Borussia ist Europas zweitbeste Mannschaft
Rund um das Finale in Wembley berichten
Jürgen Braun, Holger W. Sitter und Christopher Neundorf
Ein großes Finale des BVB – am Ende die bittere Rückkehr des „Bayern-Dusels“, war unser erster Gedanke.
Was haben wir uns auf dieses Finale in Wembley gefreut. Voller Hoffnungen, manchmal auch Befürchtungen: Stolz gepflegte Hoffnungen, trotz des Götze-Ausfalls irgendwie den Henkelpott nach 16 Jahren wieder zu holen. Immer wieder aufkommende, aber schnell unterdrückte Befürchtungen, unser BVB könnte übertrieben taktisch vorsichtig wie in der ersten Halbzeit des DFB-Pokalspiels in München agieren, diesmal aber einige Bayern-Tore mehr fangen.
Dann legt der BVB stärker und schneller los als die sprichwörtliche Feuerwehr, ist lange die klar überlegene Mannschaft, kommt nach dem 1:0 der Bayern zurück, wie es kein anderer Club in der Champions League in dieser Saison gegen den FCB geschafft hat, um in der letzten Minute das entscheidende Tor zu kassieren. Seit gestern zwanzig vor Elf abends herrscht bei hunderttausenden von BVB-Fans die große Leere. Klopps Jungs hatten schon beide Hände an den Henkeln der wichtigsten Vereinstrophäe der Welt, kurz vor Schluss wird sie ihnen entrissen.
Dabei machte Borussia in den ersten 25 Minuten des Finales nahezu alles richtig. Es fehlte nur dieses eine erlösende Tor. Die monatelang von allen Sportjournalisten hymnisch beschworenen Bayern, die „beste Mannschaft der Welt“, kam kaum aus der eigenen Hälfte, Blödsinn, aus dem eigenen Strafraum heraus. Die komplette Dortmunder Offensive presste die Bayern so zum eigenen Tor, dass der ehemalige Gelsenkirchener im hellgrünen Torwartdress die längste Ballbesitzzeit aller Spieler zu haben schien. David Alaba drosch den Ball gefühlt dutzendfach von hinten hilflos irgendwie hoch nach vorne Richtung Mandzukic. Modernes, schnelles, gepflegtes Passspiel bot nur eine Mannschaft, die aus Dortmund.
Es fehlte nur das Tor, das sei hier angefügt, auch wenn es zur Wiederholungsschleife zu werden droht. Hummels und Gündogan spielten grandiose Pässe, Reus machte unglaublich viel Wirbel als Vorbereiter. Als Vollstrecker mussten sich andere versuchen: allen voran Kuba und Bender. Ständig ratterte der Gedanke durch den Kopf: Warum hat Reus diese Chance nicht? Mit Reus´ Schusstechnik hätte der ehemalige Blaue, heute Hellgrüne bei den Roten schnell hilflos Richtung Tornetz greifen müssen. Aber den doppelten Marco gab es nicht in Wembley, den Vorbereiter und Vollstrecker seiner eigenen Vorbereitungen. Reus als Vollstrecker nach Götzes Vorbereitung, das wär´s gewesen. Ach, lassen wir das mit dem treulosen Bubi G. Waren wir doch gerade wieder aus der großen Leere zurück und bewegten uns in Richtung Stolz auf ein großes Spiel ihre Schwarzgelben.
Nach den verdienten Toren des BVB, aus denen leider nichts wurde, kamen die Bayern unverdient und ohne große Mühen ins Spiel zurück. Von schönem Fußball keine Spur. Hohe Bälle waren es, die mit Kopfbällen abgeschlossen wurden. Die Chancen erinnerten wenig an angeblichen Traumfußball der vermeintlich besten Mannschaft der Welt, eher an den BVB Anfang der 80er seligen Angedenkens, wo dann mit hohen Bällen Stürmer wie Bernd Klotz gesucht wurden.
Bedanken können sich die Münchner neben der schwachen BVB- Chancenverwertung beim italienischen Schiedsrichter. Zwar ließ er oft das Spiel souverän weiterlaufen, fiel auf kaum eine der notorischen Bayern-Schwalben herein, aber er vergaß die notwendigen Karten. Riberys Schlag gegen Lewandowski in der ersten Hälfte hätte zwingend Gelb zur Folge gehabt, wenn nicht gar Rot, wie Markus Merk in der Halbzeit bei „Sky“ meinte. Der der BVB-Nähe unverdächtige Marcel Reif sprach von „Dunkelgelb“. Rizzoli gab keine Karte.
