Friedlich, fröhlich, fulminant!

Grau und leer ragte die SÜD in die Höhe, die größte Stehplatztribüne der Welt. Wo sonst 25.000 Fans der Borussia aus Dortmund frenetisch Unterstützung geben, herrschte per ordre de Mufti im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg gähnende Leere. Die Mannschaft des BVB und die verbliebenen Tribünen gaben auf ihre ganz eigene Art die richtige Antwort. Ein Kommentar von KIRSCHE-Kolumnist Ernst Andersch.

Von gewohnter Zurückhaltung keine Spur: Die BVB-Fans auf OST, WEST und NORD gaben den Gegnern der Dortmunder Fußballtradition und Lebensart auf ihre ureigenste Art und Weise die richtige Antwort! Friedlich, fröhlich, fulminant. Hofften die Wolfsburger auf gewohnte Stille und rechneten sie sich gar Chancen in Dortmund durch den fehlenden Support einer gesperrten Südtribüne aus, wurden sie eines Besseren belehrt: Drei gelbe Wände „light“ bemühten sich redlich, die 25.000 ausgesperrten Fans zu ersetzen: Ein großer Teil der „Sitzplatzbewohner“ sang, stand & hüpfte, wellte, feierte und jubelte, wie gefühlt seit den 90er Jahren nicht mehr. Stimmt das so? Nicht ganz – die Eindrücke der Stadionbesucher, Netradiohörer, TV-Zuschauer und auch meine sind zu unterschiedlich.

Außergewöhnlich gut oder eher mau?

Bei aller Euphorie über einen 3:0-Heimsieg, Fangesänge auf Ost- und Westtribüne sowie aus den Südecken, begeisterte Facebookeinträge von Stadiongängern, bin ich nach dem Lesen unzähliger Meinungen im Internet und auf Fanseiten zu dem Ergebnis gekommen, dass die Sperrung der SÜD einen tiefen Graben innerhalb der „BVB-Familie“ offenbart hat. Die einen reden von den „Tanjas und Anjas“, weil es wieder eine „Laola“ im Westfalenstadion gegeben hat. Sie können das nicht nachvollziehen, weil eine „Laola“ ihrer Meinung nach nicht dorthin gehört. Die anderen, wie zum Beispiel Jessica E. auf Facebook in der Gruppe „Aufstand der Anständigen“, sagen voller Inbrunst: „Das heute war BORUSSIA DORTMUND mit Leib und Seele!“



Als die Mannschaft des BVB nach dem Spiel auf die „ungewohnte“ Nordtribüne zuging, um sich bei den Fans für den Support zu bedanken, sagen die einen, die Ultras auf dem Unterrang seien ausgepfiffen worden, die anderen, dass dies für den Gegner gegolten hätte. Und alle streiten sich trefflich darüber, ob die Stimmung nun wirklich „außergewöhnlich gut“ ohne die SÜD gewesen sei oder eher „mau“. Manche erwecken sogar den Eindruck, sie hätten gegen die „Ultras“ angesungen oder die „Ultras“ gegen die „Tanjas und Anjas“.  Und nicht wenige stellen sich die Frage, warum Ultragruppierungen überhaupt im Stadion sein durften und die „Unschuldigen“ unter anderem in die Dortmunder Innenstadt oder vor den Fernseher verbannt waren. Die Süddeutsche Zeitung schreibt gar von einem „Machtverlust“ der Ultras.

Nach meinem Verständnis haben alle irgendwie ein bisschen recht und liegen genauso falsch. Natürlich haben 25.000 Fans auf der Süd gefehlt. Natürlich haben die Fans auf den verbliebenen Tribünen einen tollen Support geliefert. Letzteres macht mich stolz auf die Borussenfamilie. Wäre da nicht der Graben zwischen den „Eventies“ und „Ultras“, der für beide anscheinend eine „Machtfrage“ darstellt. Immerhin haben alle zusammen dieselben Probleme: Hooligans, Neonazis, Gewalt, Pyrotechnik, Tribünensperrung, Straftaten und Strafen.

