Interview: 'Ente' Lippens über Köstlichkeiten, Kick & Rush und Kokolores

"Die wahren Freunde zeigen sich erst,
wenn es einem dreckig geht"

Zu seiner Zeit dribbelte Willi 'Ente' Lippens jeden Gegner aus. Er wohnte bei Rot Weiß Essen im Stadion, fuhr mit Helmut Rahn zu Prominenten-Spielen und betreibt heute zusammen mit seinem Sohn Michael in Bottrop-Welheim ein Restaurant, das „Mitten im Pott“ heißt. Peter Hesse hat den Mann getroffen, der für Borussia Dortmund in 70 Bundesligaspielen 13 Tore schoss.

Willi Lippens, wie fühlt man sich als Gastronom?

Diesen Hof habe ich 1979 gekauft, da bin ich von meiner Stippvisite bei den Dallas Tornados wieder nach Deutschland gekommen. Da wir hier so viel Platz haben, hat sich das als Ausflugsziel angeboten. Man kann hier unter einem alten Baumbestand sitzen, eine Stunde relaxen und ein Bierchen dazu trinken. Als wir begannen, hatte ich noch keine Ahnung, welche Dimensionen das mal annehmen würde. Es hat aber eine sehr schöne Entwicklung genommen. Als mein Sohn fertig mit der Kochlehre war, haben wir noch das Restaurant gebaut und haben jeden Tag geöffnet, nur Montags ist geschlossen. Anfangs haben wir nur drüben in der Tenne Feiern veranstaltet und den À La Carte-Betrieb haben wir jetzt schon fast 10 Jahre. Mein Sohn hält den Laden hier am Laufen, ich gehe hier durch und begrüße die Leute.

Mehr nicht?

Ich helfe wo ich kann, das ist doch klar. Wenn du vor Ort bist, wirst du eingespannt. Ich helfe beim Einkauf und mache die Buchführung am Computer, das gibt es ja sehr gute Programme inzwischen. Eine Hilfestellung muss man ja leisten, es ist ein Familienbetrieb. Man muss ja irgendwo noch eine Daseinsberechtigung haben und kann nicht abrupt aufhören.




Das ist ja fast wie bei Ihrer Fußballer-Karriere. Zum Ende waren sie 1998 noch einmal für eine kurze Zeit Trainer bei Rot Weiß Essen?

Für die letzten drei Spiele habe ich das gemacht, aber da war schon das Kind in den Brunnen gefallen. Ich hab das als Verpflichtung gesehen, denn der Verein hat mir ja auch sehr viel gegeben. Ich konnte bei Rot Weiß etwas darstellen und meine Karriere beginnen. Ich halte für den Club alle Rekorde und habe die meisten Spiele und meisten Tore in der ersten Liga absolviert. Die längste Zeit war ich da und man muss etwas zurückgeben, wenn es dem Verein nicht ganz so gut geht. Ich hab das damals unentgeltlich gemacht, aber Undank ist wie überall der Welten Lohn. Wenn das dann nicht so läuft, wie die Allgemeinheit sich das vorstellt, steht man natürlich direkt in der Kritik. Das habe ich mir dann nach einem Jahr nicht mehr angetan. Ich habe meine Pflicht getan und damit ist das klar.

Von Ottmar Hitzfeld stammt der Ausspruch, dass Fußball im Ruhrgebiet eine Art Religion ist. Wie ist das aus ihrer Sicht zu erklären?

Die Rivalität macht da einiges, das ist eine ganz klare Geschichte. Du kannst dich auf der Arbeit nicht vor diesem Thema drücken. Es gibt ja irgendwo immer jemand, der über Fußball spricht – egal, ob das im Büro ist, beim Bäcker oder an der Werkbank. Die Präsenz des Fußballs im Ruhrgebiet ist geprägt durch die räumliche Enge. Zu meiner Zeit war das noch etwas stärker vorhanden, denn zu Beginn der 1960er Jahre waren es ja 10 große Vereine, die hier auf 50 Kilometer gespielt haben. Da, wo der normale Arbeiter zuhause ist, da ist der Fußball zuhause. Das ist ja weltweit so. Elitär wurde der Fußball ja erst in den letzten Jahren, wo man mit der VIP-Geschichte angefangen hat. Das ist ja nicht verkehrt, aber der Ursprung des Fußballs wird ja immer mehr verwässert. Es gibt ja Leute, die gehen ins Stadion nur zum Essen und Trinken – oder nutzen die Lounge, um da ihre Geschäfte zu machen. Diese Leute interessiert das Spiel im Endeffekt gar nicht mehr, vielleicht weil sie auch zu wenig Ahnung davon haben. Aber das ist unsere Zeit und das kannst du auch nicht mehr zurückdrehen.

