Geil, geiler, Borussia!
Aus dem Westfalenstadion berichten
Holger W. Sitter und Christopher Neundorf
Heute war also der Tag, an dem Geschichte geschrieben werden sollte. Borussia Dortmund hatte den erstmaligen Einzug ins Semifinale der Champions League seit 15 Jahren (18.03.1998 gegen den FC Bayern München) fest im Visier.
Erst schlug dreimal der Blitz im Flugzeug ein, dann gab es für den FC Málaga gleich drei blitzsaubere Tore – binnen neun Minuten – in der ersten halben Stunde beim 2:4 bei Real Sociedad San Sebastian. Dazu ein Abschlusstraining ohne Cheftrainer Manuel Pellegrini im Westfalenstadion – eine optimale Vorbereitung auf das Rückspiel im Champions League-Viertelfinale gegen Borussia Dortmund sieht wahrlich anders aus. Laut einer spanischen Tageszeitung ist der Coach erst knapp fünf Stunden vor dem Anpfiff in Dortmund aus Chile eingetroffen. Bis dahin hatte Co-Trainer Ruben Cousillas die Mannschaft in Abwesenheit von Pellegrini betreut.
Jürgen Klopp hatte die BVB-Ambitionen gewohnt kurz und knackig auf den Punkt gebracht in der Pressekonferenz: „Bis jetzt ist es für uns eine perfekte Champions- League- Saison. Das soll sie auch bleiben.“ Die Zuschauer bat er ganz nebenbei, dieses Spiel so anzugehen, als sei es für lange Zeit das Letzte. Wenn er geahnt hätte, wie Recht er beinahe damit gehabt hätte…
Die Choreografie der Südtribüne konnte sich ebenfalls sehen lassen: „Auf den Spuren des verlorenen Henlkelpotts“ prankte da auf großen Lettern über denen einer mit dem Fernglas thronte und danach Ausschau hielt. Dies signalisierte eindrucksvoll die Bereitschaft der Fans, „alles raushauen“ zu wollen. Dann war es endlich soweit und der schottische Schiedsrichter Craig Thomson pfiff die mit Spannung erwartete Begegnung an, wozu der der spanische Gast Anstoß hatte. Geredet wurde lange genug. Jetzt war es an der Zeit, Taten folgen zu lassen.
Die Anfangsminuten allerdings ließen keine zu allem entschlossene Borussia erkennen, die den Gegner sofort beschäftigte, sondern ein eher verhaltener Spielaufbau der Marke Sicherheit zuerst. Was aber schön war in dieser Phase, war der Zuspruch von den Rängen. Die Mannschaft wurde nach vorn getrieben und Lewandowski war es dann der es mit einem ersten Lupfer über Willy versuchte – allerdings auch übers Tor (16.). Doch das „Lampenfieber“ schwand jetzt zusehends.
Doch dann kam der Stich aus dem nichts, der allen Besuchern vor Augen führte, dass es eine Verlängerung in Dortmund nicht geben würde am heutigen Abend. Julio Baptista spielte Joaquin frei und dieser schoss – nicht einmal allzu hart – ins untere Eck zum 0:1 ins Netz (25.). Was für ein Schock! Wie würde die Mannschaft von Jürgen Klopp jetzt darauf reagieren?
Borussia wirkte zunächst wie ein angeknockter Boxer und tat sich weiterhin schwer, antworten zu produzieren. Der in der bisherigen Champions League-Saison so tolle anzuschauende Spielfluss fand keine Fortsetzung. Aber dass sie es können, zeigte dann die Szene in der 40. Minute: Das magische Dreieck Götze, Reus per feinem Hackentrick und Lewandowski als Vollstrecker zum Ausgleich. Jetzt hatten sie Blut geleckt, aber der nahende Halbzeitpfiff ließ wenig Spielraum. Im Gegenteil hätte erneut Joaquin in der Nachspielzeit per Kopf sogar die Führung für die Andalusier erzielen können, aber „Weide“ hatte aufgepasst.
