Wer zum ersten Mal unten am Zaun der Südtribüne steht und nach oben schaut, vergisst das Bild nicht mehr. Eine Wand aus Menschen, die so steil ansteigt, dass die oberen Reihen fast über dem Rasen zu hängen scheinen. Rund 25.000 Leute auf einer einzigen Tribüne, die meisten davon stehend. Diese Wand gab es aber nicht immer, und sie sah über die Jahrzehnte auch nicht immer gleich aus.
Die Geschichte der Süd ist eine Geschichte von Beton, Umbauten und Leuten, die sich jeden zweiten Samstag denselben Quadratmeter teilen. Wer mehr über das Stadion selbst lesen möchte, findet bei uns einen eigenen Beitrag über das Signal Iduna Park als Heimat. Hier geht es nur um die Tribüne im Süden.
1974: Eine Kurve aus Beton für die Weltmeisterschaft
Als das Westfalenstadion zur WM 1974 eröffnet wurde, war es ein reines Fußballstadion ohne Laufbahn, und genau das machte die Stimmung aus. Die Zuschauer standen dicht am Feld, die Ränge hatten keine Ecken, nur vier gerade Tribünen. Die Südtribüne war damals noch offen zu den Ecken hin und deutlich kleiner. Wer dort stand, war nass, wenn es regnete, und laut, wenn Borussia traf. Viel mehr Komfort gab es nicht, und viel mehr wollte auch keiner.
Der BVB beschreibt die Baugeschichte auf seiner Seite zur Historie des Signal Iduna Park ausführlich, inklusive der Kosten, die damals für ein Stadion dieser Größe erstaunlich niedrig waren. Für die Fans auf der Süd zählte etwas anderes: Man stand nah dran, und man stand zusammen.
Die Neunziger: Ausbau, Dach und die erste Gelbe Wand
Mit dem sportlichen Aufschwung in den Neunzigern kam der Ausbau. Die Tribünen wurden erweitert, die Süd bekam ihren zweiten Rang und ein Dach. Erst damit entstand die Form, die man heute kennt: steil, geschlossen, akustisch wie ein Trichter. Der Lärm, der vorher über die offenen Ränge verpufft war, blieb jetzt im Stadion. Spätestens nach dem Champions-League-Sieg 1997 sprach man in ganz Europa von der Gelben Wand.
Mit der Größe änderte sich auch das Publikum. Früher stand dort vor allem die Nordstadt, später kamen Fans aus dem ganzen Ruhrgebiet, aus dem Sauerland und aus Holland. Die Dauerkarten für die Süd wurden zu etwas, das man vererbt.
Anfang der Nullerjahre kam der nächste Ausbau. Die Ecken des Stadions wurden geschlossen, und aus vier einzelnen Tribünen wurde ein geschlossenes Rund. Für die Süd bedeutete das noch mehr Druck auf die Akustik. Wer heute bei einem Tor in Block 13 steht, hört den eigenen Jubel kaum, weil die ganze Tribüne gleichzeitig explodiert.
Choreos, Gruppen und eine eigene Organisation
In den Nullerjahren begannen die Ultragruppen, die Tribüne zu gestalten. Blockfahnen, Pappen, Doppelhalter, später Choreos über die gesamte Breite der Süd. So eine Choreo braucht Wochen Vorbereitung, Spenden aus der Kurve und Absprachen mit dem Verein. Was von außen spontan aussieht, ist oft das Ergebnis von Nächten in einer Lagerhalle. Gleichzeitig wurden die Gruppen zur Stimme der Tribüne: Wenn es um Ticketpreise, Anstoßzeiten oder Stadionverbote geht, sprechen sie für viele.
Sicherheit, Zäune und die Frage nach den Stehplätzen
Bei internationalen Spielen muss die Süd zu Sitzplätzen umgebaut werden, weil die Regeln der UEFA keine Stehplätze erlauben. Dann werden Klappsitze montiert, und die Kapazität sinkt. Wer beides erlebt hat, merkt den Unterschied sofort. Sitzend singt eine Tribüne anders, leiser und vorsichtiger. Seit Jahren wird diskutiert, ob sogenannte Kombiplätze das Problem lösen können, also Sitze, die sich hochklappen und arretieren lassen.
- Bundesligaspiele: volle Stehplatzkapazität auf der Süd, rund 25.000 Plätze
- Europapokal: Umbau auf Sitzplätze, deutlich weniger Zuschauer im Block
- Sicherheitszonen: Wellenbrecher und Gänge gliedern die Tribüne, damit Druck nach vorn nicht gefährlich wird
- Dauerkarten werden selten frei, die Warteliste ist lang
Ein Samstag auf der Süd
Wer eine Dauerkarte hat, kennt den Ablauf. Zwei Stunden vor dem Anpfiff füllen sich die Wege rund um das Stadion, die Bierstände in der Strobelallee haben Hochbetrieb, und vor den Eingängen stehen die Schlangen bis zur Straße. Viele Fans haben ihren festen Platz, oft seit Jahrzehnten. Man trifft dieselben Gesichter, redet über die Aufstellung und über die Woche. Wenn kurz vor Anpfiff You’ll Never Walk Alone läuft und 25.000 Schals hochgehen, ist die Wand vollständig.
Während des Spiels gibt der Vorsänger am Zaun den Takt vor. Er steht mit dem Rücken zum Spielfeld und sieht vom Spiel fast nichts. Das ist für viele Außenstehende schwer zu verstehen, gehört aber genau zu dieser Kultur: Die Tribüne ist nicht Publikum, sondern Mitspieler. Nach Abpfiff leert sich die Süd langsamer als die anderen Ränge, weil viele noch bleiben, singen oder einfach auf die Mannschaft warten.
Was geblieben ist
Bei allen Umbauten ist eine Sache gleich geblieben: Die Süd ist ein Ort, an dem man sich nicht aussucht, neben wem man steht. Der Rentner aus Hörde neben dem Studenten aus Bochum, die Familie aus Lünen neben der Gruppe aus Utrecht. Wer auf Auswärtsfahrt geht, nimmt dieses Gefühl mit, wie wir in unserem Text über die Gäste-Kurve beschrieben haben. Aber zu Hause entsteht es eben auf diesen Stufen.
Fazit: Die Süd verändert sich und bleibt doch dieselbe
Von der offenen Betonkurve über den zweiten Rang bis zu den Choreos über die ganze Breite: Die Südtribüne hat sich seit 1974 mehrfach neu erfunden. Was sie ausmacht, sind aber nicht die Bauteile, sondern die Leute, die jedes Wochenende wiederkommen. Solange sie stehen dürfen, wird die Wand auch weiter so heißen.
