Wenn es weh tut, Borusse zu sein

Ich bin jetzt seit mehr als 40 Jahren Borusse. Ich kann mich nicht erinnern, an einem Sieg weniger Freude gehabt zu haben als an diesem – und das, wo er so sehr ersehnt war … Das Verhalten (zu) vieler Borussen vor, während und nach der Begegnung gegen Leipzig war schlicht grässlich. Ohne wenn und aber!

Und dabei kommt es auch nicht darauf an, ob die schwarzgelben Aggressoren Frauen und Kinder oder aber erkennbare Hardcore-Fans angegriffen haben, weil: Weder Faustschläge, noch Tritte, noch Würfe von Bier- oder Brausedosen sind ein zulässiges Mittel der Auseinandersetzung mit den gegnerischen Fans, egal welchen Alters, egal welchen Geschlechts. Genauso wenig wie das gezielte Abschießen von Leuchtraketen auf gegnerische Fans, z.B. aus Gelsenkirchen.

Echte Liebe sieht anders aus ...

Auch wenn wir nicht wussten, dass solch ein aggressives Potential in manchen Teilen der deutschen Fanszene schlummert … geahnt haben wir es zumindest. Der oben erwähnte Angriff aus der Dortmunder Fanszene in Gelsenkirchen, der Platzsturm der Herthaner in ihrer vorletzten Abstiegssaison, der Platzsturm der Düsseldorfer beim Relegationsspiel gegen Hertha – und ich könnte diverse weitere Beispiele aus der Frankfurter, Dresdner, Rostocker oder anderen Fanszenen hinzufügen. Beispiele, die nicht hinnehmbares Verhalten von Fans zeigen – und jedes Verhalten von Fans, dass die körperliche Unversehrtheit von Fans gefährdet, die nur ein Fußballspiel sehen wollen, ist eben nicht hinnehmbar.



Ja, jedes Verhalten, dass einen anderen Fußballverein nur ängstigt, auch ohne ihn zu verletzen, ist nicht hinnehmbar. Und ist am allerwenigsten hinnehmbar bei einem Verein, der sich „Echte Liebe“ als Motto erwählt hat – denn Echte Liebe kennt keinen Hass und Echte Liebe basiert zumindest auf einem Mindestmaß an Respekt.

Wer gehört zur Fanfamilie?

Die Angreifer in schwarz und gelb vom letzten Samstag und die anderen Gewalttäter in und um die Stadien, sind nicht am Vortag von außerirdischen Planeten gekommen und dann in Dortmund, Hamburg, Rostock, Halle, oder München gelandet. Sie waren schon vorher mitten unter uns. Wir kennen viele von ihnen, auch wenn wir nicht wissen, dass sie am letzten Samstag dabei waren. Und es hilft nicht mit einem Fingerzeig zu sagen, die Täter vom Samstag gehören nicht zur BVB-Fanfamilie. Acht Wochen früher haben wir mit ihnen noch den Gruppensieg in der Champions League gefeiert.

Vielleicht hilft: Im Fanumfeld über diese Vorfälle zu sprechen – hinhören, wenn dumpfe Hassparolen ausgesprochen werden und laut und deutlich widersprechen. Nein! Fußball muss nicht "Ringelpiez mit Anfassen" werden – aber ebensowenig wie es "Männerfußball"‘ und "gesunde Härte" gibt, gibt es ein Hardcore-Fantum, dessen Erfüllung in Gewaltexzessen gipfelt. Und die Aufgabe von uns Fans ist es, den anderen neben uns das deutlich zu machen. Wir müssen die anderen von unserem Standpunkt überzeugen – den ‚Aufstand der Anständigen‘ müssen wir jenen Funktionären überlassen, die unanständig genug sind, einen solchen Begriff überhaupt zu verwenden.

Es geht darum, sich anständig zu verhalten als Fan (falls jemand definieren kann, was das ist) – aber es geht nicht darum, Gruppen zu bilden von anständigen Fans und unanständigen Fans - auch wenn uns die natürlich hochanständige Spitze des deutschen Fußballs so etwas einzureden versucht.

Ihr Täter von Samstag

Ich weiß nicht, ob Ihr zu den rechtlos auftretenden Gesellen der "riots" gehört. Ich weiß ebenso wenig, ob Ihr überhaupt zu den Dortmunder Ultras gehört. Oder ob Ihr einfach nur ins Stadion geht, um die Schwarz-Gelben anzufeuern und siegen zu sehen. Es ist mir (zunächst) auch völlig egal: Ihr habt mit Eurem „Einsatz“ am Samstag erfolgreich abgelenkt vom wahren Gegensatz zwischen Red Bull und dem Rest der Liga (Hoffenheim, Wolfsburg und Leverkusen eingeschlossen). Mit Erfolg reduzieren schlichte Vereinfacher, übelwollende Verharmloser und interessengeleitete Strategen die Kritik an RB Leipzig auf den (falschen) Aspekt, den der Kommerzialisierung.

