Es gibt Momente im Fan-Dasein, die man nicht plant. Einen dieser Momente erlebte ich vor einigen Wochen in der Vereinsgaststätte, als ein älterer Herr mit einem ausgeblichenen BVB-Schal am Nebentisch saß und ganz beiläufig erwähnte, dass er dabei war. Nicht irgendwo dabei – sondern bei den Anfängen der organisierten Ultraszene des BVB. Ein Mann, der das Westfalenstadion noch als Westfalenstadion kennt, der die Südtribüne nicht als touristisches Highlight begreift, sondern als sein zweites Wohnzimmer. Was folgte, war ein fast dreistündiges Gespräch, das ich so schnell nicht vergessen werde.
Die Südtribüne war unser Klassenzimmer
„Wir waren jung und wussten nicht mal genau, was ein Ultra eigentlich sein soll“, erzählt er, nennen wir ihn Klaus. Anfang der Neunziger, die Bundesliga noch ohne Internet, ohne Smartphones, ohne die ganze Inszenierung, die heute dazugehört. Der BVB kämpfte sich gerade wieder aus einer wirtschaftlich schwierigen Phase heraus – und auf der Südtribüne wuchs etwas, das man heute als Identität bezeichnen würde. Die Südtribüne mit ihren rund 25.000 Stehplätzen war damals wie heute das Herz des Stadions. Aber damals war dieses Herz noch ungezähmt, roh, unorganisiert im besten Sinne.
„Wir haben uns einfach gefunden. Gleiche Tickets, gleiche Kurve, gleiche Leidenschaft. Irgendwann haben wir angefangen, uns abzusprechen, wer die Fahne hält, wer die Trommeln mitbringt.“ Klaus lacht, als er das sagt. Kein Nostalgie-Lachen, sondern das Lachen von jemandem, der weiß, dass damals etwas entstanden ist, das größer war als alle Beteiligten geahnt hatten. Die Ultrakultur in Deutschland war zu jener Zeit noch ein Import aus Italien, ein Begriff, den viele Funktionäre mit Argwohn betrachteten. Auf der Südtribüne kümmerte das niemanden.
1997 – Das Jahr, das alles verändert hat
Wenn Klaus über den 28. Mai 1997 spricht, verändert sich seine Stimme. Das Champions-League-Finale im Olympiastadion München gegen Juventus Turin – für eine ganze Generation von BVB-Fans die Nacht, nach der nichts mehr gleich war. „Ich hatte das Ticket schon Wochen vorher. Konnte nicht schlafen. Nicht vor Aufregung, sondern vor Angst. Juventus war das Maß aller Dinge damals.“
Das Endresultat kennt jeder, der auch nur einen Hauch von BVB-Geschichte in sich trägt: 3:1 gegen Juventus. Karl-Heinz Riedle traf zweimal, und dann kam Lars Ricken – eingewechselt, keine zwei Minuten auf dem Platz, und dieser Chip über Peruzzi. Klaus schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch, wenn er das beschreibt, dreißig Jahre später, und man spürt: dieser Moment sitzt noch genauso tief wie damals. „Das war kein Fußball mehr. Das war ein Versprechen, das eingelöst wurde.“
Für die Ultragruppe bedeutete dieser Triumph mehr als einen Pokal. Er bedeutete Sichtbarkeit. Die Choreografien, die Gesänge, die Fahnenmeere – plötzlich zeigte die ganze Fußballwelt, was auf der Südtribüne passierte. „Wir haben danach neue Mitglieder bekommen, klar. Aber die alten Hasen haben aufgepasst, dass der Geist bleibt. Kein Eventfan-Getue.“
Revierderby, Dickel und die Seele des Klubs
Kein Gespräch über BVB-Fankultur kommt ohne das Revierderby aus. BVB gegen Schalke 04 aus Gelsenkirchen – das ist nicht Fußball, das ist Stammesrecht. Klaus beschreibt die Atmosphäre in den Derbyspielen der frühen Neunziger als „physisch spürbar, wie Druck auf den Ohren“. Die Südtribüne gegen den Schalker Anhang – das war und ist eine eigene Welt.
Und dann ist da Norbert Dickel. Klaus bringt ihn selbst zur Sprache, noch bevor ich fragen kann. „Dickel ist das lebende Gedächtnis des Vereins“, sagt er. Der Mann, der im DFB-Pokalfinale 1989 gegen Werder Bremen zwei Tore erzielte – bei einem Endstand von 4:1 – und dem BVB damit den Pokal sicherte, steht heute als Stadionsprecher am Mikrofon. „Wenn der die Tore rausbrüllt, glaubst du ihm jeden. Der hat selbst gewusst, wie es sich anfühlt.“
Es sind diese Kontinuitäten, die Klaus wichtig sind. Die Verbindung zwischen der Geschichte des Vereins und dem, was heute auf der Südtribüne passiert. Er erinnert an Legenden wie Lothar Emmerich, den sie „Emma“ nannten, Torjäger und Persönlichkeit der Sechzigerjahre, der von 1960 bis 1969 das BVB-Trikot trug. Emmerich war dabei, als der BVB 1966 im Hampden Park in Glasgow den Europapokal der Pokalsieger holte – 2:1 gegen den FC Liverpool nach Verlängerung. „Schon damals haben die Fans auf den Rängen Geschichte geschrieben, auch wenn man das so nicht genannt hat.“
Was bleibt – und was sich niemals ändern darf
Gegen Ende unseres Gesprächs wird Klaus nachdenklicher. Der Fußball hat sich verändert, das leugnet er nicht. Das Westfalenstadion heißt seit 2005 Signal Iduna Park, die Kommerzialisierung ist allgegenwärtig, die Ticketpreise sind gestiegen, die Übertragungsrechte längst in alle Welt verkauft. Aber die Südtribüne – die hat sich ihren Charakter bewahrt.
„Es gibt immer Leute, die sagen, früher war alles besser. Das glaube ich nicht. Früher war manches echter, ja. Aber die Leidenschaft, die ist nicht verschwunden.“ Er zeigt auf seinen Schal. Ausgeblichen, ja. Aber er trägt ihn jeden Spieltag. „Das ist kein Nostalgieprojekt. Das ist Haltung.“
Was ich aus diesem Gespräch mitnehme: Fankultur ist kein Museum. Sie lebt dadurch, dass jede Generation die Geschichten der vorherigen kennt – und dann weitermacht. Die Doppelmeisterschaft unter Ottmar Hitzfeld in der Saison 1995/96, das Double unter Jürgen Klopp 2011/12 mit Meisterschaft und Pokal – das sind keine Fußnoten, das ist das Fundament, auf dem jeder Chorgesang auf der Südtribüne steht.
Klaus verabschiedet sich ohne großes Aufheben. Kein selfie, keine große Geste. Er bindet seinen Schal enger, nickt, und ist wieder ein Mann unter vielen in der Vereinsgaststätte. Aber ich weiß jetzt: Dieser Mann ist ein Stück BVB. Nicht wegen eines Titels oder einer Statistik – sondern weil er jahrzehntelang da war, mitgemacht hat, nie aufgehört hat zu glauben. Echte Fans brauchen keine Bühne. Die Südtribüne ist ihre Bühne.
