UNSER RÜCKBLICK 2012 (2)
Borussia Dortmund blickt auf ein phantastisches Jahr zurück, dass mit dem Einzug ins Viertelfinale des DFB-Pokals per Kantersieg gegen Hannover 96 einen überaus harmonischen Ausklang fand. „Es konnte keinen besseren Abschluss geben für das großartigste Jahr, das ich erlebt habe“, fasste jedenfalls Jürgen Klopp das erlebte zusammen.
Gemeinsam mit Bruno „Günna“ Knust, Felix Meininghaus, Marcus Bark und Heinz Büse haben wir dieses Jahr Revue passieren lassen…
Sportliche Situation – Fortsetzung (2)
Holger: Nach einem optimal verlaufenen Trainingslager im Januar in La Manga startete der BVB furios mit einem 5:1-Kantersieg in Hamburg durch. Erstaunlich war dabei nicht so sehr das Ergebnis, sondern die Art und Weise, wie sich der Titelverteidiger mit Harmonie und Spielfreude zurückmeldete, oder?
Marcus Bark: Ja. Ich habe das Spiel zwar nur am TV gesehen, aber das war schon eine klare Ansage. Es zeigte vor allem, dass Mittelklasse-Mannschaften wie der HSV keine Chance gegen den BVB haben, wenn der „sein“ Spiel zeigt und auch noch gut aufgelegt ist. Daran hat sich seitdem auch nichts verändert.
Felix Meininghaus: Ja und nein: Einerseits war bekannt, zu was diese Mannschaft in der Lage ist, zudem war der HSV ein unglaublich schwacher Gegner. Das geriet allerdings wegen des fulminanten Sturmlaufs in den Hintergrund. Genau wie der Umstand, dass der BVB in der Schlussphase Schwächen offenbarte, die sich in den folgenden Spielen manifestieren sollten.
Peter: Dieses Spiel war aber vor allem einem blendend aufgelegten Shinji Kagawa zu verdanken.
Patrick: Nicht zu vergessen: Kevin Großkreutz und Kuba, für den das Spiel der Beginn einer für ihn persönlich herausragenden Rückrunde war.
Ingo: Für mich war es nur bedingt überraschend, weil ich ja die komplette Vorrunde dieser Mannschaft schon gesehen hatte. Und das hat sie in dieser Art und Weise ja schon in zig großen Teilen gespielt.
Andy: Gerechnet hatte ich damit nicht. Vielmehr hatte ich leichte Zweifel, ob das wirklich so weitergehen wird. Zum Glück zerschlugen sich meine Zweifel bereits nach dem ersten Spieltag 2012.
Marc: Sicherlich habe auch ich nicht auf einen solchen furiosen Auftakt gewettet. Dass unser BVB aber spielerische Stärke mit mannschaftlichem Zusammenhalt zu einer erfolgreichen Mischung verbinden kann, stand außer Frage.
Heinz Büse: Dieser furiose Start in die Rückrunde hat allen Beteiligten die Zweifel genommen, dass die Mannschaft – ähnlich wie in der Hinrunde – eine gewisse Anlaufzeit braucht. Die guten Erfahrungen haben übrigens Sportdirektor Zorc darin bestätigt, für das Wintertrainingslager in diesem Jahr wieder La Manga zu buchen…
Andreas: Ich hatte ebenso wenig Zweifel. Vor der Winterpause gab es immerhin ein 4:1 in Freiburg. Die Mannschaft hatte es schon vorher gezeigt, wie es geht. Das hat Ingo schon richtig erkannt.
Jan: Zweifel waren in dem Moment überhaupt gar nicht da. Ein Team spielt ja nicht sehr gut, geht dann in die Pause und kommt dann wie ausgetauscht wieder – es sei denn, es trägt blau-weiß…
Kim: Qualitativ war die Mannschaft durch das Pressing und die konsequente Jagd nach dem zweiten Ball immer vom Kopf her auf voller Höhe, da passte einfach kein Blatt zwischen das Team und den Trainer, die Umsetzung der Philosophie war jederzeit präsent.
Bruno “Günna” Knust: Meine Kumpels in Hamburg putzen mir übrigens aus tiefer Ehrfurcht und Respekt vor dem Auftritt der Borussen noch heute jedesmal die Schuhe, wenn ich zu Besuch da bin!
