Lewandowski schießt Real Madrid in Depressionen!

Aus dem Westfalenstadion in Dortmund berichten
Holger W. Sitter und Christopher Neundorf

Was haben wir in den letzten 24 Stunden nicht alles erlebt hier rund um unsern BVB. Es lohnt dennoch nicht an einem Abend wie diesem, sich dieser Problematik anzunehmen und das alles nachzukarten. Beim BVB arbeiten sie ohnehin seit dem Eintreffen von Götzes Kündigung vor elf Tagen bereits eifrig an einer Nachfolgelösung und dem dadurch notwendigen Umbau des Kaders. Die einzige Frage, die alle wirklich beschäftigte lautete: Wie heftig würde das Fanvolk aufbegehren und würde Mario Götze dem durch die Fans erzeugten Druck standhalten?  Er konnte - und das war die erste gute Nachricht des Abends, denn die erwarteten Pfiffe blieben aus. Wieder einmal zeigte der Dortmunder Anhang ein außergewöhnliches Fingerspitzengefühl.


Denn aller Unruhe zum Trotz (zur Unzeit) war der BVB ja durchaus weiterhin gewillt, sich nicht vom Weg Richtung Champions-League-Finale im Londoner Wembleystadion abbringen zu lassen. Personell konnte Jürgen Klopp aus dem Vollen schöpfen, nachdem sich auch Torjäger Robert Lewandowski fit meldete - was heute den Ausschlag geben sollte. Aber auch Real Madrid zeigte sich bereit für den Fußball-Kracher: "Beide Mannschaften haben eine 25-prozentige Chance, diesen Wettbewerb zu gewinnen", sagte Trainer José Mourinho.  Grundsätzlich anders bewerteten die spanischen Zeitungen das Aufeinandertreffen und zeigten sich als Wahrsager: „Deutschland ist für Real Madrid die Hölle. Jedes Mal wenn Real Madrid nach Deutschland reist, geht es schlecht aus. Egal wer der Gegner ist, sie kehren generell mit einem schlechten Ergebnis nach Spanien zurück. Und Dortmund ist keine Ausnahme“, stand heute in der ‘Marca‘ zur Überraschung aller. War also der BVB doch heimlicher Favorit in diesem Halbfinale der Champions League?

Nach 90 gespielten Minuten sind sie zumindest der erste Favorit für den Finaleinzug am 25. Mai in Wembley! Denn was der BVB heute – insbesondere in Hälfte Zwei „rausgehauen“ hat, lässt diesen Schluss durchaus zu. Mit 4:1 fegten die Dortmunder Real Madrid von der Platte und fügten einen Tag nach der Demütigung von Barca dem stolzen spanischen Volk eine weitere heftige Ohrfeige zu.  Dabei geriet das Halbfinalhinspiel in der Champions League zur Show des Robert Lewandowski. Noch nie konnte ein Spieler weder gegen die „Königlichen“ noch in diesem Wettbewerb jemals vier Treffer erzielen.

Einziges Sorgenkind war Mats Hummels, der frank und frei einräumte, dass die Nachricht von Götze’s Wechsel ein „Schock“ für die gesamte Mannschaft war, von dem er sich scheinbar nicht so richtig erholt hatte. „Ich glaube, dass die ganze Mannschaft - außer mir - eine großartige Leistung gezeigt hat“, zeigte der ebenfalls heiß umworbene Borusse anschließend Größe. Denn sein grober Patzer brachte Madrid mit einer missratenen Rückgabe auf Weidenfeller
kurzzeitig wieder zurück ins Spiel. Higuain ließ sich nicht zwei Mal bitten, schnappte sich den zu kurzen Ball und servierte im entscheidenden Moment quer zu Ronaldo zu dessen 12. Champions League-Treffer zwei Minuten vor dem Halbzeitpfiff.  



Zuvor war der furios startende BVB nach klasse Götze-Vorarbeit durch Lewandowski früh in Führung gegangen und der Wahnsinn nahm seinen Lauf (8.). Nach etwa 20 Minuten konnte dann Real besser ins Spiel kommen und  sich peau a peau mehr Spielanteile
erarbeiten. Ronaldo ließ sich nun weiter fallen, versuchte Bälle im Mittelfeld abzuholen und nach vorn zu tragen. Dann pfiff das ganze Stadion, als der „Pistolero“ knapp 25 Meter vor dem Tor in guter Position und bekannte Pose für einen Freistoß bereit steht. Sein scharfer Ball kam auch knallhart und aussichtsreich auf das Tor, doch Roman Weidenfeller hatte aufgepasst, tauchte ab ins rechte Eck und wehrte mit den Fäusten zur Seite ab (24.). Doch der BVB hatte im eigenen Haus im Grunde alles im Griff.

In der Halbzeit fand der Coach dann sowohl die richtigen Worte, als auch die Instrumente für taktische Feinjustierungen, wie Ilkay Gündogan später verraten sollte. Und in der Tat
kommt der BVB  mit Drang aus der Kabine, trat jetzt beherzter und unnachgiebiger auf, attackierte das weiße Ballett und gewann nun deutlich mehr Zweikämpfe. Und das zahlt sich aus. Denn bereits fünf Minuten nach Wiederanpfiff steht die Bude wieder Kopf, denn LewanGOALski bringt Borussia Dortmund wieder in Front. Einen flachen Pass von Reus von der 16-Meter Marke konnte der Pole, der nicht im Abseits stand kontrollieren, spitzelte den Ball dann aus der Nahdistanz am überraschten Lopez vorbei zum 2:1 in die Maschen. Irrenhaus Dortmund, Teil zwei.



