Lucien in the Sky – Warum Favre wie eine Schachtel Pralinen ist

Nun ist es also offiziell, der BVB hat es verkündet und auch die letzten Zweifler glauben es nun: Lucien Favre übernimmt zur neuen Saison die Mannschaft des BVB. Jetzt darf man mit Fug und Recht fragen, welchen Sinn das überlange Geziere von Nizza und BVB um die Veröffentlichung dieser Meldung macht, wenn der Fakt doch längst feststand. Davon können Arbeitnehmer, die mittels Flurfunk wochenlang mit ihrer eigenen Mission oder Demission konfrontiert sind, ein Liedchen singen.


Machen wir uns nichts vor: Mit Favre verpflichtet der BVB einen der erfahrensten Trainer, die aktuell am Markt sind. Er dürfte gleich nach Dieter Hecking bald der zweitdienstälteste Trainer in der neuen Saison sein. Hinzu kommt seine erfolgreiche Zeit als Trainer Schweizer Mannschaften, mit denen er je zweimal Cupsieger und Meister wurde, sowie der jüngste Einsatz in Nizza, wo er die Qualifikation für die Europa League am letzten Spieltag knapp verpasst hat.

Ein Fachmann und die Aufgabe, ein Team zu formen

Der Schweizer gilt als exzellenter Fußballfachmann, dessen taktisches Geschick und strategisches Vermögen kaum hinter dem eines Thomas Tuchel oder Zeljko Buvac zurückstehen dürfte. Marco Reus schwärmt von seinem ehemaligen und baldigen Übungsleiter. Und Meistertrainer Ottmar Hitzfeld traut Favre unumwunden zu, aus dem Stand auch die Bayern angreifen zu können. Wenn man sich vor Augen führt, dass auch im Alpenvorland ein neuer Trainer zu Werke geht, der seine Spieler wohl erst Anfang August richtig kennenlernt, um dann gleich mit einer englischen Woche aus Supercup, DFB-Pokal und BuLi zu starten, ist das keine völlig verwegene Annahme.




Gleichwohl haben in jüngster Vergangenheit Mannschaften wie Hoffenheim, Leverkusen, Leipzig und – ja - auch die Blauen gezeigt, dass sie mit der Leistungsfähigkeit der Borussia durchaus auf Augenhöhe sind und keine geringeren Ambitionen haben. Favre und Zorc haben daher zunächst einiges zu tun, einen Kader  zu formen, der auf diesem Niveau wettbewerbsfähig ist.

Angesichts dessen, dass die Dortmunder Mannschaft von Beginn der letzten Saison an zwar (immer wieder) in der Lage war, schnelles Umschaltspiel und Pressing vorzutragen – aber zu selten, auf schnell vorgetragene Angriffe der Gegner souverän zu reagieren, dürfte gerade in der Defensivabteilung erheblicher personeller Umgestaltungsbedarf bestehen. Zudem täten der Borussia noch zwei echte Knipser und vor allem ein kampferprobter Abräumer im Mittelfeld gut, dessen Erscheinungsbild allein schon Schnappatmung beim Gegner hervorrufen sollte.

Einen großen Umbruch soll es geben, sagt Geschäftsführer Aki Watzke. Und es klingt fast wie ein Versprechen, denn die Mannschaft hat in dieser Zusammensetzung jeglichen Kredit bei den Fans verspielt. Da tun sich Möglichkeiten auf, die sich aber wie der BVB leidvoll erfahren musste, auch als Fehlerquellen erweisen können – und auch Favres diesbezügliches Händchen erwies sich nicht immer als griffsicher. Hertha-Fans erinnern sich bis heute mit Schrecken an den Namen Arthur Wichniarek. Oder daran, dass Favre künftige Granaten wie Ivan Perisic oder Andre Ayew nach Probetraining mit der lapidaren Bemerkung wegschickte, es habe nicht gereicht.





Da wären wir wieder beim „Aber“ der Personalie Favre. Denn man darf gespannt sein, wie sich der Perfektionist, der auch mal selbstzerstörerisch an sich und anderen zweifelt, grantelt und den Rückzug sucht, mit Matthias Sammer und Sebastian Kehl an der spielerischen Linie feilen wird. Wie er reagiert, wenn es mal „knatscht“ im Gebälk. Ob er von den beiden Alphatieren Ratschläge annehmen wird? Oder neidisch-eifersüchtig auf die BVB-Ikonen schaut und diese als Aufpasser sieht. Vielleicht gar als Bedrohung auffasst? Spannend, spannend – und eine Menge Konfliktpotenzial, wenn die erste „Verliebtheit“ verflogen ist.