Holger: Als dann am 30. Spieltag, Mitte April, auf der Zielgeraden der FC Bayern München nach hartem Kampf und der nötigen Portion Glück des Spitzenreiters bezwungen wurde, war der Weg zum Titel frei. Hat der BVB tatsächlich zum Branchenprimus in der Gesamtsubstanz aufgeschlossen?
Marcus Bark: Zu dem Zeitpunkt Mitte April – ja. Dann aber hat der FC Bayern genau analysiert und 70 Millionen Euro in die Hand genommen, um sich in der Spitze breiter aufzustellen, wie Berti Vogts wohl sagen würde. Deshalb sind die Bayern in der Gesamtsubstanz wieder vorn.
Rutger: In der Gesamtsubstanz aufgeschlossen? Da gibt es nur eine sinnvolle Antwort. Und die lautet kurz und knapp: Nein!
Heinz Büse: Nicht ganz. Nur was die erste Elf betrifft ist die Borussia mindestens gleichwertig. Aber die Bayern haben eine stärkere Bank und deshalb insgesamt mehr Substanz.
Bruno “Günna” Knust: Völlig aufgeschlossen natürlich noch nicht, aber er sitzt ihnen im Nacken und macht jede Menge Druck. Und der Borussenstachel sitzt sehr tief. Was wir spielen den Fußball, den die Bayern gerne spielen würden, den sie aber aus Hochnäsigkeit und völlig anderen Spielertypen bzw. Bossen nicht hinbekommen. In Sachen lockerer, souveräner und sympathischer Außendarstellung können die Bayern inzwischen von uns lernen. Auf ihrer Bank, auch der Ersatzbank, haben sie allerdings noch mehr Kohle und andere Möglichkeiten
Felix Meininghaus: Sportlich aufgeschlossen hat Borussia auf alle Fälle – zumindest was die erste Elf betrifft, wie auch das 1:1 in dieser Saison in München gezeigt hat. Dahinter offenbart sich allerdings eine Lücke, die den unterschiedlichen finanziellen Möglichkeit geschuldet ist. Auf der Bank sind die Bayern einfach besser besetzt. Während 17,5 Millionen für Reus für den BVB einen Kraftakt bedeuteten, der in der Branche sehr aufmerksam registriert wurde, legen die Bayern mal locker 40 Millionen für Martinez hin – und setzen ihn erst einmal auf die Bank. Das ist der kleine aber feine Unterschied und daran wird sich nichts ändern, auch wenn der BVB näher an den Branchenprimus heranrückt.
Marc: Aufgeschlossen hat Dortmund in meinen Augen aber sicherlich zum Branchenprimus. Die Frage ist, wie groß der Abstand bis nach ganz oben ist. Schließlich bedeuten zwei Meistertitel in Folge sowie ein Pokalsieg nicht automatisch, dass wir uns mit den Bajuwaren auf eine Stufe stellen. Ich teile nicht die Meinung von Uli Hoeneß, dass die Münchener Jahrzehnte entfernt sind. Allerdings ist eine gewisse tabellarische Konstanz auf der deutschen und europäischen Bühne über mehrere Jahre hinweg erforderlich, um auf einem wirtschaftlichen UND sportlichen Duell auf Augenhöhe zu sprechen.
Uli: Unfug. Der Streber aus dem Süden hat aus Ärger über die sportliche Demütigung seinen Kader mal eben lustig für 70 Mille aufgemotzt. Nicht, dass ich das für erstrebenswert hielte – aber das zeigt schon die substanziellen Unterschiede zwischen denen und uns.
Marcus: Und genau da sieht man den Unterschied. Sie haben die Möglichkeiten, den Kader so anzupassen, wie es nötig ist. Spielerisch haben wir vorgelegt…
Patrick: Ich gebe Uli recht. Umso bemerkenswerter ist die Leistung, die der BVB in den letzten Jahren so konstant auf hohem Niveau abrufen und sich souverän durchsetzen konnte – trotz der “schlechteren” finanziellen Basis. Bleibt die Vereinsführung der bisherigen Philosophie treu, dann kann die Schere nicht nur finanziell, sondern auch durch fußballerische Entwicklung und Bindung etwas weiter zu gemacht werden.
