Gläserne Kunden und „Hooligan“ Ginter

Bericht von der SpoBiS 2016


Bratwurst, Bier, Borussia. Mehr braucht es im Fußball nicht. Zumindest nicht, wenn man es mit den Schwarzgelben hält. Was dem puren Romantiker genügt, entspricht jedoch längst nicht mehr der Realität im heutigen Euromilliarden getränkten Fußballgeschäft. Aus diesem Grund ist die seit einiger Zeit jährlich stattfindende Sponsors Business Summit (kurz SpoBiS genannt) für die „Business-Welt“ des Sports, vor allem natürlich des Fußballs, diesem Hochglanzprodukt, von Interesse.


Es handelt sich hierbei um eine zweitägige Konferenz bei der sich renommierte Sportler, Sponsoren, Funktionäre und Dienstleister, vor allem aus dem Vermarktungsbereich sowie aus der IT-Branche, die Klinke in die Hand geben. Ein Treffen des Sports mit all jenen, die sich als die große und unausweichliche heilsbringende Zukunft der Optimierung des Sportgeschäfts, insbesondere des Fußballs, anpreisen, um ein möglichst noch größeres Stück vom Kuchen der Fußball-Milliarden zu ergattern, als sie es eh schon haben.

Man könnte also meinen, es ginge hier lediglich um Verkaufsstrategien und Sponsoren-Präsentationen. Doch in der Tat bot die SpoBiS 2016 mit (nach eigenen Angaben) rund 1.800 Teilnehmern Anfang Februar im – wie könnte es anders sein – Congress Center Düsseldorf auch viele durchaus interessante Vorträge, Diskussionsrunden und Interviews.

Schon einer der ersten jeweils maximal 30 Minuten dauernden Programmpunkte versprach Brisanz und Spannung: „Die ideale Clubstruktur – gibt es eine Musterlösung?“. Zu diesem Thema diskutierten Oliver Hubertus und Dr. Siegfried Friedrich (beides Wirtschaftsrechtler), Michael Meeske (Finanzvorstand des 1.FC Nürnberg) sowie Michael Schade (Geschäftsführer Bayer Leverkusen). Die Runde kam zu zwei Ergebnissen – einem positiven und einem negativen aus der Sicht der Fans. Einig waren sich die Diskutanten darüber, dass es nicht die alleinseligmachende Struktur für einen Profiverein gebe. Dies sei vielmehr individuell von den Gegebenheiten des jeweiligen Vereins sowie den handelnden Personen abhängig (spätestens hier dürften Zuhörer des HSV ins Schwitzen geraten sein, während Clemens Tönnies bei diesen Worten zu Hause sicherlich nur milde lächelnd an einem werkseigenen Würstchen mümmelte).



„50+1 muss nicht fallen, es wird aber fallen“

Die Vereinsstruktur als Basis würde man auch zukünftig nicht aufgeben müssen, so Friedrich. Überraschende Erkenntnis oder doch nur ein folkloristisches Zugeständnis im High-End-Business des Fußballs? Denn die 50+1-Regelung, die dürfte über kurz oder lang gekippt oder weiter aufgeweicht werden, da waren sich die Diskutanten ebenfalls weitestgehend einig. Wenn auch mit unterschiedlichen Nuancierungen. Am treffendsten formulierte es wohl Siegfried Friedrich, der resümierte, dass 50+1 nicht zwingend fallen müsse, es aber trotzdem fallen werde. Allein schon, um zu der Premier League finanziell aufschließen zu können. Soweit die nüchterne und einfache Wirtschaftssicht. Hoffen wir, dass die DFL und der hiesige Fußball in seiner boulevardesken Aufgeregtheit dem nicht hinterherhechelt. Hat man das wirklich nötig? Zudem kam Friedrich zu dem Schluss, dass die sog. „Financial Fairplay“-Regelungen grundsätzlich gut und richtig seien, diese jedoch dann auch konsequent umgesetzt werden müssten. Eine klare Kritik an der Umsetzung von (nicht nur sportlichen) fairen Wettbewerbsbedingungen durch die UEFA.

