UNSER RÜCKBLICK 2012 (3)
Dass der Verlust von Shinji Kagawa schwer wog, ahnten viele. Was aber nur wenige ahnen konnten war, dass „Heimkehrer“ Marco Reus sofort und ohne nennenswerte Anlaufschwierigkeiten seinen unheimlichen Wert für den Titelverteidiger unter Beweis stellen würde. Dennoch liegt der BVB am Ende der Hinrunde der Saison 2012/13 nahezu aussichtlos zurück im Rennen in Sachen Verteidigung der Meisterschaft. Doch da sind ja noch zwei weitere, interessante Wettbewerbe: DFB-Pokal und Champions League…
Sportliche Situation – Fortsetzung (3)
Holger: Total unnötige Niederlagen im Derby, in Hamburg und gegen Wolfsburg, ein torloses Remis gegen Stuttgart sowie leichtfertig verspielte Führungen gegen die Aufsteiger Frankfurt und Düsseldorf – man braucht wahrlich kein Rechenkünstler zu sein um festzustellen, dass sich der Rückstand auf den Tabellenführer nach Ende der Hinrunde erheblich geringer darstellen könnte. Deswegen aber jetzt in Panik zu verfallen, wäre absolut verkehrt, denn schließlich stehen noch 17 Spiele in der Rückrunde an, in denen man vieles noch korrigieren kann.
Rutger: Was einige dieser Spiele vielleicht gezeigt haben, ist, dass dem BVB auf einer oder zwei Positionen punktuelle Verstärkungen des Kaders gut tun würden. Aber wie gesagt, ich sehe es nicht dramatisch.
Patrick: Meiner Meinung nach gibt es da nichts wesentliches zu korrigieren. Schaut man sich die Halbserienbilanzen in der Ära Klopp an, so ist das abgelaufene Halbjahr mit 30 Punkten im konstanten Soll. Denn: in den bisherigen 09 Halbserien unter Klopp holte die Mannschaft jeweils 27-34 Punkte mit Ausnahme der zwei Ausreißer nach oben in der Hinrunde 2010/11 bzw. in der Rückrunde 2011/12. In dieser Zeit ist die Substanz stetig verbessert worden, so dass wir nun vielleicht tatsächlich ein paar Punkte mehr auf dem Konto haben könnten. Doch die Gala-Auftritte in der Champions League gleichen das für mich mehr als aus.
Marcus: So blöd das klingt, aber auch die Vorbereitung auf gewisse Spiele ist mit der inzwischen gewachsenen Zahl von Nationalspielern nicht zu unterschätzen. Die Mannschaft lebt von ihren Automatismen und dass alle mitziehen – füreinander.
Denise: Wessen tabellarischem Wunsch? Ich bin zufrieden mit der Hinrunde. Was wir stehen in allen drei Wettbewerben gut da, vorrausgesetzt natürlich, der BVB gewinnt sein Pokalspiel gegen Hannover. Das einzige, was mich wirklich ärgert, ist die Derbyniederlage. Ich möchte natürlich jedes Derby gewinnen, weiß selbstverständlich, dass das nicht immer klappt, ärgere mich aber einfach über die Art und Weise, wie man dieses hergeschenkt hat. Auf dem Rasen und ebenso auf den Rängen.
Kim: Die Bayern dürfen auf ihrem eigenen Planeten bleiben…
Jasmin: Was verdeutlicht denn die Wirklichkeit? Platz 3 und 30 Punkte. Negativ? Ganz bestimmt nicht. Es ist doch alles bestens. Selbstverständlich ärgern einzelne Spielergebnisse, die aufgrund bestimmter Spielweisen zustande gekommen sind. Trotz allem stehen wir aber auf einem guten Platz und sind, wie Patrick es schon gesagt hat, mit 30 Punkten voll im Soll. Was mich etwas irritiert, sind diese zwei unterschiedlichen Mannschaften in der Bundesliga und in der Champions League bzw. im DFB-Pokal. In der Bundesliga teils wirklich schwach und unkonzentriert, in der Champions League und im DFB-Pokal überragend. Ich bin ehrlich, ich habe nach zwei geholten Meistertiteln nicht damit gerechnet bzw. rechne auch nicht damit, dass wir einen solchen auch in dieser Saison holen. Deshalb finde ich es umso erfreulicher, dass wir momentan dort stehen, wo wir stehen. Trotz dieser teilweise echt krassen Auftritte wie gegen die Blauen.
