"Kleiner" BVB unterliegt BVB-Amateuren mit 1:4

Aus dem "Stadion am Schlosspark" in Nordkirchen berichtet Jens Matheuszik
Am gestrigen Mittwoch gab es am Ende ein standesgemäße Ergebnis von 1:4 zwischen dem Westfalenligisten BV Brambauer-Lünen, der auch mit BVB abgekürzt wird (aber nicht mehr in diesem Beitrag!), und Borussia Dortmund II. Doch nur auf dem Papier (oder dem Display) ist dieses Ergebnis nicht aussagekräftig für das Testspiel, denn die Lüner zeigten sich mehr als eine Halbzeit als sehr spielstark und gingen sogar in Führung.
Ins beschauliche Nordkirchen führten in dieser spielfreien Woche viele Wege - denn die BVB-Amateure um Trainer David Wagner reisten privat in die Schlossgemeinde und durften ebenso wie der Berichterstatter feststellen, dass der Weg von Dortmund gen Nordkirchen doch länger dauert als gedacht.
Ziel war das Stadion am Schlosspark, wo normalerweise der FC Nordkirchen spielt. Diesmal sollte jedoch der Westfalenligist Öffnet externen Link in neuem FensterBV Brambauer-Lünen hier quasi als Heimmannschaft spielen. Durch Kontakte der Lünener zu Borussia Dortmund wurde ein Testpiel mit den BVB-Amateuren vereinbart, welches dann jedoch nicht vor Ort stattfinden konnte, da die zweite Garde von Borussia Dortmund gerne auf Rasen spielen wollte. So kam es also zur Begegnung in direkter Nähe zum Nordkirchener Schloss, welches als Versaille des Münsterlandes bekannt ist.
In den Vorberichten wurde schon gemutmaßt, dass der BVB II eventuell mit dem einen oder anderen Profi auflaufen würde, dass jedoch dann beispielsweise der lange Zeit verletzte ehemalige Nationalspieler Patrick Owomoyela in der Aufstellung des BVB sein würde, hätten sich die knapp über 200 Zuschauerinnen und Zuschauer wahrscheinlich vorher nicht vorstellen können.

1. Halbzeit: Gegenseitiges Belauern und ein prominenter Gast...

Neben Owomoyela waren in der ersten Halbzeit mit Antonio da Silva, Chris Löwe und Moritz Leitner weitere bekannte Dortmunder Gesichter auf dem Platz. Wie es eigentlich angesichts des Klassenunterschiedes zwischen der Westfalenliga (Stufe 6) und der Regionalliga West (Stufe 4) zu erwarten war, dominierte der BVB das Spiel und hatte beispielsweise nach einer Ecke von rechts durch Antonio da Silva gleich am Anfang eine große Chance. Doch die Lüner ließen sich nicht großartig beeindrucken und zeigten von Anfang einen enormen Kampfgeist, der sie auch immer wieder vor das Dortmunder Tor führte und so schon in der 4. Spielminute zu den ersten Torchancen führte, die jedoch beispielsweise Marc Hornschuh souverän klärte. Doch selbst Chancen wie ein kurzfristig leeres Tor wurden durch Lünen erstmal nicht genutzt. Zu diesem Zeitpunkt sah man zwar schon, dass der BVB qualitativ besser ist, aber der BV Brambauer Lünen hielt erstaunlich gut mit und wäre in der 15. Spielminute durch einen schönen Pass über Daniel Schaffer auf Selim Türksoy beinahe in Führung gegangen. Etwas Unruhe kam in der 18. Spielminute auf, als am Spielfeldrand getuschelt wurde: "Ist er es?" "Das muss er sein!" usw. usf. Dabei ging es um niemand geringeres als den BVB-Cheftrainer der Profis, Jürgen Klopp. Dieser hatte den feinen Zwirn vom Champions League-Spiel des Vortages wieder gegen legere Jeans, Pulli und Baseball-Cap eingetauscht und sich gemeinsam mit seinem Sohn Marc Klopp, der verletzungsbedingt gerade nicht bei den Amateuren spielt, das Spiel angeschaut.

