Ein Vorbild geht – ein Borusse bleibt

Die Nachricht, dass Neven Subotic zum 1. FC Köln wechselt, kam wohl für die wenigsten Fans von Borussia Dortmund überraschend. Schon seit dem Sommer hatte sich ein Abgang des Abwehrspielers angekündigt. Scheiterte ein Transfer in die englische Premier League im Sommer noch an einer hartnäckigen Verletzung und dem daraus resultierenden negativen Medizintest, hat es ein halbes Jahr später nun geklappt. Subotic schliesst sich zunächst auf Leihbasis dem 1. FC Köln an. Mit ihm verliert Borussia Dortmund einen der vielleicht herausragendsten Menschen, der jemals für unseren Verein gespielt hat.


Im Mai 2013 steht Borussia Dortmund in einem der wichtigsten Spiele seiner langen, turbulenten und ziemlich famosen Vereinsgeschichte. Um nicht weniger als den Titel der Champions-League geht es an jenem Abend im Wembley Stadium von London. Es steht 1:1 zwischen der jungen, international unerfahrenen Borussia und dem Vorjahresfinalisten aus München. In der 71. Minute hat Thomas Müller Weidenfeller schon umkurvt und den Ball Richtung Tor geschoben, als Dortmunds Nummer 4, Neven Subotic, den Ball mit vollem Tempo von der Linie und vor Robben rettet. Eine Grätsche, wie sie Borussen auf der britischen Insel am Besten können. Eine Grätsche wie Jürgen Kohler einst in Manchester, mit der er für alle Zeit zum Fußball-Gott wurde.



Subotic blieb dieser Status verwehrt, nur wenige erinnern sich heute noch an eine der sensationellsten Rettungstaten in der Geschichte der Champions-League. Vielleicht, weil es keine tausende mit epischer Musik unterlegte Youtube Videos dazu gibt. Vielleicht aber auch, weil Rettungstaten, Kopfballtore und Auseinandersetzungen mit Arjen Robben nicht unbedingt zu den Dingen gehören, an die man sich in Dortmund noch ewig erinnern wird, wenn man in Zukunft über Neven Subotic spricht. Und das ist das vielleicht größte Kompliment, das man diesem großartigen Fußballer mit seiner mehr als ordentlichen Titelsammlung und seinen 21 Toren als Verteidiger in Schwarz-Gelb machen kann.

Ein Parkplatz für Neven

Viel mehr werden wir uns jenen Fußballprofi erinnern, der nur wenige Stunden nach dem Gewinn der „ersten“ Meisterschaft unter Klopp tanzend und singend auf der Lindemannstrasse im Kreuzviertel steht. Oberkörperfrei. Auf dem Dach seines Autos. Man wird sich daran erinnern. Nicht nur, weil keine zwei Wochen später BVB-Fans dieser legendären Tanzeinlage auf ihre Weise Tribut zollten und mit Hilfe von etwas Farbe den rechten Fahrstreifen für alle Zeit als reservierten Parkplatz für Neven auswiesen, sondern weil dieser Moment eindrucksvoll zeigte, dass das kein Fußballprofi ist, über den man die Schablone legen kann.



Neven Subotic ist mehr der Typ, der wir alle mal sein wollten, als wir damals aufm Bolzplatz standen. Einer, der sein Hobby mit etwas Glück zum Beruf machen durfte und das in jeder Sekunde auch auskosten konnte. In einer Zeit, in der 11-Jährige schon mit einem eigenen Berater- und Betreuerstab zu Fußballturnieren in die Lüneburger Heide reisen, wurde Subotic als Teenager beim Pöhlen in einem amerikanischen Park entdeckt. Von einem U-17 Coach der amerikanischen Nationalmannschaft. Sein Weg führt ihn irgendwann nach Deutschland zu Mainz 05, von dort geht es mit Jürgen Klopp zusammen – Subotic ist damals 19 Jahre alt - zum BVB.

Sein erstes Bundesligaspiel für den BVB ist das bekannte 2:3 in Leverkusen. Subotic trifft nach einer Hajnal-Ecke zum vorentscheidenden 1:3 für den BVB, wird aber auch schon nach 10 Minuten verwarnt. Wegen einer Grätsche. Etwas, das Subotic so gut kann, wie kaum ein anderer. Etwas, was sie in Dortmund bei aller Liebe zu feinem Fußball noch am Liebsten sehen. Den Ball wegwemsen, wenn es nötig ist. Manchmal auch ohne Rücksicht auf Verluste. So ist von einem Spiel in Hoffenheim das wunderbares Zitat überliefert: „Er muss ja nicht unbedingt dahin laufen, wo ich hingrätsche“, so Neven einst über Gegenspieler Demba Ba.

Normalerweise enden Abschiedsartikel über große Fußballer meist an dieser Stelle. Ein letztes Dankeschön und alles Gute und weiter gehts im bunten Fußball-Zirkus. Spieler kommen und gehen, Borussia bleibt bestehen.

Brunnenbau und soziale Verantwortung

Doch nicht hier. Nicht bei Neven Subotic. Nicht, weil er so ein lustiger Kerl ist und 286 Spiele für Borussia Dortmund jede Menge Holz ist, sondern weil Neven Subotic in den zurückliegenden Jahren eins gemacht hat, für das wir ihn ewig bewundern werden. Er hat die Welt ein bißchen besser gemacht. In Eigeninitiative gründete Subotic seine eigene Stiftung, die Kindern in den ärmsten Regionen der Welt Zugang zu sauberem Trinkwasser, Sanitäranlagen und Hygiene ermöglicht. In Trainingspausen studiert Subotic Fachbücher über Bohrtechniken, in der Sommerpause reist Subotic immer wieder selbstständig nach Afrika, besucht Dörfer und Schulen, bohrt Brunnen, baut Sanitäranlagen und gründet spezielle Wash-Clubs.

Zurück in Dortmund, zurück in Deutschland, nutzt Subotic seine Popularität und macht auf die desolaten Zustände und das unglaubliche Ungleichgewicht aufmerksam. Als ehemaliges Flüchtlingskind schaltet sich Subotic auch in die Diskussion zur Flüchtlingspolitik in Deutschland ein und grätscht in einer ARD-Talkshow CSU-Politiker Söder zweimal inhaltlich wie emotional so stark ab, dass sich die Zeitungen am Tag drauf nur so in Lobeshymnen über einen couragierten Fußballprofi überschlagen. In einer Zeit, die von ekeligem Populismus und viel zu viel Fremdenfeindlichkeit bestimmt wird, rennt ein Fußballprofi von Talkshow zu Talkshow und wird zu einem perfekten Botschafter für alles, für das unser Verein außerhalb des Platzes steht.

Man kann, vielleicht sollte man Subotic sogar - immer wieder aufs Neue als kompletten Gegenentwurf zum modernen, monetär orientierten Profifußballer, feiern. Man kann die Geschichte von Neven immer wieder damit aufwerten, dass andere Fußball-Millionäre lieber auf einer Yacht durchs Mittelmeer schippern, während Neven in einem alten Jeep Hunderte Kilometer über äthiopische Wüstenstrassen zurücklegt. Man kann mit dem Mist auch einfach mal aufhören und nur die Bewunderung über einen jungen Menschen zum Ausdruck bringen, der nicht nur als Vorbild für junge Fußballer dient, sondern für jeden einzelnen von uns.





Lieber Neven, Du wirst uns hier unglaublich fehlen. Als Fußballer, als Mensch und als echter Borusse.


Christoff Strukamp, Fotos: Archiv - 26.01.2017





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