Das ist leider wahr...

Die echten Fans stehen immer noch auf der Stehtribüne. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass die ganzen neuen Stadien Bereiche mit Stehplätzen haben. Du kannst diesen Jungs nicht ihren Block nehmen, wo die springen können, wo die sich bewegen können. Wenn die sitzen sollen, dann geh ich nicht mehr zum Fußball.

Auf der britischen Insel haben sich die Preise von Fußballtickets zu Luxusgütern entwickelt.

In England verdienst du ja als Spieler noch mehr Kohle als hier, obwohl die ja viel weniger haben. Mittlerweile stecken da ja ein paar Scheichs dahinter. Aber so bald du dem Fußball die Ursprünglichkeit und Volkstümlichkeit wegnimmst, dann stirbt dieser Sport langsam – aber sicher. Die Euphorie, die wir in unseren Stadien haben, kannst ja nur mit den Jungs von der Straße und dem einfachen Fan aufrecht erhalten. Was nutzt dir das denn wenn du 40.000 Leute im Stadion hast, davon sind 3.000 echte Fans und die anderen sitzen da doof rum.

Das klingt schlimm!

Ja, dann kannste den Fußball in die Tonne hauen, dann ist es vorbei. Wenn keine Atmosphäre da ist, werden die Spieler nicht getragen. Dann kannste auch direkt zuhause bleiben. Was will ich denn, wenn die Leute sich nicht freuen. Das ist Blödsinn. Mir sind auf dem Platz Dinge eingefallen, die ich selbst nicht kannte, wenn richtig Stimmung war. Da war was los und da wurdest du getragen, von der Masse der Leute. Das macht doch den Fußball aus. Es ist ein Volkssport, daran kommt man nicht vorbei. Man kann machen, was man will, mit dem Fußball. Aber es sind immer wieder die Typen in der Kurve, die das Dingen zum Leben erwecken.

Zu ihrer Anfangszeit haben sie sogar bei Rot Weiß Essen im Stadion gewohnt.

Ich hab unter der Tribüne mein Zimmer gehabt. Damals war der Bergwerksdirektor und Fußballfunktionär Georg Melches in Essen die treibende Kraft. Er hatte die Vision von dem jungen Spieler, der in die große Stadt kommt und im Stadion wohnt, wo er auch betreut wird. Die Frau vom Platzwart hat das Essen gekocht und wenn es nötig gewesen wäre, hätte man uns auch schulisch gefördert. Auch der Funktionär Kurt Weiß hatte vier Zimmer unter der Tribüne. Die waren für Spieler reserviert, die von außerhalb kamen, um bei Rot Weiß Fußball zu spielen – einer davon war ich. Wir haben uns da sehr wohlgefühlt. Morgens wachst du auf, machst die Tür auf und stehst direkt im Stadion. Für mich als junger Mann war das eine ganz tolle Zeit.

Hatten Sie einen Vertrag?

Ja, mit einem Grundgehalt von 90 Mark plus 30 Mark extra, ohne Prämien. Mitte des Monats hatte ich oft keine Kohle mehr. Da hab ich mir ein Graubrot gekauft, Sanella und Marmelade und musste bis zum Ende des Monats auf Sparflamme leben, damit ich über die Runden kam. Vorher habe ich noch eine kaufmännische Ausbildung gemacht, die ich im Alter von 14 Jahren begonnen habe. Ich war erst auf der Volksschule und dann auf der Hauptschule. Gymnasien gab es zwar auch, aber das hatte ich nicht im Kopf. Für mich war Fußball die Nummer eins. Bereits mit 12 Jahren hatte ich mir fest vorgenommen, Fußballprofi zu werden, weil ich merkte, dass ich den anderen in meiner Altersklasse fußballerisch überlegen war. Ich war immer fasziniert davon. Auch die Spiele, die ich im Fernsehen sah, übten eine große Faszination aus. Ich sagte zu mir: „Das muss klappen.“

Wie aufmerksam haben Sie die WM in Brasilien verfolgt?

Einmal Fußball, immer Fußball. Man kann nicht aussteigen und sagen „Jetzt leck’ mich am Arsch, damit habe ich nichts mehr zu tun“ – so geht das nicht. Mein Leben ist ja geprägt durch den Fußball, da kann ich nicht von ab. Man identifiziert sich mit dem ganzen Geschäft. Die Leute würden ja denken „der hatt’se nicht mehr alle am Zaun“ wenn ich mich jetzt nicht mehr für Fußball interessieren würde. Das ist ja auch mein Leben und es war ja auch nicht so schlecht.