Spätestens in der 22. Spielminute hätte der BVB eigentlich durch eine schöne Kombination nach einer Standardsituation in Führung gehen müssen: Chris Löwe spielte die Ecke von links auf Moritz Leitner, dessen Pass Marc Hornschuh mit einem beherzten Kopfball gegen das Lüner Tor donnerte. Der Torwart Konstantin Fink hätte da auch nichts verhindern können, doch leider war die Latte auf Seiten Lünens. Die weitere erste Halbzeit ging das ganze Spiel immer wieder hin- und her, zwar dominierte der BVB deutlich, doch ein Tor sollte nicht passieren. Mehr Bewegung als auf dem imaginären Torzähler war hinter den Toren zu beobachten, wenn hoch geschossene Bälle gesucht werden mussten oder aber als diverse Fans das Stadionrund umkreisten um von Jürgen Klopp Autogramme und Fotos zu erhalten. Auch in der Schlussphase der ersten Halbzeit zeigten sich beide Mannschaften weiterhin sehr engagiert, so konnte sich der Lüner Markus Poczkaj in der 41. Spielminute sehr gut den Ball erkämpfen, wobei der weitere Angriff dann ebenso wirkungslos blieb, wie das darauf folgende schöne Doppelpass-Spiel von Marc Schnier und Kiyan Soltanpur. In der 45. Spielminute gab es dann was für die Statistik, als Schnier für etwas zu offensives Trikotziehen die gelbe Karte sah. In der Nachspielzeit versuchte Ensa Baykan noch mit einem Pass auf Chris Löwe den Führungstreffer vorzubereiten, doch sollte auch dieser Versuch vom erstaunlich starken Fink gehalten werden.

2. Halbzeit: Endlich Tore - und viele neue Spieler!

Im Rahmen des Testspiels war vereinbart, dass die beiden Trainer soviel wechseln konnten, wie gewünscht. David Wagner nutzte diese Möglichkeit auch sehr deutlich aus, denn außer dem Torwart Tim Hohmann und Patrick Owomoyela blieb niemand von der Anfangsformation auf dem Platz. Mit nur fünf Auswechslungen war Marcus Reis, der Trainer von BV Brambauer Lünen, fast schon moderat dagegen. Fast wie ein Initialschuss für Dortmund war dann die folgende Situation: Der gerade für Lünen eingewechselte Elvedin Joldic schoss einen langen Pass auf den ebenfalls frischen Philipp Hanke, dessen erster Torversuch an Tim Hohmann scheiterte. Doch im Nachschuss konnte er volley in das leere Tor treffen, so dass es in der 49. Spielminute zum 1:0 für den BV Brambauer Lünen kam.

Nach diesem ersten Treffer des Spiels legten die BVB-Amateure einen Zahn zu und gerade die neu eingewechselten Spieler wie beispielsweise Terrence Boyd, Jonas Hofmann und Mario Vrancic versuchten immer wieder mehr Druck auf das Lünener Tor auszuüben. Doch die schönsten Kombinationen (wie z.B. in der 61. Spielminute als Rico Benatellis Pass über Patrick Owomoyela und Jonas Hofmann bei Terrence Boyd landete, der aber den Ball im Lünener Strafraum vertändelte) waren bis zu diesem Zeitpunkt ebenso erfolglos wie ein Passspiel kurz darauf von Hofmann auf Boyd, der hier eigentlich den Ausgleich hätte schießen müssen, da Lünens Torwart weit weg war. Doch es sollte nicht mehr lange dauern, bis dann in der 67. Spielminute Hofmann mit einem Schuss von rechts erneut den zu Beginn der 2. Halbzeit eingewechselten Torwart Florian Fischer prüfen sollte. Im Nachschuss gelang ihm dann der von den zahlreichen anwesenden BVB-Fans lang ersehnte Ausgleich. Nur eine Minute später sollte Rico Benatelli den BVB mit seinem 1:2 in Führung schießen. Damit schien dann der Bann gebrochen, denn in der folgenden Viertelstunde sah man eigentlich den Ball fast nur noch vor dem Lünener Tor. Hier konnte Fischer durch Glanzparaden einen Ausbau der Führung verhindern, in dem er beispielsweise in der 74. und 76. Spielminute die überaus guten Chancen von Boyd und Hofmann vereitelte. Im weiteren Verlauf sollte sich zeigen, dass der BV Brambauer Lünen schon einen Großteil der Kräfte eingesetzt hatte, denn während in der ersten Hälfte die Westfalenligisten immer wieder auch torgefährlich vor Tim Hohmann auftauchten, sollte es sehr lange dauern, bis Lünen mal wieder vor dem Dortmunder Tor auftauchte. Doch genau dieser Spielzug bzw. dessen Konter sollte dann in der 83. Spielminute endgültig die Siegeschancen von Lünen zerstören, denn mit einem Kopfball konnte Boyd die Vorentscheidung zum 1:3 klar machen. Kurze Zeit später gab es die gottlob einzige größere Blessure zu vermelden, als Timo Möllering in der 86. Spielminute umknickte und sich wahrscheinlich die Bänder verletzt hat. In der 90. Spielminute dann legten Fring und Hofmann noch einige sehr nette Kombinationen hin, die jedoch im Strafraum nach einem Foul endeten. Daraufhin gab es zu recht einen Strafstoß, den Boyd zum 1:4-Endstand verwandelte.

