Offene Antwort an Aki Watzke

Wir Fans sind auf vieles stolz bei unserem BVB. Auch darauf, dass wir kein FC Hollywood sind, dass wir nicht von ehrlicher Arbeit reden und Theater produzieren, sondern dass wir beim BVB ehrliche Arbeit leisten und anderswo Theater spielen lassen. Wir sind stolz darauf, dass Treue bei uns kein Begriff ist, sondern eine Haltung – eine Haltung, die einen Trainer auch dann nicht kegelt, wenn er am Ende der Hinrunde Tabellenletzter mit unserem Team ist. Wenn der BVB sich dann unter Umständen wie den jüngsten Geschehnissen von einem sportlich erfolgreichen Trainer trennt, der weitermachen wollte, dann ist das Anlass genug, genau hinzuschauen.

Du schreibst in Deinem Brief: „Der Verlust von Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Henrikh Mkhitaryan; die Integration vieler junger und unglaublich talentierter Spieler; der langfristige Ausfall einiger Akteure, die als Leistungsträger und Korsettstangen dieser Mannschaft im Umbruch fest eingeplant waren: Das allein wäre Herausforderung genug gewesen.“

Vor 10 Monaten, kurz vor Beginn der letzten Saison, las sich das noch ein wenig anders: Da sprach Thomas Tuchel angesichts der Kaderumgestaltung von einem „riskanten Weg“ – um dann von Dir prompt dahingehend korrigiert zu werden, dass dieser Weg ein „ambitioniertes Unterfangen“ sei, dass  „eine Menge Entwicklungspotenzial“ berge. Schon damals haben Auguren auf Dissonanzen zwischen Dir und TT hingewiesen – Auguren, auf die viele Fans und auch ich damals nicht hören wollten. Und es gab weiteren Anlass zum Stirnrunzeln: Der Umgang des Trainers mit ausscheidenden, verdienten Spielern, seine Äußerungen zur Verpflichtung von Isak, die öffentlich gewordenen Auseinandersetzungen mit Sven Mislintat, dem Chefscout/Leiter Profifußball, diverse Kadernominierungen und Auswechslungen – und damit ist wohl nicht einmal annähernd alles aufgezählt. Insofern  kann man Deine Aussage, dass Michael Zorc und Du sich in der Zusammenarbeit mit dem Chefcoach aufgerieben haben durchaus nachvollziehen. Und es lässt sich auch nachvollziehen, dass die Verantwortlichen für den sportlichen Erfolg unserer Borussia beschlossen haben, zum Saisonende einen Schnitt zu machen, und mit einem anderen Trainer fortzufahren.

„Ich habe das Wohl des Vereins immer über alles andere gestellt.“

So überschreibst Du Deinen offenen Brief. Und ich gestehe Dir zu, dass das immer Dein Bestreben war. Aber ich habe Zweifel, dass es Dir immer gelungen ist. Mit dem Timing Deiner Interviews in den letzten Wochen hast Du Unruhe in den Verein und die Mannschaft getragen – und Du musstest das sehr wohl wissen. Mir fällt dafür nur eine Erklärung ein: Um die längst getroffene Entscheidung sich von Tuchel zu trennen direkt nach Saisonende zu vollziehen und damit schnell einen Nachfolger installieren zu können, der die Weichenstellungen für die neue Saison vornimmt, war es notwendig frühzeitig diesen schwelenden Dissens mit Tuchel öffentlich zu machen – statt einmütig die Spielzeit zu Ende zu bringen, und dann nach einer erfolgreichen Saison der Welt mühsam zu erklären, wieso man sich von diesem Trainer trennen will.



In dieser Situation bist Du das Risiko eingegangen, bewusst Unruhe in der Mannschaft in Kauf zu nehmen, um die Trennung taktisch vorzubereiten – vermutlich in der Hoffnung, dass die Mannschaft stark genug ist, die gesteckten Ziele gleichwohl zu erreichen. Was sie ja auch war. Wie gesagt: Das ist meine Vermutung. Es mag auch andere Erklärungen für Dein Verhalten geben – aber sicher wird man verständigerweise nicht behaupten können, dass diese Unruhe die Mannschaft gestärkt und das Wohl des Vereins gefördert haben soll. Man muss sich nur einmal die Spielerinterviews aus dieser Zeit anschauen – die waren so vorsichtig, dass sie in jeden Wahlkampf gepasst hätten.