Halten Sie eher zu Holland oder drücken sie dem deutschen Team die Daumen?




Ich rege mich nicht auf, wenn Holland gegen Deutschland verliert. Dafür haben die mir auch zu blöd mitgespielt. Wenn ich bei der WM 1974 für Holland gespielt hätte, dann würde ich vielleicht heute anders denken. Aber da die mich durch Intrigen quasi ausgebootet haben, bin ich sogar dafür das Deutschland Weltmeister wird – und nicht Holland.

Jogi Löw ist nun mit dieser Nationalmannschaft Weltmeister geworden, gefällt Ihnen das?

Deutschland ist immer ein Kandidat für den Weltmeister-Titel, was aber nicht heißt, dass sie es auch automatisch werden. Das Zeug hat die Mannschaft immer. Man muss da in Erfolgsmustern denken. Es kommt auf die Konstellationen innerhalb der Gruppen an und wie die Spiele laufen. Aber Deutschland musst du immer auf der Liste haben, im Gegensatz zu Italien oder England, die man ja von vornherein streichen kann. Die Engländer kommen aus ihrem Klischee nicht heraus. Sie spielen seit 100 Jahren „Kick & Rush“ und so eine Scheiße da. Damit kommst du heute nicht mehr mit weiter.

Wie beurteilen Sie die Leistung von Arjen Robben bei der WM?

Ein Fußballer spielt nur Fußball, der macht nichts anderes und der ist nicht zu bedauern. Eine Überanstrengung gibt es da nicht. Ein Spieler trainiert zu Beginn einer Saison, bis er das richtige Level und den richtigen Konditionsstand hat. Dann gibt es eine Auffrischung und das Spiel am Samstag. Das ist der normale Ablauf in der Liga. Da hat man genügend Kraftreserven, um Gas zu geben. Wer das nicht kann, der muss zu Hause bleiben. Regeneration gehört natürlich auch dazu, die trainieren ja nicht jeden Tag wie die Verrückten. Die Mär vom überharten Training – das ist alles Kokolores. Bei der WM ist es ja auch so: die werden gepflegt da vier Wochen lang, ansonsten wird Fußball gespielt. Ich sag mal so: Wenn Sie Ihren Beruf täglich ausüben, dann können sie sich auch keine Auszeit richtig leisten. Du musst ja auch jeden Tag ran und kannst nicht sagen, so jetzt bin ich schon dreimal diese Woche aufgestanden – jetzt reicht es, ich bleib liegen.




Okay, aber mal Hand auf’s Herz: das schlechte Abschneiden vieler europäischer Teams ist schon erstaunlich, oder?

Man muss natürlich wissen, dass die Welt aufholt. Alle vier Jahre ist nun mal die Weltmeisterschaft. Die Mannschaften aus Asien, Afrika und Australien machen Boden gut, das kann man nicht mehr abschirmen. Global gesehen ist der Fußball jetzt in einer guten Position. Das haben wir auch zeitweise unterstützt, indem wir Fußball-Lehrer überall hin geschickt haben. Das zahlt sich dann irgendwann aus, die Jugendarbeit macht große Fortschritte und plötzlich ist eine neue Konkurrenz da. Dann muss man sehen, dass man damit dann fertig wird. Aber das macht den Sport ja auch nur interessanter und ich finde es überaus positiv, dass es überhaupt keine leichten Gegner mehr gibt. Das sieht man ja zum Beispiel an Costa Rica jetzt. Vor zwanzig Jahren hätte man sich damit den Hintern abgeputzt, aber Costa Rica! Die musst du jetzt erstmal bezwingen...

Auf einer anderen Ebene kann im DFB-Pokal ein Team aus der 3. Liga in der ersten Runde bereits einen hochrangigen Gegner aus der Bundesliga rauskegeln...

Das ist ein bisschen eine Einstellungssache des Bundesligisten. Es ist aber nicht mehr so unmöglich, weil die Abstände der ersten drei Ligen nicht mehr so weit auseinander liegen. Richtig krasse Unterschiede gibt es da nicht mehr, weil auch die kleinen Vereine mehr Fußball-Unterricht haben. Das Training ist nicht nur zweimal die Woche, selbst in den Jugendabteilungen wird manchmal viermal die Woche trainiert. Von daher sind die alle besser ausgebildet.

