Das schäbige Spiel des Herrn Kühne

Geldgeber Kühne hat dem HSV den nächsten Schock versetzt. Nach seinen Verbalattacken verkündete er nun, keine Anteile mehr an der AG erwerben zu wollen. Stattdessen muss sein Kredit zurückgezahlt werden. Eine Warnung an alle, die sich abhängig machen… Als Gert „Charly“ Dörfel am ersten Bundesligaspieltag 1963 gegen Preußen Münster das allererste Tor in der Bundesliga-Geschichte des Hamburger Sportvereins erzielte, wusste noch niemand, dass der HSV diese Saison mit dem sechsten Tabellenplatz abschließen würde. Da war die Welt an der Elbe noch in Ordnung. Heute, exakt 50 Jahre und 120 Tage später steht der Club mehr denn je vor einer ungewissen Zukunft.

Der Grund ist das egoistische und rüpelhaft-bourgeoise Verhalten von Milliardär Klaus-Michael Kühne, denn der will plötzlich entgegen allen Vereinbarungen keine Anteile mehr an der Fußball-Aktiengesellschaft Hamburger SV erwerben und stürzt damit den Verein in eine größere finanzielle Schieflage. Nach dem Rückzieher des 77 Jahre alten Logistik-Unternehmers muss ihm der Fußball-Bundesligist das Darlehen in Höhe von 25 Millionen Euro bis 2017 in drei Raten verzinst zurückzahlen, statt ihn mit Anteilen ruhig zu stellen.

Das bestätigte HSV-Finanzvorstand Frank Wettstein am Freitag und bescherte damit den gebeutelten Anhängern des Traditionsclubs wenig erfreuliche Weihnachten. Denn ursprünglich war vereinbart, dass „Investor“ Kühne seine Kapitalspritze in Anteile an der vor knapp sieben Monaten gegründeten Aktiengesellschaft umzuwandeln gedenkt. Dafür sollte er 7,6 Prozent an eben jener HSV-AG bekommen, deren Gesamtwert von KPMG-Wirtschaftsprüfern auf 330 Millionen Euro taxiert worden war zum Zeitpunkt des Deals. Doch dem Hamburger Sportverein geht es nicht gut. Der Club ist mit Verbindlichkeiten in Höhe von rund 100 Millionen Euro belastet und zu allem Überfluss ist auch in diesem Geschäftsjahr erneut mit roten Zahlen zu rechnen, was natürlich Spekulationen um die Lizenzvergabe für die Saison 2015/2016 aufwirft. Die Spielgenehmigung für die laufende Saison sei laut Frank Wettstein aber nicht gefährdet: „Für die Zeit danach gilt, dass die Rückzahlung von Verbindlichkeiten refinanziert werden muss, wenn die Ertragslage nicht deutlich verbessert werden kann“, sagte der Finanzchef. Erschwerend kommt hinzu, dass der HSV die 17,5 Millionen Euro- Fan-Anleihe für das geplante Nachwuchsleistungszentrum „HSV-Campus“ bereits verballert und größtenteils zum Stopfen von Etat-Löchern genutzt hat. Die Rückzahlung des verzinsten Geldes an die Fans ist auf 2019 datiert.

Eine weitere und weithin sichtbare Baustelle ist das Bundesligateam, dass größtenteils aus der Flickschusterei diverser Übungsleiter und eitlen Wahnvorstellungen des berühmt-berüchtigten Umfeldes unpassend zusammengewürfelt ist. Nach der mit erheblichem Dusel überstandenen Relegation in Fürth von Heilsbringer Didi Beiersdorf rasch um die eine oder andere Personalie ergänzt, krebst der HSV erneut im Tabellenkeller rum. Um aus dieser latenten Abstiegsgefahr heraus zu kommen, will die Führung in der Winterpause – wie es salbungsvoll heißt – „den Kader optimieren“, wie Sportchef Peter Knäbel es vorsichtig ausdrückte. Bevor aber neue Spieler verpflichtet werden können, müssen rasch einige Profis verkauft werden. Im Gespräch sind unter anderem Gutverdiener Marcell Jansen, Ivo Ilicevic oder Gojko Kacar und - wen wunderts - „Großmaul“ Tolgay Arslan (Bild oben).