Holger: Das Hammer-4:4 gegen Stuttgart, das für Bayern so demütigende Pokalfinale, die Doppel-Gala gegen die Königlichen aus Madrid – was war Dein persönliches Highlight dieses an Höhepunkten so reichen Jahres?
Rutger: Grundsätzlich ist es schön, Titel zu gewinnen und auch ein gutes Gefühl, Gelsenkirchen binnen einer Spielzeit in beiden Spielen zu schlagen. Die schönsten Momentaufnahmen waren für mich zum einen das 4:3 gegen Stuttgart (Unfassbarer Torjubel. Dass man danach wieder einen kassieren würde, konnte man ja nicht wissen) und zum anderen ihre Gesänge nach dem fünften Tor gegen die BUYern im Pokalfinale: “Was wir singen Schießbude Neuer!” Mit Stolz erfüllt hat mich darüber hinaus die beeindruckende Leistung in Manchester.
Peter: Kevin Großkreutz persönlich auf der Soester Allerheiligenkirmes zu treffen.
Denise: Jetzt bin ich aber schon ein wenig neidisch!
Felix Meininghaus: Schwierig. War es dieses unglaublich mitreißende Spiel gegen Stuttgart, als ich als aktuell arbeitender Journalist kämpfte und schließlich verzweifelte? Der Elfer von Robben und die Explosion danach? Nein, ich lege mich fest: Das Pokalfinale. Unvergesslich in seiner Mischung aus mitreißendem Fußball und emotionalem Ausnahmezustand vor, während und nach dem Spiel.
Ingo: Rückblickend war auch für mich das 4:4 schon das geilste Spiel – hab das mal in der Zusammenfassung im englischen TV gesehen – mit dem Schlusssatz: This is why we love this game. Recht hatte der Kollege – ansonsten war es einfach ein zauberhaftes Jahr 2012 – wo man sich quasi montags schon durch die Woche gehangelt hat mit dem Wissen “Geil! Am Wochenende spielt Dortmund wieder!”
Jens: An sich hat Ingo recht, dass das Stuttgart-Spiel schon toll war. Aber ich fand das Finale in Berlin, bei dem ich selber dabei war, dann doch irgendwie bedeutender. Und man darf nicht vergessen – der Aufstieg in die 3. Liga für Dortmunds zweite Mannschaft, mit der spontanen Aufstiegsfeier in Wuppertal, wird ein Ereignis bleiben, welches man immer schön in Erinnerung behalten wird.
Uli: Als Gesamtpaket war Berlin unschlagbar. Die geile Anfahrt mit den Kumpels, die Feierei in der Stadt, die Atmosphäre im Stadion und dann obendrauf dieses irre Spiel – was kann es denn Größeres geben? Zuhause war mein Lieblingsmoment, als Roman den Elfer von Robben hielt. Ich konnte nicht hinsehen, drehte mich um und starrte auf eine Wand aus Bierbäuchen. Ohrenbetäubendes Pfeifkonzert, einige Nanosekunden absolute Stille und anschließend ein tornadogleicher Jubelsturm, der mich sauber durch die Gegend wirbelte. Unvergesslich!
Marcus: …und wie Neven meine Gedanken von der Seele schreit. Tatsächlich ein extrem geiler Moment!
Andy: Eindeutig Berlin. Mit im Stadion dabei zu sein, als Vereinsgeschichte geschrieben wurde. Einfach unvergesslich. Da will man glatt Kinder kriegen, um es denen erzählen zu können.
Patrick: In diesem Jahr voller Höhepunkte ragten für mich persönlich die Pokal-Spiele heraus. Zumal ich ab dem Achtelfinale bei jedem Spiel im Stadion war. Von der Dramaturgie her am intensivsten war das Halbfinale in Fürth. Nachdem dort der ehemalige Schalker (Büchse oder so) auf der Trainerbank schon gedanklich beim Elfmeterschießen war, um dann einen mutmaßlich besseren Elferkiller einzuwechseln und dann ‘Illy’ Gündogan mit einem letzten Kraftakt in der Verlängerung den Ausgleich erzwungen hatte – das war Fußball pur. Kein fußballerischer Leckerbissen, aber intensiv und dramatisch. Daran, wie die Mannschaft hinterher gefeiert hat, konnte man sehr gut erkennen, dass sie tatsächlich den Pokal als ihren zentralen Saison-Wettbwerb annahm, so wie es der Trainer vor der Saison angekündigt hatte. Zum Pokalfinale hat Uli schon die treffenden Worte gewählt: ein märchenhaft schönes Fan- und Fußball-Erlebnis, das sich in meinem Inneren eingebrannt hat. Im zweiten Halbjahr gab es dann in der Champions League noch einige weitere Highlights. Den lustigsten Fan-Moment gab es für mich übrigens beim letzten Bundesliga-Auswärtsspiel der Double-Saison in Kaiserslautern. Als die ‘Roten Teufel’ den Torreigen eröffneten, schallte es von der Gästetribüne: ‘Was wir ham’ die Schnauze voll!’ Glücklich ist, wer in die Lage gebracht wird, dies ironisch skandieren zu können.
