Glänzende Ausgangslage nach 4:2-Auswärtssieg

1. Dezember 2014

Glänzende Ausgangslage nach 4:2-Auswärtssieg

Aus St. Petersburg berichten Holger W. Sitter
und Christopher Neundorf

Im Hinspiel des Achtelfinales der Champions League bei Zenit St. Petersburg ist es mal wieder zu so einem ganz besonderen Spiel gekommen. Draußen hörte man die Eisbrecher auf dem wenige Meter entfernten Fluss „Kleine Newa“, der die Petrowski-Insel umfließt, auf der das gleichnamige Stadion von Zenit steht. Drinnen wartete ein Club mit deutschem Sportdirektor, viel Geld im Rücken und aktuell wenig echter Spielpraxis.

Leider drangen im Vorfeld des Spiels von Borussia Dortmund in St. Petersburg am Spieltag dann doch vermehrt Informationen zu uns durch, dass BVB-Fans relativ gezielt von etwa 20-köpfigen Hooligans-Gruppen angegriffen wurden, wenn sie als solche ausgemacht worden waren. Bereits um 10.30 Uhr am Morgen hatten die Fanbeauftragten des BVB („St. Petersburg gilt unter vielen Fans als heißes Pflaster“) davor gewarnt, in erkennbaren schwarzgelben Devotionalien durch die Stadt zu gehen. Sowohl Polizei als auch Heimverein hätten im Vorfeld darauf hingewiesen, dass es nicht immer ratsam sei, in der Stadt seine Farben offen zu tragen, heißt es in einer Information, die der BVB noch schnell an alle Fans weitergeleitet hatte. Dominanzspielchen, die man aus osteuropäischen Spielorten bereits hinlänglich kennt. Leider sind einige Borussen bei diesen blödsinnigen Scharmützeln verletzt worden.

Jürgen Klopp änderte die Startformation gegenüber dem blamablen Auftritt in Hamburg auf zwei Positionen: Sebastian Kehl spielte anstelle des verletzten Sven Bender und Marco Reus lief für Pierre-Emerick Aubameyang in seinem 20. Champions League Spiel auf.
Die Dortmunder übernahmen vom Start weg sofort die Kontrolle über das Spiel. St. Petersburg konzentrierte sich erst einmal darauf, den Ball zu kontrollieren. Der Platz zeigte sich nach dem langen russischen Winter in einem erwartet schlechten Zustand, was aber den Traumstart für den BVB nicht verhinderte: Reus wurde rechts auf die Reise geschickt und von mehreren Russen ordentlich beackert. Kurz vor dem Strafraum kam er ins Straucheln, legte aber mit letzter Kraft irgendwie rüber nach links, wo sich Mkhitaryan bedankte und aus elf Metern kompromisslos vollenden konnte (3.). Klasse auch, dass sich Reus da nicht hat fallen lassen und unbeirrt weiter rannte.

Kaum hatte man sich wieder gefangen, zappelte das Leder erneut im Netz! Nach nur fünf Minuten untermauerten die Dortmunder ihre Ambitionen auf das Viertelfinale! Mkhitaryan dribbelte auf dem rechten Flügel dynamisch, flankte in Richtung Elfmeterpunkt, wo Kevin Großkreutz mit dem Außenrist überragend ablegen konnte für den freistehenden Reus, welcher aus zwölf Metern aus halbrechter Position knallhart ins kurze Eck verwandeln konnte (5.). Absolut nichts zu halten für Lodikin im Tor der Hausherren. Ja gibt’s das! Was für ein klasse Auftakt!
Das Petrovski-Stadion befand sich nun in einer Art Schockstarre. Das lag nicht an den kalten Temperaturen, sondern am dominanten Auftritt der Klopp-Elf. Man merkte den Kickern von Trainer Spalletti in den Abstimmungen zwischen Defensive und Offensive an, dass ihr letztes Pflichtspiel über drei Monate zurücklag. Die Saison in Russland beginnt schließlich erst wieder im März und Spielpraxis kann man im Training nun mal nicht simulieren.