In der Mannschaft gärt es. Der 29-Jährige Mittelfeld-Abräumer Valon Behrami, der erst im Sommer für 3,5 Millionen Euro vom SSC Neapel an die Elbe wechselte, klagt nicht zum ersten Mal über mangelnde Qualität des Kaders beim Hamburger SV: „Wenn es vorwärts gehen soll, müssen Verstärkungen für die Offensive her. Ich weiß, dass es schwierig und teuer ist“, forderte der Schweizer, der längst unverzichtbar als Chef in der Defensivzentrale der Hanseaten ist. Neun Tore in 16 Spielen weist die Tabelle aus. „Die fehlende Kreativität begleitet uns schon durch die ganze Hinrunde“, sagt Knäbel realistisch. „Unsere Fehlerquote im Aufbauspiel ist eindeutig zu hoch. Wenn wir den Ball haben, kommt zu wenig.“ Ein Problem, dass auch andere Traditionsclubs gut kennen. Doch der HSV hat im Sommer bereits rund 27 Millionen Euro für Neuverpflichtungen ausgegeben, aber nur ca. 23 Millionen Euro eingenommen. Der Gehaltsetat beträgt derzeit stolze rund 50 Millionen Euro, womit man sich immerhin in den Top-Fünf der Bundesliga bewegt. Doch diese gewaltige Summe sollte ursprünglich längst auf 38 Millionen Euro gesenkt werden, was angesichts der momentanen Situation nahezu illusorisch scheint.



Licht am Ende des Tunnels signalisiert der Sommer 2015, denn da laufen die Verträge von sage und schreibe 14 (!) Spielern aus, darunter u.a. die von „Superstar“ Rafael van der Vaart, Heiko Westermann und Jaroslav Drobny. Doch wer kann diese Spieler sportlich ersetzen und kostet keine Ablöse? Der HSV braucht dringend Finanzspritzen durch Investoren. Um für diese aber attraktiv zu werden, benötigt er sportlichen Erfolg. Der nun in Not geratende Vorstand überlegt nun, Anteile an der AG unter dem ermittelten Wert zu verkaufen, um überhaupt Interessenten zu finden. Natürlich braucht ein stolzer Club wie der HSV keine Typen wie Kühne, die durch anmaßendes und schäbiges Verhalten die Not des Clubs ausnutzen wollen. Dass der 77-Jährige seinem angeblichen „Lieblingsverein“ jene 25 Millionen Euro zur Verfügung stellte, um ihn aus einer sportlich wie wirtschaftlich misslichen Lage zu befreien, möchte er mit 1 Million Euro nun doch gut verzinst sehen. Das hat Kühne - laut HSV-Chef Dietmar Beiersdorfer ein Mensch, der sehr "schwarz und weiß" denkt - jetzt in seiner ihm eigenen Art mal eben so entschieden. Seit er sich bei den Hanseaten durch sein Investment engagiert, mischt er sich in schöner Regelmäßigkeit in alles und jedes beim HSV ein, kritisierte öffentlich Trainer und Spieler, machte Druck und stellte immer wieder neue – teilweise unerfüllbare – Bedingungen. Dann setzt auch er, unter dem Versprechen Anteilseigner zu werden durch, dass die Profiabteilung ausgegliedert wird und hievte – für den HSV verpflichtend – Karl Gernandt, seinen Generalbevollmächtigten, in die entsprechende Position als Aufsichtsratsboss beim HSV, um allzeit Einfluss nehmen zu können. Warum also hat der Mann jetzt plötzlich keine Lust mehr auf den HSV, denn am Geld kann es ja nicht liegen beim Milliardär.

Der Grund liegt auf der Hand: Als Investor habe man keine Rechte, meckerte Kühne in einem Interview mit der 'ZEIT' und ergänzte: "In Spanien oder England ist das etwas anderes, da könnte ich in der Tat darüber nachdenken." Beim HSV war er bislang lediglich als Finanzier gefragt, doch den Takt mitbestimmen, dass durfte er nicht. "Ich habe jetzt wirklich schon viel zu viel Geld in dieses Hobby investiert". Ein Mann, der diesen Club angeblich liebt, denkt vermutlich anders. Selbst ein eiskalter Spekulant und profitabel denkender Hedge Fonds Manager wie Florian Homm hatte seinerzeit - entgegen seinem Naturell - zu Gunsten des BVB sein Investment augestockt, um dem Club zu helfen. Dem ehrenwerten Kreis der Hamburger Kaufleute kann man Herrn Kühne jedenfalls nicht zurechnen, denn die halten die "Hamburger Kaufmannsehre" hoch und stehen zu ihrem Wort - insbesondere, wenn sie zuvor kräftig mitgemischt haben.

Wie geht es nun weiter? Der unzufriedene Milliardär muss nun mit Watte gepudert wieder eingefangen werden und es muss „gekatzbuckelt“ werden. Beiersdorfer und Knäbel, die starken und akzeptierten Mandatsträger der Rauten müssen nun zu Kreuze kriechen und dabei jedes Wort behutsam abwägen, um zum Ziel zu kommen. Ein perverses und unwürdiges Spiel, dass diesen großen Club der Lächerlichkeit preisgibt am Rande des Abgrundes. Ein wirklich mahnendes Beispiel für Investoren-Allmacht im Zuge des Wettrüstens um Chancengleichheit zu erlangen.

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailHolger W. Sitter – 21.12.2014


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