Es gibt Spieler, die tragen einen Verein im Herzen – und dann gibt es Spieler, die sind der Verein. Lothar Emmerich gehört zur zweiten Kategorie. Wer die Geschichte des Ballspiel-Vereins Borussia 09 e.V. Dortmund wirklich verstehen will, kommt an diesem Mann nicht vorbei. „Emma“, wie ihn die Fans nannten, war keine Randfigur der Vereinsgeschichte – er war ihr Mittelpunkt in einer Zeit, in der der BVB lernte, was es bedeutet, auf europäischer Bühne zu stehen. Und er war einer der ersten, die diese Bühne zum Beben brachten.
Ein Torjäger aus dem Ruhrpott – geerdet und gefährlich
Lothar Emmerich kam 1960 zum BVB und blieb bis 1969 – neun Jahre, in denen er zum Gesicht einer ganzen Ära wurde. Geboren und aufgewachsen im Ruhrgebiet, verkörperte er genau das, wofür der BVB steht: Arbeiterklasse, Leidenschaft, Direktheit. Er spielte nicht für die Schlagzeilen. Er spielte für den Verein, für das Trikot, für die Leute auf der Südtribüne, die ihm jede Woche zujubelten.
Emmerich war kein eleganter Techniker, kein Zauberer mit dem Ball am Fuß. Er war ein Torjäger im besten Sinne des Wortes – gefährlich, konsequent, mit einem Schuss, der Torhüter das Fürchten lehrte. Besonders sein linkes Bein galt als eines der härtesten im deutschen Fußball seiner Zeit. Wer „Emma“ in Schussposition kommen ließ, zahlte einen Preis dafür.
Über seine gesamte BVB-Zeit hinweg sammelte er Tor um Tor und entwickelte sich zu einem der treffsichersten Stürmer, die je das Schwarz-Gelbe Trikot getragen haben. Doch Tore allein erklären nicht, warum sein Name bis heute mit Ehrfurcht ausgesprochen wird. Es war der 5. Mai 1966, der ihn unsterblich machte.
Hampden Park, Glasgow – der Abend, der alles veränderte
Der Europapokal der Pokalsieger 1966 war nicht irgendein Wettbewerb. Es war das Finale. BVB gegen Liverpool – zwei Arbeiterklubs aus zwei Industriestädten, mit einer Fankultur, die sich in vielem ähnelt. Hampden Park in Glasgow fasste Zehntausende, und die Atmosphäre war elektrisierend. Kein Fernsehspektakel, kein modernes Medienrummel – einfach Fußball, so roh und real wie er sein kann.
Borussia Dortmund gewann dieses Finale mit 2:1 nach Verlängerung. Es war der erste Europapokal-Triumph eines deutschen Vereins und sollte für lange Zeit der einzige bleiben. Emmerich war mittendrin – als Torjäger, als Antreiber, als Seele dieser Mannschaft. Der Sieg über Liverpool in Schottland war kein Zufall. Es war das Ergebnis einer Mannschaft, die zusammengewachsen war, die für einander kämpfte – und die einen Emmerich in ihren Reihen hatte.
Für den BVB war dieser Triumph mehr als ein Pokal. Er war ein Signal: Dieser Verein ist kein provinzieller Klub aus dem Revier. Dieser Verein kann Europa herausfordern. Diese Botschaft hallte noch Jahrzehnte nach – und fand ihre Fortsetzung, als Karl-Heinz Riedle und Lars Ricken 1997 in München gegen Juventus Turin trafen, als der BVB mit 3:1 die Champions League gewann und die ganze Welt staunte.
Die Seele einer Mannschaft – und was sie für den modernen BVB bedeutet
Was Emmerich und seine Generation dem BVB hinterließen, war nicht nur ein Silberpokal im Vereinsmuseum. Es war eine Identität. Der BVB als Verein, der kämpft, der Europa nicht fürchtet, der seinen eigenen Weg geht – das hat Wurzeln, die bis in die 1960er Jahre reichen.
Man kann eine direkte Linie ziehen von Emmerichs Mentalität über Norbert Dickel – der 1989 im DFB-Pokal-Finale gegen Werder Bremen zwei Tore erzielte und den BVB zum 4:1-Sieg schoss, heute unsterblich als Stadionsprecher im Signal Iduna Park – bis hin zu den großen Epochen der Neuzeit. Ottmar Hitzfeld formte in den frühen 1990er Jahren eine Mannschaft, die 1995/96 die Meisterschaft gewann. Jürgen Klopp führte den BVB 2011/12 zum Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal. Jede dieser Ären hatte ihre eigenen Helden, ihre eigene Energie, ihren eigenen Stil.
Aber der Geist blieb derselbe. Der Geist, den Emmerich verkörpert hatte. Der Geist des Revierfußballs, der nicht fragt, wer der Gegner ist, sondern wie man ihn schlägt. Der Geist, der heute noch auf der Südtribüne lebt, wo rund 25.000 Stehplätze im Signal Iduna Park die lauteste Kulisse Europas erzeugen.
Emma bleibt – in der Erinnerung und im Herz der Gelben Wand
Lothar Emmerich ist nicht mehr unter uns. Aber wer an einem Matchday am Signal Iduna Park steht, wer die Wärme der schwarz-gelben Fankultur spürt, wer das Rauschen der Südtribüne hört, wenn der BVB ein Tor erzielt – der spürt auch ein bisschen von Emma. Von dem Mann, der 1966 in Glasgow Geschichte schrieb. Von dem Mann, der beweist, dass große Klubs nicht aus Geld entstehen, sondern aus Identität.
Das Revierderby gegen Schalke 04 aus Gelsenkirchen ist jedes Jahr aufs Neue ein Ritual der Selbstvergewisserung. Wer sind wir? Was unterscheidet uns von denen da drüben? Die Antwort liegt zum Teil in der Geschichte – und in Spielern wie Lothar Emmerich, die diese Geschichte mit Leben gefüllt haben. Schwarz-Gelb bis auf die Knochen. Europameister der Pokalsieger. Eine Legende, die bleibt.
Echte Liebe – das war Emmerich. Das ist der BVB. Das wird immer so sein.
