BVB-Fanprojekte: Soziales Engagement der Schwarz-Gelben

30. Juni 2026

Borussia Dortmund ist mehr als ein Fußballverein. Das klingt wie eine Floskel, wird aber wahr, wenn man durch die Stadtteile rings um den Signal Iduna Park läuft, mit Sozialarbeitern spricht, die in BVB-Trikots Jugendzentren betreuen, oder wenn man sieht, wie die Südtribüne — fast 25.000 Menschen auf einem einzigen Stehplatzblock — an Benefizspieltagen geschlossen für wohltätige Zwecke spendet. Diese Gemeinschaft funktioniert nicht nur beim Schlusspfiff. Sie arbeitet, lange bevor das Flutlicht angeht.

Wurzeln im Revier: Warum soziales Engagement hier keine PR ist

Das Ruhrgebiet hat eine Geschichte, die man nicht wegdesignen kann. Zechen, Stahlwerke, Arbeiterquartiere — und mittendrin der BVB, 1909 gegründet von Jugendlichen aus dem Borsigplatz-Viertel, die sich vom örtlichen Kirchenverein abspalteten, weil sie einfach Fußball spielen wollten. Dieses Arbeitermilieu hat den Verein geprägt, und es prägt bis heute die Fankultur. Der BVB hat nie die Distanz aufgebaut, die manche Großklubs zwischen sich und ihre Umgebung legen. Der Verein ist Teil des Reviers — nicht Sponsor davon.

Das spiegelt sich in den Fanprojekten wider, die seit den 1980er Jahren entstanden sind. Das Fanprojekt Dortmund, getragen von einem Trägerverein und eng mit dem Verein verzahnt, gilt bundesweit als eines der ältesten und beständigsten seiner Art. Es arbeitet mit Jugendlichen, die über den Fußball ansprechbar sind — und damit mit einer Zielgruppe, die über klassische Sozialarbeit oft nur schwer erreichbar ist. Das gelb-schwarze Trikot ist dabei kein Statussymbol, sondern ein Gesprächsöffner.

Der Verein hat diese Nähe zur Basis nie als strategische Entscheidung begriffen — sie war nie eine Entscheidung. Sie war immer schon da. Genau das macht den Unterschied zwischen gelebter Verantwortung und guter Öffentlichkeitsarbeit. Man spürt ihn sofort, wenn man mit Fanprojekt-Mitarbeitern spricht: Hier arbeitet niemand für den BVB. Hier arbeitet jemand, der selbst Fan ist, der selbst Kind des Reviers ist — und der zurückgibt, was ihm der Fußball gegeben hat.

Die BVB-Stiftung „leuchte auf“: Strukturiertes Engagement mit Biss

Seit 2012 — dem Jahr des großartigen Doubles unter Jürgen Klopp, als der BVB Meister und Pokalsieger wurde und das ganze Land schwarz-gelb träumte — gibt es mit der Stiftung „leuchte auf“ eine eigene gemeinnützige Struktur des Vereins. Die Stiftung konzentriert sich auf drei Bereiche: Bildung, Inklusion und Sport für benachteiligte Kinder und Jugendliche. Projekte laufen nicht nur in Dortmund, sondern in der gesamten Region.

Was die Stiftung von vielen Vereinsinitiativen unterscheidet, ist ihr langer Atem. Statt punktueller Charity-Events mit großem Fotomotiv werden strukturierte, mehrjährige Programme finanziert. Schulsportprojekte in Stadtteilen mit schwieriger Sozialstruktur, Inklusions-Sportangebote für Kinder mit Behinderungen, Feriencamps für Kinder aus einkommensschwachen Familien — das alles läuft nicht einmal im Jahr als Pressetermin, sondern Woche für Woche. Die BVB-Profis sind dabei keine seltenen Stargäste, sondern besuchen die Projekte regelmäßig, oft abseits jeder Kamera.

