Coming Out: Ein mutiger Schritt von Thomas Hitzlsperger
In der morgen erscheinenden Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT gibt es ein Interview mit dem ehemaligen Fußballspieler Thomas Hitzlsperger, der sich in diesem Gespräch als schwul outet. Oder aber als homosexuell – die Unterscheidung wäre Hitzlsperger wohl wichtig, als dass er dem Interview zufolge den Begriff „schwul“ im Bereich Fußball für denunziatorisch hält, wenn man beispielsweise ein schlechtes Zuspiel als „schwulen Pass“ bezeichnet.
Der ehemalige Nationalspieler, der in der Bundesliga unter anderem für den VfB Stuttgart spielte, habe sich während eines „langwierigen und schwierigen Prozesses“ über seine Sexualität Gedanken gemacht und sei zu dem Schluss gekommen, dass er „lieber mit einem Mann zusammenleben möchte.“.
Dieser mutige Schritt verdient Respekt! Auch wenn es irgendwie bedrückend ist, dass eine solche Aktion nicht als die Nebensächlichkeit interpretiert wird, die sie eigentlich sein sollte.
Im 21. Jahrhundert werden zwar offen homosexuelle Regierungschefs und Minister mehr oder weniger akzeptiert, aber gerade im Bereich des Fußballs scheint es sich um eine Art Grauzone zu handeln. Da gibt es auch im deutschen Fußball die eine oder andere prominente Person, die schwule Fußballer für den Untergang des Abendlandes hält und das Ende des Fußballs, wie man ihn kennen würde, prophezeit – aber moralische Normen sind dem Wandel unterlegen. Wer auf Weihnachtsfeiern für außerehelichen Nachwuchs sorgte, hätte vor hundert Jahren auch vor dem moralischen Zeigefinger zusammenzucken müssen.
Statistisch gesehen kann die Bundesliga eigentlich nicht nur heterosexuelle Spieler haben, aber bisher war ein Outing für Profifußballer ein Problemthema. Im Rahmen der Aktion Libero (Sportblogs gegen Homophobie im Fußball) wurde von den Rainbow-Borussen, einem schwul-lesbischen BVB-Fanclub, ein solches Outing als Tabuthema gesehen, da es sich bei Fußball um einen typischen Männersport handelt und das gesamte Umfeld dort eher gegen ein Outing spricht (siehe auch das Interview mit den Rainbow-Borussen).
Auch Hitzlsperger ging auf das gesellschaftliche Klima ein und verwies darauf, dass Homosexuelle im Fußball gerne als Weicheier bezeichnet werden – ein Attribut, was auf ihn als Profi sicherlich nicht zutraf (es gibt ja auch die These, dass Schwule im Profifußball extra ruppig sind, um ja nicht als unmännlich zu gelten) und das er sinngemäß so kommentierte, dass denen, die sein Spiel als „unmännlich“ bezeichnen würden, wohl nicht mehr zu helfen sei.
Dass Thomas Hitzlsperger sich jetzt outet, ist ein mutiger und begrüßenswerter Schritt, wobei man natürlich berücksichtigen muss, dass dies jetzt nach seiner aktiven Karriere geschehen ist. Ein aktiver Spieler müsste neben dem ganzen Medienrummel, der sich da auftun würde, auch aktiv beim eigentlichen Fußball damit auseinandersetzen, denn man kann davon ausgehen, dass die gegnerischen Fans (und unter Umständen nicht nur die!) bei jeder Aktion des Spielers mit irgendwelchen dumm-dusseligen und homophoben Schmährufen reagieren. Der dadurch verbundene Druck mag wohl auch der Grund sein, warum bisher kein aktiver Fußballer diesen Schritt gewagt hat und auch Thomas Hitzlsperger hat sich lange Zeit gelassen, bis er sich outete (man achte dahingehend auf den letzten Satz im DIE ZEIT-Interview mit Thomas Hitzlsperger aus September 2012).
Dennoch ist das Outing von Thomas Hitzlsperger nicht klein zu reden – es ist ein erster Schritt zur Normalität auch im Fußball. Vielleicht ist “The Hammer” (wie er in England immer gerne genannt wurde) damit ja auch ein Vorbild für andere Profis, aber auch für jüngere – nach dem Motto: schwul sein ist normal, selbst beim Sommermärchen von 2006 war ein schwuler Spieler dabei. Ein Spieler übrigens, der in der Bundesliga-Saison 2006/2007 dafür sorgte, dass nicht die Blauen Meister wurden, sondern der VfB Stuttgart, wo er auch entscheidende Beiträge (sprich: Tore in den letzten beiden wichtigen Spielen) leistete.
Klar muss aber auch sein, dass jeder schwule Spieler für sich selber entscheiden muss, wie er damit umgehen möchte. Die Fans aller Mannschaften sind jedoch aufgefordert, diese Vorgehensweisen zu respektieren.
Redaktionelle Anmerkung:
Als der Vorschlag aufkam, diesen Beitrag zu veröffentlichen, kam auch die Idee auf, eine Art Pro & Contra zu schreiben. Es fand sich aber niemand, der den Contra-Part schreiben wollte… und das ist auch gut so!
Bildnachweise:
Das Titelbild stammt von der bereits oben erwähnten Aktion Libero und trifft es ganz gut: „Ob jemand schwul ist, oder rund, oder grün das darf keine Rolle spielen.“
Das Bild von Thomas Hitzlsperger mit der Meisterschale stammt von Stefan Baudy, wurde dem Archiv Wikimedia Commons entnommen und steht unter CC-BY-SA-Lizenz.
