„Entscheidend ist auf dem Platz…“

…und das werden „Hooligans“ nie begreifen. Mit ihren Bengalos, Böllern, Rauchbomben und insbesondere den Schlägereien sollen sie sich von mir aus auf Truppenübungsplätzen treffen und sich gegenseitig krankenhausreif schlagen, aber sie sollen endlich den Fußball und die Vereine mit diesem Mist in Ruhe lassen.

Am 21. Juni 1998 schlugen deutsche Hooligans den Gendarmen Daniel Nivel zum Krüppel. Zum 18. Jahrestag dieser deutschen WM-Schande ist das Gewalt-Problem in Frankreich allgegenwärtig. Niemand, so scheint es, hat auch nur irgend etwas aus der Schande von Lens gelernt. Und so ist der Ausgangspunkt dieses Kommentars nicht nur die widerwärtigen und hässlichen Ausschreitungen während der EM, sondern auch ein Missgeschick, das mir selbst widerfahren ist.

Ich habe nämlich eins meiner Trikots in 30 Zentimeter Abstand zu einer 40 Watt Glühbirne aufgehängt. Leider hat meine Frau die Lampe eingeschaltet und vergessen, sie wieder auszuschalten. Das Ergebnis sieht man auf dem Bild und ich bin froh, dass ich nicht drin gesteckt habe. Allerdings schossen mir bei der Betrachtung automatisch wüste Bilder durch den Kopf, wie so ein Trikot (und der Mensch, der da drin steckt) wohl aussehen mag, dem auf einer dichtgedrängten Tribüne ein mehrere tausend Grad heißer Bengalo zu nahe kommt… Nicht auszudenken!

Hooligans zerstören den Fußball und unsere Fankultur

Seit meinem Kommentar über das „Nörgeln und Meckern“ und den EM-Ausschreitungen habe ich beschlossen, nicht mehr zu schweigen. Die positive Reaktion unserer Leser war überwältigend. Falls Hooligans nach der Lektüre beschließen sollten, mir einen auf die Lampe geben zu wollen: Ihr erkennt mich am Namenszug „Pressefuzzi“ und der „12“ auf dem (neuen) schwarzgelben Trikot. Sollte ich danach nicht mehr in der Lage sein zu schreiben, werden das andere KIRSCHE-Redakteure übernehmen. Aber die Zeit des Schweigens ist definitiv vorbei. Weil Ihr Hooligans den Fußball und die Fankultur zerstört.

Ich habe schon langte keine Lust mehr in den von Euch erzeugten, krebserregenden Rauchschwaden zu sitzen und Angst zu haben, dass das Spiel abgebrochen wird oder ich nichts mehr sehen kann. Ich habe keine Lust mehr, wie Schlachtvieh durch engmaschige Polizeireihen ins Stadion geführt zu werden. Ich habe die Schnauze voll davon, wie ihr den Polizisten und uns Fans das Wochenende versaut, nur weil Ihr glaubt, der „Nabel der Fußballkultur“ zu sein. Nein, ihr seid die hässliche Fratze derselben.

Um das mal gleich am Anfang klar zu stellen: Ich ziehe vor jedem „Ultra“ meinen Fanhut, der seine Freizeit und finanzielle Mittel einsetzt, um seinen Verein bis in den entlegensten Winkel auf der Landkarte zu unterstützen. Jede Choreografie ist für mich gelebte Kunst und Zuneigung zum Verein. Und deshalb darf die Agressionsgrenze nicht fließend sein! Aber Gewalt und bewusste Gefährdung anderer Fans? Klares NEIN! Das muss aufhören! Jetzt! Zu viel steht derzeit auf dem Spiel!

Andererseits müssen sich auch die Medien, da nehme ich DIE KIRSCHE ausdrücklich nicht aus, an die eigene Nase fassen. Da werden mitunter Spiele zu „Derbys“ gekürt, obwohl die betreffenden Heimatstädte der Vereine über einhundert Kilometer auseinanderliegen, um ja – künstlich – „Emotionen“ im Vorfeld schüren zu können. Da wird über jedwede Fanausschreitung rauf und runter berichtet und die Beteiligten sind stolz darauf, endlich wieder im Fernsehen zu sehen zu sein oder sich auf einem Foto in der Tageszeitung bzw. im Internet wieder zu finden. Da werden zu allem und jedem Gerüchte gestreut, sogar bewusst unwahre Meldungen verbreitet, um die Fanseele zusätzlich in Wallungen zu versetzen. So liefern die Medien unablässig die „Ruhmesblätter“ für die gewalttätige Szene und heizen so die Eskalationsspirale weiter an: Vergeltung, Rache, Hass. Ein Wahnsinn in Endlosschleife, der da passiert.


