An der Isar hängen die Trauben zu hoch
Aus der Allianz Arena berichten
Holger W. Sitter und Christopher Neundorf
Im Viertelfinale des DFB-Pokals hatte Dortmund dem FC Bayern nichts entgegen zu setzen. Vollkommen verdient schlug der Rekordmeister den amtierenden Meister mit 1:0. Der BVB fand über weite Strecken der Begegnung nicht zu seinem Spiel.
Und wieder sitzen wir in Deutschlands berüchtigtstem Schlauchboot. Besser: schon wieder. Seit die Dortmunder Borussia zwischenzeitlich zwei Jahre lang die Liga und die Bayern nach Belieben dominierte, jazzt die Journaille die Duelle der beiden Branchengrößen zum „Deutschen Clásico“ hoch. Dank des enervierenden Eiertanzes, der um die Spiele des designierten neuen gegen den amtierenden Bundesligameister gemacht wird, hat man als Dortmunder das Gefühl, fast nur noch gegen Bayern München zu spielen.
Schließlich werden schon einen Monat vor einem Aufeinandertreffen die üblichen Geschichten und Geschichtchen lanciert. Normalerweise. Dieses Mal war es dank Lewandowskis kolportierter Wechselabsichten sogar noch schlimmer. Der polnische Nationalspieler soll sich für einen Transfer zur Säbener Straße entschieden haben und sorgt somit samt seiner windigen Berater dafür, dass man keine Zeitung im Ruhrpott mehr aufschlagen kann, die nicht gefühlte 1909 Sätze beinhaltet, in denen die Worte „Lewandowski“ und „München“ vorkommen.
Sei es, wie es sei. Wenigstens ist Dortmunds Mittelstürmer heute trotz Sperre in der Bundesliga spielberechtigt. Spielberechtigt ist zwar auch Mats Hummels, nutzt aber weder ihm noch uns etwas, weil er krankheitsbedingt passen muss. Abgesehen von diesem – sicherlich verhältnismäßig schwerwiegenden – Ausfall kann „Übungsleiter K.“ heute aus dem Vollen schöpfen.
Und das ist auch gut so. Schließlich haben die Bayern, die heute ohne den gesperrten Ribery auflaufen müssen, die Kräfteverhältnisse in dieser Spielzeit „wieder gradegerückt“: Nachdem man in den vergangenen Jahren schon fast so weit war, sich vor BVB-Spielen gegen die Bayern zu fragen, wer als Favorit in die Partie geht, stellt sich diese Frage diesmal nicht. Mit beeindruckender Dominanz und scheinbarer Leichtigkeit schmirgelte der FCB in den letzten Monaten durch alle drei Wettbewerbe, demütigte dabei nahezu jeden zweiten Gegner.
Doch während der Rekordmeister die Schale nach menschlichem Ermessen bereits sicher hat, bleibt einem im Pokal die Hoffnung, dass eben jener eigene Gesetze hat. Ein Gesetz gilt ohnehin in jedem Wettbewerb. Auf den Rängen ist Dortmund nahezu unschlagbar. Auch heute, an diesem kalten und knisternden Pokalabend, singen die mitgereisten Borussen schon in der ersten Spielminute alles in Grund und Boden. Zumindest in diesem Bereich ist der ansonsten übermächtig erscheinende, abermals mit Klatschpappen bewaffnete Gegner nicht konkurrenzfähig.
Für Hummels steht Santana auf dem Feld. Statt Kuba spielt Großkreutz. Die ersten Spielminuten gehören nach kurzem Abtasten den Hausherren. Schon nach gut zehn Minuten hat Kroos nach einer missglückten Rettungsaktion von Weidenfeller die bayrische Führung auf dem Fuß. Borussia beginnt fahrig und sucht zunächst nach der eigenen Ordnung.
Gegen Mitte der ersten Halbzeit findet sie die auch und gestaltet das Spiel zumindest phasenweise ausgeglichen. Die zweite Mammut-Chance des Spiels gehört trotzdem dem Bundesligatabellenführer, als Martinez in Minute 37 nach Vorarbeit von Schweinsteiger an Weidenfeller scheitert.
In der Folge erhöhen die Bayern wieder den Druck. Arjen Robben erscheint frei vorm Dortmunder Schlussmann, steht aber im Abseits. Kurz darauf, in der 42. Spielminute, bekommt Marcel Schmelzer den Ball nicht aus der Gefahrenzone und der Holländer trifft per Sonntagsschuss zur Führung für den FCB.
Halbzeit. Es macht sich das Gefühl breit, dass die Trauben heute zu hoch hängen für den Ballspielverein. Vorne fehlt Reus und Lewandowski die Bindung zum Spiel, hinten wirken insbesondere Santana und Schmelzer fahrig. Letzterer muss den Rückstand auf seine Kappe nehmen.
In der Anfangsviertelstunde der zweiten 45 Minuten schießt der BVB häufiger aufs gegnerische Tor als in der gesamten ersten Halbzeit. Gefährlicher wirken aber weiter die Gastgeber, wenn sie vor dem Gehäuse von Weidenfeller auftauchen.
Nach einer runden Stunde Spielzeit ahndet der bis dahin gute Schiedsrichter Knut Kircher ein brutales Foulspiel von Martinez an Lewandowski nicht mit dem fälligen Platzverweis, zeigt dem in dieser Szene augenscheinlich übermotivierten Spanier nur den gelben Karton (siehe Aufmacher).
Ob ein Feldverweis für den über mindestens 80 Minuten überlegenen Gegner Borussia an diesem Tag geholfen hätte, lässt sich naturgemäß nicht sagen. Die Einwechselungen von Kuba für Großkreutz und Schieber für den heute wie schon in Gladbach schwachen Reus halfen am Ende jedenfalls nicht mehr.
Es bleibt nichts außer der Erkenntnis, dass der FC Bayern München heute absolut verdient gewonnen hat und sich lediglich den Vorwurf gefallen lassen muss, nur einmal ins Schwarze getroffen zu haben. Im Moment ist der Rekordmeister einfach besser. In diesem Spiel. Und in dieser Spielzeit.
Der BVB kommt zurzeit nicht an seine Leistungsgrenze. Und das wäre die Grundvoraussetzung gewesen, um den Bayern in ihrer momentanen Form Paroli bieten zu können.
Holger W. Sitter, Rutger Koch, 27.02.2013
Fotos: Christopher Neundorf
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