Hurensöhne - schwarze Sau - Mafiabosse? Was geht im Fußball und was geht nicht? Und: Was erlauben Hopp???




Auf nach Sinsheim heißt es am Samstag für alle reisefreudigen BVB-Fans - d. h., nicht für alle: Gegen ca. 30 BVB-Fans hat die Polizei von Waibstadt Ermittlungen wegen Beleidigung aufgenommen, zugleich hat 1899 Hoffenheim diesem Personenkreis ein Stadionverbot ausgesprochen. Die Dortmunder Fans sollen Hopp als Sohn einer Hure bezeichnet haben. In Köln stand vor drei Wochen ein FC-Anhänger vor Gericht, der gemeinsam mit anderen Fans Hopp in Verbindung brachte mit der Nazi-Vergangenheit seines Vaters. Der Eigner des Sinsheimer Bundesligisten scheint, was ehrverletzende Äußerungen angeht, wesentlich empfindlicher zu reagieren als andere Akteure  im Fußball. Vor diesem Hintergrund wollen wir - mit - Euch erörtern: Wie viel Ruppigkeit ist erlaubt zwischen gegnerischen Clubs? Wie hart darf man Funktionäre, Clubbesitzer, Schiedsrichter, Journalisten und andere Beteiligte vors Schienbein treten? Und was geht gar nicht? Wo sind Grenzen überschritten, die zu überschreiten im härtesten Streit nicht erlaubt ist? 'Ladiiladiiladiiladii-ooohhh .... BVB ... Hurensöhöhne ...' (Nicht nur) Anhänger von Borussia Dortmund kennen diese Töne. Einer bundesweiten Öffentlichkeit wurden sie bekannt, als nach einer Pokalauslosung in die Mannschaftskabine von Holstein Kiel geschaltet wird, als nach einem Pokalsieg des FCB gegen die Schwarzgelben der (vermutlich hochbezahlte) Stadionunterhalter in der Allianz-Arena seinen Gefühlen freien Lauf ließ und als Deutschlands Mr Fußball himself Bastian Schweinsteiger sie bei einer privaten Feier sang. Waren damit nun alle Spieler. Funktionäre, Angestellte, Anhänger des BVB beleidigt? Im juristischen Sinne ganz klar nein. Nach der Rechtsprechung ist eine anonyme Masse, sobald sie eine gewisse Größe überschreitet, nicht beleidigungsfähig. Also: Soldaten sind Mörder - anonyme Masse - keine Beleidigung. ACAB (All Cops Are Bastard) - anonyme Masse (aber nicht, wenn Du das in einen Mannschaftswagen hineinbrüllst) - keine Beleidigung. BVB Hurensöhne - anonyme Masse (BVB-Fans vermutlich mehr als alle Polizisten und Soldaten Deutschlands zusammen) - keine Beleidigung.


Dietmar Hopp, Sohn einer Hure - konkrete Person - möglicherweise ... Beleidigung. Denn: Ob die Bezeichnung Hurensohn eine Beleidigung ist oder nicht hängt zunächst davon ab, ob man es ehrabschneidend findet, Hure zu sein, als  Hure bekannt zu sein, und sodann von einer Hure abzustammen. Die christliche Religion z. B. weist in ihrer Offenbarungsschrift Bibel ihren Erlöser Jesus Christus an prominenter Stelle ausdrücklich als Abkömmling einer Hure aus. Christen müssten daher, würden sie als Hurenkinder bezeichnet, etwa so reagieren: 'Ja und?'