Waren die Trainingsmethoden zu damaligen Zeiten beharrlicher?

Die Trainingslehre und die Sport-Medizin hatte einfach nicht das Niveau von heute. Wir waren in unseren Jahrgängen anders unterwegs. Uns wurde noch gesagt, dass wir nicht viel trinken sollen, weil das den Kreislauf angreift. Du hast ein kleines Fläschchen Wasser gekriegt und bei allen Mahlzeiten noch ein ganz kleines Glas dazu. Wenn wir mit Kuno Klötzer im Trainingslager waren, war das mit dem wenig Trinken die absolute Regel, weil diese Trainer-Generation das nicht anders gelernt hatte. Später hast du Staub gepinkelt, weil da nichts anderes mehr drin war im Körper.

Und die medizinische Versorgung?

Zu meiner Zeit wurde ein Muskelfaserriss noch mit Hitze behandelt – das musste dir mal reinziehen. Man kam unter einen Heißluftkasten, dann hat sich die Blutung so richtig entwickeln können, anstatt Eis darauf zu packen, um die Blutung zu stillen. Das geronnene Blut und die einzelnen Fasern klebten dann zusammen, das hat gut und gerne acht Wochen gedauert, bis du wieder fit warst. Heute dauert eine Zerrung drei Tage, dann kannst du wieder laufen.

Das ist schon anders...

Eins steht auch fest: man hat uns nicht getragen. In den 1960er Jahren habe ich ja noch fünf Jahre gespielt, das kann man mit heute überhaupt nicht mehr vergleichen. Mit der Einführung der Bundesliga und mehr Trainingseinheiten stellte sich das Spiel so allmählich um. Plötzlich war mehr Dynamik drin. Aber mit dem was wir anfänglich mit dem Deuserband so trainiert haben – das ist aus heutiger Sichtweise ganz schön hinterwäldlerisch gewesen.

Mats Hummels sagt, dass der Fußball der 1970er Jahre auf ihn wirke wie Standfußball. Ärgert Sie so eine Aussage?

Bestell dem Mats Hummels mal viele Grüße und sag ihm mal, dass die ganze Übertragungstechnik ganz anders war. Die Aufzeichnung und das Übermitteln des Spiels ist heute viel realistischer. Heute hast du über 10 Kameras im Stadion, damals gab es eine Totale. Die Technik war nicht im Stande die Dynamik des Spiels auf dem Niveau von heute abzubilden. Das glaubst doch wohl nicht, dass ein Wolfgang Overath, ein Hacki Wimmer oder wer auch immer sich nicht die Lunge aus dem Hals gelaufen hat. Da lache ich wirklich drüber. Wenn ein Fußballspiel heute anfängt, wird taktiert. Die erste Viertelstunde passiert erstmal gar nichts in den meisten Fällen. Beide Teams spielen erstmal ganz sicher aus der Deckung heraus. Dann erzählen die mir heute was von 90 Minuten Tempofußball, ha, ich könnt’ kotzen. Alle, die früher Fußball gespielt haben, könnten heute genau so Fußball spielen. Denn dynamisch waren wir auch.

Haben Sie noch Kontakt zu früheren Mitspielern?

Na klar. Eine Zeit lang hatten wir noch die Möglichkeit über die Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft zusammen zu kommen, rund 40mal sind wir pro Jahr zusammen gekommen. Da waren Leute wie Netzer dabei, Overath, Hölzenbein und ein paar Stuttgarter Spieler. Ich bin ja zu Beginn noch mit Helmut Rahn gefahren, da hab den mitgenommen zu diesen Spielen, weil er vor meiner Zeit diese Elf mitgeprägt hatte. Wir sind dann noch nach meiner aktiven Zeit so 10 Jahre lang rumgetingelt. Als Helmut Rahn gestorben ist, bin ich dann alleine gefahren. Aber vor fünf, sechs Jahren habe ich auch aufgehört damit.

Wer war ein besonders unangenehmer Gegner?

Wir haben ja immer viel geflachst. Ich habe die gegnerischen Verteidiger gerne angeblufft mit den Worten „Ey, du Hampelmann – du kannst ja gar nichts.“ Das hatte den Hintergrund, den gegnerischen Spieler wütend zu machen. Denn wer wütend ist wird irgendwann blind und das war dann meine Chance, denjenigen zu umkurven. Da fällt mir jetzt zum Beispiel Hoppy Kurrat ein. Der ist immer wie ein Baum stehen geblieben, das war fürchterlich. Er hat ja ein bisschen gestottert, da habe ich ihn nachgeäfft: „pa-pa-pa-pa-pa-pass au-au-au-au-auf du-du-du...“ Da ist der so sauer geworden, dass ich ihn dann endlich mit dem Ball austricksen konnte.

