Aubameyang sorgt für spürbare Entspannung

1. Dezember 2015

Aubameyang sorgt für spürbare Entspannung

Aus dem Westfalenstadion berichten
Holger W. Sitter
und
Christopher Neundorf

Ungeachtet der kniffligen Ausgangslage und ablenkender Begleitumstände setzte Borussen-Coach Jürgen Klopp nach drei Pflichtspielpleiten im Vorfeld auf den Psychologen Dr. Heiner Langenkamp und auf einen normalen und lockeren Umgang mit seinen Profis: „Ich werde nicht den Druck erhöhen, indem ich sage, davon hängt die ganze Saison ab. Was wir versuchen alles, um uns ein Endspiel in Marseille zu verschaffen, aber Fakt ist, wenn wir nicht zweimal gewinnen, wirds eher schwierig.“.

Knapp 72 Stunden sind seit dem medial hoch gehypten „Gigantenduell“ inzwischen vergangen und der BVB 09 e.V. hat seinen Präsidenten nahezu einstimmig im Amt bestätigt, die KGaA-Aktionäre haben ihre 10 Cent Dividende pro Aktie mit ähnlich hoher Beteiligungsquote beschlossen und Jürgen Klopp musste seine Abwehrformation zeitnah erneut mit Sven Bender umbauen: bei Borussia Dortmund ist das Leben unaufhaltsam weitergegangen nach dem deftigen Ergebnis-Tiefschlag vom Samstagabend. Da war kaum Zeit zum Durchatmen. Nun also Champions League, denn der eine Höhepunkt reiht sich punktgenau an den nächsten im Tagesgeschäft der Schwarzgelben.

Und dieser Dienstag hat es in sich, denn ausgerechnet ein italienisches Team schickte sich an, über Wohl und Wehe an der Strobelallee zu entscheiden. Doch der SSC Neapel trat mit Sorgen an, musste auf seinen umtriebigen Kapitän Marek Hamsik verzichten. Der slowakische Offensivspieler hatte bei der 0:1-Pleite in der Serie A (durch das 100. Tor von Antonio Cassano/Die Red.) gegen den FC Parma einen Schlag auf den linken Fuß erhalten und muss für das Duell gegen den deutschen Vizemeister definitiv passen. Ausgerechnet ein Foul seines uruguayischen Schwagers Walter Gargano hatte Hamsik außer Gefecht gesetzt, was nicht einer gewissen Tragik entbehrt.

Und die Elf von Trainer Rafael Benitez stand gewaltig unter Druck. In der Liga entfernen sich die Süditaliener immer weiter von der Spitze und haben nun als Tabellendritter bereits sechs Punkte Rückstand auf Meister Juventus, doch genügte ihnen im Westfalenstadion schon ein Punkt, um ins Achtelfinale einzuziehen. Dies galt es zu verhindern.

Kapitän Sebastian Kehl verlor die Seitenwahl und der BVB musste zuerst auf Süd spielen. Und Borussia tat sich von Beginn an erwartet schwer gegen die beiden Vierketten der Neapolitaner. Doch dann gab es die erste Ecke. Plötzlich ertönte ein Pfiff und der spanische Schiedsrichter Carlos Velasco Carballo zeigte auf den Elfmeterpunkt. Reus verlud Pepe Reina und vollstreckte souverän. Und schon gab es in der 10. Minute einen neuen Spielstand zur Freude aller im Stadion.

Mkhitaryan spielt nur vier Minuten später kurz vor dem Sechszehner einen tollen Pass rechts rüber auf Lewandowski. Der ist im Strafraum frei vor Reina, aber der Pole versemmelt doch tatsächlich das Ding. Wie hat er denn das geschafft? Eine hunderprozentige Chance wie gegen Bayern, die er einfach machen muss, und die er letzte Saison sicher auch noch gemacht hätte!

Und dann fällt fast das 1:1! Callejon war plötzlich nach Fehler von Durm frei in der rechten Strafraumhälfte, zieht ab, trifft aber nur den Pfosten. Was ein Glück für den BVB (29.). In der 35. Minute scheitert Lewandowski erneut frei vor Reina. Nach tollem Zuspiel bekommt Lewandowski vor dem Strafraum den Ball, zieht in den Sechszehner, Reina kommt raus und der Goalgetter ist wieder nicht in der Lage, den Keeper zu überlupfen, knallt einfach drauf und schießt den Torsteher an, der sich gar nicht dagegen wehren konnte. In der Zeitlupe konnte man später erkennen, dass er gar nicht das Tor fixiert hat beim Abschluss.