Nun darf man allerdings Dietmar Hopp nicht vorschreiben, wie er zu reagieren hat, es ist sein Menschenrecht, so empfindlich zu reagieren, wie ein Rührmichnichtan. Es gibt nämlich kein Recht für Arbeit, Einkauf, Familie und Nachbarschaft und ein weiteres für Fußball. Man kann zwar als Fußballfan mit manchem Recht fragen 'Was regt sich der Blödian so auf?' ... Aber der Blödian darf sich so aufregen. Und Anzeige erstatten ... Und die Polizei darf ermitteln, wie sie es in der badischen Metropole Waibstadt tut ... Und wohl nur dort täte. Nicht weil sie von Dietmar Hopp bestochen worden wäre ... Gott bewahre ... Nein, die Landschaftspflege von Mäzenen wie Hopp tut das ihre auch ohne, dass Geld fließen muss. Da wird dann in einem Land,  in dem die Kehrwoche zum Kulturerbe avanciert ist, auch mal eine lächerliche Beleidigung mit aller polizeilichen Macht verfolgt. Allerdings:: Wenn nach einem Revierderby polizeilich allein festzuhalten wäre, dass ein Gruppe von 1.000 BVB-Fans mit entsprechenden Bannern skandierte: 'Tönnies Du Sau, nicht einmal die Schalker Schweine fressen Dein Gammelfleisch' ... und keine tätlichen, körperlichen Auseinandersetzungen ... dann stünde im Polizeibericht, dass das Derby außergewöhnlich friedlich und ohne besondere Vorkommnisse verlaufen wäre. Und da wäre man schon beim ersten, entscheidenden Unterschied: 'Tönnies Du Sau' bezieht sich auf Tönnies allein. 'Sohn einer Hure' aber bezieht die Mutter mit ein. Und die Mutti von Herrn Hopp hat bei aller Liebe mit den Auseinandersetzungen zwischen Fans  nix zu tun. Die Einbeziehung von unbeteiligten Familienangehörigen in Auseinandersetzungen welcher Art auch immer geht gar nicht. Und umgekehrt gilt das gleiche: Die Ableitung von welcher Art kritikwürdigem Verhalten des Vaters von Dietmar Hopp kann nicht geeignet sein, Hopp selbst zu desavouieren. (Und, nur um Missverständnissen vorzubeugen: Auch 'Tönnies Du Sau' halte ich für keine angemessene Form der Auseinandersetzung)


Nun hat das Bündnis-Südtribüne, ein Zusammenschluss der aktiven BVB-Fanszene, dem sowohl Ultras als auch der christliche Fanclub Totale-Offensive BVB angehören, in dieser Woche sich zu der Causa Hopp-Beleidigung-Stadionverbote geäußert:


'Unsere Meinung über Dietmar Hopps Mutter ist mittlerweile selbst dem letzten Menschen in dieser Republik bekannt und wird von uns auch nicht mehr geändert. Wobei selbst szenefremden Menschen bewusst sein wird, dass uns seine Frau Mutter herzlich egal ist und es vielmehr darum geht, unsere Ablehnung gegenüber dem Retortenclub TSG Hoffenheim kurz und drastisch kundzutun. Man kann von der Ausdrucksweise halten, was man möchte, aber Fußball war schon immer ruppig und wird auch entgegen der Wünsche der Funktionäre allerorten immer ruppig bleiben.'


Das Bündnis Südtribüne hat also seine Meinung über die Mutter von Herrn Hopp - die ihm herzlich egal sei - nicht geändert. Und rechtfertigt das damit, das Fußball immer schon ruppig gewesen sei und auch so bleiben müsse. Wie arm ist das denn? Die Ruppigkeit im Fußball als authentische Form entsteht aus Spontaneität. Der Autor dieser Zeilen (als Hypertoniker entsprechend prädestiniert) hat im Stadion und vor dem Fernseher schon zahlreiche Spieler und Schiedsrichter mit unschönen Bezeichnungen belegt, die hier nicht wiederholt werden müssen.  Aber ich würde diese doch nicht Tage, Wochen, Monate später mit dem gleichen Ernst wiederholen. Und ich kann mich doch gegenüber den Herren Rangnick, Mintzlaff oder Mateschitz, Kind oder Heldt, Heidel oder Tönnies, Hoeness, Rummenigge oder Kovac ätzend und respektlos, scharf und verletzend äußern, ohne dass es unflätig wird. Kalkulierte Grenzüberschreitung, wie beim Bündnis Südtribüne, ist weder ruppig noch authentisch, sondern lediglich dreist und möglicherweise kalkuliert, um eine Anzeige auf sich selbst zu ziehen. Aber wenn die Autoren von Bündnis Südtribüne nachdenken können - wovon ich ausgehe - dann scheinen sie mit dieser Ressource - möglicherweise aus Furcht, sie könnte ihnen ausgehen - so sparsam umzugehen, dass sie sie beim Abfassen dieses Pamphlets weitgehend geschont haben. Abgesehen davon, dass Frau Hopp-Mutter mit dem TSV 1899 nichts zu tun hat ist es auch ausgesprochen respektlos und beleidigend den Frauen gegenüber, die die Vermarktung und Ausbeutung ihres Körpers als Beruf betreiben wollen oder müssen, die Bezeichnung für ihren (männlichen) Nachwuchs als veritable Beleidigung anzusehen. Das Bündnis Südtribüne kann sich ja dazu bei Gelegenheit einmal bei der Dortmunder Mitternachtsmission kundig macht, die sich um die Damen kümmert, die u. a. rund um den Borsigplatz ihrem Gewerbe nachgehen. Wenn die Südtribünen-Borussen unbedingt eine Bezeichnung verwenden wollen, die zum Ausdruck bringt, dass sich 18Euro99 prostituiert, so hätte sich der Beruf des Zuhälters angeboten. Auch nicht sehr treffend, aber immerhin die Bezeichnung für einen Täter in diesem Geschehen, und eine, die die unbeteiligte Frau Hopp außen vor lässt.