Wie war es gegen Berti Vogts zu spielen?

Ach, der Berti. Es gab damals drei Spieler, da hat er sich immer die Zähne dran ausgebissen, weil er bei uns oftmals das Nachsehen hatte. Neben meiner Wenigkeit waren das vor allem Stan Libuda und Erwin Kostedde...




Mit Kostedde waren sie zu BVB-Zeiten ein imposantes Stürmer-Duo. Als er ungerechtfertigt im Gefängnis saß, waren sie der Einzige der ihn dort besuchte...

Im Leben ist es so, dass sich wahre Freunde erst dann zeigen, wenn es einem dreckig geht. Das ist in der Tat so. Wenn beispielsweise der große Gatsby Geld hatte, waren die Feten gut – und wenn nichts mehr läuft, dann kommt keine Sau mehr. Von daher kann man den Maßstab anlegen. Erwin ist eine arme Sau, dass hat der nie verpackt, dass man ihn da beschuldigt hat. Durch sein Elternhaus und seine Hautfarbe war er unglaublich sensibel. Dann kam diese Scheiße noch dazu, dazu noch unschuldig – eine schlimme Geschichte. Ich habe guten Kontakt zum Erwin, habe ihm auch oft geholfen – aber das braucht man gar nicht erwähnen. Das macht man automatisch, das ist doch normal. Klaus Fischer schickt ihn heute schon mal als Scout durch die Gegend, damit Erwin junge Talente beobachtet.

Eine schöne Sache...

Spieler, die zu ihren Lebzeiten viel Geld verdient haben und später ins Trudeln geraten und nichts mehr auf der Seite haben – da kann man nicht von der Allgemeinheit erwarten, dass die aufgefangen werden. Für Fußballer ist genug Geld im Topf. Ich bin sogar dafür, dass man heutzutage jedem Profi, der in Deutschland Fußball spielt, ruhig im Monat zwei bis 300 Euro für einen Hilfsfond abnehmen könnte – das würden die gar nicht merken und könnten das sogar steuerlich geltend machen. Dieses Geld schmeißt man dann in einen Topf, macht daraus eine Art Fritz-Walter-Stiftung. Und Spieler die gestrandet sind, aus welchen Gründen auch immer, werden dann finanziert, damit die wieder auf die Beine kommen und nicht zum Sozialamt müssen.




Die Liga vermisst aktuell Typen. Wenn Philipp Lahm ein Interview gibt, ist das zwar rhetorisch geschliffen und sauber, aber meist nicht besonders aussagekräftig...

Ich rede auch nicht mit jedem Bauern. Wenn du früher ein Pannemann warst, konnte das schon peinlich werden. Die Spieler werden heute teilweise rhetorisch geschult. Wenn sich einer mit der Presse unterhält und der kann sich nicht artikulieren, bekommt er Hilfe an die Seite gestellt – und dann lernt der das. Bei Spielern aus dem Ausland ebenso. Oder wie diese Beißerei beim Uruguay-Spiel. Wie ist das möglich, dass ein Spieler wie dieser Suárez, der Millionen verdient und ein exzellenter Fußballer ist, dann beisst der dem in den Buckel – da finde ich keine Worte für. Und in eine Hotelhalle kannst du als Bundesligaspieler auch nicht pinkeln, da gibt es keine Entschuldigung für. Du befeuerst als Spieler dieses Klischee, dass Fußballer Panne sind – aber das ist ja eigentlich längst nicht mehr so. Generell ist die schulische Bildung bei der Spieler-Generation von heute schon viel besser als früher.

Wie halten Sie sich heute fit?

Schauen sie sich mal bei mir auf dem Bauernhof um, dann wissen Sie was ich zu tun habe. Bei dem schlimmen Pfingst-Sturm sind hier sechs Bäume umgekippt, die habe ich komplett mit der Motorsäge klein gemacht. Ich bin dankbar dafür, dass ich mich hier einbringen kann und so fit bleibe. Ich hab hier immer was zu tun, wenn ich will. Ich stehe hier nicht unter Stress, oder so. Wenn ich mal nichts machen will, mache ich nichts und wenn ich in den Urlaub möchte, fahren wir weg.

Interview: Peter Hesse; Fotos: Daniel Sadrowski (5), Archiv



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