Zwei Worte zum fünfjährigen Jubiläum auf Borussias Trainerbank: Danke, Jürgen!
Am 23. Mai 2008 beginnt eine neue Zeitrechnung in der abwechslungsreichen Geschichte des Ballspielverein Borussia 09 e. V. Dortmund: Jürgen Klopp wird als neuer Trainer vorgestellt. Der Neue nimmt den ganzen Verein mit auf eine wilde Fahrt, die noch lange nicht beendet ist – kaum zu glauben, dass er schon fünf Jahre bei uns ist. DIE KIRSCHE zieht ein kleines Zwischenfazit.
„Glückwunsch zu Eurem neuen Trainer. Der passt super zum BVB“, mit diesen Worten prostet mir mein Freund Martin beim Feierabendbierchen zu, das wir uns an jenem Freitag genehmigen. Nett zu hören von einem Fan des 1. FC Köln. Als Skeptiker in Sachen BVB und in Trainerfragen seit der Ära Hitzfeld nicht mehr unbedingt vom Schicksal verwöhnt, sinniere ich über die passende Antwort. Nach dem zweiten oder dritten Glas lege ich mich fest: „Vordergründig passt das so gut, dass die Sache einen Haken haben muss.“ Nicht dass mir einer eingefallen wäre, aber ich lasse mich doch nicht einfach so zu Jubelarien hinreißen. Genau fünf Jahre später konstatiere ich gern: Es kann sich allenfalls um einen Phantom-Haken handeln, der irgendwo im Nirwana meiner damaligen Stimmung verankert war.
Als Jürgen Klopp als neuer Trainer in Dortmund der Öffentlichkeit präsentiert wird, sagt der 40-Jährige: „Ich freue mich sehr, dass ich hier bin. Es ist mir eine Ehre. Nun möchte ich helfen, dass der Verein wieder richtig in die Spur kommt.“ Was er nicht sagt, vielleicht ahnt er es selber nicht, dass es sich um die Überholspur handelt, auch wenn er verspricht, dass es künftig im Stadion „die ein oder andere Vollgasveranstaltung“ geben wird. Der Fußball von Borussia Dortmund solle einen „Wiedererkennungswert“ haben, so stellt er sich das vor. Im Interview mit ihre Magazin spricht er einige Monate später von „Änderungen, die man bemerken wird“.
Die Aufgabe, die der neue Trainer übernimmt, ist keine leichte. Der Verein ist sportlich bestenfalls Mittelmaß, auch wenn er mit etwas Losglück ins Pokalfinale eingezogen war und dank einer Niederlage gegen den Deutschen Meister aus München die Europapokal-Qualifikation erreicht hatte. Dennoch ist die Erwartung in Dortmund hoch, mit dem als „TV-Bundestrainer“ einem breiten Publikum bekannt gewordenen Charismatiker wieder an bessere Zeiten anknüpfen zu können.
Als Aktiver ist Klopp ein ordentlicher Zweitligakicker, der bei seinem Stammverein Mainz 05 in 325 Spielen (52 Tore) Kultstatus erlangt. Als Trainer der Mainzer ist er gar unsterblich, er führt den Klub nach zwei vergeblichen Anläufen und tränenreichen vierten Plätzen im dritten Versuch in die Bundesliga. Drei Jahre lang trumpfen sie mit erfrischendem Fußball auf, dürfen sogar im Europapokal ran (eine Runde, qualifiziert über die Fair-Play-Wertung), ehe es wieder runter geht. Sollte der Wiederaufstieg verpasst werden, würde er gehen, hatte Klopp vorher angekündigt. Sein Abschied nach 18 Jahren im Verein ist, man ist geneigt zu sagen „natürlich“, kein normaler: 15.000 FSV-Fans kommen zum Gutenbergplatz, um den Trainer zu verabschieden. Kaum einer, der nicht weint. „Alles was ich bin, habt ihr mich werden lassen“, sagt ein um Fassung ringender Kloppo unter Tränen mit brüchiger Stimme.