Andreas: Ich denke auch, dass diese Unterschiede bestehen bleiben werden. Hier hängt aus meiner Sicht alles von Klopp ab. Sollte der mal weg gehen, dann kommt es zum Schwur, ob der Verein tatsächlich besser geworden ist.
Denise: Andreas, wobei sich mir bei deinen Worten sofort die Frage stellt: Was oder besser wer kommt nach Klopp? Ich kann mir den BVB ohne Kloppo zur Zeit nur schwer vorstellen und erinnere mich mit Grauen an Namen wie Doll, Krauss, Röber, Skibbe und Konsorten.
Ingo: Sagen wir es so, die Voraussetzungen dafür, in den nächsten Jahren regelmäßig neben den Bayern oder sogar auch vor ihnen zu stehen, sind durchaus da. Spannend wird es jetzt, wie die nächsten vier, fünf Jahre werden, wie werden wir uns verstärken, welche Spieler bleiben, welche gehen? Aber wir haben schon jetzt deutlich mehr richtig gemacht, als viele andere Vereine, die in den letzten Jahren mal oben standen.
Peter: Nur, wenn Bayern den Gazprom-Deal abschließt, der gerade kolportiert wird, wird es für Borussia Dortmund schwerer werden, den Anschluss zu finden. Zwar schießt Geld keine Tore, aber die Bayern sind ausgebufft genug, der Liga-Konkurrenz die lange Nase zu zeigen.
Jens: Ich dachte, der BVB wäre nur eine regional verankerte Mannschaft?
Andy: Ja, regional verankert, weil: nicht abgehoben. Lediglich die Leistung der Mannschaft lässt einen auf Wolke Sieben schweben. Das ist allerdings kein Grund dafür, größenwahnsinnig zu werden. Bayern meilenweit weg. Wer das Gegenteil behauptet, hat sich noch nicht ausgiebig genug mit den wirtschaftlichen und sportlichen Voraussetzungen des FC Hoeneß beschäftigt. Was wir tun gut daran, auf uns zu schauen und unser Ding durchzuziehen. Was der Verein jenseits des Weißwurst-Äquators macht, ist mir so ziemlich wurscht.
Jan: Wie Ingo schon sagt: spannend wird es sein zu sehen, wie es weiter geht. Was wir können die Bayern nur ärgern, wenn wir uns geschickt anstellen…
Jasmin: Ich sehe es wie Rutger: nein! Dafür haben andere Vereine, gerade, wie von meinen Vorrednern sofort angesprochen, der FC Bayern München, viel zu große finanzielle Möglichkeiten, sich jeden Wunsch zu erfüllen. Sportlich gesehen und von der Sympathie her, hat in den letzten Jahren aber eindeutig der BVB “gewonnen”. Aber was der FC Bayern München tut und tun kann, interessiert mich genauso wenig wie das, was ein nahegelegener blauer Verein tut. Ich schaue lieber auf uns. Und das, was wir bislang geschafft haben, freut mich und ich freue mich auch auf die nächsten Jahre.
Holger: Während der Rückrunde wurde bereits in Fachkreisen gemutmaßt, dass die Klubs künftig gegen den BVB erheblich früher verteidigen und läuferisch konsequenter Räume zustellen wollen, um das schnelle Umschaltspiel der Schwarzgelben zu unterbinden. Dazu kamen erstmals Abstimmungsdefizite in der Defensivabteilung, die eine erhebliche Diskrepanz zwischen tabellarischem Wunsch und der Wirklichkeit verdeutlichten…
Marcus Bark: Ich bin wahrlich kein Psychologe, aber wenn du zwei Mal hintereinander Meister geworden bist, ist ein leichter Spannungsabfall wohl das Normalste der Welt. Der Fokus wurde – das war in den Zwischentönen ja auch zu vernehmen – auf die Champions League gelegt. Das hat gut funktioniert. In der Liga mussten deshalb einige Abstriche gemacht werden. Auch deshalb, weil die „Gesamtsubstanz“ eben noch nicht so da ist. Schieber und Perisic sind (vielleicht noch) Ergänzungen, aber kein Ersatz.
