Werder: Noch nie passte der Begriff „Wundertüte“ besser

15. Juni 2013

Werder: Noch nie passte der Begriff „Wundertüte“ besser

Heute ist es endlich soweit, nach einer wenig befriedigenden Europameisterschaft öffnet die Fußball-Bundesliga endlich wieder ihre Pforten und wartet mit einem echten Klassiker auf: Borussia Dortmund gegen Werder Bremen, Klopp gegen Schaaf, Lewandowski gegen…, ja gegen wen eigentlich?

Gibt es derzeit einen Spieler im Bremer Kader, der auf Augenhöhe mit dem Polen genannt werden kann? Pizarro weg, Wiese weg, Marin weg, Naldo weg, im Prinzip sind alle weg und wenn es nach vielen Außenstehenden gehen würde, wäre Werder auch schon lange aus der Bundesliga weg, ehe sie noch in die Saison starten würden.

Die Namen im Bremer Kader sind derzeit zwar wirklich nicht von höchstem Renommee, doch genau darin liegt in diesem Jahr auch eine große Chance – neben dem wohl größten Wundertüten-Faktor aller Zeiten. Elf Spieler wurden abgegeben oder haben den Verein verlassen. Sei es nun um mit der TSG SAP jedes Jahr realistisch um die Krone in der Champions-League zu streiten, im bayerischen Ein-Mann-Sturm als Stürmer Nummer drei die Banknachbarn zu bespaßen, oder weil Felix Magath den unbedingten Drang einer Verpflichtung zeigte – ja man stand doch wirklich auf der 7.374 Namen umfassenden Liste und verpflichtet wurden auch wirklich nur die wichtigsten 695 Spieler… Aber wer will schon nachtragend sein?!

Spielte eine gute EM und wurde als bester Spieler der tschechischen Liga 2011/12 ausgezeichnet.

Mit Richard Strebinger, Raphael Wolf, Assani Lukimya-Mulongoti, Cimo Röcker, Theodor Gebre Selassie (Bild), Kevin de Bruyne, Levent Aycicek, Özcan Yildirim, Eljero Elia, Johannes Wurtz und Nils Petersen rückten elf neue nach. Auch bei Sokratis wurde die Kaufoption gezogen und mit Joseph Akpala steht seit gestern ein weiterer Neuzugang fest. So oft wurde an der Weser von Umbruch gesprochen, diesmal wurde er radikal vollzogen, wenn auch, wie bereits erwähnt, zu großen Teilen aus der Not geboren.

Und dann geht es auch noch direkt gegen den Deutschen Meister aus Dortmund los. Schon erstaunlich, wie schnell sich die Vorzeichen ändern können. Während Bremen vor gar nicht mal allzu langer Zeit ein Dauerabonnement auf die Champions League gepachtet hatte, dümpelte die Borussia noch im Niemandsland der Tabelle herum. Die letzten zwei Spielzeiten verdeutlichen ein umgekehrtes Bild. Während der BVB zwei Meisterschaften einheimste, beendete Bremen die Jahre auf den Plätzen Neun und 13 – der Status der grauen Maus scheint klammheimlich über die Weser einzubrechen.

Von Augenhöhe kann jedenfalls dieses Mal erst recht keine Rede sein, schließlich wurde der ohnehin schon sehr starke Dortmunder Kader zusätzlich noch durch Marco Reus aufgebessert – der war im letzten Jahr übrigens Deutschlands Fußballer des Jahres und viele wissen warum. Verzichten muss der BVB indes möglicherweise auf den lt. Kicker besten Linksverteidiger der Liga. Lukasz Piszczek setzte wegen einer leichten Zerrung in der Oberschenkelmuskulatur beim Training aus. Jürgen Klopp würde es für eine Nominierung reichen, wenn sich Piszczek erst am Spieltag zurückmeldet.

Aber auch bei Werder Bremen entsteht durch die neue Situation eine neue Chance, die man durchaus positiv bewerten kann. Auf das Pokal-Debakel gegen Münster möchte ich an dieser Stelle gar nicht näher eingehen, auch wenn es eklatante Abwehrschwächen und Probleme in der Chancenauswertung aufwies, möchte ich diesem Spiel nicht die größte Bedeutung beimessen. Die Abkehr von der Raute, die längst überfällig war sowie die Tatsache, keinen Allein-Unterhalter a la Pizarro mehr in den Reihen zu haben, können einen sehr positiven Effekt haben.

Viel mehr Spieler rücken somit in den Fokus und werden so immer wichtiger für das Team. Auch die Neuen scheinen einen frischen Wind an die Weser zu bringen. Die Kombination aus Elia und Arnautovic auf den Außenbahnen hat vor Jahren bereits in Enschede gut funktioniert. Wieso also nicht auch an der Weser?

Petersen hat immerhin in der zweiten Bundesliga seine Knipserqualitäten gezeigt und auch in der Vorbereitung war er ein ständiger Unruheherd in des Gegners Strafraum. Im Mittelfeld gibt es mit de Bruyne, Hunt, Junuzovic und Ekici, den man immer noch nichtabschreiben sollte gleich vier Spieler, die einen potentiellen Spielmacher geben können. In der Abwehr hat man mit Gebre Selassie einen Außenverteidiger verpflichtet, dessen Stärke vor allem die Vorstöße und präzise Flanken sind. Seit Ümit Davala und den Anfangsjahren von Fritz ein fast unbekanntes Phänomen an der Weser.

Immer wieder ist auch vom neuen Teamgeist die Rede und von der guten Stimmung, die in den letzten Jahren etwas abhanden gekommen war. Was sie bringt, wird man sehen. Weicht man von der eigenen Erwartungshaltung ab – Allofs hat immerhin wieder die Champions League-Plätze als mittelfristiges Ziel ausgegeben – so erwartet am Freitag kaum jemand einen Werder-Sieg, und doch können die Bremer bei dieser Partie nur gewinnen. Entweder das Spiel oder eben an Erfahrung, denn Dortmund ist gerade gewiss nicht der Maßstab, an dem sich die Mannschaft von Thomas Schaaf messen lassen muss.

Vielleicht gelingt eine Überraschung aber trotzdem bereits am Freitag, wo Thomas Schaaf alle Spieler zu Verfügung stehen, auch die angeschlagenen Elia und Arnautovic. Für den Rest der Saison kann dieses junge und neu formierte Team aber durchaus für Furore sorgen. Und man muss doch ehrlich gestehen, dass man selbst als neutraler Beobachter vor allem bei Werder sehr neugierig sein wird, wo der neue Weg hingehen wird – ich sage in die Europa League.

Giuseppe Cotrufo, 23.08.2012

Der Autor ist Projektleiter bei ihre Kölner Kooperationspartner Institut für Fankultur
und bekennender Fan von Werder Bremen.