"Der Spiegel", die betagte Autorität in jeder journalistischen Disziplin zwischen Steuerrechtsharmonisierungspolitik und rhythmischer Sportgymnastik, artikelt so dümmlich, wie es nur ihnen dort möglich ist: „Nun kann man über das RB-Geschäftsmodell trefflich streiten. Genauso darf man auch darüber diskutieren, ob sich Fans einer Fußball-AG über die Kommerzialisierung des Sports beklagen sollten.“

>> http://www.spiegel.de/sport/fussball/bundesliga-borussia-dortmund-schlaegt-rb-leipzig-a-1133201.html (letzter Absatz)

Und RBs Statthalter Mintzlaff nutzt den Windschatten: „Viel mehr Kommerz als hier kann ich gar nicht finden, und das ist für mich fast Benchmark, was ich hier beim BVB sehe. Puma engagiert sich zum Beispiel auch nicht, weil sie einfach nur ‚echte Liebe‘ spüren wollen, sondern weil sie mit ihren Anteilen an der AG auch mal Gewinn machen wollen. Hier läuft das, was das Finanzielle angeht, nicht anders ab als bei anderen Bundesligisten."

>> https://rblive.de/2017/02/06/oliver-mintzlaff-puma-bvb-rainer-rauball-watzke-borussia-dortmund-kommerz-rb-leipzig-bvbrbl/



Wenn nicht jeder, so doch die meisten aus der aktiven Fanszene wissen, dass es in der Auseinandersetzung mit RB Leipzig ganz sicher nicht um den Aspekt einer zunehmenden Kommerzialisierung geht. Wir alle wissen, dass attraktiver Bundesligafußball insbesondere, wenn er mit internationalen Optionen verbunden ist, mit steigender Kommerzialisierung, was Ticketing, Fanartikel, Marketingreisen, Werbung etc. etc. angeht, kongruent einher geht. Und das völlig unabhängig davon, ob man als Verein firmiert, oder ob der Verein Kommanditist einer KGaA ist - unabhängig davon, welches Bier ausgeschenkt wird … aber Brause?

Die Kritik am "Goldenen Kalb" Leipzig bezieht sich nicht auf die Mechanismen der Kommerzialisierung des Fußballs durch diesen Club – sie bezieht sich darauf, dass die Regeln des Fußballs, wie man sie bisher kannte, außer Kraft gesetzt werden. Eine gekaufte Lizenz – ein Verein, der als Basis das geschäftliche  und freundschaftliche Umfeld seines Eigners – so muss man das wohl nennen – hat.

Ein Verein, der sich einen Förderverein als Claqueure hält, aber bei dem niemand, der das gerne möchte, stinknormales Mitglied werden kann. Du, ich, jeder, den wir kennen, kann in Wolfsburg, Dortmund oder Leverkusen Mitglied werden. Und wir können dann versuchen, die Mitgliederversammlung beim VfL dazu zu bewegen, Dacias als Dienstwagen einzuführen, beim BVB beschließen zu lassen, blauweiß als neue Vereinsfarbe einzuführen und bei Bayer Naturheilmittel in der Spielerbehandlung einzuführen. Wenn wir überzeugend genug sind, gelingt das möglicherweise.



In Leipzig können wir nicht einmal Mitglied werden, erfahren nichts über die Geschäftszahlen, niemand muss sich wirklich vor den Mitgliedern rechtfertigen. Das Prinzip der Demokratie in Vereinen und Verbänden? Ausgekauft!

Für Mateschitz sind die Mitwirkenden in seinen "Sportengagements" Mensch-ärgere-Dich-Figuren – er verschiebt sie nach belieben, wie man besonders in Österreich und zwischen Österreich und Deutschland  sieht. (Ich mag Dietrich Mateschitz nichts Böses wünschen … außer vielleicht dieses: Leipzig und Salzburg qualifizieren sich beide für die CL – überstehen die Gruppenphase – in der Winterpause werden mal wieder ein paar Spieler verschoben – und dann verklagen etliche amerikanische Wettbüros und -plattformen ihn in den USA auf diese absurden Schadensersatzsummen, die dort üblich sind – das wäre witzig!)

Das alles, liebe Krawallbrüder, diskutiert im Moment niemand mehr – und dafür danke ich Euch – ganz besonders im Namen von Dietrich Mateschitz, Oliver Mintzlaff und auch Ralf Rangnick.