Jasmin: Das 4:4 gegen Stuttgart scheint einige echt gefesselt zu haben. An diesem Tag musste ich meine Dauerkarte aber abtreten, da ich siechend auf der Couch lag und kaum was vom Spiel mitbekommen habe… Für mich gibt es drei Highlights aus dem ersten Halbjahr 2012. Zum einen natürlich das 1:0 gegen Bayern München am 11. April. Eine echte Zitterpartie, Herzrasen inklusive, wo man dachte, man wird gleich ohnmächtig, als Robben und Roman sich bereit machten. Das letzte Spiel am 5. Mai. Nicht wegen der Übergabe der Meisterschale, sondern wegen der Fans des SC Freiburg. Wie die mitgefeiert haben, das war wirklich einmalig und das hat wirklich Spaß gemacht. Beim Feiern in der Innenstadt haben wir so viele Freiburger getroffen, die einfach nur mitgefeiert haben, einer Fanfreundschaft stand nichts mehr im Wege. Das dritte Highlight, ganz klar, am 12. Mai im Berliner Olympiastadion dabei gewesen zu sein.
Jan: Der schwarzgelbe Sturm, der da in Berlin über die Männer in rot und gold hinweggefegt ist, war schon ein sehr süßer – vor allem wenn man mit Freunden in der Kneipe sitzt und die Bayern-”Fans” gerade unter Gelächter und Gesang die Örtlichkeit verlassen… Aber die Ergebnisse in der Champions League waren einfach geiler. Das ist ein neues Level, damit hatte ich selbst nicht gerechnet, aber es ist eben nichts unmöglich mit dem BVB…
Heinz Büse: Meine Highlights waren ebenfalls das Pokalfinale, die erste Halbzeit in Madrid und vor allem das Spiel in Manchester. Die Partie beim englischen Meister hat mich total begeistert. Trotz des späten Ausgleichs – besser kann man auf diesem Niveau kaum kicken.
Marcus Bark: Ja, das Spiel bei Manchester City. Ein großartiges Spiel des BVB, der aber auch schon 0:2 zurückliegen kann, wenn es dumm läuft. Im Nachhinein wurde es dann ein äußerst glücklicher Punktgewinn für City. Bemerkenswert war das Spiel auch, weil bei den City-Fans zu spüren war, wie sie sich danach sehnen, eine solche Stimmung wie die BVB-Fans erzeugen zu können.
Marc: Also… es fällt mir sehr, sehr schwer, eine Begegnung aus der vergangenen Saison herauszupicken. Mein persönliches Highlight war das 1:0 in der Rückrunde gegen Bayern München. Insbesondere die Schlussphase mit den Protagonisten Arjen Robben, Neven Subotic und Elfmetertöter Roman Weidenfeller haben mich nachhaltig gefesselt.
Holger: Endlich erfolgreich in Europa. Wenn ja, wie hat sich der deutsche Fußball verändert?
Marcus Bark: Ich bin immer noch vorsichtig. Hinten sind die Schweine fett – wie Opa gesagt hat. In den K.o.-Runden werden sich die wahren Kräfteverhältnisse zeigen. Dass sich die Bundesliga in der Champions League nicht verstecken muss, hat die Gruppenphase gezeigt. Der BVB hat in Europa beeindruckt, das war auch nicht nur taktische Lobhudelei von Mourinho oder Ferguson. Aber diese Frage würde ich gerne nach dem Viertelfinale in beiden Wettbewerben noch einmal beantworten. Fakt ist: Der BVB hat gegen Real Madrid vier Punkte geholt, der VfB Stuttgart aber auch zweimal gegen Molde verloren.
