Favre? Nich Euer Ernst!

Es war der 21.09.2015. Der Blätterwald hatte viel zu bewältigen. Zu dieser Zeit beschäftigte man sich tatsächlich noch mit Griechenland und Hoffnungsträger Tsipras. Der Manipulationsskandal bei VW nahm bedrohlich Fahrt auf und die damalige NRW-Ministerpräsidentin Kraft schickte sich an, ihr Kabinett auf drei Posten umzubilden. Aber die Nachricht des Tages war eine andere: Lucien Favre hatte tags zuvor in Mönchengladbach auf kuriose Art und Weise hingeworfen.




Er hatte sich in einer zutiefst entschlossenen Aktion aus eigenem Antrieb vor ein Radiomikrofon gesetzt und aller Welt – entgegen dem Wunsch von Manager Eberl – verkündet, dass er er weg wolle. Diese Nachricht bestürzte die Fachwelt. Ausgerechnet der Schweizer, den alle so mochten, nahm den Hinterausgang. Von einer „verantwortungsvollen“ Entscheidung konnte nicht ausgegangen werden, denn er verließ eine Baustelle, die er selbst erschaffen hatte – noch dazu ausgerechnet in einer Englischen Woche. 

Unvorbereitet und mit leeren Händen stand Gladbach da

Nur fünf Niederlagen in der Bundesliga und eine Pleite in der Champions League hatten in ihm die plötzliche Erkenntnis reifen lassen, dass es in dieser Situation die beste Entscheidung sei, sein „Amt als Cheftrainer bei Borussia Mönchengladbach niederzulegen". Er habe nicht mehr das Gefühl, der perfekte Trainer für Borussia Mönchengladbach zu sein: "Es ist jetzt an der Zeit und die beste Entscheidung für den Verein und die Mannschaft, eine Veränderung herbeizuführen."

Es passte aber in diese Zeit. Selbstgewählte Trainerrücktritte kamen neu in Mode und die Begrifflichkeit "selbstgewähltes Schicksal" verkam zum geflügelten Wort. Während sich die Übungsleiter früher krampfhaft an ihren Job klammerten, war es nun plötzlich en vogue geworden, von sich aus zu demissionieren.Gerade wir Dortmunder waren eben erst Zeuge geworden, als unser aller Jürgen Klopp im April diesen Jahres das Gefühl hatte, „nicht mehr der richtige Mann für den BVB“ zu sein. Er allerdings beendete die Saison und übergab das Trainerzimmer besenrein an Thomas Tuchel. Lucien Favre war dennoch Klopp 2.0. geworden. Und jetzt das?




Im ersten Augenblick hört sich das auch zunächst höchst ehrenhaft an. Ein Trainer spürt, die Mannschaft nicht mehr zu erreichen, und hört auf, ehe die Fans ihn mit Pfiffen aus dem Stadion jagen. Er kündigt von sich aus, übernimmt Verantwortung für den miesen Saisonstart. Er geht mit reinem Herzen und Gewissen. Also alles Gentleman like? 

Wiederholungstäter in Sachen panische Flucht

Nein! Denn die "beste Entscheidung für den Verein und die Mannschaft" traf er allein und egoistisch. Er ließ den Traditionsverein einfach im Stich – wie er das zuvor schon einmal bei Hertha BSC hatte tun wollen, als ihn Manager Dieter Hoeneß gerade noch am Flughafen „einfangen“ konnte. Und dieser Trainer soll jetzt der Richtige sein für Borussia Dortmund?

Die Vereinsverantwortlichen um Manager Max Eberl hatten ihn zuvor bekniet zu bleiben. Und auch seine Spieler wollten gern weiter mit ihm arbeiten. Doch Eberl wusste da bereits mehr und kündigte – ganz Showbusiness –  an, "das gemeinsam durchzustehen". Doch der Schaden war zunächst immens.

Doch Favre sah das alles ganz anders. Am Verein vorbei mogelte er die Ankündigung seines Rücktritts in die Nachrichtenagenturen und stellte so die Gladbacher Klubführung vor vollendete Tatsachen. Mitten in der englischen Woche – der Club stand zwei Tage vor den Spielen gegen Augsburg und dem darauffolgenden Samstag in Stuttgart ohne Trainer da. Sonderlich verantwortungsvoll war das nicht. 

Unwürdiger Abgang eines Unantastbaren

Unter diesem Licht betrachtet erscheint Favres Stilbruch aus heutiger Sicht als egoistische Flucht. Statt dem Beispiel Klopp's zu folgen und mit der Mannschaft gemeinsam einen Weg aus der Krise zu suchen (für die maßgeblich er verantwortlich war), nahm er Reißaus wie ein Schulbub. Zumindest hätte er dem Klub Zeit geben können, eine vernünftige Übergabe zu organisieren.




So hinterließ er einen Scherbenhaufen, der nur notdürftig von den Enttäuschten zusammengefegt werden konnte. Allem die Krone aufsetzen konnte da lediglich Favre's Betonung, dass er mit seinem Rücktritt quasi „selbstlos“ an Mönchengladbachs Zukunft gedacht zu haben glaubte. Ob die schwarzgelbe Borussia tatsächlich gut beraten ist, einen derart labilen Sportlichen Leiter an die Stobelallee zu holen, darf zumindest bezweifelt werden. Marco Reus darf das natürlich anders sehen. 


Peter Hoffmann, Fotos: Gettys Images, Archiv - 16.05.2017






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