Schwarzgelb gegen Schwarzgeld – Volume 1
Für Vorzeige-Unternehmer und Polit Talk-Moralapostel Uli Hoeneß ist brutto doch gerne mal netto. Vor allem, wenn er von den 20 Millionen „Spielgeld“ auf seinem Schweizer Nummernkonto redet. „Spielgeld“ in einem Spiel ohne Grenzen.
Ein Spiel ohne Grenzen ist auch der Fußballzirkus geworden. Nicht nur monetär, da steht die Bundesliga dank „50+1“ im internationalen Vergleich gut dar, sondern auch was Moral und Glaubwürdigkeit angeht. In dieser Richtung zumindest wurde der überraschende und zweifelsfrei als Ablenkung vom Haftbefehl gegen Hoeneß verfrüht bekanntgegebene Wechsel des größten deutschen Fußballtalents von seinem Ausbildungsverein zum FC Bayern versinnbildlicht.
Götze wechselt nach München, Lewandowski wechselt nach München, unser Spielsystem und ihre Laufwege sind schon vor der Saison nach München gewechselt – es gibt reichlich Zündstoff zwischen Strobelallee und Säbener Straße. So viel Zündstoff, dass sogar das heuchlerische gemeinsame Mittagessen entfällt.
Zwei Mal spielt der BVB kurz nacheinander gegen die Bayern. Erst Bundeliga, dann Königsklasse. Und unterschiedlicher könnten die Vorzeichen kaum sein. Das merkt man daran, dass die Vorberichterstattungen zum Topspiel des 32. Spieltags eigentlich allesamt Vorberichterstattungen für das Champions League-Finale sind. Einige schießen im Vorfeld des Bundesligagipfels auf der Insel kilometerweit übers Ziel hinaus.
Wenn „Sportbusinessexperte“ Emmanuel Lembert nicht grade Hoffenheim über den grünen Klee lobt oder Erhöhungen der Eintrittspreise in der Bundesliga fordert, stellt er gut getimte kühne Thesen auf, nach denen Bild-Leser und Bild-Schreiber gleichermaßen geifern: „Das Champions-League-Finale Bayern gegen Dortmund läutet ein Jahrzehnt deutscher Vorherrschaft im europäischen Fußball ein.“
Lembert und seine Business-Glaskugel sind nicht die einzigen, die versuchen, ihren Ruhm am deutschen Duell in Wembley zu mehren und diese Begegnung bar ihrer ohne Zweifel großen Bedeutung für den deutschen Fußball ohne Augenmaß zu überhöhen. Sie ist das Spiel aller Spiele aller Zeiten, der „große Gigantengipfel“, der „deutsche Clásico“. Deutschland dreht durch.
Und ausgerechnet jetzt serviert der Bundesliga-Spielplan dem hysterischen Mob eine Generalprobe, denn an diesem Wochenende steht das Gastspiel des Branchenprimus beim Emporkömmling an. Und trotzdem kommt man nicht umher, zu konstatieren, dass es wohl selten ein Kräftemessen beider Clubs gegeben hat, dem gemeinhin weniger Bedeutung beigemessen wurde.
Binnen gut 20 Tagen treffen die designierten Meister und Vizemeister der deutschen Eliteklasse zwei Mal aufeinander. Einmal wird es zum wichtigsten und wegweisendsten Fußballspiel aller Zeiten „hochsterilisiert“, das andere Mal gibt es kaum etwas, das egaler wäre. Das ist Fußball…
…Ist das Fußball? Jein. Einerseits verschwindet das letzte Liga-Kräftemessen beider Rivalen binnen der laufenden Saison aus zahlreichen Gründen fast völlig im Schatten des finalen Aufeinandertreffens im Mutterland des Fußballs. Weil Bayern seit Wochen als Meister feststeht, weil der BVB schon für die Champions League qualifiziert ist, weil beide Trainer sich im Hinblick auf den Knaller in der Königsklasse nicht in die Karten schauen lassen wollen und – last but not least – weil Bayern gegen BVB schließlich nicht als Bundesligaspiel, sondern nur als Champions League-Finale „ein Jahrzehnt deutscher Vorherrschaft“ in Europa einleiten kann. *hust*
Andererseits treffen bei jeder Partie des Dortmunder Ballspielvereins gegen den deutschen Rekordmeister nicht nur zwei Fußballmannschaften aufeinander, sondern auch zwei völlig unterschiedliche Umfelder, diametral differente Mentalitäten und neuerdings auch zwei absolut verschiedene (Unternehmens-) Philosophien.
„Jetzt spielt das neue gegen das alte Deutschland“ schlagzeilt Hajo Schumacher in der Welt, „Borussia Dortmund und der FC Bayern– diese Teams repräsentieren nicht nur Fußball, sondern auch die immensen kulturellen Unterschiede dieses Landes: frisch erarbeiteter und etablierter Wohlstand, Plan und Zufall, nervende Show-Demut und noch nervenderer Hochmut. Hier Siedlung, dort Seegrundstück; der eine verschweigt Schweizer Geld, der andere plaudert über seine Haarverpflanzung.
Jürgen Klopp „erbrachte den Nachweis, dass sich Erfolg im Fußball, anders als in Hoffenheim oder Wolfsburg, durchaus langfristig planen lässt. (…) Dass die Bayern ausgerechnet in dieser Saison die wohl beste Vereinsmannschaft der Welt auf den Platz schicken, ist dagegen viel mehr Zufall als Planung. (…) Wie zuletzt bei der Debatte über die Frauenquote können sich die Deutschen (…) nicht vor einer (…) Entscheidung drücken: Bist Du BVB oder FCB? Unentschieden gibt es nicht.“
Selbstverständlich schreibt Schumacher all diese Zeilen zwar zum jetzigen Zeitpunkt, allerdings nicht im Hinblick auf die anstehende Bundeliga-Partie, sondern ausschließlich mit Fokus aufs Finale in Wembley.
Die Unterschiede zwischen dem Establishment von der Isar und dem ehemaligen Arbeiterverein aus dem Ruhrgebiet gibt es aber an jedem Tag. Und erst recht bei jedem Spiel beider Klubs gegeneinander. Das Duell heißt „Mia san mia“ gegen „Was wir sind Fußball“ – Schwarzgelb gegen Schwarzgeld.
Obwohl das Champions League-Finale selbstredend einen höheren Stellenwert genießt, obwohl Mario Götze eine Verletzung die Qual der Wahl in Sachen Trikotfarbe erspart, obwohl die zu erwartende Rotation auf beiden Seiten eine Diskussion über Personalien im Vorfeld obsolet macht – wir spielen gegen die Bayern. Gegen die Bayern, die gewillt scheinen, den halben Dortmunder Profikader aufzukaufen, um ihre zurück gewonnene Vormachtstellung im deutschen Fußball zu zementieren.
Und wir wollen sie daran erinnern, dass wir besser sind als sie. Wenn schon nicht auf dem Platz, dann zumindest auf den Rängen, im Umfeld und von der Fußball-Philosophie her. Denn eins ist klar: Auch wenn wir im Mai zweimal vom FC Hollywood auf die Nuss kriegen – wir sind zweifelsohne der geilere Verein.
Rutger Koch, 03.05.2013; Fotos: Gib mich DIE KIRSCHE-Archiv
