Die Lehren des ersten WM-Spieltags

Der Ball rollt in Brasilien. Die WM läuft auf Hochtouren. Die Zeiten lassen teils zu wünschen übrig, doch Weltmeisterschaft ist eben nur alle vier Jahre – Austragungsort und Zeitverschiebung hin oder her. Jedes der 32 Teams hat seine erste Partie hinter sich gebracht. Es gab einige Überraschungen. Auch das Drumherum sorgt für viel Gesprächsstoff. Bis auf das 0:0 zwischen Nigeria und Iran gab es in jedem Spiel mindestens einen Treffer am ersten Spieltag. Diese Partie war auch das einzige Unentschieden bislang. (46) Tore gab es in den ersten 16 Spielen. Der Großteil der Partien war spannend und auf hohem taktischem Niveau – bis auf ein paar Ausnahmen. Trotz heißer Temperaturen und einer Luftfeuchtigkeit teils über 70% gaben die Teams alles. Überraschungen und Favoritensturz Das Auftaktspiel hatte es bereits in sich. Die Kroaten brachten den Gastgeber aus Brasilien ordentlich in die Bredouille. Am Ende siegte die Selecao mit 3:1. Ein Remis war für Olic, Perisic und Co. definitiv drin gewesen. Die Niederlande sorgte für die erste kleine Überraschung des Turniers. Dass Oranje die Spanier besiegen kann, war schon vor dem Anpfiff eine logische Option. Doch die Mannen von Louis van Gaal zerlegten den Welt- und Europameister mit 5:1. Robben und van Persie entzauberten la Roja. Die Überraschung schlechthin gelang Costa Rica. Gegen Geheimfavoriten Uruguay – ihres Zeichens zweifacher Weltmeister – drehte man die Partie in der zweiten Hälfte nach einem 1:0-Pausenstand. Das Star-Ensemble mit Forlan, Cavani und Luis Suarez enttäuschte gerade in der Offensive – trotz der namhaften Offensivspieler. Für Aufsehen sorgte auch die Elfenbeinküste. Zwar sah kaum jemand das Spiel, weil die Anstoßzeit auf 3 Uhr nachts gelegt wurde, doch die Afrikaner bezwangen Japan innerhalb von zwei Minuten. Wilfried Bony (64.) und Gervinho (66.) drehten das Spiel. Honda, nein nicht ein Motorrad, hatte die Männer aus dem Land der aufgehenden Sonne in Führung gebracht. Keine Blöße Italien bewies einmal mehr, dass sie eine Turniermannschaft sind. In einer munteren Begegnung setzte sich die Squadra Azzurra gegen die Engländer durch. Deutschlandschreck Mario Balotelli köpfte den 2:1-Siegtreffer. In der Gruppe E taten sich sowohl Frankreich als auch die Schweiz lange Zeit schwer. Die Franzosen setzten sich gegen robuste Honduraner deutlich mit 3:0 durch. Die neutralen Schweizer gewannen ihr Spiel durch einen späten Treffer von Joker Haris Seferovic in der 93. Spielminute. Andere Favoriten setzen ein Ausrufezeichen. Argentinien quälte sich zu einem Arbeitssieg gegen Bosnien Herzegowina, die ihr erstes WM-Spiel absolvierten. Eine Einzelleistung von "La Pulga" (der Floh), Lionel Messi, reichte Maradonas Erben, um die drei Punkte einzufahren. Neben dem orangefarbenen Nachbarn überzeugte vor allem die DFB-Elf. Bei Deutschland müllerte es gegen Portugal. Thomas Müllers Dreierpack "massakriert" (Lance, Brasilien) die Portugiesen. Cristiano Ronaldo, seines Zeichens amtierender Weltfußballer, hatte absolut keine Schnitte gegen die deutsche Viermann-Innenverteidiger-Kette. Die USA mit Trainer Jürgen Klinsmann bezwangen die Black Stars von Ghana. Absoluter Höhepunkt: der Treffer von Dempsey zum 1:0 nach 30 Sekunden – das schnellste Tor dieser Weltmeisterschaft. Ein anderer Geheimfavorit kam noch mal mit einem blauen Auge davon: Belgien. Die Pralinenmeister konnten ihre Auftaktpartie in der zweiten Halbzeit drehen. Insgesamt blieb das Team der "Edeltechniker" hinter den Erwartungen. Trotz beachtlichen Spielermaterials enttäuschten die Roten Teufel gerade spielerisch – ein Merkmal des Teams. Auf der Gegenseite muss man aber auch Gegner Algerien loben. Die Wüstenfüchse waren taktisch perfekt eingestellt und beschränkten sich auf ihr blitzschnelles Umschaltspiel. Damit konnten sie das Spiel lange offen gestalten. Im letzten Spiel des ersten Spieltags trennten sich Russland und Südkorea 1:1. Die quirligen Koreaner wirbelten gegen die robusten Russen. Doch Schlussmann Akinfejew, der bereits vor dem Treffer mehrfach gepatzt hatte, leistete sich einen kapitalen Bock. Der Ball glitt ihm, im wahrsten Sinne des Wortes, durch die Hände. Der russische Torhüter lag gefühlt