Kurz vor dem Halbzeitpfiff übertreffen sich Bender und Großkreutz gegenseitig mit stümperhaftem Abwehrversuch im Sechszehner, weil beide eher mit ihrer Körperkoordination als mit dem Ball beschäftigt sind, doch Pandev kann daraus kein Kapital schlagen. Hier merkt man die Unsicherheit des „Notpersonals“ gehörig. Der erlösende Abpfiff zur Pause beendet eine konfuse Schlussphase, in der Borussia drauf und dran war, das bisher recht ordentlich beherrschte Spiel aus der Hand zu geben.

Borussia kommt zu einem sensationellen zweiten Durchgang einer rassigen und gutklassigen Champions League-Partie unverändert aus der Kabine und die beste Kontermannschaft der Welt (Guardiola) spielt ihre Stärken immer öfter aus. So auch in der 53. Minute: Der bärenstarke Mkhitaryan geht rechts ab, zieht in die Mitte, legt klug ab für Blaszczykowski, der sofort vor dem Sechszehner nach links zu Reus, der schießt auch sofort, aber das war wieder ein recht kläglicher Abschluss!

Nach einer Stunde fällt dann endlich das erlösende 2:0 durch Jakub Blaszczykowski. Wieder ein Konter, Reus passt von links den Ball in die Mitte zum völlig freien Kuba und der schließt mit einem sauberen Tunnel gegen Reina ab. So ist Fußball. In der unmittelbaren Szene zuvor hatte Weidenfeller wenige Sekunden vorher in höchster Not gegen den frei auf ihn zulaufenden Higuain geklärt.

Raffa Benites wechselt sofort, bringt Inler für Dzemaili, also einen Schweizer für einen Schweizer – auch wenn beide gar nicht danach klingen (62.) – und Insigne (66.) für José Callejon. Aber die neuformierte BVB-Defensive macht in der zweiten Hälfte ohnehin einen sehr viel stabileren Eindruck. Auch Klopp wechselt, bringt den pfeilschnellen Aubameyang für den ausgelaugten Blaszczykowski (69.), was sich auszahlen sollte.

Aber zunächst der SCHOCK: Insigne gelingt aus dem Nichts das 2:1. Kehl verliert den Ball, Higuain passt gedankenschnell in den Sechszehner auf den eingewechselten Insigne, Bender sieht nicht gut aus und kommt zu spät, Weidenfeller kommt raus und versucht den Winkel zu verkürzen. Der Italiener schießt den Ball allerdings an ihm vorbei ins lange Eck. Doch die Gretchenfrage war (nach dem 0:2 von Robben am Samstag erneut): Musste Weidenfeller da wirklich aus dem Kasten kommen?

Aber sie reckten und streckten sich und spielten weiter. Aubameyang ist schnell und auf und davon nach tollem Lewy-Anspiel. Doch der eingewechselte Stürmer geht zwar auf und davon und ist alleine vor Reina, aber auch er scheitert grottenschwach am Napoli–Keeper (75.). Sorry, aber den muss man wirklich machen! Und was macht Aubame? Er lacht drüber…nur drei Minuten später strahlt er sogar übers ganze Gesicht, denn sein technisch sauberer Heber bedeutet das 3:1. Wiederum hatte Lewandowski ihn im letzten noch möglichen Augenblick angespielt, doch der Gabuner pfeift auf den spitzen Winkel und lupft das Leder toll über Reina hinweg ins Tor – die Entscheidung!

Reus geht runter und genießt den Beifall der Massen und Piszczek kommt für ihn unter tosendem Gebrüll ins Spiel (80.). Mkhitaryan nagelt vier Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit nach unwiderstehlichem Sololauf noch einen Schuss gegen den Außenpfosten und kurz drauf ist die Messe gelesen. Der BVB hat nun sein Endspiel in Marseille und wieder alle Karten in der Hand. So schnell beendet man herbeigeredete Krisen. Und wenn man beobachtet hat, wie Jürgen Klopp den Matchwinner Aubame und „Iron Man“ Bender (spielte offenbar mit gebrochener Nase durch) geherzt hat nach dem Spiel, kann man sich in etwa vorstellen, was für Emotionen in und um dieses Spiel herum herrschten…

Stimmen zum Spiel:

Jürgen Klopp: Es war relativ klar, dass es ein spektakuläres Spiel wird. Lewy macht ein sensationelles Spiel, lässt aber zwei Chancen liegen. Was wir haben aber hochverdient gewonnen, obwohl Nepael ein sehr schwerer Gegner war. Unsere Abwehr hat überragend gespielt, das war echt toll, aber auch notwendig.

Kevin Großkreutz: Was wir wollten was gut machen, für den Verein und auch für uns. Das ist uns sehr gut gelungen.

Roman Weidenfeller: Was wir haben im Moment einfach eine Phase, wo wir die Dinger vorn nicht so einfach reinmachen. Aber die Mannschaft ist willig und wird das wieder hinkriegen.

Holger W. Sitter, Christopher Neundorf (Fotos) – 26.11.2013

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