Und jetzt? Galgenfrist bis zum Geisterspiel?
Die Derby-Niederlage alleine wäre schon schmerzlich genug, aber sie tritt in den Hintergrund: Zum zweiten Mal binnen rund einem Jahr gibt es Krawalle um ein Fußballspiel in Dortmund, die deutschlandweit zum Thema werden.
Wieder gingen sie mehrheitlich von den Gästefans aus. Die Zahl der Dortmunder Gewalttäter ist allerdings ebenso besorgniserregend. Genau wie die unmittelbaren und mittelbaren Reaktionen der Polizei. Von den Medien ganz zu schweigen. Die basteln ebenso fleißig am Schlagzeilen-Baukasten, wie ich (s. o.). Insbesondere überregionale Medienschaffende, die mutmaßlich noch nicht einmal vor Ort waren, scheinen sich allerdings weit weniger Sorgen um den Wahrheitsgehalt ihrer Berichterstattung zu machen, als um die Wirkung ihres Aufmachers. Aber das ist ja nichts Neues. Schließlich macht die Polizei es manchmal sogar höchstselbst vor.
Frustrierender kann das Medienecho des Revierschlagers weiß Gott nicht ausfallen, als das nach dem vergangenen Fußballwochenende der Fall war. Das jüngste Derby hat leider (wieder einmal) gezeigt, dass das Gewaltpotential bei einem Teil der Fanszenen organisiert ausgelebt wird. Besonders besorgniserregend ist eine Beobachtung, die sowohl Polizei, als auch friedliche Fußballfans gemacht haben: Vor Angriffen auf Unbeteiligte wird dabei schon längst nicht mehr zurückgeschreckt.
Das ist schlimm und das ist auch – da haben alle Repressionen fordernden Marktschreier-Populisten Recht – der Kern des viel zitierten Gewalt-Problems rund um die deutschen Fußballstadien. Allerdings hinterlassen auch immer wieder einzelne Staatsdiener den Eindruck, dass sie ohne gewaltbereite Fußballfans etwas vermissen würden.
Wieder kursieren Bilder im Netz, auf denen zumindest augenscheinlich Unbeteiligte gleich von mehreren Einsatzkräften mit Pfefferspray traktiert werden. Und es gibt auch – nicht zum ersten Mal – Videos, die den Anschein erwecken könnten, dass die Aggression in einigen Einzelfällen von beiden Seiten ausgeht, in einem sieht es sogar so aus, als wäre die Aktion auf Seiten der Polizei, die Reaktion auf Seiten der Fußballfans zu beobachten.
Ob es wirklich so war bzw. wie es wirklich war, will ich mir hier nicht erlauben zu mutmaßen. So etwas lässt sich natürlich aus der relativen Ferne schwer nachvollziehen. Aber man soll sich ja auch nachher nicht die Mühe machen, die Geschehnisse einzuordnen. Denn das tut ja die Polizei. Sie übernimmt das in Einsatzberichten und Fernsehinterviews. Und dank der bequemen und wahlweise desinteressierten oder unwissenden Medienschar hat die Polizei sogar so etwas wie das Monopol auf die Berichterstattung.
Ihre Berichte werden von den meisten Medien eins zu eins übernommen. Wenn sich dann nachher die Wirtin der Kneipe meldet, deren Interieur laut Polizeiangaben angeblich nicht nur verwüstet und zerstört, sondern auch mehrheitlich als Wurfgeschoß missbraucht worden war, und angibt, es wäre eigentlich nur ein Plastikgartenstuhl unter der Last eines etwas korpulenteren Fußballfreundes zu Bruch gegangen, ist das nur eine Randnotiz.
Die Schlagzeilen sind zu diesem Zeitpunkt schon lange in der Welt. Und sie sind der Handlungsleitfaden für solch tatkräftige Zeitgenossen wie Innenminister Friedrich, der stellenweise in seinen Statements zum Thema den Eindruck erweckt, Stehplätze in Fußballstadien wären das größte politische Problem innerhalb in der Bundesrepublik. Oder für Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier, der sich zwar auch nicht auskennt, aber ebenso meinungsfreudig ist.
