Offener Brief an alle Hopp-Gegner
Ob Andreas Beck und Torjäger Firminho bei diesem Verein verlängert haben, wen juckt das? Dass mit Oliver Baumann ein Klasse-Torwart zu dieser Mannschaft stoßen soll, die sich im Aufbau befindet, na und? Ob Markus Gisdol ein junger, sympathischer und interessanter Übungsleiter einer Elf ist, die nahezu Spektakel garantiert, wer will das schon wirklich wissen? Nein, wenn Hoffenheim kommt, dann kommt der gerade 74 Jahre alt gewordene Dietmar Hopp, Vorzeigeunternehmer im IT-Bereich, Milliardär, der zur Reizfigur der Bundesliga mutiert ist. „Seine“ TSG Hoppenheim hat eine saubere Karriere hingelegt, vom Dorfverein zur dante‘schen Vorhölle im deutschen Fußballhimmel . „Sie, Herr Hopp“, schrieben die Kollegen von schwatzgelb.de 2011 in einem offenen Brief, „…sind das Gesicht des Projekts Hoffenheim. Sie sind das Gesicht einer Entwicklung, die wir Fans ablehnen. Darum fokussieren sich Schmähgesänge auf Sie als Person.“ Und Dietmar Hopp, der in die tiefste Hölle Verdammte, fühlte sich im Gegenzug sogar bemüßigt, hilflos die Ehre seiner Mutter wieder herzustellen. – Beide Reaktionen sind so verständlich wie hilflos.
Heuschrecken und Suggar Daddies
Die Ökonomisierung auch der Fußballkultur schreitet voran. Drei aktuelle Beispiele: Der HSV will sich mitten im Abstiegskampf externen Geldgebern öffnen, Hertha BSC hat sich einer echten Heuschrecke verschrieben, der Private Equity Gesellschaft Kohlberg-Kravis-Roberts & Co. (KKR), und die Allianz bildet mit viel Kohle einen wichtigen Hosenträger der Lederhosen aus München. Der Einfluss der „Suggar Daddies“ nimmt nicht erst seit Abramowitsch bei Chelsea, Scheich Mansour bin Sajid bei Manchester und Quatar Investment bei Paris Saint Germain zu. Auch die DFL, UEFA und FIFA kassieren für den Verkauf des Fußballtafelsilbers. In Deutschland gibt es noch(!) die 50+1-Regelung, nach der ein Verein in einer Aktien- und/oder Kapitalgesellschaft mindestens immer 50% + eine Stimme halten muss, um vor einer freundlichen oder feindlichen Übernahme geschützt zu sein.
Zwei geduldete Ausnahmen gibt es hierzulande, den VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen, Hoffenheim gehört nicht dazu. Hintergrund ist die (in Finanz- und Kapitalkreisen höchst eigentümlich romantische) Annahme, dass die besondere regionale und historische Bindung beider Unternehmen eher eine standortbezogene Verpflichtung vermuten lassen und von daher auch höhere – nennen wir es – Sponsoringmaßnahmen zugestanden werden. Wobei zu bemerken ist, dass bekanntlich der VW-Konzern auch noch engste Verbindungen zu den Bayern pflegt…
Strategische Finanzpartnerschaften
Auf internationaler Ebene soll das sog. Financial Fair Play gelten, um eine Art Wettbewerbsgleichheit in einem Markt zu garantieren, der – siehe Bayern – mit immanenter Notwendigkeit zur Monopolisierung neigt. Da nicht anzunehmen ist, dass Unternehmen sich bei ihren Aktivitäten im Sportbereich (insbesondere in einem so massenattraktiven und profitablen Markt wie dem Fußball) keine Rendite versprechen, dürften die Inhalte der Verträge zwischen Unternehmen und Fußballclubs höchst interessant sein, insbesondere auch im Hinblick auf die Rolle des demnächst in Landsberg residierenden Paten. Jedenfalls: Man spricht in solchen Fälle auch diplomatisch von „strategischen Partnerschaften“. Wobei die Möglichkeiten der sog. „großen Vereine“ in industriell trächtigen Regionen natürlich die jahrelange Aufbauarbeit, die etwa in Augsburg, Braunschweig, St. Pauli, Mainz, Freiburg usw. geleistet wird, ebenso in Frage stellt wie die Wettbewerbsgleichheit insgesamt. Von Sausebrausefirmen, die ihre Clubs wie Leipzig gleich selber gründen einmal ganz zu schweigen.
