BVB voll im Soll nach Hinspiel in der Ukraine

24. April 2012

BVB voll im Soll nach Hinspiel in der Ukraine

Aus der Donbass-Arena in Donezk berichten
Holger W. Sitter und Christopher Neundorf

Mit vier Fan-Fliegern ab Düsseldorf und diversen zahlreichen Buchungen in Linienmaschinen auf den vorhandenen Routen, hatten sich die Borussen aufgemacht, ihr Team zu unterstützen. Im offiziellen Fan-Treffpunkt, der Musikbar „Liverpool“ (gehört wie fast alles auch Oligarch Rinat Achmetow), war die Vorfreude jedenfalls allenthalben spürbar. Der lange Marsch der etwa 1500 Schwarzgelben von dort zum Stadion und die dreifachen Personenkontrollen waren zwar negativ, konnten die gute Gesamtbewertung des Tages allerdings in keinster Weise trüben.

Die Winterpause dauert in der Ukraine traditionell immer länger als in Westeuropa. Noch bis zum 2. März ist Pause im Spielbetrieb – mit Ausnahme der verbliebenen Europapokal-Teilnehmer, denn die müssen bereits in dieser Woche wieder ran. Der hoch gehandelte nationale Dauer-Meister Schachtjor Donezk kreuzt im mit Spannung erwarteten Duell mit Borussia Dortmund die Klingen.

Präsident und Mäzen Rinat Achmetow ist der reichste Mann der Ukraine und steht Schachtjor Donezk vor. Sein Privatvermögen, dass laut ‚FORBES‘ (Listung auf Platz 39) auf irgendwo zwischen 12 und 15 Milliarden Dollar geschätzt wird, stellt er besonders gern in den Dienst seines Fußballclubs, indem er Brasilianer einkauft für die unangefochtene Nummer eins in der Ukraine.

Acht sind es bisher. Einer von ihnen war bis vor einigen Tagen noch Willian Borges da Silva, der für das kreative Offensivspiel der Orangenen bis dato Gold wert war. Ein anderer ist der vielbeachtete „Sechser“ Fernandinho mit der Rückennummer 7. Einer, der das Mittelfeldspiel modern interpretiert, überall auf dem Platz präsent ist, sich Bälle in der eigenen Hälfte holt, blitzartig Angriffe einleitet und Sekunden später sogar selbst im Strafraum des Gegners auftaucht und ebenso torgefährlich ist, wie der Armenier Henrikh Mkhitaryan, der immerhin Schachtjors bester Torschütze ist. Garant des Erfolges ist der rumänische Trainerfuchs Mircea Lucescu, der im Zusammenspiel mit seinem Präsidenten seit 2004 – ähnlich wie es beim BVB ja der Fall ist – eine Philosophie verfolgt und das Gesicht des Vereins in Richtung Erfolg nachhaltig veränderte.

Borussia Dortmund war also bestens gewarnt. Die in schwarzen Jerseys gewandete Klopp-Elf trat im Mittelfeld mit Sven Bender auf der Gündogan-Position als zusätzliche Absicherung an. Viele hatten neben Kapitän Kehl mit Nuri Sahin gerechnet, um das schnelle Umschaltspiel anzukurbeln, da dies offenkundig eine der wenigen Schwachstellen im Spiel der Ukrainer ist. Außerdem nahm „Schmelle“ wieder seinen angestammten Platz in der Viererkette ein.

Mit einer Schweigeminute startete dann das Spiel, weil mindestens vier Menschen bei einer Bruchlandung getötet wurden, als ein Flugzeug mit 45 Passagieren und Besatzungsmitgliedern im Nebel auf dem Flughafen der östlichsten ukrainischen Stadt verunglückt war.

Die Gastgeber treten von Anfang an sehr selbstbewusst auf und übernehmen die Initiative. Doch der BVB macht zu Beginn deutlich, dass man hier keine „Laufkundschaft“ ist. Der erste Standard bringt eine Flanke aus dem rechten Halbfeld in den Strafraum und wird zunächst geklärt. Dann setzt Jakub Blaszczykowski den Abpraller per Fallrückzieher neben das Tor (5.). Sah zwar gut aus, war aber ungefährlich.

In der 10. Minute tauchte Donezk erstmals gefährlich vor dem Tor von Roman Weidenfeller auf. Torjäger Mkhitaryan schoss aus kurzer Distanz den BVB-Keeper an, stand aber in dieser Situation gottlob im Abseits. Jetzt schnappte sich Reus an der Mittellinie den Ball, lief 20 Meter unbehelligt auf das Tor der Gastgeber zu und konnte erst durch ein Foul gestoppt werden. Den fälligen Freistoß 25 Meter vor dem Tor aus zentraler Position zirkelt der gefoulte den Ball über die Mauer, doch dem Schuss fehlte die Wucht. So kann Pjatow den Ball locker fangen (11.).

Dortmund schafft es in der Anfangsphase immer wieder gefährlich umzuschalten und schnell Lewandowksi, Reus oder Blaszczykowski in die entstehenden Räume zu schicken. Doch in der 16. Minute haben die 2000 mitgereisten BVB-Anhänger den Torschrei auf den Lippen. Riesenchance für Schwarzgelb! Nach einer Ecke von Reus „hämmert“ Mats Hummels einen Kopfball an den Querbalken! Das hätte die Führung sein können, ja müssen! Borussia schafft es nun, Donezk verstärkt in die eigene Hälfte zu drängen. Allerdings lassen die Pässe beim Angriff oft etwas die nötige Präzision vermissen.