Der BVB machte das im weiteren Verlauf richtig gut und ließ Zenit zu keiner Zeit zur Entfaltung kommen. Die Russen waren nun natürlich in Zugzwang und mussten alles nach vorne werfen. Das bot der Mannschaft von Jürgen Klopp viele Räume. Wenn doch jedes Spiel des BVB so beruhigend verlaufen würde.
Der böse drein schauende Luciano Spalletti saß da ziemlich bedröppelt an der Seitenlinie und musste konsterniert die Überlegenheit des Bundesligisten anerkennen. Der Trainer der Hausherren hatte wohl natürlich nicht mit einem derart schwachen Start seines Teams im Spieljahr 2014 gerechnet. Das Halbzeit-Donnerwetter war garantiert.
Und Dortmund blieb auch nach dem Wiederanpfiff weiter am Drücker. Mkhitaryan behauptete den Ball schön im Mittelfeld und schickte Lewandowski rechts in den Strafraum. Aus spitzem Winkel schloss der Stürmer wuchtig ab, doch Lodikin konnte zur Ecke abwehren (48). Nur eine Minute später zog Borussias Goalgetter nun von links in die Mitte, ließ dabei Neto mit einem Beinschuss ganz alt aussehen. Dann aber legte er sich die Kugel aber zu weit vor, sodass auch Reus nicht mehr rankommen und Zenit-Keeper Lodikin klären konnte.

Dann fiel praktisch das Tor für Zenit St. Petersburg durch Oleg Shatov aus dem Nichts (56.). Sokratis, wieder eine Bank in der Defensive, patzte (in exakt der gleichen Szene wie Sahin in Hamburg), hatte den Ball bereits sicher und vertändelte ihn dennoch. Was sich danach im BVB Strafraum abspielte, hätte früher dem Schweizer Kurt Felix bei „Verstecke Kamera“ zur Ehre gereichen können. Ein Festival von Fehlern bescherte Zenit den Anschlusstreffer auf dem Silbertablett, aber dieser Treffer hätte nicht zählen dürfen! Rondón stand beim Pass von Shatov klar im Abseits, überlupfte Weidenfeller, aber Schmelzer konnte im Fünfer zur Seite klären, aber zu kurz. Rondón kam zum Nachschuss aus acht Metern, setzte die Kugel aber an den Pfosten. Shatov war dann derjenige, der am Elfmeterpunkt freistand und das Leder in die Maschen dreschen konnte. Was für ein Chaos in der BVB-Abwehr – einer Spitzenelf unwürdig war.
Aber der BVB schüttelte sich kurz und spielte sein Spiel weiter. Wenn es eine perfekte Antwort gab, dann war es die nach exakt einer Stunde: Lewandowski behauptete den Ball überragend im Mittelfeld und schickte Piszczek rechts los in den Raum. Im Strafraum angekommen, legte „Piszu“ perfekt in die Mitte, wo „Lewa“ aus zehn Metern nur noch zum 1:3 einschieben musste. Auch wenn Lodikin da noch dran war, gab es da kaum was zu halten. Damit war die kurz aufkeimende Euphorie auf den Rängen auch schon wieder erloschen. Auf der anderen Seite feierten die etwas mehr als 1000 Anhänger und aus dem Block schallte es „Europapokaaaaal, erste Runde Krankenschein…“ Das sind die außergewöhnlichen Momente, die diesen Wettbewerb ausmachen!

Dann die nächste Ampulle reinstes Adrenalin nur sechs Zeigerumdrehungen später: Elfmeter für St. Petersburg! Krasse Fehleinschätzung des schottischen Unparteiischen, dessen lockere Linie er mit dieser Entscheidung gleich mal konterkarierte. Denn Piszczek konnte sich gegen Fayzulin schließlich nicht in Luft auflösen, als dieser in ihn reinrannte und bekam den Strafstoß gegen sich gepfiffen. Ganz schwache Schiedsrichterleistung, aber Hulk ließ sich nicht zweimal bitten, dieses Geschenk anzunehmen und katapultierte das Leder zum 2:3 unter die Latte. Da hätte sich „Weide“ dranhängen können…

Doch dieser Schiri-Blackout konnte den Dortmundern an diesem Abend total egal sein, wenn sich die Abwehr der Hausherren weiterhin wie ein Scheunentor präsentierte! Reus führte den Ball im Mittelfeld und konnte sich aussuchen, ob er zu Lewandowski oder Aubameyang spielte. Letztlich entschied er sich für den Polen, der rechts ganz frei vor Lodikin auftauchte und überlegt ins lange Eck einschob (70.). Das sollte jetzt aber reichen, ging einem da zwangsläufig durch den Kopf. Derweil beschwerten sich Hulk und Rondón, die noch in der BVB-Hälfte standen, über ihre eigene Defensive lautstark.

Die Luft schien mit diesem Treffer nun ein bisschen raus zu sein. Borussia ließ nun im sicheren Gefühl des Sieges den Ball souverän durch die eigenen Reihen und die Uhr runter laufen, suchte aber auch immer wieder den Weg nach vorne, um sich in Szene setzen zu können. Allzu sehr sollte man aber nicht über die Abwehr der Hausherren lästern, denn auch die Schwarzgelben ließen hinten einiges zu.

