Der Ballspielverein und das Für und Wider des ‚Talentklaus‘ im modernen Profifußball

15. Juni 2013

Der Ballspielverein und das Für und Wider des ‚Talentklaus‘ im modernen Profifußball

Die Jugendarbeit des BVB zählt zweifellos zu den besten der gesamten Bundesliga. Jüngst wurde der Champions League-Finalist von der DFL zum Verein mit der höchsten Durchlässigkeit zwischen Nachwuchsbereich und Profifußball gekürt. Im Kader der Elf von Jürgen Klopp stehen insgesamt zehn Spieler, die ihre sportlichen Wurzeln im Nachwuchs der Borussia haben. Davon zählen vier Kicker (Marcel Schmelzer, Nuri Sahin, Marco Reus und Kevin Großkreutz) zur Stammelf der Schwarz-Gelben. Marco Reus nimmt aus diesem Quartett allerdings einen gewissen Sonderstatus ein. Der heute 24jährige wechselte in der B-Jugend zu Rot-Weiss Ahlen und kehrte über den Umweg Borussia Mönchengladbach in seine Heimatstadt zurück. Ähnlich verhält es sich beim 18-jährigen Abwehrspieler Marian Sarr. Der gebürtige Essener wechselte in der Winterpause 2012/13 aus der zweiten Mannschaft von Bayer Leverkusen in die A-Jugend der Borussia. Ungewöhnlich für einen Spieler seines Alters, sorgte der Wechsel des Innenverteidigers für einen medialen Wirbel. Besonders Bayer-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser zeigte sich erzürnt: „Es ist sehr bedauerlich und hat auch Frust ausgelöst.“

Wo aber liegt das Erfolgsgeheimnis der Nachwuchsförderung der Borussia? Ein wichtiger Faktor ist der Standortvorteil, den der BVB gegenüber anderen Vereinen ‚genießt‘. Durch die hohe Dichte an Proficlubs in Nordrhein-Westfalen unterliegt jeder einzelne einem ganz besonderen Druck. Dazu Jugendkoordinator Lars Ricken: „Was wir haben durch das Ruhrgebiet, wo es mit Leverkusen, Schalke, Bochum und vielen anderen Traditionsvereinen einen großen Wettbewerb bereits im Jugendalter gibt, einen lokalen Standortvorteil. Zudem ist es fast ein Alleinstellungsmerkmal, dass sich ihre U23 in der dritten Liga mit den Besten messen kann.“. Seit 2008 bekleidet der ehemalige Nationalspieler Lars Ricken das Amt des Nachwuchskoordinators bei Borussia Dortmund. Somit wird beim achtmaligen Deutschen Meister nicht nur im Profibereich, sondern auch in der Nachwuchsförderung seit fünf Jahren Kontinuität groß geschrieben.

Wie hoch diese Tatsache einzustufen ist, zeigt sich beispielsweise am Vergleich mit dem Hamburger SV. Im selben Zeitraum waren sechs verschiedene Konstellationen für die Nachwuchsförderung bei dem norddeutschen Traditionsverein verantwortlich (Michael Schröder, Schröder/Bastian Reinhardt, Reinhardt/Urs Meier, Meier/Ulf Zimmer, Stephan Hildebrandt, Jens Todt). Apropos HSV: Im Kader der ‚Rothosen‘ stehen mit Lasse Sobiech, Kerem Demirbay und Tolgay Arslan drei Akteure, die ihre sportliche Ausbildung beim BVB genossen haben. Es zeigt sich die Diskrepanz, die momentan im deutschen Jugendfußball herrscht. Einerseits werden junge Talente abgegeben, denen von Vereinsseite der Sprung ins Profigeschäft offensichtlich nicht zugetraut wird, andererseits werden andere junge Spieler von anderen Vereinen abgeworben. Die Diskussion um den sogenannten ‚Talentklau‘ im modernen Fußball nimmt immer mehr zu.

Es zeigen sich die negativen Auswirkungen, die der sportliche Erfolg der letzten fünf Jahre auf die Kadergestaltung beim BVB hat. Auch wenn Jürgen Klopp es versteht, junge Talente behutsam aufzubauen, wird es mit ansteigendem Erfolg immer schwieriger, dies auch kontinuierlich zu propagieren. Fans und Vorstand erwarten gleichermaßen den momentanen Standard zu halten. Dies soll mit der Verpflichtung teurer Stars erreicht werden, die den sportlichen Erfolg garantieren sollen. Waren die Ansprüche zu Beginn der ‚Ära Klopp‘ noch vergleichsweise gering, wird nun von Fan- und Funktionärsseite erwartet, dauerhaft um die Deutsche Meisterschaft mitzuspielen und in der Champions League möglichst weit zu kommen. Von den bereits angesprochenen Eigengewächsen konnten in der Vorbereitung besonders Jonas Hofmann, Erik Durm und Marvin Ducksch überzeugen. Ihnen wird es am ehesten zugetraut, sich im Kader von Jürgen Klopp langfristig zu etablieren. Ungemein schwerer wird es für die beiden Innenverteidiger Marvin Sarr und Koray Günter und den dritten Torhüter Zlatan Alomerovic. Übermächtig scheint die Konkurrenz der Etablierten Mats Hummel, Neven Subotic und Roman Weidenfeller.

Auch wenn die gute Jugendarbeit beim BVB regelmäßig Früchte trägt, bleiben zählbare Erfolge für den Verein seit Jahren aus. Die letzte Deutsche Meisterschaft im A- und B-Jugendbereich konnte der schwarz-gelbe Nachwuchs jeweils 1998 feiern. Abhilfe schaffen soll der Trainer des damaligen Deutschen A-Jugendmeisters. Edwin „Eddy“ Boekamp kehrte im Sommer nach fünf Jahren zum BVB zurück. Seitdem er sein Amt als Nachwuchskoordinator 2008 an Lars Ricken abgegeben hatte, war der 54-jährige als Co-Trainer des ehemaligen BVB-Trainers Michael Skibbbe für mehrere Vereine tätig. In der Zukunft teilt er sich das Amt des Nachwuchskoordinators mit seinem Vorgänger und soll für frischen Wind in der BVB-Jugend sorgen. Und die zählbaren Erfolge ihre Nachwuchses können dann ja nur noch eine Frage der Zeit sein.

Ramon Budde, 14.08.2013