Der Anschlag

Der heikelste Punkt. Aber, wenn man heikle Punkte in einer Beziehung nicht ansprechen kann, dann kann man es auch gleich lassen: Der Anschlag fand ca. gegen 19.15 Uhr statt. Die Spielabsage und Spielverlegung wurde ca. gegen 20.30 Uhr bekanntgegeben. Nun rechnet man mal vom Anschlag ca. 10-15 Minuten hinzu, bis Du informiert warst und der Krisenstab zusammengetreten ist. Und vor der Bekanntgabe dürften es wohl 5-10 Minuten eher gewesen sein, dass die Entscheidung im Krisenstab gefallen ist. D.h., dass man mit gutem Grund annehmen darf, dass die Zeit für die Beratungen im Krisenstab inclusive Deiner Beratungen mit Tuchel (so die denn wie kolportiert stattgefunden haben) maximal 50-60 Minuten stattgefunden haben. 50-60 Minuten(!), in dem die Mannschaft und der Trainerstab um den zerstörten Bus verteilt war, in der Polizei, Rettungswagen und Feuerwehr anrückten, Marc Bartra abtransportiert wurde – 50-60 Minuten, in denen heilloses Chaos herrschte. (Man darf sich dazu gerne die Schilderungen von Bartra und insbesondere von Kagawa durchlesen.) Und in denen zudem noch Watzke mit Merkel telefonierte.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Als die Verlegungsentscheidung getroffen war, ahnten die wenigsten, dass es hier nicht um eine Böllerattacke ging, sondern um einen ernsthaften Anschlag auf Leben und Gesundheit ALLER Businsassen. Das darf man unter anderem daraus lesen, dass die UEFA vorschlug, das Spiel noch am gleichen Abend stattfinden zu lassen. Und da reklamierst Du für Dich, dass Tuchel am Abend des Anschlages keine Einwände vorgebracht habe??? Und dass Du Tuchel über den Stand der Dinge im Krisenstab benachrichtigt hast?

Es ist ja nicht unehrenhaft, dass Du unter staatstragendem Druck (man vermutete ja zunächst einen terroristischen Anschlag) und unter dem Druck der UEFA Ja zu der Terminverlegung auf den nächsten Tag gesagt hat. Aber es so darzustellen, als sei Tuchel über alles informiert und an den Entscheidungen beteiligt gewesen sei, und den Eindruck zu erwecken, er distanziere sich nun davon – das wird m. E. von den Fakten so nicht getragen.

Und dann Dein und Reinhard Rauballs insistieren, dass man allen Beteiligten (Spieler, Trainer, Physios etc.) freigestellt habe, am Spiel teilzunehmen oder nicht: Dazu zwei Dinge: Zum einen ist das (frag Reinhard Rauball) eine arbeitsrechtliche Selbstverständlichkeit und keine großzügige Haltung des Vereins. Wenn sich ein Beteiligter nach einem solchen Anschlag außerstande sieht am nächsten Tag am Spiel teilzunehmen, dann muss er das auch nicht. Da gibt es rechtlich keine zwei Meinungen.



Zum anderen: In einer kampfbetonten Mannschaftssportart, die immer nach Typen sucht, Euer ‚Anerbieten‘ so zu formulieren, dass der einzelne Spieler, der nicht teilnehmen will, sich outen muss –  in der Öffentlichkeit dasteht, als derjenige, der seine Mannschaftskameraden im Stich lässt - das ist schlicht nicht fair. Und letztlich scheint es – neueren Medienmeldungen zufolge – auch so zu sein, dass eine Handvoll Spieler sich durchaus für eine Absage der Partie und gegen eine Teilnahme am Spiel ausgesprochen hat. Und hatte zuvor laut Aki Watzke ‚niemand‘ den Wunsch an Dich herangetragen, am Monaco-Spiel nicht teilzunehmen ... so war es dann auf einmal ‚niemand aus dem Monaco-Kader‘.  Die Halbwertszeit der Tragfähigkeit Deiner öffentlichen Aussagen scheint mittlerweile kürzer  zu sein, als die einer Schalker Erfolgsphase.

Weißt Du, Aki Watzke, wir BVB-Fans haben die BVB-App auf dem Handy, dazu noch vier weitere Apps, drei Blogs, empfangen BVB-news-feeds von google, yahoo und web.de, sind auf Ruhrnachrichten, Reviersport, Bild, SSNHD und WDR abonniert – und haben bislang immer gesagt: Solange es der BVB nicht bestätigt hat, ist es nicht wahr. Jetzt finden wir so viel Widersprüche in den offiziellen Aussagen des BVB, dass das Vertrauen schwindet. Und jetzt kommst Du und bittest uns, Dir und Michael Zorc weiterhin Vertrauen zu schenken. Nun: Michael Zorc hat es sowieso. Und Du? Verlange kein Vertrauen von uns und erbitte es auch nicht! Rede nicht über echte Liebe! Mach Deinen Job, von dem wir wissen, dass Du ihn gut kannst. Und wenn Du mal einen Fehler machst, dann gib ihn einfach mal zu! Und wenn Du erwägst, Du könntest Dich mal für etwas entschuldigen: Probiere es einfach mal aus! Du wirst sehen: Die Bitte um Vergebung löst beim gegenüber Beißhemmung aus und macht es für alle Beteiligten einfacher miteinander umzugehen.

Also Aki: Hau rein!

Dein Ingo Berchter

PS: Wirklich niemand von uns glaubt, dass Du und TT Stress habt, weil er Deine Grillparties nicht bereichert, kein Taubenrennen besucht oder Canastaabende veranstaltet – es ist wahr: Es gibt für uns nie, nie, nie einen anderen Verein .... aber das heißt ja nicht, dass wir einfältig sind ...


Opens window for sending emailIngo Berchter, Fotos: Gettys - 31.05.2017




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