Dies waren zwar keine bahnbrechend neuen Analysen und Prognosen. In ihrer Quintessenz war diese Runde jedoch ein guter Einstieg, um zu sehen, an welchem Punkt der professionelle Fußball vereinsrechtlich und wirtschaftlich steht.



„Hosen runter, Sportstars! Wie viel Nähe kommt noch?“

Das Interessante an diesem Kongress waren die vielfältigen und abwechslungsreichen Themen der einzelnen Foren. Das fand wohl auch ein aufgeräumt-frisch wirkender Sebastian Kehl, der sich als Zuhörer auf der SpoBiS verdingte. Neben manch trockenem Business-Vortrag fand bspw. unter dem knackigen Titel „Hosen runter, Sportstars! Wie viel Nähe kommt noch?“ eine Diskussion über die Nähe zwischen Medien, Fans und Sportlern statt. Die Diskussionsteilnehmer Manfred Loppe (Sportchef von RTL) und Georg Nolte (betreut mit seiner Agentur u.a. die Social Media-Auftritte des Formel 1-Piloten Nico Rosberg) waren sich mit Ex-Profi Marcell Jansen darüber einig, dass Fans hautnah bei echten sportlichen Emotionen dabei sein wollen und dies den Sport auch ausmache. Die sozialen Medien nehmen hierbei, auch und gerade außerhalb der eigentlichen Wettkämpfe, eine immer größere Rolle ein und verändern den Markt der Medien. So würde Nico Rosberg mit seiner Facebook-Seite eine höhere Reichweite erzielen als mit TV-Berichterstattungen außerhalb der Rennen. Auch wenn natürlich Social Media-Reichweiten anders zu bewerten seien als die des Fernsehens. Wie genau, das ließ Nolte jedoch offen. In Zukunft würde vermehrt Facebook live genutzt werden und sich die Video-Präsenz dort verstärken. Doch unterm Strich blieb das Fazit: Eine tiefgründige Berichterstattung wie bspw. im TV-Bereich würden Social Media nie leisten können. Deren Nutzung würde sich zwar verstärken, andere Medienarten jedoch nicht überflüssig machen.

Auch ein aufgeräumt wirkender Sebastian Kehl lauscht als Zuhörer den Beiträgen

Wie sehr die Beliebtheit eines verblichenen Schmuckstücks des deutschen Fußballs, wie der des HSV, inzwischen von einzelnen Spielern abhängt, zeigte Joachim Hilke. Der Marketingchef des HSV klagte in einem Vortrag: „Als (Heung-Min, Anmd. d. Red.) Son bei uns spielte, waren wir in Korea sehr angesagt und wurden von dort gesponsort. Sobald er sich vom Acker machte, war es vorbei. Wenn wir jetzt dort ankommen, dann stehen dort nicht hunderte Kreischende, sondern vielleicht zwölf Bestellte.“ Diese Aussage zeigt, dass Anspruch und Wirklichkeit bezüglich der Strahl- und Wirtschaftskraft mancher Vereine doch weit auseinander liegen und kurzfristig manchen Märkten hinterhergejagt wird, ohne eine spürbare Nachhaltigkeit. Nicht erst da stellt sich die Frage: Ist es das wert und wo will der globalisierte Fußball noch hin? Viele Diskussionsrunden zum Thema Sponsoring und Markterschließungen kamen zu dem naheliegenden Schluss, dass hier neben der FC Bayern AG lediglich noch Borussia Dortmund aus deutscher Sicht eine internationale und gefestigte Strahlkraft hat, die auch nachhaltig substanziell sei. An dieser Stelle dürfte sich der VW-Aufsichtsrat ächzend gefilterte Luft zugefächert haben.



Eine Antwort darauf, wohin der Fußball denn nun will, zumindest was die Leistungsspitze des DFB angeht, gab Oliver Bierhoff, der auf der Hauptbühne seine Visionen zur DFB-Akademie ausbreitete. Das neu gestaltete Leistungszentrum, für das in Frankfurt die Galopprennbahn weichen musste, möge ein „Silicon Valley“ oder „Harvard“ des Fußballs werden, so der Manager der Nationalelf. Alle sollen davon profitieren, ein Geben und Nehmen. Über Deutschland hinaus. Das rund 110 Millionen Euro teure Leistungszentrum soll vor allem die Spitze besser machen: Bundesliga-Trainer, Schiedsrichter und Nationalspieler. Doch wo bleibt da die Basis, gerade in Zeiten der Korruption und Intransparenz des weltgrößten nationalen Fußballverbandes? Sollte man nicht lieber mehr investieren, um die maroden Vereinsstrukturen und die Ausbildung und Arbeit vor Ort nachhaltig zu unterstützen statt ein weiteres opulentes Prestigeprojekt vor die Türe der DFB-Zentrale zu pflanzen?