Felix Meininghaus: Wohlwollend formuliert kann man sagen, das ist der Fluch der guten Tat. Andere Klubs orientieren sich am Dortmunder Spiel, und das hebt die Qualität. Das signifikante Beispiel war für mich das spektakuläre Unentschieden in Frankfurt, als der BVB mit 2:0 führte und sich dann vom fulminanten Umschaltspiel des Gegners überrollen ließ. Frankfurts Konter waren eine Wucht, die Eintracht war an diesem Abend der bessere BVB. Selbst die Bayern orientieren sich am Status Quo. Die „Süddeutsche Zeitung“ bezeichnete die Dortmunder neulich vor dem Gipfel als Original, die Bayern als Kopie. Sehr gut beobachtet, vordergründig ist das für den BVB ein dickes Lob, das allerdings nichts nützt, wenn die Kopie besser ist als das Original.
Heinz Büse: Dazu kommt, dass sich viele Gegner inzwischen einfach auch auf das Spielsystem der Borussia eingestellt haben . Torerfolge nach Balleroberungen werden deshalb seltener.
Bruno “Günna” Knust: Natürlich haben die anderen Teams ihre Hausaufgaben gemacht und den BVB total studiert, analysiert, seziert und dann teilweise auch kopiert. Damit musste gerechnet werden und aus meiner Sicht hat Borussia über kurz oder lang stets passende Antworten auf neue Fragestellungen gefunden.
Marc: Leider bestätigte sich diese Mutmaßung gleich in mehreren Spielen. Doch, wie Bruno ja zu Recht sagt, die Dortmunder Spieler haben unter Beweis gestellt, dass sie mit diesen Anforderungen umgehen können und sich entsprechende, andere Lösungswege während der Begegnung ausdenken, um die Berechenbarkeit für den Gegner zu widerlegen.
Holger: Naja, die zuletzt gesehenen Abwehrschwächen beim BVB jetzt mit „Ergebniskrise“ oder ähnlichem zu verharmlosen, ist sicherlich auch ’ne Möglichkeit, einige eher durchwachsene Hinrundenauftritte zu verniedlichen. Jürgen Klopp wollte zu Beginn der Saison da ja eigentlich nur noch ein paar Schräubchen justieren…
Peter: Gerade das 1:1-Spiel gegen Fortuna Düsseldorf hat ja gezeigt, wie leichtfertig die Jungs zwei Punkte aus der Hand geben können, indem sie ein Spiel auf weite Strecken nur verwalten und nicht offensiv mitbestimmen.
Uli: Das ist mir zu negativ. Was wir kamen von einem unglaublichen Level, haben die ganze Rückrunde nicht verloren. War doch klar, dass es so nicht weiter gehen wird. Klar haben wir Punkte abgegeben, aber das war selten zwingend.
Rutger: Ist auch mir zu negativ. Der Unterschied ist halt, dass es jetzt im Gegensatz zur vegangenen Rückrunde, die zum Double führte, wieder Luft nach oben gibt. Platz 3 in der Liga, dominanter Sieger in der unbestritten schwersten CL-Gruppe. Das geht schon voll auf in Ordnung. Da sollte man auch mit realistischen Erwartungen drangehen…
Andy: Ich sehe das auch so wie Rutger und Uli. Wer damit gerechnet hat, dass wir einfach bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag einfach so weitermachen, der war ein wenig naiv. Ärgerlich ist es zwar, dass wir so viele Punkte aufgrund einiger Unkonzentriertheiten haben liegen lassen, aber letztendlich können wir doch damit zufrieden sein, wo wir jetzt stehen.
Andreas: Es war schon im Spiel in Nürnberg so, dass die den “Aufbauspieler” Hummels manngedeckt haben. Die Mannschaften wissen, wie sie gegen Dortmund verteidigen müssen. Doch wir haben so viele Kreative dabei, da muss eigentlich immer was drin sein. Düsseldorf hat nur gezeigt, wie die Mannschaft spielt, wenn drei Kreative nicht dabei sind und man glaubt, den Gegner im Schongang schlagen zu können.
>> 1. Teil UNSER RÜCKBLICK
Redaktion, Weihnachten 2012
