BVB entscheidet dramatisches Topspiel für sich

24. April 2012

BVB entscheidet dramatisches Topspiel für sich

Aus dem Westfalenstadion berichten Fabian Vidacek und Christopher Neundorf

Im Spitzenspiel der Fußball-Bundesliga gewannen die Borussen gegen Bayern München mit 1-0. In der ersten Halbzeit hatte der BVB die klar besseren Chancen, ging dennoch nicht in Führung. In der 77. Minute sorgte Lewandowski mit seinem Hacken-Tor für die Entscheidung, weil Robben im Anschluss vom Elfmeterpunkt an Weidenfeller scheiterte.

Flutlicht-Atmosphäre, ausverkauftes Haus, beste Stimmung im ausverkauften Westfalenstadion. Besser hätten die Bedingungen für das Topspiel der Saison am heutigen 30. Spieltag nicht sein können. Der amtierende Meister gegen den Rekordmeister – würden die Bayern es schaffen, die Borussia in der Tabelle zu überholen oder würden die Dortmunder ihren Vorsprung sogar ausbauen können? Um kurz vor 22 Uhr hatte Fußball-Deutschland Gewissheit: Der BVB marschiert, keiner kann ihn halten – auch nicht die Bayern aus München!

„Ich glaube nicht, dass wir früh hoch führen“, hatte Mats Hummels vor dem Spiel prophezeit. Und genau so sollte es kommen. Die bestens gelaunten BVB-Fans auf den Rängen sahen ein intensives Fußballspiel, in dem die eigene Mannschaft es allerdings verpasste, trotz Überlegenheit vor der Pause wenigstens einmal zu treffen – die Chancen, sie waren da. So beispielsweise in der sechsten Minute: Kagawa passte im Sechzehner quer vor das Tor von Manuel Neuer, wo Kevin Großkreutz fast zur frühen Führung eingeschossen hätte. Doch den Schuss von Dortmunds Nummer 19 konnte Bayerns Torhüter mit einem Weltklasse-Reflex in allerletzter Not abwehren.

Schon früh merkte man im ausverkauften Westfalenstadion, dass das Dortmunder Publikum von Beginn an Ernst machte und jeden Ballbesitz des Gegners gehörig mit Pfiffen bestrafte. Stimmungstechnisch sollte es hier heute für die Bayern nix zu holen geben!

Erst nach 25 Minuten ergab sich die nächste große Möglichkeit, wieder für die Schwarzgelben. Kagawa setzte sich von der linken Strafraumkante nach innen durch, marschierte an drei Münchner Abwehrspielern vorbei und setzte dann zum Schuss an – abgeblockt! Glück für München. Von den Gästen war bis dahin noch nicht viel zu sehen. Robben & Co. versuchten zwar, den Ball möglichst in den eigenen Reihen zu halten, mussten die Kugel aber spätestens kurz vor‘m Dortmunder Strafraum an die zweikampfstarken Borussen abgeben. Toni Kroos sorgte für die erste gefährliche Szene der Bayern, sein Schuss aus etwa 20 Metern segelte jedoch knapp an Weidenfellers Kasten vorbei.

Als nächstes waren wieder die Borussen am Zug. Lewandowski platzierte in der 37. Minute einen Kopfball an den Pfosten – die Führung für die Gastgeber, sie wollte einfach nicht fallen. Der BVB hatte sich inzwischen ein klares Chancenplus erarbeitet, es aber versäumt, seine Möglichkeiten in Tore umzumünzen. Ob sich das noch rächen sollte? Bis zur Pause blieb es beim torlosen Unentschieden in einer sehr intensiv geführten Partie – an die Dramatik, die noch folgen sollte, hatte zu diesem Zeitpunkt wohl kaum einer gedacht.

Nachdem der Strafraum vor der Südtribüne von den Bananen für Manuel Neuer gesäubert worden war, konnte es auch endlich weitergehen. Der BVB spielte nun auf die geliebte Südtribüne und hatte auch gleich die erste Chance in Halbzeit Zwei. Die Flanke von der rechten Seite köpfte der kleine Kagawa mitten in die Arme vom Ex-Schalker Neuer. „Booorussia, Borussia BVB“ hallte es immer wieder durch das Stadion, und zehn Minuten nach Wiederanpfiff kam auch der erste Wechselgesang zwischen der Süd und den beiden Geraden zu Stande. Die Stimmung stimmte im Westfalenstadion! Das Ergebnis (noch) nicht…

