Es gibt Stimmen, die man nicht vom Verein trennen kann. Bei Borussia Dortmund ist das die von Norbert Dickel. Wer auch nur einmal im Signal Iduna Park gesessen — oder besser: gestanden — hat, weiß genau, was gemeint ist. Wenn diese Stimme durch das Stadion hallt, wenn sie Tore ausruft, Spieler ankündigt, die Menge in einen kollektiven Rausch versetzt, dann ist das kein Job mehr. Das ist Berufung. Dickel, der selbst als Spieler für den BVB auflief und dabei einen der emotionalsten Momente der Vereinsgeschichte schrieb, ist heute so untrennbar mit Dortmund verbunden wie die Südtribüne selbst. Wir haben ihn getroffen und über die Momente gesprochen, die ihn bis heute nicht loslassen.
„Ich habe zweimal getroffen — und konnte es selbst kaum glauben“
Wer mit Norbert Dickel über den 17. Juni 1989 spricht, der merkt: Dieser Tag ist nicht Geschichte für ihn. Er ist Gegenwart. Das DFB-Pokalfinale gegen Werder Bremen — ein Spiel, das er eigentlich gar nicht hätte spielen sollen. Dickel hatte schwere Verletzungen hinter sich, sein Knie war ein Flickenteppich aus Operationsnarben. Und dann das: zwei Tore beim 4:1-Sieg, beide von ihm. Dortmund holte den Pokal, und Dickel avancierte in einer einzigen Nacht vom Verletzungsopfer zur Legende.
Für viele Fans ist es schlicht das romantischste Kapitel in der jüngeren BVB-Geschichte: ein Mann, der sich durch Schmerz zurückgekämpft hat, der im größten Moment trifft und dessen Geschichte danach noch lange nicht endet — sondern eine neue beginnt. Dickel blieb dem BVB treu, wurde Stadionsprecher, und trägt seitdem dafür Sorge, dass der Verein auch im Alltag eine Stimme hat, die zu ihm passt.
„Wenn ich heute an diesen Abend denke, dann nicht an das Tor“, sagt er. „Dann denke ich an die Fans, die geweint haben. Gewachsene Männer, die geweint haben. Das vergisst du nicht.“ Es sind Sätze, die man ihm abnimmt — nicht weil sie so schön klingen, sondern weil man weiß, dass dieser Mann wirklich dort war. Dass er die Schuhe getragen hat, die Tore geschossen hat, in der Kabine gesessen hat. Das verleiht jeder Erinnerung ein anderes Gewicht.
München, 28. Mai 1997 — der Abend, der alles verändert hat
Acht Jahre nach dem Pokalfinale saß Dickel nicht mehr als Spieler im Kader, sondern als einer der Seinen auf der Tribüne — und erlebte die wohl größte Nacht in der Geschichte von Borussia Dortmund. Das Champions-League-Finale gegen Juventus Turin im Olympiastadion München. Der Favorit aus Italien gegen den Außenseiter aus dem Ruhrgebiet. Was folgte, war eine Demonstration schwarzgelber Entschlossenheit: Karl-Heinz Riedle traf doppelt, dann — in der 71. Minute — schoss Lars Ricken, gerade erst eingewechselt, den Ball mit seinem ersten Ballkontakt im Finale aus gut zwanzig Metern ins Tor. 3:1. BVB. Europameister der Vereinsmannschaften.
Dickel beschreibt diesen Abend so, wie ihn viele BVB-Fans beschreiben: als einen Beweis. Einen Beweis dafür, dass dieser Verein, dieser Klub aus Dortmund, nicht nur mitspielt — sondern gewinnen kann. Und dass die Fans, die jahrelang geglaubt haben, nicht umsonst geglaubt haben. Ottmar Hitzfeld, der Trainer, der den BVB seit 1991 geformt und ein Jahr zuvor bereits die Meisterschaft 1995/96 gewonnen hatte, vollendete damit sein Meisterwerk in Dortmund. Für Dickel war es mehr als ein Fußballspiel. Es war eine kollektive Katharsis.
