Verliebt, verlobt – verzockt?

1. Dezember 2015

Verliebt, verlobt – verzockt?

Auf seiner Internetseite hatte der Deutsche Fußball-Bund 2013 Jungnationalspieler Gündogans Motto veröffentlicht: „Erfolg ist der Sieg der Einfälle über Zufälle.“ Ganz dieser Aussage folgend, bewegen Einfälle den gebürtigen Gelsenkirchner derzeit scheinbar wieder in eine Richtung, die sich die Handelnden beim BVB schon viel eher – bloß ohne die unnötig erzeugten Zwischengeräusche – gewünscht hätten.

Die Liste der Entschuldigungen wäre lang, sehr lang… denn eine nahezu ganzjährige Verletzungspause steckt man nicht eben mal so weg. Glücklich schätzen kann sich derjenige, dessen Arbeitgeber trotzdem Loyalität zeigt, den Arbeitsvertrag noch während der Verletzungsphase verlängert und auch nach der Genesung, trotz durchwachsener Leistungen des Arbeitnehmers, die Zusammenarbeit mit einem besser dotierten Arbeitsvertrag fortsetzen will.

Für jeden Ottonormalarbeitnehmer ein Märchen. Mit Kusshand nähme ein jeder von uns solche Angebote an. Leider ist das kein Märchen, sondern wirklich passiert – nur das Ende ist noch offen. Die Protagonisten? Ilkay G. und Borussia Dortmund. Und die neuen millionenschweren Angebote wurden seitens des Arbeitnehmers zuerst hinausgezögert, um sie dann abzulehnen. Wähnte man sich in Kreisen des FC Bayern bzw. des FC Barcelona besser aufgehoben? Die Verhandlungen mit diesen scheiterten, wie man unlängst erfahren durfte. Woran, bleibt der Gerüchteküche überlassen.

„Gündogan ist der bessere Schweinsteiger“ schrieb Oliver Fritsch im Februar 2013 und erntete viel Beifall für diesen Satz

So weit, so gut. Aber die Sache hat ein ziemliches „Geschmäckle“. Trotz vollmundiger Ankündigung beider Seiten, Ilkay G. würde den BVB definitiv im Sommer 2015 verlassen, befindet man sich anscheinend derzeit wieder auf „Schmusekurs“. Der eine will nun vielleicht, eventuell, mal schauen, bleiben. Die andere Seite konstatiert „sich annähernde“ Gespräche bezüglich einer Vertragsverlängerung. „Watt denn nu?“, fragt sich der gemeine BVB-Anhänger.

Sicherlich werden derzeit Ilkay G. und die Verantwortlichen des BVB mit ungewollten Ratschlägen überhäuft und dieser Kommentar reiht sich da sicherlich nahtlos ein. Der BVB sollte zu dem stehen, was er in der Öffentlichkeit sagt. Was wir sind nicht in der Politik, wo man seine Meinung mit dem Mainstream tagtäglich ändert. Wenn ein Dortmunder was sagt, dann ist das so und nicht anders…

Die Gründe, die dazu geführt haben, Ilkay G. kein weiteres Angebot zu machen, sollten den Fans mitgeteilt werden. Und ebenso auch die Gründe, die dazu geführt haben, jetzt erneut zu verhandeln. Sollte es nur am Geld gelegen haben, sagt es offen. Die Bringschuld liegt beim Spieler, nicht bei Euch. Ilkay G. hingegen sollte sich Gedanken machen. Nicht über Tuchels „spannenden“ Plan, sondern über den BVB an sich.

Der BVB ist kein daher gelaufener Wald- und Wiesenverein. Er ist Lebensart für unzählige Menschen, deren Wohl und Wehe davon abhängt, wie es diesem Verein täglich ergeht. Und die mit enorm großer Sensibilität wahrnehmen, wie man mit diesem Verein umgeht. Der Verein Borussia Dortmund hat Loyalität gezeigt; sollte der Vertrag tatsächlich verlängert werden, müsste sich Ilkay G. den liebevoll verliehenen Ehrentitel „Dortmunder Jung“ bei den Fans erst wieder hart erarbeiten. Und er sollte nicht vergessen, dass er nicht zuletzt Dank der Förderung des BVB‘ zum Nationalspieler für Deutschland wurde.

Ob jetzt 4,5 Mio. oder 6,5 Mio. Euro Jahresgehalt… oder noch mehr. Die meisten Menschen werden ihr ganzes Leben nicht so viel Geld durch ihre Hände Arbeit erwirtschaften können. G. ist privilegiert durch sein fußballerisches Können. Er muss sein Talent für den BVB und seine Anhängerschaft zeigen. Die bezahlen im Prinzip auch sein Gehalt – und in Dortmund will man „Malocher“ sehen. Der BVB darf verlieren, aber nur dann, wenn sich die Spieler in Zukunft mehr bewegen, als die Balljungen am Spielfeldrand. Apropos „Maloche“: Mit Gonzalo Castro hat der BVB bereits Ersatz für Ilkay G.s Position verpflichtet, der für seinen bisherigen Verein richtig „malocht“ hat. Zweitbester Vorbereiter der Liga, sagen die Statistiken! Und das will was heißen. Bei Ilkay G. fällt einem auf Anhieb spontan erstmal der haarsträubende Fehler vor dem 0:1 in Wolfsburg und die provokativ-pomadige Spielweise im Pokalfinale ein. Okay, das 0:1 in Fürth natürlich auch. Aber das war vorvorgestern!

Bitte nicht falsch verstehen: BVB-Fans sind nicht undankbar. Sebastian Kehl und Dede mögen als Beispiel herhalten. Diese beiden sind LEGENDEN! Und warum? Weil sie sich für den Verein und seine Anhänger bedingungslos eingebracht und nicht immer nach dem ganz großen Karrieresprung geschielt haben. Sie haben „Liebe“ zurückgegeben, weil sie diese in Unmengen erhalten haben. Sie waren LOYAL. Und mehr als das. Diese beiden haben nicht gezockt um mehr Geld. Im Gegenteil: Sie haben sogar verzichtet – unter anderem, um dem Verein in schwierigen Zeiten zu helfen. Haben neben und auf dem Spielfeld im wahrsten Sinne des Wortes ihren Kopf hingehalten.

Die Fans sind unendlich dankbar für die Leistungen, die Ilkay G. vor seiner Verletzung für sie alle erbracht hat. Dennoch ist er bei einem Großteil der Anhänger jetzt nahezu abgeschrieben. Der Grund? Gefühlte ILLOYALITÄT! Oder doch Geldgier und Selbstüberschätzung?

„Der Muri“ hat vor zwei Jahren Ilkay G. sogar einen eigenen Song gewidmet. Er sollte ihn sich nochmal anhören. Es wäre schön, wenn dieser Song in der nächsten Saison aktueller wäre, denn je. Und dann wäre Ilkay G. auch wieder ein „Dortmunder Jung“. Dortmunder können verzeihen – wenn sie wollen. Vielleicht klopfen dann auch wieder Barcelona oder München an, weil sich seine „Leistung“ auch wieder seinen Gehaltsvorstellungen angenähert hat.

Ernst Andersch, Fotos: Archiv – 23.06.2015