  Kritische, phantasievolle Sprüche, Banner, Plakate sind im Fanwesen nicht nur erwünscht, sondern sogar - insbesondere im Meinungskampf mit den Totengräbern des Fußballs - bitter notwendig. Aber 'Dietmar Hopp - Du Sohn einer Hure' ist genauso ekelhaft und konterproduktiv wie 'Burnout-Ralle: Häng Dich auf'. Jemand der sowas im Stadion hochhält, will ich bei einem Gedenken für Robert Enke nicht sehen. Ein 'Mateschitz, Du Fußball-Despot: Deine Dosenbrühe vergiftet unseren Fußball' oder 'Mafia - Watergate - DFB: Folge dem Geld' oder 'Hoeneß fordert 3 Monate Sperre für Bellarabi - wenn sich einer mit Strafzumessung auskennt ...' - das trifft die, die gemeint sind und tangiert zumindest den Kernbereich der gemeinten Kritik. Man muss nicht alles auf die Goldwaage legen, aber wenn man jemanden trifft, und auch treffen will, dann soll man - besonders, wenn es schriftlich erfolgt und man Zeit hatte zu überlegen, das auch nutzen und erwägen, ob es den Richtigen trifft und auch  nur ihn, ob es nicht Krankheit verächtlich macht, Intelligenz abspricht oder sexualisierte Anzüglichkeiten enthält. Selbst wenn man das berücksichtigt ist beissende Kritik nach wie vor möglich - was spricht dagegen zur Wut auch Witz, zur Abneigung auch Anstrengung und zum Verdruss auch Verstand zu geben? Es kann der Fußballkultur nur gut tun.


PS: In den Zeiten von permanenter Netzkommunikation dürfte man ruhig einmal überlegen, die Regeln zu Beleidigung zu revidieren, wenn nicht abzuschaffen und durch Regeln zu Mobbing, Bossing, Bullying zu ersetzen. So zartbesaitete Personen wie Herr Hopp müssten dann vermutlich sehen, wie sie klar kommen (Frau Hopp-Mutter allerdings nicht)


Ingo Berchter


Quellen:


Südtribüne Dortmund: HAUSVERBOTE FÜR GESÄNGE: WIE HOPP VERSUCHT, FANS MUNDTOT ZU MACHEN https://suedtribuene-dortmund.de/hausverbote-fuer-gesaenge-wie-hopp-versucht-fans-mundtot-zu-machen/


Fanhilfe Dortmund: Strafe für Fangesang? https://www.fanhilfe-dortmund.de/strafe-fuer-fangesang/


Faszination Fankurve: Trotz Hausverboten: Neue Proteste gegen Hopp angekündigt https://www.faszination-fankurve.de/index.php?head=Trotz-Hausverboten-Neue-Proteste-gegen-Hopp-angekuendigt&folder=sites&site=news_detail&news_id=18963


Westfälische Rundschau: Anzeigen gegen 30 BVB-Fans https://www.wr.de/sport/fussball/hopp-beleidigungen-anzeigen-gegen-30-bvb-fans-id215371765.html


Kölner Stadt-Anzeiger:   Hoffenheim-Mäzen beleidigt: Kölner FC-Fan steht wegen höhnischen Plakats vor Gericht https://www.ksta.de/koeln/hoffenheim-maezen-beleidigt--koelner-fc-fan-steht-wegen-hoehnischen-plakats-vor-gericht-31184568


SPOX: BVB-Fans nach Schmährufen gegen Dietmar Hopp im Fokus polizeilicher Ermittlungen http://www.spox.com/de/sport/fussball/bundesliga/1809/News/bvb-fans-schmaehrufe-dietmar-hopp-polizei-leitet-ermittlungen-ein.html


radio91,2: Ärger für BVB-FansWegen angeblicher Fangesänge gegen Dietmar Hopp https://www.radio912.de/infos/dortmund/nachrichten/art749,1630601


dlf: Hopp verklagt Schmähsänger https://www.deutschlandfunk.de/fussball-hopp-verklagt-schmaehsaenger.1346.de.html?dram:article_id=425778




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