Derlei kratzt natürlich auch an den Werbebotschaften der Propagandisten der sog. „Freien Marktwirtschaft“, und zwar gewaltig. Aber solange es noch etwas zu verdienen gibt, solange sich die Zuschauer derlei bieten lassen, solange gehen Eventisierung und Kapitalisierung des Fußballs weiter.
Money talks
Die Frage ist immer, wie viel „Mitbestimmung“ ein Verein den Geldgebern zubilligt. Die Verträge der Bayern mit adidas und der Allianz gelten, ohne das Kleingedruckte zu kennen, als beispielhaft, weil sie keine Sperrminorität zulassen (sollen). Wie viel Hopp in Hoffenheim wirklich steckt, das kann nur gemutmaßt werden. Natürlich wünschen sich alle Vereinsstrategen sog. „stille Gesellschafter“ und „Mäzene“, wie etwa (Vorsicht Zynismus) Herrn Kühne beim HSV.
Was ist schlecht an einer Portokasse?
Insoweit könnte Mäzen Dietmar Hopp sogar als löbliche Ausnahme gepriesen werden. Er weiß sich sowohl dem Verein wie der Region verbunden, er erwartet tatsächlich keine Rendite, sondern will helfen den Kraichgau – und die TSG aufzubauen. Insoweit kann er selbstverständlich als Ausdruck (Money talks nicht nur, sondern schießt selbst Dorfvereine in die Bundesliga), aber zugleich als romantisches Gegengewicht gegen die herrschenden Tendenzen begriffen werden. Natürlich machte dieser Mann zuerst einmal seine Portokasse auf und kaufte Spieler wie Demba Ba, Eduardo, Gustavo, Ibisevic, Obasi oder Salihovic. 2008 stieg der Verein dann in die erste Liga auf. Fünf Jahre danach kämpfte er um seine Existenz; das dramatische Spiel gegen Schwarzgelb sicherte in letzter Minute den Verbleib im Oberhaus. Und nach der Episode mit dem schillernden Ralf, der inzwischen als „Sprudel-Bulle“ agiert, scheinen sich mittlerweile die TSG und ihr Mäzen, auf eine kontinuierliche Aufbauarbeit zu konzentrieren. Den bis dahin völlig unbekannten Markus Gisdol muss man im Haifischbecken Bundesliga erst einmal „ranlassen“. – Es ist sicher wohlfeil und einfach, wie Aki Watzke mal sagte, dass der BVB keinen „Hopp habe“. Das ist richtig. Aber was wäre denn wenn?
Hopp will gar nicht höher pinkeln
Dietmar Hopp ist das Gesicht der TSG. Na und? Hopp ist mitnichten jemand, der mal eben einen Club kauft, um auch auf publikumsträchtige Art und Weise nachzuweisen, dass er höher als andere Dagoberts pinkeln kann. Nein, er hat offenbar das Anliegen, mitzuhelfen, der Region, aus der er stammt (oft wird vergessen, dass er in Hoffenheim aufgewachsen ist), nach guter alter Spender-, Mäzenatenmanier „etwas zurückzuzahlen“. Auch fußballerisch. Seine enge Beziehung zu „seinem Verein“, zu „seiner Stadt“ hat durchaus etwas von „echter Liebe“ – und ist mindestens so ernst zu nehmen, wie seine Unterstützung der Aufarbeitung der Judenverfolgung in seinem Heimatdorf, den Aufbau einer der europaweit größten Stiftungen zur Unterstützung gemeinnütziger Aktivitäten im Rhein-Neckar-Raum (vergl. Wikipedia oder auch die Homepage der Hopp-Stiftung). Und hinter Hoffenheim steht inzwischen durchaus so etwas wie eine Fußballvereinsidee, ein nachhaltiges Konzept mit einer ebensolchen Nachwuchsarbeit – immer mit besonderem Blick auf die Region.
Und was nun?
Das Argument pro Hopp ist allerdings kein Argument für den real herrschenden Kapitalismus im Fußball. Im Gegenteil: Diejenigen, die dabei sind, den (deutschen) Fußball zu exekutieren, sitzen nicht in Hoffenheim, sie sitzen z.B. in Landsberg und München, um die finanziell so trächtige Kuh Fußball zu melken, bis sie endgültig zur Event-Shopping-Party-Cash-Cow verkommen ist – und krepiert.
PS.: Trotz aller Abgesänge: Derzeit schafft es der Fußball noch immer, uns unvergessliche Momente zu bescheren, wie z.B. am vergangenen Dienstag die Live-Übertragung von der Gründung des Projektes Bayern 0:4!
Michael Friederici – 02.05.2014
