende Rolle einnehmen könnte. Mit seiner tollen Antizipationsgabe positioniert er sich frühzeitig in den richtigen Räumen für die Ballverluste und Ballrückeroberungen. Zusammen mit der höheren Dynamik im Konterspiel kann der BVB vermutlich mehr offensive Gefahr nach Ballverlusten ausstrahlen – Klopps Ausspruch „Gegenpressing ist der beste Spielmacher“ wird im Spiel seiner Mannschaft plastisch. Mkhitaryans erstes BVB-Tor gegen Basel entstand beispielsweise aus einem Fehlpass von Sahin, den Bender anschließend zurückeroberte.
Diese Qualitäten sind auch bei zweiten Bällen entscheidend, die Mkhitaryan beinahe anzuziehen scheint. Wenn sich die Borussia mit langen Bällen aus dem gegnerischen Pressing befreien muss – wie zum Beispiel meistens gegen die Bayern -, dann gilt es die Abpraller zu antizipieren und sie möglichst schnell hinter die gegnerische Abwehrlinie weiterzuleiten. Durch das verbesserte Umschaltverhalten in beide Richtungen wirkte der BVB in dieser Disziplin bisher um einiges gefährlicher.
Das neue 4-3-3
Auch in Bezug auf die Formation zeigt Klopp neue Ambitionen: Das 4-3-3 soll als feste Alternative zum 4-2-3-1 etabliert werden. Beim Test gegen Luzern sah dieses System auch gegen den Ball stärker nach einem 4-3-3 oder 4-1-4-1 aus, weniger nach dem 4-5-1 mit flacher Fünferkette im Mittelfeld, welches letzte Saison meist verwendet wurde.
Mit diesem System hat der BVB eine Variante, die eine andere Balance bietet als das Standardsystem: Das 4-3-3 kann zurückhaltender und stabiler interpretiert werden (als 4-1-4-1 oder 4-5-1) oder in einem sehr risikoreichen Angriffspressing (mit Dreiersturm im Defensivspiel). Da drei Spieler der 4-2-3-1-Offensivreihe (Mkhitaryan, Gündogan und Blaszczykowski) auch die Achterposition im 4-3-3 besetzen können, bietet sich Klopp die Möglichkeit auch im laufenden Spiel das System zu wechseln, um den Rhythmus zu beeinflussen.
Das wurde schon einmal beim legendären Rückspiel gegen Malaga probiert, scheiterte damals aber an der Uneingespieltheit des Systems. Wenn das 4-3-3 fest einstudiert ist, kann der Dortmunder Coach strategischer eingreifen.
Viele Möglichkeiten in der Abwehr
Langfristig hat die Borussia mit dem neuen Kader auch mehr Möglichkeiten in der Abwehr, die um neue Spielertypen ergänzt wurde. Sokratis Papastathopoulos ist ein schnellerer Akteur als die bisherigen Innenverteidiger, weshalb er auch schon als Außenverteidiger auflief. Dieses Profil macht aus ihm einen optimalen „Halbverteidiger“ auf der äußeren Position einer Dreierkette. Auch der flinke Marian Sarr müsste solch eine Rolle spielen können und zeigte sich in den Testspielen enorm weit.
Zudem sind die Nachwuchsspieler Durm und Bandowski sehr offensivstarke Alternativen für die Außenverteidiger-Positionen, die beide auch schon als offensive Flügelspieler aufliefen. So wie Großkreutz, Blaszczykowski und Kirch sind sie daher passende Besetzungen für die Flügelläufer-Position in einem 3-5-2 oder 3-4-3-System.
Gut möglich also, dass Dortmunds Trainerteam perspektivisch auch an den Einsatz einer Dreierkette denkt. Dieses Experiment scheiterte zwar vergangene Saison im ersten Derby, war damals jedoch auch improvisiert und mit den falschen Spielertypen besetzt. Die neuen personellen Optionen könnten eine veränderte Kette zu einer überraschenden Variante machen.
Auch eine Fünferkette wäre möglich und sinnvoll, wenn ein Gegner beispielsweise in der Endphase des Spiels viele Akteure in die Spitze zieht (wie die TSG Hoffenheim oder Real Madrid vergangene Saison). Mit Schmelzers Fähigkeiten als lauffreudiger, aber vor allem defensivstarker Akteur ist sogar eine Mischung aus Dreier- und Viererkette vorstellbar.
Optionen über Optionen
Alles in allem bildet der Dortmunder Kader eine tolle Basis für eine interessante und erfolgreiche Saison. Spannend ist die Tatsache, dass alle Positionen von unterschiedlichen Spielertypen besetzt werden können. Das war vergangene Rückrunde bereits ein Erfolgsrezept auf der Sechserposition, wo die vier unterschiedlichen Akteure in den Ligaspielen nach Situation und Profil des Gegners ausgewählt wurden. Gleiches ist nun in der Abwehr und im offensiven Mittelfeld möglich. Falls sich Schieber stabilisieren sollte, wäre auch im Sturm eine Rotation möglich.
Dass nicht nur die Besetzung der Positionen sondern auch die Interpretation des Systems und die Formation selber variiert werden können, macht aus dem BVB 2013/14 die anpassungsfähigste Borussia seit langer Zeit. Die Herausforderung ist nun, die richtige Abstimmung zu finden und möglichst gute Anpassungen vorzunehmen, ohne die Eingespieltheit langfristig zu schädigen. Ob die Schwarzgelben ihr Potential konstant abrufen können, wird sich „auf’m Platz“ zeigen.
- Martin Rafelt, 25.07.2013
Der Autor ist Mitglied des Reaktionsteams von www.spielverlagerung.de