Angebote hat er einige, viele Vereine sind interessiert an dem Trainer, der so recht in keine Schublade passen will. Das führt allerdings dazu, dass der HSV ihn dann zum Beispiel doch nicht haben will – die feinen Herren vom ewigen Bundesligisten in der feinen Großstadt an der Alster sind irritiert als sie erfahren, dass dieser Mann ab und zu löchrige Jeans trägt, sich höchstens alle drei Tage rasiert und dazu auch noch gelegentlich raucht. Auch Leverkusen soll Interesse haben, Bayern München setzt mit bekannten Folgen auf einen anderen Jürgen K.. Der BVB hat Glück, Klopp geht nach Dortmund.
Er kommt nicht allein, mit ihm heuern seine Co-Trainer Peter Krawietz und Zeljko Buvac (siehe Interview) an der Strobelallee an. Zwei Männer, deren Wirken in der öffentlichen Wahrnehmung viel zu wenig geschätzt wird. Aber das gehört zum Gesamtpaket, die Aufmerksamkeit gilt Klopp. Ein Umstand, den stille Arbeiter zu schätzen wissen, die das Rampenlicht scheuen und eher als lästige Pflicht und notwendiges Übel erachten. Gemeinsam mit Sportmanager Michael Zorc, dem man sicher nicht zu nahe tritt, wenn man ihm exakt jene Vorliebe für ruhigeres Arbeiten im Verborgenen attestiert, krempeln sie den Verein gründlicher um, als es sich Experten hätten vorstellen können und Fans träumen lassen.
Der BVB verschreibt sich mit Haut und Haaren dem Neuen und setzt zum Beispiel bei der Dauerkarten-Kampagne ganz auf die Karte Klopp. Ein schlauer Schachzug, denn die Saisontickets gehen zu jener Zeit nicht wie heute von alleine weg. Dass für die Saison 2008/2009 stolze 49.300 Karten an den Mann gebracht werden, ist sicher auch den großen Plakaten mit dem netten Typ zu verdanken, die an der B1 und anderen Stellen prangen.
Im Verein weht ab sofort ein anderer Wind, das merken alle Beteiligten schnell. Kurz vor Saisonbeginn wird ohne großes Federlesen Mladen Petric verkauft, einer der wenigen Stars der Truppe. Man lässt ihn zum Hamburger SV ziehen, von dem im Gegenzug Mohamed Zidan nach Dortmund kommt. Viele Experten schütteln den Kopf, doch der für den BVB finanziell lukrative Coup geht auf. Zidan erarbeitet sich seinen Stellenwert in der Mannschaft, macht 29 Spiele und schießt sieben Tore. Auch andere Neuverpflichtungen schlagen prompt ein, wie der mit dem Trainerteam aus Mainz gekommene Innenverteidiger Neven Subotic. Oder der schon als Auslaufmodell geltende Patrick Owomoyela, der es auf 26 Spiele bringt. Zudem werden junge Spieler wie Marcel Schmelzer herangeführt.
Sie alle haben ihren Anteil daran, dass es wie versprochen „die ein oder andere Vollgasveranstaltung“ gibt. Die Saison startet vielversprechend mit einem 3:2-Sieg in Leverkusen, obwohl sich bei diesem Spiel Dede das Kreuzband reißt und lange fehlen wird. Zu den unvergessenen Höhepunkten nicht nur dieser Saison, sondern der jüngeren Vereinsgeschichte zählt das Revierderby am Spieltag zwischen drei und fünf. Vor eigenem Publikum wird der BVB über eine Stunde lang von den Blau-Weißen vorgeführt, niemand hätte mehr einen Pfifferling auf das Team gegeben, als Neven Subotic in der 67. Minute den vermeintlichen Ehrentreffer zum 1:3 erzielt. Doch der zur Halbzeit eingewechselte Alex Frei macht sein vielleicht bestes Spiel für den BVB, jagt in der 71. Minute aus 16 Metern eine Rakete in den Giebel des Schalker Tores und verwandelt kurz vor Schluss einen Elfer zum 3:3 – das Stadion tobt wie lange nicht.