Im Polizeibericht liest man darüber hinaus – ich möchte betonen: mit Entsetzen und Unverständnis – von 180 Festnahmen vor dem Anpfiff. Davon 163 auf Seiten der Schalke-Fans und 17 auf Seiten der Dortmund-Anhänger. Während einem mutmaßlich unbeteiligte Augenzeugen versichern möchten, es habe sich zum Großteil um präventive Festnahmen „zur Verhütung von Straftaten“ gehandelt, schreibt die Bild von „über 200 Randalierern“, die festgenommen wurden, ein Vertreter der Dortmunder Polizei wird im TV zitiert, addiert noch ein paar „konspirativ angereiste“ Gelsenkirchener dazu und spricht dann von sagenhaften 1500 Gewalttätern. Es wird also – wie so häufig – nach Gutdünken geschätzt und aufgerundet.
Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden: Ich will das Gewalt-Problem des Fußballs nicht klein reden. Will ich wirklich nicht. Aber es ist auf der anderen Seite doch auch so schon groß genug, dass man es nicht noch ohne Not „größerreden“ muss. Bei der einen oder anderen Äußerung muss man sich ja schon beinahe fragen, welches Ziel in Wirklichkeit dahinter steckt.
So oder so: Um das Problem in den Griff zu bekommen, muss man die Fanszenen besser in den Griff bekommen. Nur: „In den Griff bekommen“, ist hier sprichwörtlich, nicht wörtlich gemeint. Man braucht die Geduld und auch die moralische Festigkeit, die (wirklichen) Täter zu über- und ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Insbesondere bei Wiederholungstätern dürften sich rund 95 % der Fußballfans einig sein, dass darüber hinaus auch ein Stadionverbot ausgesprochen werden sollte.
Die Maßnahmenvorgaben aber, die im Dreiecksverhältnis zwischen Politik, Polizei und Verbänden entstehen, machen alles immer schlimmer, wirken als Katalysator auf die Gewaltspirale und sorgen sogar dafür, dass sich nicht wenige vernunftbegabte Fans eher mit Problemfans, als mit DFB oder DFL solidarisieren möchten. Das ist alarmierend und liegt an Kollektivstrafen für Gruppen oder sogar ganze Fanszenen (Geisterspiele, verringerte Kartenkontingente), der angestrebten Einführung erniedrigender Körperkontrollen in Containern oder der Drohkulisse der nahenden Abschaffung der Stehplätze. All das sind natürlich Mittel zum Zweck. Aber es sind die völlig falschen und sie sind nicht alternativlos.
Es würde beispielsweise vollkommen ausreichen, Kontrollen auch kurz vor Anpfiff oder bei und nach Beginn des Spiels weiter gewissenhaft auf herkömmliche und moralisch vertretbare Art und Weise durchzuführen. Auch gynäkologische Untersuchungen würden den Einsatz von Pyrotechnik hingegen nicht verhindern, wenn die Kontrollen zehn Minuten vor dem Spiel komplett eingestellt werden.
Dortmunds Polizei-Präsident Norbert Wesseler malt schon mal den Teufel an die Wand und spricht von „Geister-Derbys“ als letzter Konsequenz. Dass eine solch – Entschuldigung, jede andere Attributierung trifft es nicht – idiotische Maßnahme (Um Mißverständnissen vorzubeugen: „idiotisch“ bezieht sich hier ausdrücklich nicht auf den Polizei-Präsidenten!) nicht den kleinsten Teil des Gewaltproblems rund um den Lieblingssport der Deutschen lösen würde, muss eigentlich jedem Kleinkind klar sein. Völlig davon abgesehen, dass die größtmöglich denkbare Kollektivstrafe auch schlichtweg inakzeptabel ungerecht wäre.
Obwohl vielen nicht zum ersten Male jegliches Augenmaß bei der Bewertung der Geschehnisse abhanden gekommen ist, muss man aber auch ganz klar sagen, dass die Idioten aus beiden Fanlagern (auch hier: Entschuldigung, jede andere Attributierung trifft es nicht), die in ihren Köpfen aus Bundesligaspielen ihre eigenen pubertären Krawall-Actionfilme machen, allen friedlichen Fans grade zu diesem Zeitpunkt nicht viel mehr hätten schaden können, als sie es getan haben.
Der kursierende DFL-Maßnahmenkatalog („Sicheres Stadionerlebnis“), der mit einer Fülle weiterer Repressionen für Fußballfans und Vereine aufwartet, wurde grade, wenn auch vielerorts viel zu kurz, zwischen Vereinen und Fans diskutiert. Einige Vereine haben eingesehen, dass man nicht nur mehr Kommunikation mit den Fans, sondern auch mehr Zeit dafür benötigt, wenn man tragfähige und dauerhafte Lösungen finden möchte – und dann kommt unmittelbar vorm Derby dieser große Schwall Wasser auf die Mühlen derer, die dem Problem nicht besonnen, sondern vorschnell mit teils drakonischen Strafmaßnahmen begegnen wollen.