Spiel mit zwei verschiedenen Halbzeiten

Insgesamt gesehen hat der BVB natürlich das Spiel dominiert - alles andere wäre auch sehr ungewöhnlich und überraschend gewesen. Überraschend jedoch auch, wie gut sich die Spieler von Trainer Marcus Reis der designierten Niederlage entgegenstemmten. Ein wenig mehr Glück an der einen oder anderen Stelle und BV Brambauer Lünen hätte den BVB noch mehr unter Druck setzen können. Auffällig war jedoch vor allem, wie unterschiedlich die beiden Halbzeiten waren - vor allem auch weil dort den meisten Lünern, die vorher Vollgas gegeben haben, die Kraft etwas verließ und der BVB quasi runderneuert auf dem Platz stand. Wenn jetzt noch die Chancenverwertung des BVB besser gewesen wäre, hätte man als Anhänger von Schwarz-Gelb nicht so lange zittern müssen. A propos Zittern: Vielleicht erfüllt sich die Hoffnung von BVB-Trainer Wagner (und auch vieler Fans), dass durch intensives Training am spielfreien Tag der Regionalliga West die Amateure dann in der Roten Erde wieder einmal ein gutes Ligaspiel abliefert und sich diesmal auch selbst mit einem Dreier - dem ersten Dreier im heimischen Stadion - belohnt.

Statistik zum Spiel

Borussia Dortmund II (1. Halbzeit): Hohmann, Hornschuh, Löwe, Baykan, Cenik, Da Silva, Leitner, Owomoyela, Silaj, Schnier, Soltanpour BV Brambauer Lünen (1. Halbzeit): Poczkaj, Köse, Kruse, Schaffer, Stolzenhoff, Fink, Buyruk, Türksoy, Botta, Dördelmann, Hübner Borussia Dortmund II (2. Halbzeit): Hohmann, Owomoyela, Benatelli, Boyd, Fring, Gasecki, Hofmann, Möllering, Paurevic, Unzola, Vrancic BV Brambauer Lünen (2. Halbzeit): Quiering, Köse, Kruse, Vincken, Stolzenhoff, Fischer, Biermann, Hanke, Temel, Hoffmeister, Joldic Tore: 1:0 Hanke (49.), 1:1 Hofmann (67.), 1:2 Benatelli (68.), 1:3 Boyd (83.), 1:4 Boyd  (90.) Zuschauer: 230

Stimmen zum Spiel

David Wagner, Trainer Borussia Dortmund II:

Wir haben den einen oder anderen vom Kloppo dabei gehabt, der Spielpraxis brauchte oder sauch Fitness sich aneigenen wollte. Wir hatten unsere Jungs dabei. [...] Ich bin mit dem Spiel zufrieden, ich hätte mir einen besseren Platz gewünscht, der leider nicht in dem Zustand war, wie ich es mir vorgestellt habe. Wir haben das beste daraus gemacht - die "Rote Erde" wird im Oktober oder November auch nicht viel anders sein.
Platz 6 in der Regionalliga West, 4:0 gegen Schalke gewonnen. Wie geht die Saison aus?
Ein Ergebnisziel haben wir uns nicht gesetzt, werden wir uns auch nicht setzen. Wir haben uns zwei, drei kleinere Ziele gesetzt, was Laufstärke, Umschaltverfahren und Teamgeist betrifft, das wir da die besten der Liga sein werden. Da sind wir auf einem richtigen Weg, die Jungs sind total engagiert, haben richtig viel Spaß und ich glaube das hat man heute auch gesehen.
Jürgen Klopp war da. War das auch ein wichtiger Punkt für die Spieler, wo sie demnächst stehen - in der 1. oder der 2. Mannschaft? Nein, das war eher dem Umstand geschuldet, dass Kloppo heute morgen entschieden hat, dass diejenigen, die gestern nicht in der Champions League zum Einsatz gekommen sind, kein Spielersatztraining machen, sondern heute mit auflaufen. Wir hatten glaube ich sechs oder sieben von seinen Jungs dabei. Einige von denen haben bei uns auch schon in der Liga gespielt. Das ist ein Kommen und Gehen und zwar ein sehr sehr willkommenes. Wir und die, wir machen das richtig gut, so wie man sich das vorstellt.  Wie beurteilen Sie das Spiel insgesamt? Es war ein Test auf sehr schwierigem Geläuf. Ich bin mit dem zufrieden, dass alle gesund geblieben sind. Dem Boden war natürlich einiges geschuldet, dass wir im Passspiel einfach nicht die Qualität auf den Acker bringen konnten. Nichtsdestotrotz war der Gegner relativ griffig, was in Ordnung war. 1. Halbzeit war okay, 2. Halbzeit war sehr okay und dementsprechend ist auch das Resultat.  Aber es gab doch am Ende noch eine Verletzung! Ja, 'Tino' Möllering ist umgeknickt. Wir gucken jetzt mal. Hoffentlich nichts schlimmeres. Aber es sieht nach einer Bänderverletzung aus. Wie schwerwiegend werden wir heute abend oder spätestens morgen wissen.