„Besser- oder Schlechterfan“

Die „Brücke“ über diesen Graben heißt Toleranz. Man muss eine „Laola“ nicht toll finden. Aber man sollte tolerieren, dass es andere tun. Man könnte sogar über seinen Schatten springen und mitmachen – einfach, weil es einen anderen dann noch mehr freut. Anderen eine Freude machen, sich also gemeinsam freuen, ist ein Beispiel für Menschlichkeit. Diese hat unseren Verein eigentlich immer ausgezeichnet.

In unserer BVB-Familie darf es untereinander kein „wir gegen die“ mehr geben. Nirgendwo steht in Stein gemeißelt, wie ein BVB-Fan zu fühlen, zu feiern oder was er zu singen hat. Es gibt auch nirgendwo den „Besser- oder Schlechterfan“. Ob Ultra, Südtribünensteher oder Sitzplatzinhaber: jeder von ihnen lebt seinen BVB so, wie er es für richtig hält. Statt „100.000 Freunde – ein Verein“ kann es auch heißen 100.000 Meinungen – ein gemeinsames Ziel.



Es geht doch letztendlich um ein sinnstiftendes Gemeinschaftserlebnis, das Borussia Dortmund heißt. JA, die SÜD hat gefehlt. Aber auch JA, die anderen Tribünen haben eine tolle (Ersatz-) Stimmung im Tempel gemacht. Ohne Kapos. SÜD mit Kapos. Spielt das wirklich eine Rolle? Für die einen war das Wolfsburg-Spiel ein großes Fußballfest, für die anderen eher weniger. Ja und? Leben und leben lassen. Der Kölner sagt: „Man muss auch jönne könne!“

Aus eins mach drei mach vier!

Was fehlt ist der Schulterschluss von Fans und Ultras gegen die Hooligans und Chaoten, die uns die Suppe eingebrockt haben. Am Samstag war es gewalt- und pyrofrei. Keine Verletzten, keine menschlichen Dramen. Sondern Gänsehaut und Tränen bei KUBAs Verabschiedung. Heiserkeit nach dem Spiel. Ein Spieltag, an dem Familien wie Ultras auf ihre Kosten kamen. Ist das nicht die Chance für die Zukunft? Warum müssen alle anderen singen, was die SÜD anstimmt? Die SÜD könnte auch mal das übernehmen, was von OST oder WEST intoniert wird. Dass diese es können, haben sie bewiesen.

Darf es nur eine gelbe Wand geben? Gegen die VW-Arbeiter waren es gefühlt drei. Wäre es nicht ein schwarzgelber Traum, wenn alle ihre Animositäten, Vorurteile und kleinen Befindlichkeiten fallen ließen und im Tempel gäbe es vier gelbe Wände? Wäre es nicht für alle von Vorteil, wenn es nicht mehr um Macht und Einfluss, sondern um das wirklich wesentliche, nämlich unseren BVB ginge?




Letztendlich kann doch jeder sein Fandasein sehr frei ausleben. Die Grenzen, die gezogen sind, beruhen auf Gesetzen und der Stadionordnung. Man muss sich nur dran halten. Toleranz und das Verstehen lernen des anderen beruht aber auf Lernfähigkeit und Respekt. Da nützt es nicht viel, wenn sich die einen als „anständig“ und die anderen als „besser“ begreifen. Im Westfalenstadion wurden schon Fußballfeste gefeiert, da gab es die Ultras noch gar nicht. Auf der anderen Seite verdanken wir alle den Ultras verhältnismäßig preiswerte Eintrittskarten und unvergessliche Choreos. Jeder hat seine Verdienste – jeder auf seine Art. Wenn wir wieder lernen, das zu akzeptieren, gibt es auch wieder die geschlossene BVB-Familie, die den Titel „beste Fans der Welt“ auch wahrlich verdient hat.

Mein mieses Bauchgefühl jedenfalls ist wieder weg – Dank an alle Stadionbesucher und Fans des BVB. Es kann was entstehen, wenn wir wollen. Oder frei nach Otto Waalkes: „VIER alle sind Dortmund!“


Ernst Andersch - 21.20.2017










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