Wobei man sich wohl von der Utopie verabschieden sollte, dass sich dieser Trainer emotional sehr an die Borussia binden oder die schwarz-gelben Farben gar lieben wird, wie es ein Jürgen Klopp nun mal tat und noch immer tut.

Die offene Charakterfrage

Lucien Favre ist – wie Thomas Tuchel – ein ausgesprochen höflicher und  verbindlicher Mensch. In der Regel. In Gladbach warf er hin, obwohl er das Vertrauen des Vereins weiterhin genoss. Ob er in der Lage ist, eine sportliche Krise zu durchstehen, wie sie die Schwarzgelben in der Hinrunde von Kloppps letzter Saison durchlebten, muss sich erst noch zeigen.

In Berlin ist man heute noch irritiert von den Vorgängen um und nach der Entlassung von Favre, insbesondere von der Pressekonferenz, die er zwei Wochen später im Adlon gab. Einschließlich der Sichtweise, die er meinte, öffentlich machen zu müssen. Dieser Entlassung ging zum Ende der vorhergehenden Saison das denkwürdige Spiel der Hertha beim befreundeten KSC voraus, dass die Hertha, die in der Saison teils Tabellenführer war, beim Absteiger KSC mit 0:4 verlor.

Favre ließ die Leistungsträger Voronin und Friedrich auf der Bank, bei den Berlinern steppte der Bär, die Aggressionen zwischen Bank und Spielfeld waren unübersehbar. Das Ende vom Lied: Die Hertha verspielte die Champions League-Quali und damit auch die Millionen, um Voronin und Pantelic zu halten. Kommt uns doch irgendwie bekannt vor...

In Dortmund wird Favre mehr Stehvermögen und ein besseres Gespür für den richtigen Moment und den passenden Umgang benötigen. Hitzfeld gab dem neuen Coach mit, dass er in Dortmund schnellen Erfolg brauche. Aber viel wichtiger ist der schwarz-gelben Anhängerschaft, dass die Mannschaft zeigt, dass sie jederzeit bereit ist, alles an Leistungsvermögen abzurufen.

Nicht zu vergessen, dass ein Trainer nicht teilnahmslos zusieht, wenn sich die Mannschaft von Bayern oder Schalke auseinandernehmen lässt. Hitzfeld hob bei dpa das besondere Umfeld beim BVB mit seiner eigenen Identität und Fan-Kultur hervor. Die Offenheit und Ehrlichkeit der Menschen in der Region sei förderlich, aber beizeiten auch unbequem: „Darauf muss sich Lucien Favre einstellen, da ist alles direkt und ungefiltert.“




Ganz sicher hat Favre das fachliche Vermögen, um mit dem BVB überaus erfolgreich zu sein. Er wird dazu auch Stehvermögen, ein dickes Fell und eine klare Sprache brauchen. Karten spielen können muss er - entgegen der Legende – nicht ... aber ein glückliches Händchen wird er brauchen.

Mein Tipp deshalb: Der neue Trainer wird den BVB in der ersten Spielzeit verzaubern. Er wird besonders Spieler wie Akanji, Pulisic, Sancho oder Gomez weiterentwickelt. Vielleicht sogar Götze und Schürrle, sollten sie beim BVB bleiben dürfen, aus ihrer Lethargie befreien und alte Stärken wieder entfesseln. Er wird die Mannschaft stabilisieren – und am Ende vielleicht sogar einen Titel einfahren.

Das Problem wird sein, was der Erfolg mit ihm machen wird. Bis jetzt ist er genauso regelmäßig von jeder Station „geflohen“, wie er dort Erfolg gehabt hat. Bleibt zu hoffen, dass die Borussia mal eine Ausnahme wird und Favre erkennt, dass es auf der Karriereleiter nicht viele Mannschaften mit mehr Fußballflair zu trainieren gibt als die Borussia. Meine Mama hat immer gesagt: „Ein neuer Trainer ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man bekommt...“

In diesem Sinne: Bonne chance, Lucien Favre ...



Ingo Berchter, Fotos: Archiv








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