Marcus Reis, Trainer BV Brambauer Lünen:

Ich bin hoch zufrieden, ich bin auch mit dem Ergebnis hoch zufrieden. Letztendlich haben wir uns gut verkauft, sind in Führung gegangen. [...] So war es einfach eine gute Sache für uns. [...] Ihr seid in die Liga gut gestartet, jetzt 8. Platz. Eure Zielsetzung? Ja für mich könnte jetzt Schluss sein. [...] Wir haben das Ziel 40 Punkte zu holen - so schnell wie möglich. Wir wollen möglichst nicht unter den letzten vieren sein, bzw. unter den letzten dreien. [...] Da sind wir auf einem guten Weg und das werden wir auch erreichen. Und wenn dann noch irgendwie was geht - aber wir wollen auch nicht 'rumspinnen... Man muss einfach sehen, was wir für Möglichkeiten haben.

Kurz-Interview mit Dennis Stolzenhoff, Kapitän von BV Brambauer Lünen:

BV Brambauer Lünen gegen die BVB-Amateure, ein großer Klassenunterschied. Ihr habt aber in der 1. Halbzeit sehr gut gespielt. Wie erklärst Du Dir das? Ja, grundsätzlich waren wir natürlich top motiviert. Ich meine, die lassen es vielleicht etwas langsamer angehen und wir haben natürlich richtig Spaß daran. Für uns ist das eine tolle Sache [...] und da gibt man sich auch extrem viel Mühe. Warum der Leistungsabfall in der 2. Halbzeit? Wir haben auch im Endeffekt viel gewechselt, geguckt das jeder spielt und da kommt schon mal ein wenig Unruhe und Unordnung 'rein und dann passiert das schon mal.

Kurz-Interview mit Terrence Boyd

Wie beurteilst Du die 1. Halbzeit? Die 1. Halbzeit war auf jeden Fall schwer für uns. Das kann man jetzt auf den Platz schieben aber auch so standen sie sehr tief und sehr gut hinten drin. Das war halt schwer zu knacken, das haben sie ordentlich gemacht. Mit Dir in der 2. Halbzeit hat's dann plötzlich geklappt? Nicht nur wegen mir, wir hatten ja noch viele andere Wechsel gehabt, z.B. mit Hofmann und weiteren Spielern. [...] Wir haben einfach neuen Schwung 'reingebracht und dann ging es auch. Ich hatte zwar ein paar Ladehemmungen, aber es ging im Endeffekt.

Kurz-Interview mit Patrick Owomoyela

Was ist das für ein Gefühl, wenn man bei so einem an sich unterklassigen Spiel dabei ist? In erster Linie geht es ja darum sich Wettkampfspraxis so ein bißchen anzueignen und eine ordentliche - ich sag mal etwas bessere - Trainingseinheit zu absolvieren. Das war Sinn und Zweck der Sache, warum ich und auch andere Profis jetzt hier ausgeholfen haben. Ich denke für sowas sind solche Spiele gut. Das war ein ordentliches Spiel, es ging ordentlich hin und her, soweit kann man da ein bißchen mehr herausziehen als einem normalen Training und das ist am Ende das was zählt. War die Chancenverwertung - gerade in der 1. Halbzeit - ähnlich wie bei den Profis? *lacht* Ich glaube eher in der 2. Halbzeit haben wir mehr Chancen vergeben, in der 1. haben wir uns eigentlich weniger herausgespielt. Das war eigentlich das größere Manko zumindestens in den ersten 45 Minuten. In der 2. Hälfte lief das besser, wir haben deutlich flüssiger Fußball gespielt, haben eine Großzahl von Chancen gehabt, hätten deutlich höher führen oder gewinnen müssen. Im Endeffekt ist das aber nicht das was zählt, sondern dass man sich dann ordentlich bewegt. Es war nicht ganz einfach für beide Mannschaften auf diesem doch etwas unebenen und tiefen Geläuf, aber wie gesagt in der 2. Halbzeit sah das durchaus nach flüssigem Fußball aus.  Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailJens Matheuszik - 15.09.2011


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