BVB in der Rückrunde: Historische Analyse der stärksten Aufholjagden

Kategoriebild Spielberichte
21. August 2026

Der Rückrundenstart des BVB ist für viele Fans jedes Jahr aufs Neue ein Moment zwischen Hoffen und Bangen. Wer die Geschichte von Borussia Dortmund kennt, weiß: Dieser Verein hat schon Situationen gedreht, in denen andere längst aufgegeben hätten. Die Rückrunde ist für den BVB kein bloßer Abschluss der Saison – sie ist oft die Stunde, in der wahre Charaktere offenbart werden. Und wenn man zurückblickt auf die großen Momente dieser Vereinsgeschichte, dann lässt sich ein roter Faden erkennen: Borussia Dortmund wächst unter Druck. Die folgenden Kapitel aus der Geschichte des schwarzgelben Herzens zeigen, was Aufholjagd wirklich bedeutet.

1966: Das Wunder von Glasgow

Wer über historische BVB-Auftritte spricht, kommt an einem Abend im schottischen Glasgow nicht vorbei. Der 5. Mai 1966 im Hampden Park – über 40.000 Zuschauer, ein Endspiel im Europapokal der Pokalsieger gegen niemand anderen als den FC Liverpool. Die Engländer waren heiß, der BVB war Außenseiter. Und doch gelang es der Mannschaft von Trainer Willi Multhaup, das Spiel zu drehen und nach Verlängerung mit 2:1 zu gewinnen.

Es war der erste europäische Titel in der Geschichte des Vereins – und er hätte nicht dramatischer fallen können. Einer der zentralen Akteure: Lothar Emmerich, bekannt als “Emma”, der explosive Flügelspieler, der zwischen 1960 und 1969 das Westfalenstadion in Atem hielt. Emmerich war kein artiger Techniker, er war ein Torjäger mit Feuer im Bauch. Dass der BVB ausgerechnet gegen Liverpool triumphierte, einem Klub, der damals wie heute zu den Großen Europas zählt, macht diesen Sieg bis heute unvergessen. Glasgow war kein Glücksfall – es war das Ergebnis einer Mannschaft, die in den entscheidenden Momenten zusammenfand.

1989: Norbert Dickel und der Pokal der Tränen

Kein Kapitel der BVB-Geschichte wird von den Fans mit mehr Emotionen erzählt als der DFB-Pokal-Finale 1989. Borussia Dortmund gegen Werder Bremen – und ein Dortmund, das an diesem Tag alles gab, was es hatte. Das Ergebnis: ein 4:1-Sieg, der in die Vereinsannalen eingegangen ist wie kaum ein anderer.

Im Mittelpunkt stand ein Mann, dessen Name heute untrennbar mit dem Signal Iduna Park verbunden ist: Norbert Dickel. Zwei Tore schoss er an jenem Tag, trotz einer Knieverletzung, die ihm eigentlich hätte untersagen sollen, überhaupt auf dem Platz zu stehen. Aber das ist Dickel. Das ist BVB. Wer glaubt, dass Schwarzgelb sich von Schmerzen oder Rückständen aufhalten lässt, hat den Verein nicht verstanden. Heute ist Dickel Stadionsprecher im Signal Iduna Park – früher bekannt als Westfalenstadion, umbenannt erst 2005 – und seine Stimme hallt durch die Südtribüne mit ihren rund 25.000 Stehplätzen, dem lautesten Stehplatz der Welt. Jedes Mal, wenn er einen Treffer verkündet, schwingt ein bisschen von diesem Pokalabend 1989 mit.

1997: München, Juventus und drei Tore für die Ewigkeit

Es gibt Spiele, über die man nicht ruhig sprechen kann. Das Champions-League-Finale am 28. Mai 1997 im Olympiastadion München gehört dazu. Juventus Turin – Europas Königsklasse, zweifacher Titelverteidiger, gespickt mit Weltklassespielern. Und der BVB? Unter Trainer Ottmar Hitzfeld, der den Verein seit 1991 prägte und 1995/96 bereits die deutsche Meisterschaft geholt hatte, spielten die Schwarz-Gelben eine Saison auf höchstem Niveau.

Aber das Finale war mehr als eine Saison – es war ein Statement. Karl-Heinz Riedle traf zweimal, ehe ein junger Mann namens Lars Ricken kurz nach seiner Einwechslung mit einem Lupfer aus über 20 Metern den dritten Treffer erzielte. 3:1 – Borussia Dortmund war Europapokalsieger. Es war der Beweis, dass dieser Verein auf der größten Bühne des Kontinents mithalten kann, dass Schwarzgelb nicht nur Revierderby-Kämpfer ist, sondern echte europäische Klasse hat. Hitzfeld hatte aus einem talentierten Kader eine Einheit geformt, die in der Lage war, die Großen Europas zu schlagen. Was für einen Abend. Was für einen Klub.

2011/12: Klopp, das Double und die Seele eines Vereins

Wer die jüngere BVB-Geschichte beschreiben will, kommt an einem Namen nicht vorbei: Jürgen Klopp. Unter seiner Regie erlebte der Verein eine Renaissance, die in der Saison 2011/12 ihren Höhepunkt fand. Meister und Pokalsieger in einer Saison – das Double – gewann Klopps BVB mit einer Spielweise, die begeisterte, die mitgerissen hat, die dem Fußball wieder etwas zurückgab, was er mancherorts verloren hatte: Leidenschaft.

Der Verein aus dem Ruhrgebiet, aus dieser Stadt, die den Fußball nicht nur liebt sondern lebt, spielte Gegenpressing wie keine andere Mannschaft der Welt. Die Rückrunde dieser Saison war exemplarisch für das, was Klopp-Dortmund ausmachte: kompromisslos, physisch, mental stärker als der Gegner. Im Signal Iduna Park, in dem bis zu 81.365 Zuschauer Platz finden und dessen Atmosphäre selbst hartgesottene Gegner einschüchtert, war Heimspielen zu dieser Zeit beinahe unschlagbar. Die Südtribüne als zwölfter Mann – das ist kein Klischee, das ist Realität.

Und wer glaubt, dass der Revierderby-Faktor dabei keine Rolle spielt, täuscht sich. Der BVB gegen Schalke 04 aus Gelsenkirchen ist mehr als ein Fußballspiel – es ist das Derby, bei dem keine Punkte, kein Tabellenstand, keine Statistik wirklich zählt. Wer dieses Spiel gewinnt, gewinnt einen Monat Stadtgespräch. Klopps BVB gewann solche Spiele mit Überzeugung, mit einer Energie, die den Gegner überwältigte.

Was diese Momente verbindet

Schaut man auf all diese Kapitel – Glasgow 1966, Berlin 1989, München 1997, das Double 2012 – dann fällt eines auf: Der BVB war selten der Favorit. Selten der Verein mit dem dicksten Geldbeutel oder dem schillerndsten Kader. Aber Borussia Dortmund ist ein Verein, der versteht, was es bedeutet, für etwas Größeres zu spielen. Für eine Stadt. Für eine Südtribüne. Für Generationen von Fans, die Woche für Woche ins Stadion strömen und glauben – wirklich glauben – dass heute wieder so ein Abend sein könnte.

Das ist das Geheimnis hinter den großen Aufholjagden. Nicht Taktik allein, nicht Talent allein. Es ist dieser besondere Geist, der in Schwarzgelb steckt und der sich immer dann am deutlichsten zeigt, wenn es darauf ankommt. Die Rückrunde ist dafür der beste Prüfstein. Und wer die Geschichte kennt, weiß: Zweifeln ist erlaubt. Aufgeben niemals.