Völlig egal, wie das Finale ausgeht…

15. Juni 2013

Völlig egal, wie das Finale ausgeht…

Völlig egal, wie das Finale ausgeht – nach dem Jahrhundertsieg gegen Brasilien ist keine Steigerung möglich! Wie soll man ein Ereignis beschreiben, das es so noch nicht gegeben hat und das es vielleicht nie mehr geben wird?

Das 7:1 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Brasilien war ein Fußball-Wunder, ein Jahrhundert-Spiel. Ein epochales Ereignis – noch nie ist ein Gastgeber einer Weltmeisterschaft derart filetiert, blamiert, gedemütigt worden. Wahnsinn! Ein Stück Sportgeschichte.

Bei all meiner Begeisterung möchte ich relativierend sagen, dass ich kein Fan der Nationalmannschaft bin (weil zu meinem Fanverständnis mehr gehört, als die Nationalität, in die ich zufällig hineingeboren wurde). Bei internationalen Turnieren halte ich zu denen, die meiner Meinung nach den schönsten Fußball spielen, oder die das größte Engagement zeigen. Bei dieser WM waren Kolumbien, Chile, Mexiko oder Costa Rica solche Kandidaten, doch die sind leider raus.

Vor dem Halbfinale hatte ich die leise Hoffnung, dass Deutschland den Brasilianern mal zeigt, wo der Hammer hängt, auf gut Deutsch gesagt. Denn Brasilien, einst der Inbegriff für die Schönheit dieses Spiels, für die Leichtigkeit, auch für den Leichtsinn, über schöne Spielzüge das Ergebnis außer Acht zu lassen, ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Dieses Brasilien ist ein Mythos, gewichen einer gewöhnlichen Tretertruppe, die uninspirierten, leblosen Fußball abliefert.

Und mit unlauteren Mitteln operiert, zahllosen Fouls, Schauspielereien. Und dieses ewige Geflenne, wie nervtötend! Natürlich sind Emotionen wichtig, Sportler sind keine Maschinen. Und natürlich dürfen Männer in der Öffentlichkeit Gefühle zeigen und auch weinen – aber nur, wenn es von Herzen kommt und nicht wegen jedem kleinen Kinkerlitzchen.

Insofern war es mir ein inneres Sieben-Gänge-Menü, wie Deutschland dieses Brasilien von seinem selbsterrichteten Favoriten-Thron gestoßen hat. Und zwar völlig korrekt, hochverdient und ohne jeden Zweifel. Deutschland hat – zum ersten Mal bei dieser WM! – schön gespielt, zudem höchst effizient. Beeindruckend. Und eines der denkwürdigsten Fußball-Spiele aller Zeiten abgeliefert und etwas geschaffen, was wichtiger ist, als ein bloßer Turnierausgang: ein Spiel für die Ewigkeit, das niemand, der es gesehen hat, jemals vergessen wird. Dieses bleibt!

Insofern ist es herzlich egal, wie das Finale ausgeht. Mal angenommen, die Argentinier erreichen es mit einem weiteren 1:0 und gewinnen es gegen Deutschland mit einem zusätzlichen, öden 1:0. Oder der miese Schauspieler Robben fliegt mal wieder tief und schwalbt Holland in dieses Endspiel, das die Oranjes zu allem Überfluss gewinnen.

Worüber wird man dann reden, in einigen Jahren oder Jahrzehnten? Über den unverdienten Weltmeister Argentinien, den Schauspiel-Titelträger Holland oder über das triumphale 7:1 Deutschlands über Brasilien in einem Halbfinale, wie es die Fußball-Welt bis dato noch nicht gesehen hatte? Deswegen kann von mir aus Weltmeister werden, wer will – ich rahme mir das Spiel von Belo Horizonte ein und gebe ihm im Mausoleum meiner Erinnerungen einen Ehrenplatz. Dieses Spiel war DAS Ereignis der WM, es ist nicht zu toppen. Der Weltmeistertitel wäre wie eine leckere Nachspeise – zwar eine feine Sache, aber nicht unbedingt notwendig.

Uli Vonstein, 08.07.2014