Shatov zum Beispiel hatte rechts zu viel Platz, suchte Rondón am kurzen Pfosten mit einer flachen Hereingabe, aber der Stürmer kam nicht mehr heran und Weidenfeller konnte hinter ihm sicher parieren (79.). Luciano Spalletti schöpfte nun sein Wechselkontingent komplett aus und brachte Igor Smolnikov sowie Nationalmittelstürmer Aleksandr Kerzhakov für Anyukov und Fayzulin. Eine deutlich offensivere Ausrichtung für die letzten 10 Minuten – aber – war das nicht schon viel zu spät für so einen Klassemann? Es änderte jedenfalls nichts mehr am Ergebnis.
Borussia Dortmund gewann hochverdient mit 4:2 bei Zenit St. Petersburg! Bereits nach wenigen Minuten lagen die Schwarz-Gelben mit 2:0 vorne und brachten diese Führung auch in die Pause. Nach dem Wechsel kamen die Hausherren überraschend, allerdings regelwidrig zurück (57.). Fast im direkten Gegenzug sorgte Lewandowski wieder für klare Verhältnisse (61.) und auch durch Hulks Elfmetertreffer (69.) ließen sich die Borussen nicht aus der Ruhe bringen. Wieder schlug Lewandowski zurück (71.). Der BVB verschafft sich damit eine überragende Ausgangsposition für das Rückspiel und darf sich nun am Wochenende auf den 1. FC Nürnberg freuen.



Stimmen zum Spiel:
Sebastian Kehl: Ja, das war natürlich gleich richtig wichtig, in den ersten fünf Minuten zwei Tore zu machen. Das hat das Spiel in dien richtige Richtung gebracht. Ich glaube, wir haben damit Zenit ziemlich verunsichert und konnten dann auch unser Spiel aufziehen, standen kompakt und wollten mit ihre Pressingaktionen den Ball erobern und natürlich dadurch die Räume nutzen. Was wir haben uns wahnsinnig viele Tormöglichkeiten erschaffen und am Ende das Spiel auch so dominieren können. Es war ja klar, dass sie in der zweiten Halbzeit dann noch mal kommen mussten, denn sie konnten das Spiel ja hier nicht einfach so wegschenken und dadurch war’s klar, dass sie noch einmal alles versuchen werden und nach vorne spielen. Obgleich beide Tore, die dann noch gefallen sind, ziemlich kurios waren. Beide waren ja nicht herausgespielt. Ich glaube aber, dass wir am Ende souverän agiert haben und verdient gewonnen haben. Deshalb kann man sicher sehr zufrieden sein mit dem heutigen Spiel und dem Ergebnis.

Jürgen Klopp: Heute Abend waren wir nah am Optimum dran. Das war eine Pressing- und Gegenpressing-Lehrveranstaltung gegen eine fußballerisch hochtalentierte Truppe. Die Mannschaft hat sensationell in den Räumen agiert, hat die Zweikämpfe gewonnen und tolle Momente daraus entstehen lassen. Ich glaube, dass meine Mannschaft weit davon entfernt ist, sich verdächtig zu machen, ohne Charakter durch die Gegend zu laufen und dementsprechend ist es natürlich leicht auf so ein Spiel zu reagieren wie in Hamburg. Das ist passiert. Eine hundertprozentige Erklärung hatten wir auch nicht. Was wir haben einfach aus der Situation des HSV die falschen Schlüsse gezogen und uns auf ein Spiel eingelassen, wie es der HSV haben wollte mit wenig Tempo, haben selber zu wenig zielstrebig Fußball gespielt und dann ist eben das Spiel so entstanden mit Toren in ungünstigen Momenten. Aber dass wir eine Reaktion zeigen müssen und dass wir sie auch zeigen würden, war mir auch klar. Dass es dann natürlich gleich mit so einer Leistung rausgeht, damit war nicht unbedingt zu rechnen, weil St. Petersburg einfach auch gefährlich war in vielen Momenten. Auch wenn wir die klar bessere Mannschaft waren, mussten wir – zumindest immer wenn Hulk die Kugel hatte – zumindest ein bisschen verteidigen und uns richtig reinwerfen. Aber wie gesagt: Gut gemacht, super Reaktion gezeigt – vor allem auch auf die Gegentore, wo das erste Tor klar Abseits war. Immer sofort Antworten gehabt. Ein schöner Abend für uns.
Holger W. Sitter, Christopher Neundorf (Fotos) – 25.02.2014 >> Fotostrecke zum Spiel