Wenige Tage vor dem Derby nahmen sich Dr. Hockenjos und Dr. Rauball dankenswerter Weise Zeit für ein Gespräch mit Fan-Vertretern – und kamen dabei zu dem Schluss, dass angestrebte neue Regelungen zumindest mehr Zeit und einer neuerlichen Prüfung bedürfen. Sollten sie das innerhalb der sogenannten Sicherheits-Taskforce oder im Dialog mit dem Innenministerium auf dem Tisch bringen, wird die Diskussion um die Gewalt beim vergangenen Derby mit absoluter Sicherheit nicht hilfreich sein.
Denn durch das Derby bzw. seine Begleitumstände entsteht der Eindruck, dass es tatsächlich viele „Fans“ gibt (Tut mir leid, Freunde, hier sind die Anführungszeichen unverzichtbar), denen der Fußball nicht wirklich etwas bedeutet, „Fans“, die das Wort „Schlachtenbummler“ entschieden zu wörtlich nehmen. Auch ich würde mich besser fühlen, wenn das nicht so wäre. Und wenn es noch effizientere Wege gäbe, besagte Deliquenten den entsprechenden Einzelstrafen zuzuführen. Einfach, weil man so etwas rund um ein Fußballspiel nicht erleben will. Zumindest nicht, wenn man minimal vernunftbegabt ist.
Allerdings verstehe ich nicht, warum nicht nur die Medien, sondern eben auch die Polizei das Problem, das an sich schon schlimm genug ist, noch größer machen, als es ist. Die Hoffnung, rund um ein Revier-Derby mit weniger Sicherheitskräften im Stadtgebiet auskommen zu können, wenn das Stadion für Fans beider Seiten geschlossen bliebe, kann ja nicht ernsthaft gehegt werden. Das sollte jedem klar sein.
Und der aufgebrachten Öffentlichkeit möchte ich mitteilen, dass ich persönlich mit Freunden und Bekannten vor dem Spiel im fast überfüllten Stadionbiergarten Rote Erde direkt neben dem Stadion war – gemeinsam mit vielen Schalkern. Und dass wir dort beim Anstehen am Bierstand neben ein paar Frotzeleien auch ihre Tipps ausgetauscht und uns ein gutes Spiel gewünscht haben. Der Kumpel, der neben mir auf der Südtribüne steht, kam diesmal etwas später. Er musste sich erst noch von seiner Freundin verabschieden, die sich in Blau und Weiß vor der Nordtribüne von ihm verabschiedet hatte, bevor er in voller Borussenmontur alleine den Gang Richtung Gelbe Wand antrat. Fast (wenn auch leider nur fast) überall war es ruhig und friedlich.
Die teilweise kolportierten 1500 Gewalttäter hat es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gegeben. Doch selbst wenn dem so wäre, würde es sich gemessen an der Gesamtbesucherzahl um einen sehr kleinen Teil handeln.
Der andere Teil, der zigfach größere, der seit Jahren oder Jahrzehnten friedlich zum Stadion pilgert, kann nur hoffen und beten, dass sich die kurzsichtigen Hardliner in der Debatte um Fangewalt nicht durchsetzen. Zumindest dann nicht, wenn diese eben Strafen für sinnvoll erachten, die alle Fans treffen. Über jeden einzelnen Gewalttäter, der überführt wird, freuen wir uns – wir, also besagter Großteil der Stadionbesucher. Aber bitte haltet uns nicht in Sippenhaft! Lasst uns den Spaß am Fußball, der uns trotz all des Ballyhoos noch geblieben ist.
Links zum Thema:
DFL-Maßnahmenkatalog „Sicheres Stadionerlebnis“
Gegen-Stellungnahme von Union Berlin
Gegen-Stellungnahme von St.Pauli
Gegen-Stellungnahme vom FCA
Gegen-Stellungnahme von Hertha BSC
Gegen-Stellungnahme vom VFL Wolfsburg
Aktueller Artikel zum Thema im Hamburger Abendblatt: „Politik setzt Fußball unter Druck“
Rutger Koch, 23.10.2012