Jens: Ich denke, die aktuelle Bilanz der deutschen und der bayerischen Klubs in Europa sieht sehr gut aus, denn alle Teams können dort überwintern. Ich denke, die Rahmenbedingungen der Bundesliga werden das zukünftig weiter befördern, denn irgendwann geht auch den Scheichs das Geld aus und ‘financial fair play’ wird seine Rolle haben.
Marcus: Dein Wort in Fußballgottes Ohr. Ich glaube der Fußball an sich hat sich wenig geändert. Es hat viele hungrige talentierte und sicherlich auch besser ausgebildete Fußballer – das hebt das Niveau enorm. Auch die taktische Disziplin und der moderne Fußball werden in Deutschland vorgelebt.
Bruno “Günna” Knust: Er ist schneller, effizienter aber auch ballsicherer und ballorientierter geworden. Speziell beim BVB sieht die aus deutscher Sicht neue Art vor, nicht nur nach vorne hin, sondern auch in Abwehrsituationen immer eine spielerische Lösung zu finden. Nicht mehr nur „imma feste druff und wenn wir schon nicht gewinnen, grätschen wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt!“. Einzig die Nationalmannschaft hat diese Schritte noch nicht ganz vollzogen, obwohl auch sie sehr attraktiv spielen kann, wie man mitunter erleben durfte. Aber wie bei der EM immer nur auf die Bayern setzen, ist keine erfolgversprechende Lösung, vor allem, wenn bessere und gierigere Spieler im Kader sind….
Uli: Borussia Dortmund hat mit wirklich famosen Auftritten astreine Werbung für diesen Verein gemacht und die beste Vorstellung aller deutschen Teilnehmer abgeliefert. Das erfüllt mich mit großer Freude. Die anderen sind mir egal.
Andreas: Naja, ich sehe das ein bisschen anders Uli. Je mehr deutsche Mannschaften da mitmischen, umso besser, vielleicht kannst du dann auch Champions League spielen, wenn du nur Vierter in der Liga wirst. Das finde ich schon gut. Und mal ehrlich: Die Blauen im Viertelfinale wegputzen, die Bayerm im Halbfinale und im Finale dann Barcelona schlagen – das finde ich durchaus erstrebenswert.
Heinz Büse: Unser Fußball ist vor allem deutlich schneller und effektiver geworden. Insbesondere was das Umschaltspiel anbetrifft. Die höheren Laufleistungen dokumentieren diesen Trend. Darüber hinaus gibt es in Deutschland mittlerweile immer mehr Profis, die auf höchstem Niveau mit der Kugel umgehen können. Die Zeiten, in denen Nationalteams wie Holland oder Italien technisch überlegen waren, sind vorbei.
Peter: Genau. Der Fußball ist vor allem schneller und – aus soziologischer Sicht – sehr viel wichtiger geworden. Eine Verletzung von Sebastian Kehl vor einem Champions League Spiel wird in den Büros im Ruhrgebiet inniger diskutiert, als die Gagen, die Peer Steinbrück für seine Reden einstreicht. In der Ära von Herbert Wehner und Willy Lippens war das noch anders herum.
Andy: Nach der Auslosung hatte ich mich damit abgefunden, dass selbst die Teilnahme an der Euro-League bereits als Erfolg gewertet werden kann. Dass wir dann am vorletzten Spieltag den Gruppensieg holen, war einfach nur traumhaft.
Marc: Abschließend kann man sagen: die deutschen Mannschaften schaffen es endlich, wieder dass sich das vernünftige wirtschaftliche Handeln auch auf dem Fußballplatz auszahlt. Ich bin der Meinung, dass sich nun nachhaltig die sportliche Rendite für das sorgfältige Wirtschaften in den Vereinen auszahlt.
Felix Meininghaus: Der deutsche Fußball hat im internationalen Vergleich seit Jahren solide gearbeitet und wird nun dafür belohnt. Er bietet die besten Stadien, die besten Zuschauerzahlen, die beste Infrastruktur und eine Fülle an großen Talenten, die wöchentlich in einem Umfeld gefordert werden, das mehr Konkurrenz bietet als jede andere Liga. Ich prognostiziere: Was wir derzeit erleben, ist erst der Anfang. Die Bundesliga steht vor einer außerordentlich erfolgreichen Epoche.
>> Im 4. und 5. Teil geht es um die „Personelle Bestandsaufnahme“
>> 1. Teil UNSER RÜCKBLICK
>> 2. Teil UNSER RÜCKBLICK
Redaktion, 28.12.2012