Die bange Frage war in der Halbzeit in den Gesichtern der Besucher fast mit Händen zu greifen: hatte der Trainer die Taktik auf Sieg modifiziert? Lewandowski gab eine erste Antwort in der 47. Minute, doch Willy hatte wenig Mühe. Exakt im Gegenzug musste Weidenfeller einen Joaquin-Kopfball mit einer Glanzparade zur Ecke abwehren, sonst wäre es schon eng geworden. Einen der wenigen Demichelis-Patzer konnte Götze dann nicht verwerten (53.).
Und auch nach einer Stunde hatte der BVB noch immer keinen Zugriff auf diese Mannschaft aus Malaga. Die weiß-blau gewandeten Spanier unternahmen alles, um die Westfalen nicht ins Spiel kommen zu lassen. Doch es half nichts, Borussia musste mehr tun, denn ein Tor fehlte ja , um den Weg zum Halbfinale frei zu machen. Toulalan testete dann in der 70. Minute die Aufmerksamkeit des Borussen-Zerberus mit einem fulminanten Distanzschuss.
Die Dortmunder, frenetisch angetrieben von den Fans probierten jetzt alles. Schieber kam für Kuba und Bender machte Sahin Platz. Gerade er sollte dem durchschaubaren Spiel der Schwarzgelben entscheidende Impulse geben. Die 75. Minute war gerade abgelaufen, da war sie da, die Riesenchance, aber Reus vermochte es zur Überraschung aller nicht, das Spielgerät im Kasten von Willy unterzubringen.
Ebenso Götze, der schön freigespielt wurde, aber wieder einmal an diesen Teufelskerl Willy scheiterte. Die Zeit verrann und die Sorgenfalten in den Gesichtern wurden tiefer und tiefer. Und das aus gutem Grund, denn nur zwei Zeigerumdrehungen später erzielte Eliseu per Abstauber die vermeintlich endgültige Entscheidung im Dortmunder Westfalenstadion (82.). War’s das? Aus, vorbei, Adieu Champions League, es hat Spaß gemacht, aber wie bei jeder Veranstaltung fällt irgendwann der Vorhang. Doch dieser Tag war eben nicht der 9. April 2013.
Denn als der Assistent die Tafel mit der Nachspielzeit hochhielt, standen dort „4“ Minuten. Norbert Dickel schrie dies geradezu in die Ränge hinein und in der Tat, gelang dem BVB das Fußballmärchen. In besagter 90. Spielminute plus X drückten Marco Reus und Felipe Santana, inzwischen zum Sturmführer mutiert, zum 2:2 und 3:2 binnen zwei Minuten ein. Unfassbare Szenen spielten sich nun im Westfalenstadion ab. Erinnerungen an den 6. Dezember 1994 wurden wach, als Deportivo La Coruna hier in der Verlängerung ebenfalls mit einem nicht mehr für möglich gehaltenen Doppelschlag aus dem Europapokal elemeniert werden konnte.
Unfassbar! Borussia hatte zum Schluss alles versucht, fand aber heute zu keiner Zeit zu der Sicherheit, die diese Mannschaft bis dahin so ausgezeichnet hatte. Vermutlich bedrückte die Elf auch das torlose Remis letzten Mittwoch in Malaga, wo es nicht gelang, trotz bester Torgelegenheiten dieses so erlösende Auswärtstor zu erzielen. Am Ende heißt es Mund abputzen und nach Nyon schauen, wo der BVB weiterhin zum Establishment zählt und nun zum ganz großen Wurf ausholen kann.
Jürgen Klopp stellte dennoch nach dem Spiel fest, dass seine Mannschaft das schwächste Spiel in dieser Champions League Saison gezeigt hat und heute leicht zu verteidigen war, weil „Flexibilität und Kreativität“ausgeblieben waren. Am Ende aber interessierte das niemand in Dortmund wirklich…
Holger W. Sitter, Christopher Neundorf (Fotos) 09.04.2013
