Durch’s wilde Ruhrdistan: Von der Südtribüne über Herne bis Wattenscheid
Günter Rückert ist ein schlauer Fuchs. Seit Jahren schon begeistert der im Oldenburgischen geborene Dortmunder, mit seinen Inszenierungen. Immer wieder versteht es der Regisseur – der u.a. von 1978 – 1984 das legendäre „Rocktheater Nachtschicht“ um den Urborussen Fritz Eckenga inspirierte – meisterhaft, tagesaktuelle Ereignisse aus Politik und Gesellschaft in heitere Parodien umzusetzen, die gefallen. Und wenn sich in dieser Spielzeit auf der Zeche Zollern der „Geierabend“ aufmacht, einen heiteren Ritt „Durch das wilde Ruhrdistan“ zu absolvieren, kann sich ein jeder Besucher auf muntere Stunden voller Abenteuer gefasst machen.
Bevor der Abend so richtig Fahrt aufnimmt, muss der „der Steiger“ (alias Martin Kaysh) traditionell wie in jedem Jahr seinen Abschied verkünden – diesmal allerdings gekoppelt an das Duisburger Sauerland-Modell: „Wenn Ihr mich los werden wollt – Publikumsbegehren.“ Gewohnt witzig und scharfzüngig führt er manch Seitenhieb (auch an Anwesende) aus. Die Dortmunder Lokalpolitik darf sich da beispielsweise das unwirtschaftlich betriebene Statussymbol „Dortmunder U“ um die Ohren hauen lassen. Für die Stadt empfiehlt der selbsternannte „Julian Assange des Geierabends“ für die Ortseingangschilder den sinnigen Zusatz: „Dortmund – die immer-wieder-Wahl-Stadt“ in Anspielung auf das Urteil des Oberverwaltungsgerichtes, dass die Wahl zum Rat der Stadt Dortmund vom 30.08.2009 wiederholen lässt, weil weil Ex-OB Langemeyer und seine Amtsträger der Stadt im Wahlkampf die Haushaltslage der Stadt „geschönt“ dargestellt und damit den Wählern wahlkampfrelevante Informationen vorenthalten haben. Den Gelsenkirchenern wird wenigstens attestiert, bei der Farbwahl ihrer Ortseingansschilder Geschmack besessen zu haben…
Eine der genialsten Nummern läuft als „Kuh-VC“ in Parodie zum Verkaufsfernsehsender im TV. Hier können Länder sich passende Euro-Rettungsschirme einkaufen – bis hin zum XXL-Modell „Titanic“ mit patentierter EZB-Schutzschicht.
Der rasend vorbeihuschende „Gefällt mir“ -Daumen persifliert die Facebook-Abhängigkeit vieler Bundesbürger und setzt zielgerichtet Seitenhiebe gegen die Ausspähung privater Daten. Herrlich: Franziska Mense-Moritz tanzt als Marlene Dietrich in die Szenerie eines virtuell flirtenden Pärchens, dass sich „per Chat“ verabreden will und singt: „Frag nicht wo die Daten sind, wo sind sie geblieben“.
Die „Hossa Boys“, die Sensation des Vorjahres, haben noch einmal schwer nachgelegt. Die Lachmuskeln wieder arg strapazierend, haben die den Refrain diesmal in „HOSSA, HOSSA RUBBELDIEKATZ“ geändert, der dann auch in zahlreichen Sprachen zur Wiederholung dem Publikum abverlangt wird. Einfach nur köstlich und auch eine gekonnte Verbindung mit einem regional bekannten Thema.
Schön auch, dass im sauerländischen „Schnöttentrop“, repräsentiert von Joachim Schlendersack (alias Martin F. Risse), rund um das „Gülle-Stübchen“ und die katholischen Landfrauen die Welt noch immer in Ordnung ist.
Lollo und Immi, die „Zwei von der Südtribüne“ stellen fest, dass sogar Zugführer sich schon mal nach Schalkern richten können, bevor sie sich dann wie in jedem Jahr die alles entscheidende Frage stellen, die sie selbst sogleich zu beantworten pflegen: „Nehmen ‘wa noch einen? Jasija!
Wenn auch nicht alles gelungen war (Beispiel: Kakerlaken oder die Schwulenquote beim DFB – so klischeehaft erwartet man das eher in Düsseldorf oder Köln), so liefert der Geierabend 2012 wieder beständig viel Freude und lohnt in jedem Fall auch in diesem Jahr wieder einen Besuch. Umrahmt von toller Musik und gewohnt gutklingenden Gilda Razani- Solis, liefern auch Bettina Hagemann, Matthias Dornhege, Andreas Ruhnke und der erstmalig neu in der Band zu findende Oleg Bordo beste Untermalung ab.