Matthias Ginter als Hooligan?

Zum Abschluss durfte die obligatorische Plauderei aus dem WM-Nähkästchen natürlich auch nicht fehlen. So seien bei der WG-Belegung für Brasilien Kevin Großkreutz und Matthias Ginter intern spaßeshalber als Hooligans bezeichnet worden. Kevin mag für die gesittete Bayern- und DFB-Welt als Hooligan durchgehen. Aber Matthias Ginter? Darauf muss man erst mal kommen. Vermutlich auch eine kreative Zuschreibung aus dem neuen Leistungszentrum. Kein Wort wurde hingegen über die unökologische Erschließung und die (Nicht-)Anschlussnutzung des Campo Bahia verloren. Auf die Nachfrage zum SZ-Artikel, nach dem die Wirtschaftskanzlei Freshfields festgestellt habe, dass über Jahre Unregelmäßigkeiten zur WM-Vergabe 2006 vertuscht wurden, äußerte sich Bierhoff erwartungsgemäß. Er kenne den Freshfields-Bericht noch nicht. Man müsse abwarten und darauf hoffen, dass alles ans Licht komme.



Die Zukunft - gläserner Fußball, gläserne Fans

Äußerst spannend wäre darüber hinaus sicherlich der angekündigte Beitrag des DFL-Geschäftsführers Christian Seifert zum Thema „Vergabe der Fernsehrechte“ gewesen. Doch leider musste der Mann der klaren Aussagen krankheitsbedingt kurzfristig passen. Stattdessen gab es interessante Einblicke in die jetzige und vor allem zukünftige Durchdringung des Profisports durch die Technik. So wollen Unternehmen wie Microsoft und SAP, die sich ebenfalls auf dem Kongress präsentierten, die Leistungsdiagnostik des Sports technisch perfektionieren. Hierzu kooperiert Microsoft nicht nur mit Real Madrid, sondern zukünftig auch mit dem Hamburger SV. Endlich kann sich das Nordlicht mal wieder in einer Reihe mit den ganz Großen nennen lassen. Doch was helfen die besten Daten, wenn man die Hardware (Sprich: die Substanz) im Verein dafür nicht hat oder die Datensammlung im Rucksack liegen lässt? Diese Frage muss offen bleiben. SAP hingegen gab klare und gruselige Antworten. Sie wollen nicht nur den Sport, sondern auch den Fan (oder im SAP-Hoffenheim-Sprech „Kunde“ genannt) gläserner machen: Personalisierte Tickets, Apps über die die Fans Bonuspunkte sammeln können („Haben Sie schon unsere Treue-App?“) und dafür ihre Daten preisgeben, maßgeschneiderte Angebote und vieles mehr. Hier liegen noch viele Möglichkeiten völlig brach. Denn man wisse doch bisher gar nicht, wer der Kunde sei, so ein verzweifelter SAP-Vertreter. An dieser Stelle kann der Autor beunruhigt, aber dennoch schmunzelnd, seinen Bericht schließen. Denn mit respektvollem Blick auf Dortmund sprach der SAP-Mensch, dass der BVB natürlich eine gewaltige Marke sei und es schon längst geschafft habe. Bleibt zu hoffen, dass es in Dortmund nie soweit kommen wird, dass sich Berater und Manager nervös tänzelnd fragen, wer wir denn eigentlich seien, diese Borussenschar? Doch auch bei uns wird man, so fürchte ich, diese Befürchtung nicht aus dem Weg räumen können. Bleibt die Hoffnung, dass uns die Modernisierung jedoch sanfter, charmanter und basisnäher gelingt.

Patrick Meiß (Fotos: SPONSORs/picture alliance) - 11.02.2016



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