„Ricken kam rein, sein erster Ballkontakt — und das Ding lag im Netz“, erinnert er sich. „In diesem Moment habe ich begriffen, was es bedeutet, BVB-Fan zu sein. Es ist irrational. Und es ist wunderschön.“ Selten beschreibt jemand Fußball so präzise und so menschlich zugleich.
Die Südtribüne: Das lauteste Klassenzimmer der Welt
Als Stadionsprecher hat Dickel einen einzigartigen Blick auf das Stadion: Er sieht die Kurve, hört die Kurve, aber er steht nicht in ihr. Und trotzdem — oder vielleicht gerade deshalb — spricht er über die Südtribüne mit einer Ehrfurcht, die man sonst nur bei Menschen findet, die dort jahrelang gestanden haben. Rund 25.000 Menschen auf einem einzigen Stehplatzblock, die gelbe Wand, die Choreographien, der Lärm, der sich physisch anfühlt. Dickel sagt, dass er bei jedem Heimspiel in dem Moment, in dem die Mannschaft das Spielfeld betritt und die Südtribüne anspringt, noch immer Gänsehaut bekommt. Nach all den Jahren.
Besonders emotional ist für ihn das Revierderby gegen Schalke 04. Was für Außenstehende ein Fußballspiel ist, ist für alle Beteiligten in Dortmund und Gelsenkirchen ein Grundsatzstreit. Dickel kennt die Energie in diesen Spielen aus eigener Erfahrung — als Spieler, als Fan, als Stimme des Stadions. Er beschreibt, wie die Atmosphäre bei Derby-Spielen eine eigene Qualität hat: angespannter, roher, echter. Eine Energie, die sich nicht inszenieren lässt. Die einfach da ist.
Der Signal Iduna Park — bis 2005 noch als Westfalenstadion bekannt — fasst über 81.000 Zuschauer und ist damit eines der größten Stadien Europas. Aber Dickel betont: Die Zahl ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, was diese Menschen zusammen produzieren, wenn der Anpfiff ertönt. „Es gibt Abende, da könnte ich kein Mikrofon brauchen“, sagt er lachend. „Die Fans sind lauter als alles, was ich je sagen könnte.“
Das Erbe — und was nach ihm kommt
Die Geschichte des BVB ist keine Geschichte von Vereinsfunktionären und Vorstandsbeschlüssen. Sie ist eine Geschichte von Menschen. Von einem Lothar Emmerich, der in den Sechzigern als „Emma“ die Gegner schwindlig schoss und 1966 den Europapokal der Pokalsieger mit nach Hause brachte, als der BVB Liverpool im Hampden Park in Glasgow nach Verlängerung mit 2:1 bezwang. Von einer Mannschaft unter Jürgen Klopp, die 2011/12 das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal holte und dabei so modern und gleichzeitig so echt wirkte wie kaum eine andere. Und eben von einem Norbert Dickel, der im Pokalfinale 1989 zweimal traf und danach nie aufgehört hat, BVB zu sein.
Wenn man ihn fragt, was er sich für seine Nachfolger wünscht, antwortet er nicht mit konkreten Anforderungsprofilen. Er antwortet mit einem Bild: Ein Stadionsprecher, sagt er, muss das Gefühl der Fans verstärken — nicht ersetzen. Er ist Resonanzkörper, kein Solokünstler. Die Fans bringen die Energie, und die Aufgabe des Sprechers ist es, einen Kanal dafür zu öffnen, nicht einen Filter.
Diese Geschichte wird weitergeschrieben. Jeden Samstag. Im Signal Iduna Park. Wenn er das Mikrofon in die Hand nimmt und die Stimme erhebt — für den Verein, für die Fans, für all die Momente, die man nicht kaufen, nur erleben kann. Und solange Norbert Dickel spricht, klingt Dortmund wie Dortmund.