eine halbe Ewigkeit mit den Händen über dem Gesicht am Boden. Doch Stürmer Kerschakow konnte die Niederlage noch mal abwenden und traf zum Ausgleich, ebenfalls mit gütiger Mithilfe des koreanischen Schlussmanns. Technik hilft, doch der Mensch macht Fehler Bei dieser WM gibt es gleich mehrere Neuerungen. Die FIFA, die sonst stur ist wie ein Esel, hat sich der Kritik gebeugt und den Schiedsrichtern Hilfsmittel an die Hand gegeben, um besser korrekte Entscheidungen zu treffen und etwas Druck von ihnen zu nehmen. Zu einem ist da der "Rasierschaum". In Südamerika ist der Linienziehschaum schon ein Alltagsaccessoire der Unparteiischen. Vor jedem Freistoß, der Torgefahr hervorbeschwören könnte, wird um den Ball ein Halbkreis gezogen und nach Abmessung und Einweisung der Mauer, wird eine klare Linie gezogen, hinter der sich die Spielermauer aufstellen soll. Ein Vorteil hat es: Das ewige Ball herumgeschubse – ein Meter vor oder nach rechts oder links – gehört nun der Vergangenheit an. Dies nimmt alles etwas mehr Zeit ein, sodass praktisch in jedem Spiel bereits mindestens fünf Minuten Nachspielzeit gängige Praxis sind. Doch die Spieler müssen sich auch erst mal mit dem Schaum anfreunden. Einige eitle Kicker mussten sich den Schaum bereits von den Schuhen abwischen, da der Schiedsrichter seine Linie zog und dabei über die teuren Luxusstollenschuhe gesprayt hatte. Andere mögen das weiße Zeug einfach nicht und treten dieses aus Frust einfach weg. Anmerkung: Nach einer kurzen Zeit lösen sich die Schaummarkierungen von selbst auf. Doch Fehlentscheidungen bleiben nicht aus. Klar muss man die Unparteiischen in Schutz nehmen, sie sind auch nur Menschen, die Fehler machen können. Aber die ersten beiden Elfmeter des Turniers waren einfach nur lachhaft. Die einzige plausible Erklärung für diese Strafstöße: Die Spielleiter standen mit dem Rücken zum Geschehen. Bei Brasiliens Elfmeter ließ sich Angreifer Fred nach hinten fallen, als ob er sich auf eine Matratze im Pool schmeißen würde. Dass er dann nach dem Pfiff Gott für den Elfmeter dankte, ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten. Außer er dankte dem lieben Herrn für sein schauspielerisches Talent. Nur einen Tag später erhielten die Spanier gegen die Holländer einen Strafstoß, der unter "geschickt eingefädelt" abgestempelt werden kann. Der Oranje-Verteidiger grätschte zwar im Sechzehner, doch Diego Costa nahm das Geschenk dankend an und trat kurzerhand auf den Fuß des an ihm vorbeigrätschenden Spielers drauf. Dazu ließ er sich geschickt fallen und das 1:0 für Spanien war perfekt. Auch insgesamt sind die Leistungen der Schiedsrichter äußerst unterschiedlich. Einige Referees geizen mit der Vergabe von Karten. Taktische Fouls werden nur sporadisch mit Verwarnungen gedacht. Nicht alle Unparteiischen scheinen auf dem gleichen internationalen Niveau zu sein. Schau auf die Uhr, sie zeigt Tor Ein weiteres Hilfsmittel befindet sich am Arm in Form einer Uhr. Die Herren Pfeifenträger hatten schon immer eine Armbanduhr, um die Zeit ordentlich abzumessen. Doch nun hat diese Uhr eine neue Funktion. Sie zeigt auch "Goal" an, wenn der Ball hinter der Linie ist. Sieben Kameras pro Tor schauen ganz genau hin, ob das Leder mit vollem Umfang über der Linie war oder nicht. Bei der Partie Frankreich gegen Honduras zahlte sich das Hilfsmittel mehr als aus. Das Tor von Benzema bzw. das Eigentor des Torhüters Noel Valladares, entschied die FIFA, kann als Werbefilm für die Torlinientechnik genutzt werden. Benzemas Schuss prallte vom Innenpfosten ab und traf den Keeper. Valladares fischte den Ball zwar gedankenschnell aus dem Tor, doch der Ball war definitiv im Tor. Die verschiedenen TV-Einstellungen konnten nicht deutlich klären, ob der Ball nun drin war oder nicht. Erst durch das Hilfsmittel wurde deutlich sichtbar, dass es ein korrekter Treffer war. Ein sinnvolles technisches Hilfsmittel, das spätestens seit dem letzten DFB-Pokalfinale auch in Deutschland zu Einsatz kommen müsste. Die Verantwortlichen stehen unter Zugzwang! Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailArthur Makiela, 19.06.2014


Nächstes Spiel: Borussia Dortmund vs. SV Werder Bremen
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