Ebenfalls ein Neuling ist Benedikt Hahn, der als Gast dieses Jahr erstmalig beim Geierabend dabei ist und auch in diversen Nummern brilliert (insbesondere als Facebook-Junkie). Was dem Geierabend positiv zuzuschreiben ist, ist die Tatsache, dass kritische Punkte mehr oder weniger hübsch in Satire verpackt und ohne falsche Rücksichtnahmen feilgeboten werden. Ob nun eher amüsante Anekdoten wie zum Oberbürgermeister Ullrich Sierau, der auch auf dem Fahrrad auf der Bühne mit dem Handy telefonieren kann (hier gab es vor einiger Zeit ein “Skandälchen” als der radelnd telefonierende OB von einer Polizeistreife gestellt wurde), oder aber ernstere Geschichten wie die Nazidemos in Dortmund oder die Geldverschwendung am Dortmunder U-Turm und dem ECCE (dem „European Centre for Criminal Energy“) – bei all diesen Themen bleiben die Geier nicht stumm, was aber auch vom Publikum entsprechend honoriert wurde.
Das Konzept der „Partnerstadt des Geierabends“, welches vor zwei Jahren mit Castrop-Rauxel startete und letztes Jahr mit Witten brillierte („Wo die Welt noch in Ordnung ist: Wo Kinder von Ihren Eltern geschlagen werden und nicht umgekehrt – Witten!“), wurde in diesem Jahr mit Herne fortgeführt. Die Tegtmeier- Nummer zu Herne war zwar nicht so ganz gelungen, wobei aber zahlreiche Anspielungen auf Herne das gesamte Programm durchzogen und zumindest die Stadt Herne sehr gut auf die Partnerschaft reagierte, da man sich im Foyer ausführlich über die Cranger Kirmes, das größte Volksfest von Nordrhein-Westfalen, informieren kann. Findet zwar eher „op Crange“ (Wanne-Eickel) denn in Herne statt, aber Schwamm drüber – irgendwofür müssen die Eingemeindungen der Siebziger Jahre ja sinnvoll gewesen sein…
Bereits zum zehnten Mal lobt der Geierabend übrigens den „Pannekopp des Jahres“ aus, den gleichsam schwersten Karnevalsorden der Welt. Angefertigt aus 28,5 kg Stahlschrott, wird er traditionell einer öffentlichen Institution oder Person verliehen,.In die engere Wahl wird dabei einbezogen, wer sich durch einen Ausreißer „ganz besonders“ um das Ruhrgebiet verdient gemacht hat. Hier muss man leider sagen, dass bei der Nominierung die Kreativität der Jury von wenig Inspiration geleitet wurde. Herausgekommen sind in diesem Jahr dabei der Essener Kämmerer Martin Klieve (CDU) für seinen Vorschlag marode Ruhrpott-Städte einfach aufzulösen sowie der Bundesumweltminister Norbert Röttgen für die „Förderung der Tourismusbranche im Revier“ durch die Planung von Castor-Transporten Mitten durch das Ruhrgebiet. Der Sieger, der auch über die Webseite www.geierabend.degevotet werden kann, wird auf der Abschlussvorstellung am 21. Februar bekannt gegeben.
Und exakt bis zu diesem Tag bringt der „Geierabend“ das Publikum auf Zeche Zollern II/IV an insgesamt 36 Abenden zum fröhlichen Geiern. Für einige, wenige Vorstellungen sind noch Karten erhältlich – auf der Geierabend- Website sowie in vielen ausgewählten VVK-Stellen im Ruhrgebiet.
Für Euch gibt es auch in diesem Jahr wieder die Möglichkeit, „live“ dabei zu sein. Was wir verlosen unter den Kirsche-Lesern
2 x 2 Karten
für den 14. Februar
Beantwortet uns nur eine Frage an redaktion@die-kirsche.com :
Welche Funktion hat Martin Kaysh beim Geierabend?
Beginn: Einlass: 18:30 Uhr / Showtime: 19.30 Uhr (Sonntags: 17.30 Uhr / 18.30Uhr)
Ort: Westfälisches Industriemuseum, Zeche Zollern II/IV, Grubenweg 5, Dortmund-Bövinghausen
Die gesamte Session:
Do.-So. 05.01. – 08.01. 2012
Do.-So. 12.01. – 15.01. 2012
Mi.-So. 18.01. – 22.01. 2012
Mi.-So. 25.01. – 29.01. 2012
Mi.-So. 01.02. – 05.02. 2012
Mi.-So. 08.02. – 12.02. 2012
Di.-Di. 14.02. – 21.02. 2012
Veranstaltet wird der Geierabend vom Kulturbüro der Stadt Dortmund und dem Theater Fletch Bizzel.
Holger W. Sitter, Jens Matheuszik – Jan Heinze (Fotos vom Geierabend), 08.01.2012