Was darf Kritik an Red Bull nach Samstag?

Zuerst: Dümmliche Sprüche über Ralf Rangnick in Verbindung mit seiner mentalen, körperlichen oder geistigen Gesundheit zu machen ist nicht nach Samstag verboten. Das war schon vorher verboten! (Und bevor jemand auf die Idee kommt: Das gilt auch für Matthias Sammer). Die Namen Robert Enke und Sascha Lewandowski sollten uns demütig machen und unser Augenmerk darauf lenken, dass Schwäche eine menschliche Ureigenschaft ist. Schwäche einzugestehen, allerdings eine Riesenstärke ist. In dieser Hinsicht ist Ralf Rangnick ein Riese und manche Bannermaler vom Samstag Zwerge. Ebenso wie Rangnick – es braucht wahrlich nicht Thomas Tuchel dafür, um darauf aufmerksam zu machen – ein exzellenter Fachmann des modernen Fußballs ist.

Aber natürlich darf man darüber Witze machen, dass RR den Konflikt mit der etablierten Bundesligaszene nutzt, um Mateschitz‘ next Topmodel aus Sachsen als jung und sexy zu bezeichnen. Man darf auch darüber räsonieren, wie peinlich sich Rangnick und Hasenhüttl in der causa Werner gebärdeten – die Art und Weise, wie RR das Medienspiel Schwalbe-oder-keine-Schwalbe spielt … da kann sich Sean Spicer schon was abgucken, was alternative Fakten angeht und man am Ende immer den Medien die Schuld gibt ...



Ebenso darf man auch gerne kübelweise Häme über Hasenhüttl ausgießen, wenn er behauptet: "Ich verschenke keinen einzigen Gedanken daran, dass es uns nur deshalb gibt, um eine Dose zu performen. Das wäre schade", sagte der RB-Trainer am Mittwoch: "Ich sehe stattdessen die Euphorie und die Freude, die wir in der Stadt verbreiten. Das ist für mich der allerwichtigste Antrieb. Man sollte uns schon die Chance geben, die Menschen auf unsere Art und Weise glücklich zu machen."

>> http://www.n-tv.de/sport/der_sport_tag/Watzke-aetzt-gegen-RB-Leipzig-article19105041.html

Ja, Ihr habt ehrgeizige und talentierte Spieler. Ja, Ihr habt 'ne Menge Ahnung von Fußball. Ja, es ist Euch mit Spitzenmarketing gelungen, nicht nur die Region Leipzig, sondern ganz Ostdeutschland besoffen zu machen und in kürzester Zeit in Ostdeutschland zur dritten Kraft nach dem BVB und Bayern München aufzusteigen. Aber eins ist doch ein auf der Hand liegender Fakt: Dass es Mateschitz mit RBL um Marketing geht und um nichts anderes – Mateschitz ist eben nicht der Fußballromantiker Dietmar Hopp, der seinen Heimatverein in die Bundesliga hieven will: Klar, es gibt Euch nur, um eine Dose zu performen und jeder weiß das!!

Man darf sich auch über Rangnick amüsieren, der sich mal transferpolitisch verplappert (Zitat): „Zudem verriet Rangnick, dass Bernardo, zuvor von Red Bull Brasil nach Salzburg befördert, von vornherein als Perspektivspieler für Leipzig nach Europa geholt worden war: "Bei ihm wissen wir einfach genau, was wir bekommen. Er ist schon in unserem Sinne in den letzten acht Monaten so ausgebildet worden.“  und somit Anhaltspunkte dafür lieferte, dass RBL gegen financial fairplay verstößt.

>> http://www.11freunde.de/artikel/rb-verstoesst-gegen-das-financial-fair-play (Seite 3)

Ist Aki Watzke ein geistiger Brandstifter?

Also fassen wir zusammen: Ironie, Häme, Witze, auch flache, auch mal derbe – das alles ist weiterhin erlaubt. Anspielungen auf die Gesundheit, Hineinziehen von unbeteiligten Angehörigen, Anspielungen auf erledigte Strafen … solche Sachen sind nicht erlaubt – und waren es nicht.

Damit erledigt sich auch die Frage, ob Aki Watzke ein geistiger Brandstifter ist und (Mit-)Verantwortung trägt für die Gewalttaten vom Samstag. Ist er nicht, trägt er nicht. Es ist sein Job, Dinge zu benennen, und Dinge zuzuspitzen – und kein einziges Zitat von ihm ist auch nur im Entferntesten geeignet zu belegen, dass er eine gewalttätige Stimmung angefacht hätte. Auch wenn ein abgetakelter "Sportsoziologe" aus dem Fußballmekka Hannover es vermag, festzustellen, dass Watzkes Äußerungen kein Auslöser der Taten gewesen sei, aber er sich gleichwohl zurückzunehmen habe.