Zwischen der 30. Und 35. Minute kommt Donezk dann zu mehreren Chancen. Erst schießt Fernandinho nach einem Kopfball von Piszczek aus 23 Metern über das Tor, dann foult Santana unnötigerweise Adriano knapp 20 Meter vor dem Tor in zentraler Position. Das hat Folgen: Srna zirkelt den Ball über die Mauer und die Kugel zappelt tatsächlich im Netz. Weidenfeller sah bei diesem Tor nicht gut aus, denn so außergewöhnlich platziert und hart war der Freistoß nicht getreten (31.). 1:0 Donezk!

Und Borussia war gewillt zu antworten. „Kuba“ Blaszczykowski, bislang einer der besten weil aktivsten Borussen, schließt immer wieder mit rechts im Strafraum ab, zielt aber meist links am langen Pfosten vorbei (39.). Doch der BVB attakiert jetzt früher und will den Ausgleich erzwingen. Und der Aufwand wird belohnt: Mario Götze flankte von rechts auf Lewandowski, der schießt zunächst ein „Luftloch . Chygrynskyy und Fernandinho behindern sich gegenseitig, gehen sogar beide zu Boden und der Stürmer schiebt überlegt und cool aus 10 Metern neben den Torwart ein. Was wir schreiben die 41. Minute und notieren einen ganz wichtiger Treffer zum Ausgleich vor der Pause!

Und noch sind wir nicht in der Kabine. Borussia hat unglaubliches Glück der 45. Minute: Taison hatte locker in die Mitte geflankt, Weidenfeller war irgendwie dran aber auch nicht, lässt den Ball wieder fallen. Schmelzer musste in höchster Not auf der Linie gegen Teixeira klären. Auch hier sah unser Keeper wieder nicht gut aus. Der Halbzeitpfiff von Referee Howard Webb gab nun Gelegenheit zur Justierung. Mit einem Remis geht es zum Pausentee.

Die zweite Hälfte beginnt munter: Piszczek zeigt auf rechts einen guten Lauf und passt dann auf Reus, dessen Schuss im Strafraum aber geblockt wird. Wieder eine Flanke von rechts durch Götze, der erneut Lewandowski suchte, aber Torwart Pjatow fängt den Ball ab (48). Die Dortmunder haben nach einem flotten Beginn nun viel Tempo aus dem Spiel genommen Dennoch hat es die Mannschaft nach dem ganzen Hin- und Hergeschiebe in der Abwehr doch nicht verlernt nach vorn zu spielen. Kubas Flanke von rechts wird aber geblockt 60.).

Donezk Coach Lucescu brachte jetzt Douglas Costa für den eher unauffälligen Taison und das sollte Folgen haben. Nur sieben Minuten nach seiner Einwechlung steht der Stürmer im Rampenlicht. Das Spiel war fast ein wenig eingeschlafen, doch dann dieser Schock: Hummels verschätzt sich bei einem 40-Meter-Pass aus der Innenverteidigung von Donezk. Schmelle könnte retten, agiert aber zu zaghaft und läßt den Körper völlig raus. Douglas Costa nahmt den Ball toll an und schoss ihn per Seitfallzieher trocken und unhaltbar an Weidenfeller vorbei ins Tor. Zack! Schachtjor war wieder in Front (68.).

Dann beinahe der erneute Ausgleich durch Lewandowski! Erneut von Götze in Szene gesetzt, drosch er den Ball im Fallen aus knapp 11 Metern nur Zentimeter am Tor vorbei (73.). Drei Minuten später ließ Mkhitaryan auf der rechten Seite Hummels wie einen Anfänger stehen und sprintete bis zur Grundlinie. Zum Glück ist seine Hereingabe zu unpräzise, denn am langen Pfosten hatte Teixeria einschussbereit gelauert.

Den Dortmundern blieb jetzt inklusive Nachspielzeit noch etwa eine Viertelstunde Zeit, um wenigstens das verdiente Remis zu erzielen. Denn eine drohende Niederlage wäre nicht nötig. Jürgen Klopp brachte für die Schlussoffensive Moritz Leitner, der Blaszczykowski ersetzte. Der Pole war in der ersten Halbzeit sehr aktiv, baute aber im zweiten Durchgang – wie das ganze Dortmunder Team – deutlich ab. Schachtjor steht jetzt nur noch hinten drin. Im Strafraum der Ukrainer geht es unentwegt hektisch zu, aber schlussendlich können die Hausherren immer wieder klären.

Bei Standards strahlen die Schwarzgelben jetzt noch die größte Gefahr aus. Auf eine Ecke folgt direkt im Anschluss die nächste. Wie soll es auch sonst gehen? Schmelzer zirkelte eine Ecke perfekt auf den Kopf von Mats Hummels. Der Dortmunder Abwehrspieler kann den Ball ohne Gegenspieler(!) per Kopf in die Maschen jagen und seine Bilanz ausgeglichen gestalten (87.). Ausgleich, alles gut! In der dreiminütigen Nachspielzeit passiert nichts mehr. Schiri Webb pfeift das Spiel ab.

Fazit : Dortmund und Donezk trennen sich 2:2. Das bietet den Gästen aus Westfalen eine gute Ausgangsposition für das Rückspiel in drei Wochen im Westfalenstadion. Dieses Achtelfinal-Hinspiel war temporeich und durchaus unterhaltsam. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass der BVB heute unter seinen Möglichkeiten geblieben ist.

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Holger W. Sitter, Christopher Neundorf (Fotos) – 14.02.2013