Europameisterschaft Frankreich 2016: Wüste Prügeleien aus oftmals nichtigen Gründen und niedersten Motiven

Das heißt ausdrücklich nicht, dass die Medien Gewaltvorfälle und Fanausschreitungen totschweigen sollen – aber die Berichterstattung darüber kann man auch anders und sachlicher gestalten. Da ist journalistische Verantwortung und ein Hauch Fingerspitzengefühl gefragt gegenüber jenen Menschen, die einen schönen Stadiontag an der Seite ihres Vereins und anderer Fans verbringen wollen. Ohne Angst um Leib und Leben.

Gewalt und Aggression sind dabei keine Alleinstellungsmerkmale von Fußballfans – sie sind ein Problem der Gesellschaft und womöglich Ausdruck der Hilflosigkeit gegenüber den Machenschaften vermeintlich mächtiger Kreise. Ob Schmiergeldaffären, Steuerhinterziehung, Untreue, Lügen, Geldgier usw. im Fußball wie im öffentlichen Leben: beides wird durch die menschliche Niedertracht peau a peau zerstört.

Exzesse werden konsequent vorgelebt

Aber bleiben wir jedoch beim Fußball. FIFA, UEFA und auch der DFB haben ihre Glaubwürdigkeit und Vorbildfunktion durch die Skandale der letzten Zeit gänzlich verspielt. In den entsprechenden Gremien sitzen bzw. saßen mutmaßliche Straftäter, die mit erhobenem Zeigefinger Strafen über Vereine und Verbände verhängten, weil Hooligans mal wieder ausgerastet sind. Sünder urteilen über die Sünder… paradox und real existierender Wahnsinn zugleich. Und über allem thronen hochbezahlte Ethikkommissionen, die Regeln für moralisches Verhalten aufstellen. Dabei wäre es ganz einfach – man muss sich nur an eine Maxime halten: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu!“ Die goldene Regel der Ethik, in jeder Religion oder menschlichen Gemeinschaft der Welt zu finden.

Ich habe mich immer dagegen gewehrt, Fußball und Politik zu verknüpfen – und habe damit falsch gelegen. Die Politik drängt in den Fußball, weil der Fußball ein gesellschaftliches Phänomen ist und die Gesellschaft unter Hooligans, Rechts- und Linksextremisten, geld- und machtgierigen Funktionären und verschiedensten politischen Gruppierungen leidet. Das alles ist eine Form von Gewalt, was da passiert. Funktionäre vergewaltigen die Gesellschaft, indem sie nahezu ungehemmt ihrer Gier freien Lauf lassen. Politische Gruppierungen - wie beispielsweise die Grüne Jugend - sind ursächlich verantwortlich für Gewalt gegen Sachen – einem Freund wurde unlängst die Deutschlandfahne vom geparkten Auto abgebrochen und ein entsprechend "politisch motivierter" Sticker an die Scheibe geklebt. Ja, geht's noch? Währenddessen gehen gewalttätige Hooligans auf Polizisten und unbeteiligte Menschen los und verletzen sie an Geist und Körper… eine einzige Schande!

Wir Fußballfans ergötzen uns daran, wenn 80.000 im Dortmunder Stadion „You´ll never walk alone“ singen. Wir genießen diesen Moment der Einheit, des „Dazugehörens“, der Fußballromantik und dieses kleinen Stückchens Glück in der Illusion, dass alles gut ist. Nichts ist gut! Sobald die Gewalt aufflackert, steht der friedliche Fußballfan, der das Unglück hatte, als Unbeteiligter zwischen die Fronten zu geraten, alleine da. Und zwar ganz alleine! Und die Sicherheitskräfte können nicht zwischen „Freund und Feind“ unterscheiden, weil man ja Trikot trägt.

Ich bleibe dabei: So kann und darf es nicht weitergehen! Zivilcourage ist gefragt. Hundert Hooligans können gegen 20.000 Fans nichts ausrichten. Funktionäre können Millionen Fans nicht betrügen, wenn sie zusammenhalten. Die bevormundende Politik kann die Deutschlandfahne am Auto und Haus nicht verhindern. Ich bin übrigens EM-Verweigerer, aber seit dem Vorfall bei meinem Freund hängt an Auto und Haus eine Deutschlandfahne. Jetzt erst recht… wenn Ihr eine abbrecht, wachsen zwei neue nach. Wie die Köpfe der Hydra. Völlig gewaltfrei.

Opens window for sending emailErnst Andersch, Fotos: Archiv/privat/Getty Images – 21.06.2016





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