Richtig sei aber, so besagter Herr Pilz weiter, "dass natürlich diese Äußerungen überhaupt nicht dazu angetan sind, bei denen, die diese Hasskultur pflegen, auch nur ein Stück weit zurückzudenken oder zu besänftigen. Sondern eher natürlich noch einen Schuss Öl ins Feuer werfen." Insofern müsse man Herrn Watzke "schon einen Vorwurf machen, dass er da eigentlich durchaus etwas gemacht hat, was bei dem Ganzen nicht zur Befriedung beigetragen hat."

>> http://www.zeit.de/news/2017-02/06/fussball-sportsoziologe-pilz-nimmt-bvb-boss-watzke-in-die-pflicht-06172803)

Aaaaha! Und ich bin sicher: Wenn man die ersten Täter vom Samstag hat und nach der Bedeutung von Watzke für ihr Verhalten fragt, dann winken die verächtlich ab. Aber dieser Soziologe verkauft sein Hin und Her halt als Standpunkt.

Als Gipfel der Leipziger Sottisen hat sich der dortige Theaterintendant gegen Watzke in Stellung gebracht wie Tell gegen Gessler, Tilly gegen Wallenstein und Mephisto gegen Gretchen: Jürgen Zielinski: „Was da rund um das Fußballspiel BVB gegen RB Leipzig von sog. "Fans" veranstaltet wurde ist nicht nur zutiefst verabscheuungswürdig sondern schlicht kriminell! Es wirft auch Fragen in Richtung Geschäftsführer Watzke auf, den ich als tatbefördernden Brandstifter bezeichnen möchte und somit zum Rücktritt auffordere! Das die Polizei jedoch gewaltverherrlichende und hasspredigende Plakate etc. im Stadtbild nicht entfernen ließ, ist ebenso eskalationsbefördernd! Schämt Euch! Konsequenzen müssen her!“

Tja, Herr Zielinski, konnten Sie nicht lesen oder wollten Sie nicht? Dann hier nochmal:

>> https://www.wr.de/sport/fussball/bvb/bvb-fans-haengen-in-der-nacht-anti-rb-leipzig-plakate-auf-id209500025.html

>> https://www.facebook.com/jurgen.zielinski.7/posts/1598774856805969)

Aber die Presse lebt nun mal davon, Sachverhalte zu skandalisieren, weil sich das verkaufen lässt – und zur Zeit boomt es eben "schwarzgelbe Sauen" durchs Dorf zu treiben. Und wenn zehn Autoren eine Story verkaufen, für die es keinen Anhaltspunkt gibt (wie für angeblichen Streit zwischen Tuchel, Watzke und Zorc – das Übergehen von Tuchel bei Transfers oder was auch immer) – ja, dann muss wohl doch was dran sein? Und so ist es auch medial attraktiv, mit Aki Watzke einen der ehrlichsten Arbeiter im Fußballgeschäft zu beschädigen, um Stories zu verkaufen. Totally disaster. Sad! So funktioniert also der Leipziger Trumpismus auch im Fußball.

Unser ganzes Leben, unser ganzer Stolz?

Nein, man kann wahrlich nicht stolz sein, auf das, was Borussen am Samstag in Dortmund verbrochen haben (und es waren Borussen … nicht etwa Krawallbrüder im Namen der Borussia). Ziehe ich jetzt meinen beiden Hunden ihre schwarzgelben BVB-Halstücher aus, wegen derer ich im Hundeauslauf von jedem Vierten oder Fünften angesprochen werde? Streiche ich den 4. Februar 2017 aus meinem Gedächtnis?

Ein Borusse vergisst nicht die Jahre der Regionalliga und der 2. Liga – und er vergisst nicht das peinliche 12:0 der Gladbacher 1978 gegen uns. Wir werden auch den 4. Februar nicht vergessen – versuchen Lehren daraus zu ziehen und Verhältnisse im Fanleben zu verändern, uns zu verändern und unsere Fangeschwister. So wie wir auch große und kleine Siege nicht vergessen. Wir werden uns auch Kritik nicht verbieten lassen. Wir schließen niemanden aus, der Borusse sein will – aber wer sich nicht benimmt wie ein Borusse – solidarisch und mit Herz und Respekt – der schließt sich selber aus. So ist das in der schwarzgelben Welt: Echte Liebe eben!

Opens window for sending emailIngo Berchter, Fotos: Archiv - 07.02.2017







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