Im zweiten Durchgang wäre Dante für seinen Tritt gegen Reus mit Geldrot noch eher kommod davongekommen. Der FC Bayern über lange Zeit mit zehn oder gar neun Spielern auf dem Platz, sie hätten sich nicht beschweren können. Das meinte auch der ehemalige Trainer der „Blauen“, Ralf Rangnick nachher im ZDF. Und zum Spielverlauf: „Dortmund hat in den ersten 25 Minuten nicht das Tor gemacht.“ So isses. Und hätte Lukasz Piszczek in der 89. Minute nicht den alles entscheidenden Zweikampf gegen Ribéry verloren, wer weiß, was dann statt dem 1:2 passiert wäre.
Auch Schlagerstar Helene Fischer vermochte nicht, die Traurigkeit weg zu singen, die sich im Natural History Museum im Londoner Stadtteil Kensington breit gemacht hatte. An „Feier“ war so recht nicht zu denken. Da saßen sie nun, die unglücklich unterlegen Borussen und trauerten den vergangenen 90 Minuten nach.
Doch die Botschaft des Abend lautete – wie sollte es anders sein – „Was wir kommen wieder. Das habe auch ich den Spielern gesagt“, meinte der BVB-Trainer. „Vielleicht können wir so schnell nicht nach Wembley zurückkehren, aber wir werden versuchen, in ein anderes Finale zu kommen. Im kommenden Jahr findet das Endspiel in Lissabon statt, in zwei Jahren in Berlin. Da wären wir schon gern dabei“, sagte Jürgen Klopp in der ihm eigenen, positiven Art.
Bevor der scheidende Jupp Heynckes das Podium im Pressraum verließ, gab er ein letztes, eher überraschendes Statement ab: „Ich übergebe an meinen Nachfolger eine perfekt funktionierende Mannschaft. Dazu ist Mario Götze verpflichtet und Robert Lewandowski wird auch nicht mehr lange auf sich warten lassen“. Rumms, das saß! Überraschen konnte es indes niemanden im Raum.
Seit Wochen geht das Transfergerangel hinter den Kulissen hin und her und nachdem die windigen Lewandowski-Berater Cezary Kucharski und Maik Barthel auf der Gästeliste für das nächtliche Bankett der Bayern im Londoner Hotel Grosvenor House London standen, wurden diese Spekulationen zusätzlich befeuert. Wird Borussia hart bleiben und tatsächlich auf Vertragserfüllung pochen? Kaum zu glauben.
Sollen sie’s auskosten und genießen, ihren Sieg. Was wir jedenfalls sind froh, dass es jetzt ein Ende hat mit diesem hochgezüchteten Final-Hype. So langsam ging es einem echt auf den Geist, wie jeder quersitzende Furz der Protagonisten medial gewürdigt wurde. Bei allem Verständnis für die Kollegen, aber man muss wirklich nicht jede bedeutungslose Belanglosigkeit transportieren.
Auf jeden Fall wurde Werbung für die 50-jährige Liga betrieben. Die ‚Daily Mail‘ jedenfalls konstatierte artig: „Überall waren deutsche Lektionen zu lernen, von der Entwicklung des Coachings bis zu den zahlreichen hochklassigen jungen deutschen Spielern, die durch das Augenmerk ihres Verbands auf die Jugend entwickelt wurden“.
Was übrig bleibt ist eine große Leere, denn wir waren so nah dran. Wann wird die Chance wiederkommen? Schnell, oder wieder erst nach 16 Jahren? Es bleibt der Stolz auf eine unglaublich starke Champions-League-Saison. Der BVB hat sich in die Herzen der Fußballfans – weltweit – hinein gespielt.
Das Westfalenstadion jedenfalls ist heute ab 14 Uhr für Borussia‘s Fans geöffnet. Mannschaft und Trainerstab werden direkt nach ihrer Rückkehr aus London etwa 16 Uhr ankommen. Rund 45 Minuten wird der Empfang für die Wembley-Finalisten dauern. Platz ist für etwa 60.000 Fans. Das Betreten der Südtribüne allerdings bleibt allen Fans verwehrt, da sie wegen der bereits begonnenen Betonsanierung nicht betretbar ist.
Jürgen Braun, Holger W. Sitter, Christopher Neundorf (Fotos) – 26.05.2013