Und nur weitere fünf Zeigerumdrehungen später ging der nackte Wahnsinn weiter: Das 3:1 fällt tatsächlich kurz drauf! Lukasz Piszczek flankte rein, die Kugel landete abgefälscht bei Marcel Schmelzer, der aus dem Rückraum einfach draufhielt und Lewandowski findet. Und der kann auch diesen Ball in Weltklassemanier beherrschen, vernascht Pepe auf engstem Raum und drischt das Leder knallhart ins Tor. Was für ein Abend für den Ausnahme-Stürmer. Jetzt beherrschte der BVB die Königlichen souverän und spielte den Ball gekonnt in den eigenen Reihen.

In der 62. Minute wieder Wahnsinn! Gündogan legte den Turbo ein, ließ Xavi Alonso stehen, legte den Ball rechts an Sergio Ramos vorbei, lief links herum und schoss dann hart aufs rechte obere Eck. Und Keeper Diego Lopez kam an das Geschoss tatsächlich noch dran und konnte mit einer Glanztat abwehren. Schade, diese feine Einzelleistung hätte es verdient gehabt, von Erfolg gekrönt zu werden. Doch es kommt noch besser. Ein hoher Ball von Götze auf Reus gelupft, der ist dran, wird aber von Xabi Alonso von hinten gerempelt und verliert die Ballance. Der ausgezeichnete niederländische Referee Björn Kuipers zögerte keine Sekunde und verhängte einen Foulelfmeter (67.). Robert Lewandowski schnappt sich das Spielgerät, schießt den BVB an diesem Abend fast im Alleingang nach London und schreibt Geschichte! Hart, stramm und wuchtig in die Mitte geknallt und es hieß 4:1 für den BVB!


José Mourinho regt sich nun merklich an der Seitenlinie. Für ihn ist jetzt die Zeit gekommen, seine Offensive neu auszurichten. Er bringt mit di Maria für Modric und Benzema für Higuain zwei frische Kräfte für die Offensive. Madrid greift nun mit vier Spitzen an, will zumindest noch ein Tor. Özil legt jetzt deutlich einen Zahn zu, spielt mit einem Steilpass seinen Spezi Khedira frei, der sich von der Grundlinie in die Mitte tankt. Doch Weidenfeller ist da, verkürzt den Winkel und blockt den Pass auf Ronaldo mit einem Spagat ab (75.). Kaka kommt für Xabi Alonso. Der letzte Wechsel der Königlichen, die nun volles Risiko gehen. So langsam wurde der Traum wahr, Klopp wiederum bietet mit Kehl für Blaszczykowski und Großkreutz für Piszczek nun seinerseits zwei frische Kräfte auf, die Reals Endspurt ausbremsen sollen – was auch gelang.

In der 89. Minute tauchte dann Superstar Ronaldo noch einmal im Scheinwerferlicht auf: Kaka passte auf Khedira, der steckte durch und der Portugiese kam mit einem sehr lang ausgefahrenen Bein zwar noch hin, schob die Kugel allerdings auf Weidenfeller, der zumachte und sich rücksichtslos mit seinem Körper hineinwirft. Vier Minuten Nachspielzeit werden angezeigt und dann brandet tosender Jubel auf.



Gerade die Fans waren 90 Minuten Garant für eine toll aufspielende Borussia. Mit einem sensationellen Konfettiregen demonstrierten sie von Anfang an Geschlossenheit und stellten das Wohl des Vereins über das eines einzelnen. Selbst die Pressekonferenz begannen sowohl Sascha Fligge, als auch Jürgen Klopp mit einem Dank in diese Richtung: „Das hat alles in den Schatten gestellt. Aus so negativen Emotionen heraus so ein Dingen rauszuhauen. Ohne diese Atmosphäre wäre das heute nicht möglich gewesen“, konstatierte der sichtlich gerührte Chefcoach anschließend, lenkte aber die Gedanken sofort auf den kommenden Dienstag: „Wir haben erst eine Halbzeit gespielt und ich habe nicht das Gefühl, dass wir schon durch sind.“ Aber der Wille, das Ziel zu erreichen ist bei allen groß. „Wir wollen dort auch gewinnen und das Finalticket lösen“, sagte beispielsweise Sven Bender.
Ehe es am kommenden Dienstag im Bernabeu-Stadion im Rückspiel um den Einzug ins Londoner Endspiel geht, müssen beide Mannschaften zuvor noch in der Liga antreten: Dortmund gastiert am Samstag vermutlich mit einer kompletten B-Elf bei Fortuna Düsseldorf, Gegner Real Madrid darf am selben Tag im Stadt-Derby bei Lokalrivale Atletico Madrid ran. Bis dahin träumen wir von London und einem möglichen Showdown mit unserem neuen "Lieblingsgegner."

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailHolger W. Sitter, Christopher Neundorf (Fotos) 24.04.2013



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