Der Bezug zur Vereinsgeschichte ist spürbar. Norbert Dickel, der beim legendären DFB-Pokalfinale 1989 gegen Werder Bremen zwei Tore erzielte und heute als Stadionsprecher die Seele des Signal Iduna Park verkörpert, ist seit Jahren eine der bekanntesten Unterstützerstimmen dieser Initiative. Wenn Dickel am Mikrofon für die Stiftungsarbeit wirbt, ist das kein Pflichttermin — man hört, dass es ihm ernst ist. Er ist ein Mensch, der selbst erlebt hat, was es bedeutet, für diesen Verein alles zu geben, und der genau deshalb weiß, was dieser Verein seinen Menschen schuldet.

Fanklubs als Sozialstruktur: Mehr als Stammtisch und Schal

Über 1.000 offiziell anerkannte BVB-Fanklubs gibt es weltweit. Die meisten davon kennt kein Fernsehsender. Sie treffen sich in Vereinsheimen im Sauerland, in Gaststätten im Münsterland, in Wohnzimmern in Wanne-Eickel. Und viele von ihnen tun etwas, das in keiner Vereinsstatistik auftaucht: Sie sammeln Geld für lokale Hilfsprojekte, organisieren Ausflüge für Altenheimbewohner, sponsern Jugendmannschaften in Stadtteilen, in denen ein Verein sich das sonst nicht leisten könnte.

Das ist keine koordinierte Kampagne. Es ist gewachsene Kultur. Der BVB hat eine Basis, die sich zugehörig fühlt — nicht als Konsumenten eines Produkts, sondern als Teil einer Gemeinschaft, die sich verantwortlich fühlt. Das Revierderby gegen Schalke 04 aus Gelsenkirchen mag die emotionalsten Momente liefern, aber das, was die Fangemeinschaft zusammenhält, ist langlebiger als jede Rivalität: Es ist das Bewusstsein, für ein Projekt zu stehen, das größer ist als der Spieltag.

Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl hat historische Wurzeln, die bis in die 1960er Jahre reichen. Als der BVB 1966 im Europapokal der Pokalsieger im Hampden Park von Glasgow Liverpool nach Verlängerung mit 2:1 besiegte, fuhren hunderte Dortmunder Fans per Sonderzug nach Schottland — zu einer Zeit, als das finanziell für viele Arbeiterfamilien eine echte Entscheidung war. Legenden wie Lothar „Emma“ Emmerich, der Torjäger jener Epoche und eine der prägenden Figuren der BVB-Geschichte zwischen 1960 und 1969, standen nicht für individuellen Glanz, sondern für kollektiven Zusammenhalt. Dieser Geist ist keine Nostalgie. Er lebt weiter.

Was bleibt: Schwarz-Gelb als Haltung

Wenn der BVB am 28. Mai 1997 im Olympiastadion München Juventus Turin im Champions-League-Finale mit 3:1 bezwingt — Karl-Heinz Riedle trifft zweimal, Lars Ricken legt nach — dann ist das ein europäischer Gipfelpunkt für eine Stadt, die sich das nicht vorenthalten lassen durfte. Aber es ist auch ein Moment, der zeigt, warum Fußball für diese Region so viel bedeutet: weil er Würde vermittelt. Das Gefühl, dass der Verein aus diesem Arbeiterviertel, dieser von der Montanindustrie gezeichneten Stadt, zu den Besten Europas gehört.

Soziales Engagement ist bei Borussia Dortmund keine Kompensation für irgendwas. Es ist die logische Fortsetzung dieser Identität. Eine Gemeinschaft, die gemeinsam gefeiert hat — den Titel unter Ottmar Hitzfeld in der Saison 1995/96, das Double unter Klopp, die Europanächte —, trägt auch gemeinsam Verantwortung. Der Signal Iduna Park, bis 2005 Westfalenstadion, ist mit seinen rund 81.365 Plätzen das größte Fußballstadion Deutschlands. Aber die eigentliche Größe dieser Fangemeinde misst sich nicht in Quadratmetern oder Stehplätzen. Sie misst sich in dem, was bleibt, wenn das Flutlicht erlischt.

Schwarz-Gelb ist eine Haltung. Und diese Haltung endet nicht an der Stadionmauer.