Der BVB spielt eine beachtliche Saison, ab dem 25. Spieltag gelingt eine großartige Siegesserie von sieben Erfolgen am Stück. Dass es am Ende nicht zum erhofften Platz in der Euroleague reicht, liegt lediglich daran, dass der Mannschaft am letzten Spieltag beim Remis in Gladbach die Knie zu wackeln schienen, während der HSV durch ein irreguläres Tor – mindestens fünf Mann stehen dabei im Abseits – in Frankfurt gewinnt und auf dem letzten Meter an der Borussia vorbeizieht. Egal! Weniger grandios verlaufen die Pokalauftritte – international nach einem schlechten Heim- und einem tollen Auswärtsspiel das Aus gegen Udine in der Qualifikation. Und im Pokal der Klassiker: Auftaktsieg in Essen, mühsames 2:1 gegen Hertha in Runde zwei und das Aus zuhause gegen Bremen in Runde drei.
Die Spieler merken schnell, dass der Trainer sie besser macht. Manche jeden Tag, manche in kleinen Schritten. Andere schaffen es nicht, das Tempo mitzugehen. Sukzessive wird aussortiert. In die Jahre gekommene Haudegen (Kovac, Klimowicz) und Mitläufer (Rukavina) weichen, geholt werden entwicklungsfähige Spieler mit Potenzial.
Die Entwicklung des Teams nach Klopp’schen Vorstellungen zeigt, dass es keine Tabus gibt. 2009 muss Publikumsliebling Alex Frei den Verein verlassen. Der eigenwillige, bisweilen unbequeme Schweizer passt nicht ins Anforderungsprofil, zu unterentwickelt ist seine Bereitschaft, defensiv mitzuarbeiten. Bezeichnenderweise vollzieht sich der Abschied ohne böses Blut, auch wenn der Trainer und der Stürmer alles andere als ein Herz und eine Seele waren. „Sicherlich hat es die eine oder andere Diskussion zwischen Klopp und mir gegeben. Was wir waren nicht immer gleicher Meinung“, sagt Frei später. Aber: Man könne sich aber auch heute noch in die Augen schauen. „Ich habe ihn als Trainer und als Mensch schätzen gelernt“. Auch der beim Publikum für seinen nimmermüden Einsatz und seine offene, ehrliche Art beliebte Florian Kringe hat keinen Platz mehr in der neuen Borussia, er wird nach Berlin ausgeliehen.
In der zweiten Saison unter Klopp verbessert sich der BVB in der Liga auf einen guten fünften Platz – Europapokal! Zwei feine Serien – 6 Siege am Stück und 12 Spiele ohne Niederlagen – lassen erahnen, was da entsteht. Nicht ganz so geschmeidig läuft es im nationalen Pokalwettbewerb, die Borussia bringt wieder einmal eine Lachnummer zustande und scheitert in Runde drei am Drittligisten VfL Osnabrück. Dafür beweist der Verein auf dem Transfermarkt ein gutes Händchen, der für Frei geholte Lucas Barrios beispielsweise schlägt ein wie eine Granate. Aus der Jugend wird ein gewisser Mario Götze hochgezogen, aus Ahlen der Dortmunder Junge Kevin Großkreutz zurückgeholt. Ein Sven Bender kommt – alles Schüsse, die sitzen und sich schneller auszahlen, als selbst kühnste Optimisten dies erwartet hätten.
Klopp verpasst der Mannschaft einen ganz eigenen Stil, der die Gegner oft überfordert und den Spielern alles abverlangt. Die Zuschauer jedenfalls sind begeistert über die „Vollgasveranstaltungen“, die der BVB in Serie abzuliefern beginnt. Kaum vorstellbar, dass ich noch wenigen Jahren samstags beim Verlassen des Hauses gefragt haben soll: „Kannst Du mir sagen, warum ich da hinfahre und mir das antue?“ (Anm. d. Autors: Meine Frau konnte nicht, ich fuhr trotzdem) Die Mannschaft spielt nicht nur überaus attraktiven, sondern höchst erfolgreichen Fußball. Die Borussia „ist wieder wer“.
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Uli Vonstein, 23. Mai 2013
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