In der 60. Minute spielten sich die Münchner zum ersten Mal so richtig gefährlich vor den Kasten von Roman Weidenfeller. Riberys Schuss aus spitzem Winkel landete am Außenpfosten. Die Bayern wurden etwas besser, das Publikum antwortete darauf mit vermehrten Pfiffen. Und die Schwarzgelben auf dem Rasen? Sie ließen sich nun zu tief in die eigene Hälfte drängen und störten den Gegner nicht mehr so früh wie in den ersten 45 Minuten. Mit Schweinsteiger, der inzwischen für Thomas Müller eingewechselt worden war, ließen die Gäste den Ball immer besser in den eigenen Reihen laufen, ohne sich dabei jedoch zwingende Torchancen herauszuspielen – die Dortmunder beschränkten sich Mitte der zweiten Hälfte darauf, mit schnellem Umschaltspiel nach vorne für Gefahr zu sorgen.

In der 74. Minute wechselte Jürgen Klopp aus, für Gündogan und Kagawa kamen Leitner und Perisic in die Partie. Noch 15 Minuten galt es zu absolvieren, ein intensives Spiel war es immer noch – aber würde auch ein Tor fallen? Die Antwort darauf gab Robert Lewandowski nur Minuten später. Den Schuss von Großkreutz nach einer Standardsituation spitzelte der Pole lässig ins gegnerische Tor, Robben hatte in dieser Situation das Abseits aufgehoben. Während Manuel Neuer nur noch mit ansehen konnte, wie der Ball über die Linie kullerte, brandete hinter ihm grenzenloser Jubel auf! 1-0 für Borussia, im Westfalenstadion gab es kein Halten mehr! Noch etwas über zehn Minuten zu spielen – schaffte der BVB den vierten Sieg in Folge gegen den Rekordmeister?

„Nein“, dachten sich vermutlich über 70.000 geschockte Schwarzgelbe auf den Rängen, als Schiedsrichter Kircher in der 85. Minute die Jubelorgie im Westfalenstadion jäh unterbrach und mit seiner Hand auf den Elfmeterpunkt zeigte. Arjen Robben kam am Dortmunder Fünfmeterraum an den Ball, Roman Weidenfeller stürmte hinaus und brachte den Niederländer zu Fall. So sah es jedenfalls Knut Kircher – die Fernsehbilder hingegen zeigten: Weidenfeller hatte zwar nicht den Ball berührt, aber auch nicht Arjen Robben gefoult. Der Bayernspieler war schlichtweg über seine eigenen Beine gestolpert. An der Schockstarre der Dortmund-Fans änderte dies nichts.

Der Gefoulte trat selbst an – und scheiterte mit einem schwachen Schuss an seinem Gegenüber! Wie schon wenige Minuten zuvor kannte der Jubel bei den schwarzgelben Anhängern keine Grenzen. War das denn zu fassen?

Noch gaben sich die Bayern nicht auf. Die Mannschaft von Jupp Heynckes stürmte jetzt nach vorne, zu verlieren hatte sie eh nichts mehr. Und noch einmal mussten alle Dortmunder die Luft anhalten: Nach einer Flanke beförderte Neven Subotic, der nach Robbens Fehlschuss voll Adrenalin auf den Niederländer zugestürmt war, den Ball per Kopf fast ins eigene Tor. Von der Latte prallte die Kugel zurück ins Feld, wo – wie kann es anders sein – Robben sie aus kurzer Distanz in den Nachthimmel drosch. So langsam mussten die Borussen ihr Glück aufgebraucht haben…

Auf der anderen Seite war es schließlich Lewandowski, der den Sack hätte zumachen können, doch sein Lupfer über Neuer klatschte an die Latte, Badstuber konnte danach klären. Die Riesenchance in der zweiten Minute der Nachspielzeit sollte gleichzeitig die letzte der Partie sein. Mit etwas Verspätung pfiff der Schiedsrichter zur Freude aller Schwarzgelben die Partie ab. Dortmund – Bayern: 1-0.

Der vierte Sieg in Folge gegen die Bayern, ein verdienter noch dazu. Für die Borussia folgen nun vier Endspiele um die Deutsche Meisterschaft, denn eines sollte jedem klar sein: Meister sind wir noch lange nicht. Zwölf Punkte sind in den letzten vier Spielen zu vergeben. Im Derby am Samstag können die ersten drei eingesackt werden. Mit einer Leistung wie heute eigentlich kein Problem, oder?

Fabian Vidacek, Christopher Neundorf (Fotos), 11.04.2012

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