Vor der Kür kommt immer die Pflicht
Sechs Spiele noch in der Bundesliga. Sechs Spiele bis zum Finale. Sechs Spiele bis zum Erreichen des großen Traumes.
Borussia Dortmund ist derzeit der Wanderer zwischen den emotionalen Fußball-Welten. Zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt fühlte sich das Wechselbad der Gefühle während der 93 Minuten im Heimspiel beim torreichen 4:4 gegen den VfB Stuttgart an. Und auch wenn neutrale Beobachter von einem der besten Fußballspiele der letzten Jahre geschwärmt haben: der Spitzenreiter hat zwei wichtige Punkte im Kampf um die Meisterschaft eingebüßt und musste den FC Bayern München bis auf drei Zähler in der Tabelle an sich heran kommen lassen.
Überhaupt Bayern München: während einige Medienvertreter den Blick bereits auf das Spiel des Ersten gegen den Zweiten am 11. April im Westfalenstadion richten, hält der 29. Spieltag noch eine anspruchsvolle Auswärtsaufgabe für die Schwarz-Gelben bereit. Denn bevor Borussia Dortmund die Kür am kommenden Mittwoch gegen den Branchenprimus bestreitet, steht der Deutsche Meister beim VfL Wolfsburg vor einer ernstzunehmenden Aufgabe. Und Trainer Jürgen Klopp merkte schon vor einigen Tagen mit Blick auf das Gipfeltreffen zur Wochenmitte an, dass es respektlos sei, die Wolfsburger auf die leichte Schulter zu nehmen. Und Klopp könnte durchaus recht behalten. Doch der Respekt ist beiderseitig.
„Jetzt haben wir den Deutschen Meister und Tabellenführer vor der Brust. Die Dortmunder sind das auswärtsstärkste Team der Liga, schießen auf fremden Plätzen die meisten Tore und lassen die wenigsten Gegentreffer zu. Da empfiehlt sich also Bodenhaftung“, richtete der 58-Jährige Chefcoach in seiner Kolumne auf der vereinseigenen VfL-Homepage den eigenen Fans aus. „Was wir werden schön auf dem Teppich bleiben, damit wir diesem enorm starken Gegner etwas entgegensetzen können.“
Magaths Millionäre – kein Verein hat in den vergangenen Jahren mehr Spieler verpflichtet und freigestellt als die Werkself aus Niedersachsen – haben in den letzten Spielen zurück in die Spur gefunden und sind ein mehr als ernstzunehmender Gegner. Am Sonntag wurde Hertha BSC mit 4:1 bezwungen und insbesondere ein Name sollte die Dortmunder Defensive aufhorchen lassen: Patrick Helmes. Der schlagzeilenträchtige Ex-Nationalstürmer, Ex-Kölner und Ex-Leverkusener wurde von Magath erst verpflichtet und dann verscheucht, ehe der Torjäger eine neue Chance bei den Grün-Weißen erhalten hat. Sein Dank für die Reaktivierung waren Tore am Fließband: sechs Tore in den vergangenen sechs Spielen sprechen eine deutliche Sprache und ließen sogar Bundestrainer Joachim Löw zuminest einmal aufhorchen.
Doch nicht nur bei Helmes läuft es derzeit prima. Der VfL Wolfsburg hat zuletzt vier Siege in Serie eingefahren und dabei Leverkusen, Nürnberg, Hamburg und eben jener Hertha drei Punkte abknöpfen können. Wird das Remis gegen Kaiserslautern hinzugerechnet, sind die Wölfe seit fünf Begegnungen ungeschlagen und haben dabei 13 Punkte verbuchen können. Als Tabellensechster der Heimtabelle sind die Dortmunder also gewarnt, zumal Wolfsburg als derzeit Neunter nur einen Punkt Rückstand auf Rang fünf aufweist. Auch der vierte Rang in der Rückrundentabelle macht deutlich, dass die Hausherren durchaus Ambitionen in Richtung Europa League – wobei Platz 7 würde ja reichen würde – proklamieren dürfen.
Seit Beginn der Spielzeit 1997/1998 gab es das Duell BVB gegen VfL in der Bundesliga und in diesen 29 Partien spricht die Statistik eindeutig für die Borussen. 16 Siegen stehen sieben Punkteteilungen und nur sechs Niederlagen bei 55:35 Toren gegenüber. Und auch in Wolfsburg hat der BVB oft eine gute Figur abgegeben. Die bisherigen 14 Begegnungen endeten sechsmal mit einem Sieg für die Angereisten, außerdem gab es viermal ein Remis und viermal einen dreifachen Punktverlust. Die letzte Niederlage gegen den VfL datiert mit 0:3 am 12. Mai 2009.
An das Hinspiel im Dortmunder Westfalenstadion werden die Borussen gute Erinnerungen haben. Anfang November 2011 war es die Gala von Shinji Kagawa und Mario Götze, die gemeinsam drei der fünf Tore beim souveränen 5:1-Sieg beigesteuert haben. Außerdem konnten sich noch Sven Bender und Robert Lewandowski in die Torschützenliste eintragen.
Sehen wir das Comeback von Mario Götze?
Apropos Götze: Möglicherweise kommt es in der Volkswagen-Metropole zum Comeback des Jahres. Mario Götze jedenfalls könnte erstmals seit dem 11. Dezember 2011 wieder im Kader des BVB stehen. Der Mittelfeldspieler hat nach der auskurierten Schambeinverletzung am Dienstag das erste Mal am Mannschaftstraining teilgenommen und wird im Meisterschafts-Endspurt sehnlichst zurück erwartet. Doch Trainer Jürgen Klopp bremste die Euphorie auf der Pressekonferenz am Gründonnerstag: „Was wir wollen nichts über das Knie brechen.“, ließ er eine Fahrt des Jungstars nach Niedersachsen offen. Möglich ist allerdings ebenso auch ein Kurzeinsatz Samstag (Anstoß 14 Uhr) im Heimspiel der zweiten Mannschaft gegen den 1. FC Köln (wir berichten).
Auch wenn Fußball-Deutschland schon heute voller Euphorie und Vorfreude auf das Treffen der Giganten, auf das Topspiel der beiden besten Mannschaften Deutschlands schaut: vor der Kür steht die Pflicht und der VfL Wolfsburg wird dem BVB am Samstag Nachmittag sicher eine Menge abverlangen.
Marc Höttemann, 06.04.2012
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